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63_I_127

BGE 63 I 127

Bundesgericht (BGE) ·I · 1937-07-14 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Die Vorschriften der Stadt Zürich über die Ver-

kehrspolizei (vom 14. Sept. 1927) enthalten in Art. 1-5

Anordnungen über das Parkieren und Stationieren der

Fahrzeuge und schreiben in Art. 6 vor :

(Auf denjenigen Strassen und Plätzen, auf die sich

die Anordnungen der Art. 1-5 nicht beziehen, dürfen

Fahrzeuge nach dem billig bemessenen Bedürfuis stehen

gelassen werden. Der Verkehr darf dadurch nicht beein-

trächtigt werden».

Durch Entscheid des Polizeirichteramts der Stadt

Zürich, bestätigt durch Urteil des Bezirksgerichts Zürich

128

Strafrecht.

vom 4. Dez. 1936, ist Ernst Schwegler der Übertretung

dieser Vorschrift schuldig befunden und verwarnt worden.

Die Übertretrtng wird darin erblickt, dass er am 12.

Juni 1936 sein Automobil vor dem Zunfthaus zu Zimmer-

leuten am Limmatquai ~on 20.40 bis 22.25 Uhr, während

welcher Zeit er sich in einer Sitzung im Zunfthaus befand,

stehen gelassen hat.

B. -

Gegen diesen Entscheid hat der Verwarnte Nichtig-

keitsbeschwerde gemäss Art. 268 BStrP eingelegt. Er

macht geltend, dass polizeiliche Verkehrsvorschriften zur

örtlichen Regelung besonderer Strassenverhältnisse, die

von den kantonalen oder örtlichen Behörden gemäss

Art. 3 Abs. 3 MFG erlassen werden, der Signalisierung

an Ort und Stelle bedürften, um verbindlich zu sein.

Diese sei hier nicht erfolgt. Die Verwarnung, die nach

zürcherischem Rechte eine Strafe darstelle, verstosse

daher gegen das Bundesrecht. Er beantragt Freisprechung

unter Verweisung auf den Entscheid des Kassationshofs

i. S. Autobus Lausannois S. A. ca Wallis (BGE 62 I 189).

Das Polizeirichteramt der Stadt Zürich beantragt

Abweisung der Nichtigkeitsbeschwerde mit der Begrün-

dung, dass die Verordnung des Bundesrats über die

Strassensignalisation ein Signal für eine Verkehrsvorschrift

der vorliegenden Art nicht enthalte. Wenn aber ein

eidgenössisches Signal nicht zur Verfügung stehe, so

bleibe es dabei, dass die örtliche Regelung auch ohne

deren Bekanntgabe an Ort und Stelle Geltung habe.

"Der Kassationshof zieht

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Es ist keine Frage und wird auch vom Beschwerde- führer nicht bestritten, dass eine Vorschrift der hier in Frage stehenden Art in der den kantonalen Behörden durch Art. 3 Abs. 3 MFG vorbehaltenen Zuständigkeit zum Erlass polizeilicher Verkehrsvorschriften zwecks örtlicher Regelung besonderer Strassenverhältnisse liegt. Fraglich kann nur sein, ob das Bundesrecht ihre Kennt- lichmachung an Ort und Stelle als Gültigkeitserfordernis Motcrfahrzeug. und Fa.hrradverkehr. No 28. 129 'verlangt. Ist dies der Fall, dann verstösst vorliegend die Ahndung ihrer übertretung nach der Rechtsprechung des Kassationshofs gegen Bundesrecht (vgl. BGE 62 I 189).

E. 2 Die Auffassung der Vorinstanz und des Polizei-

richteramts, dass das bundesrechtliche Gebot der Kennt-

lichmachung einer Verkehrsvorschrift nur dann anwendbar

sei, wenn ein eidgenössisches Signal hierfür zur Verfügung

stehe, ist in dieser Allgemeinheit nicht richtig. Das Bun-

desrecht geht offenbar davon aus, dass die eidgenössischen

Signale auch für die den Kantonen vorbehaltenen polizei-

lichen Beschränkungen genügen. Im besonderen für die

zeitliche Beschränkung der Staticnierung ist nach den

am 20. Oktober 1932 in Ausführung des Art. 19 der Ver-

ordnung über die Strassensignalisation vom eidgenössi-

schen Justiz- und Polizeidepartement erlassenen Weisungen

das Parkplatzsignal (Nr. 21) mit einer unter dem Signal

anzubringenden rechteckigen weissen Tafel zu verwenden,

auf der die zulässige Stationierungsdauer angegeben ist.

Diese Zeit dauer braucht nicht notwendig eine nach Minuten

bemessene zu sein, sie kann auch eine ungefähre sein, die

aus der Verweisung auf die Umstände zu schliessen ist.

Dahin gehört auch die Bemessung nach billig scheinendem

Bedürfnis.

Eine allgemeine Vorschrift solcher Art ist

in den Ortschaften unmöglich zu entbehren, wenn nicht

die Strasse dem Rücksichtslosen zur dauernden Parkie-

rung anstelle einer Garage freigegeben sein soll. Ebenso

einleuchtend ist aber, dass eine solche allgemeine Vor-

schrift aus praktischen Gründen nicht überall an Ort und

Stelle bekanntgemacht werden kann. Es muss für sie

eine Ausnahme von dem im zitierten Urteil (BGE 62 I

189) ausgesprochenen Grundsatze gelten. Sie muss auf

gleiche Linie gestellt werden mit den dort (S. 191 lit. a)

erwähnten, im Bundesrecht enthaltenen allgemeinen Re-

geln, Geboten und Verboten. Wie mit diesen, hat der

Fahrzeugführer in Ortschaften mit einer allgemeinen

Vorschrift über die zulässige Dauer des Stationierens

AS 63 I -

1937

9

130

Strafrecht.

zu rechnen, und der Ortsfremde hat sich danach zu erkun-

digen.

Eine solche allgemeine Vorschrift wird übrigens

in absehbarer: Zeit dem Bundesrecht angehören: der

Entwurf des Bundesrates vom 4. März 1937 über den

Lokalverkehr sieht nämlich in Art. 10 Abs. 2 vor, dass

in verkehrsreichen

Strassen Fahrzeuge nur solange

stationiert werden dürfen, als triftige Gründe hiefür

vorliegen.

Demnach erkennt der Kassationshof:

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

IH. TRAGEN VON PARTEIUNIFORMEN

PORT D'UNIFnRMES DE PARTI

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

28. Urteil dei Xassa.tioDshofs vom 14. Juli 1937

i. S. Bchwegler gegen PoliHirichteramt Zürich.

Eine örtliche Polizeivorschrift, wonach auf nicht besonders bezeich-

neten Strassen und Plätzen das Stationieren von Fahrzeugen

nur «nach dem billig bemessenen Bedürfnis» erlaubt ist,

ist gültig auch ohne Kenntlichmachung an Ort und Stelle

(Art. 3 Abs. 3 MFG).

A. -

Die Vorschriften der Stadt Zürich über die Ver-

kehrspolizei (vom 14. Sept. 1927) enthalten in Art. 1-5

Anordnungen über das Parkieren und Stationieren der

Fahrzeuge und schreiben in Art. 6 vor :

(Auf denjenigen Strassen und Plätzen, auf die sich

die Anordnungen der Art. 1-5 nicht beziehen, dürfen

Fahrzeuge nach dem billig bemessenen Bedürfuis stehen

gelassen werden. Der Verkehr darf dadurch nicht beein-

trächtigt werden».

Durch Entscheid des Polizeirichteramts der Stadt

Zürich, bestätigt durch Urteil des Bezirksgerichts Zürich

128

Strafrecht.

vom 4. Dez. 1936, ist Ernst Schwegler der Übertretung

dieser Vorschrift schuldig befunden und verwarnt worden.

Die Übertretrtng wird darin erblickt, dass er am 12.

Juni 1936 sein Automobil vor dem Zunfthaus zu Zimmer-

leuten am Limmatquai ~on 20.40 bis 22.25 Uhr, während

welcher Zeit er sich in einer Sitzung im Zunfthaus befand,

stehen gelassen hat.

B. -

Gegen diesen Entscheid hat der Verwarnte Nichtig-

keitsbeschwerde gemäss Art. 268 BStrP eingelegt. Er

macht geltend, dass polizeiliche Verkehrsvorschriften zur

örtlichen Regelung besonderer Strassenverhältnisse, die

von den kantonalen oder örtlichen Behörden gemäss

Art. 3 Abs. 3 MFG erlassen werden, der Signalisierung

an Ort und Stelle bedürften, um verbindlich zu sein.

Diese sei hier nicht erfolgt. Die Verwarnung, die nach

zürcherischem Rechte eine Strafe darstelle, verstosse

daher gegen das Bundesrecht. Er beantragt Freisprechung

unter Verweisung auf den Entscheid des Kassationshofs

i. S. Autobus Lausannois S. A. ca Wallis (BGE 62 I 189).

Das Polizeirichteramt der Stadt Zürich beantragt

Abweisung der Nichtigkeitsbeschwerde mit der Begrün-

dung, dass die Verordnung des Bundesrats über die

Strassensignalisation ein Signal für eine Verkehrsvorschrift

der vorliegenden Art nicht enthalte. Wenn aber ein

eidgenössisches Signal nicht zur Verfügung stehe, so

bleibe es dabei, dass die örtliche Regelung auch ohne

deren Bekanntgabe an Ort und Stelle Geltung habe.

"Der Kassationshof zieht in Erwägung:

1. -

Es ist keine Frage und wird auch vom Beschwerde-

führer nicht bestritten, dass eine Vorschrift der hier in

Frage stehenden Art in der den kantonalen Behörden

durch Art. 3 Abs. 3 MFG vorbehaltenen Zuständigkeit

zum Erlass polizeilicher Verkehrsvorschriften zwecks

örtlicher Regelung besonderer Strassenverhältnisse liegt.

Fraglich kann nur sein, ob das Bundesrecht ihre Kennt-

lichmachung an Ort und Stelle als Gültigkeitserfordernis

Motcrfahrzeug. und Fa.hrradverkehr. No 28.

129

'verlangt. Ist dies der Fall, dann verstösst vorliegend

die Ahndung ihrer übertretung nach der Rechtsprechung

des Kassationshofs gegen Bundesrecht (vgl. BGE 62 I

189).

2. -

Die Auffassung der Vorinstanz und des Polizei-

richteramts, dass das bundesrechtliche Gebot der Kennt-

lichmachung einer Verkehrsvorschrift nur dann anwendbar

sei, wenn ein eidgenössisches Signal hierfür zur Verfügung

stehe, ist in dieser Allgemeinheit nicht richtig. Das Bun-

desrecht geht offenbar davon aus, dass die eidgenössischen

Signale auch für die den Kantonen vorbehaltenen polizei-

lichen Beschränkungen genügen. Im besonderen für die

zeitliche Beschränkung der Staticnierung ist nach den

am 20. Oktober 1932 in Ausführung des Art. 19 der Ver-

ordnung über die Strassensignalisation vom eidgenössi-

schen Justiz- und Polizeidepartement erlassenen Weisungen

das Parkplatzsignal (Nr. 21) mit einer unter dem Signal

anzubringenden rechteckigen weissen Tafel zu verwenden,

auf der die zulässige Stationierungsdauer angegeben ist.

Diese Zeit dauer braucht nicht notwendig eine nach Minuten

bemessene zu sein, sie kann auch eine ungefähre sein, die

aus der Verweisung auf die Umstände zu schliessen ist.

Dahin gehört auch die Bemessung nach billig scheinendem

Bedürfnis.

Eine allgemeine Vorschrift solcher Art ist

in den Ortschaften unmöglich zu entbehren, wenn nicht

die Strasse dem Rücksichtslosen zur dauernden Parkie-

rung anstelle einer Garage freigegeben sein soll. Ebenso

einleuchtend ist aber, dass eine solche allgemeine Vor-

schrift aus praktischen Gründen nicht überall an Ort und

Stelle bekanntgemacht werden kann. Es muss für sie

eine Ausnahme von dem im zitierten Urteil (BGE 62 I

189) ausgesprochenen Grundsatze gelten. Sie muss auf

gleiche Linie gestellt werden mit den dort (S. 191 lit. a)

erwähnten, im Bundesrecht enthaltenen allgemeinen Re-

geln, Geboten und Verboten. Wie mit diesen, hat der

Fahrzeugführer in Ortschaften mit einer allgemeinen

Vorschrift über die zulässige Dauer des Stationierens

AS 63 I -

1937

9

130

Strafrecht.

zu rechnen, und der Ortsfremde hat sich danach zu erkun-

digen.

Eine solche allgemeine Vorschrift wird übrigens

in absehbarer: Zeit dem Bundesrecht angehören: der

Entwurf des Bundesrates vom 4. März 1937 über den

Lokalverkehr sieht nämlich in Art. 10 Abs. 2 vor, dass

in verkehrsreichen

Strassen Fahrzeuge nur solange

stationiert werden dürfen, als triftige Gründe hiefür

vorliegen.

Demnach erkennt der Kassationshof:

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

IH. TRAGEN VON PARTEIUNIFORMEN

PORT D'UNIFnRMES DE PARTI