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61_III_36

BGE 61 III 36

Bundesgericht (BGE) ·III · 1935-01-01 · Deutsch CH
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Sachverhalt

D. Winkler verlangte als Bürge des Eugen Hager- Polli bei der Schweizerischen Volksbank von jenem Sicher- steIlung für 13,744 Fr., nahm einen Arrest auf liegen- schaftsanteile heraus, für die jedoch gemäss Art. 277 SchKG durch Solidarbürgschaft der Schweizerischen Kreditanstalt Sicherheit geleistet wurde, und führte die Betreibung auf Sicherheitsleistung durch. Als die Schweizerische Kredit- anstalt hierauf 15,226 Fr. 90 Cts. an das Betreibungsamt bezahlte, zahlte dieses einen Teilbetrag von 3475 Fr. 90 Cts. an Winkler aus. Eine darauf vom Mitbürgen Ernst Hager als Zessionar der Schweizerischen Kreditanstalt gegen Winkler erhobene Klage auf Rückzahlung dieser (auf 3085 Fr. 70 Ots. reduzierten) Summe wurde durch Beru- fungsurteil des Bundesgerichtes vom 3. Juli 1934 abgewie- sen, und zwar weil « der Schweizerischen Kreditanstalt bezw. dem Kläger als deren Zessionar ein direkter Anspruch gegen den Beklagten nicht zusteht », obwohl « der Beklagte aus seiner gegenüber der Volksbank für den Hauptschuld- ner Hager-Polli eingegangenen Bürgschaft bis heute noch nichts bezahlt hat und ihm infolgedessen gegen den Hauptschuldner auch noch keine Regressforderung zu- steht, für die er die durch die Kreditanstalt bestellte Si- cherheit in Anspruch nehmen könnte». « Sache des Be- treibungsamtes ist es, den Betrag vom Beklagten wieder beizubringen. Dem Betreibungsamt hat die Kreditanstalt die Bürgschaft geleistet und in Erfüllung der Bürgschafts- verpflichtung das Geld ausbezahlt. An dieses muss sie bezw. muss ihr Zessionar sich deshalb halten, wenn das Geld nicht richtig verwendet worden ist». Gestützt auf dieses Urteil schrieb das Betreibungsamt an Winkler: « Wir fordern Sie auf, uns den erwähnten Betrag wieder zuzustellen ... Beschwerdefrist 10 Tage ... » Hierauf führte Winkler Beschwerde mit dem Antrag.

38 Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. No 11. er sei nicht verpflichtet, an das Betreibungsamt 374:5 Fr. 30 Cts. zurückzuerstatten. Die untere :Aufsichtsbehörde ist auf die Beschwerde nicht eingetreten. Diesen Entscheid hat Ernst Hager an die obere Auf- sichtsbehörde und nach Abweisung an das Bundesgericht weitergezogen mit dem Antrag auf Aufhebung des Ent- scheides der unteren Aufsichtsbehörde und Abweisung der Beschwerde, eventuell Rückweisung zur materiellen Beur- t-eilung der Beschwerde. Die Schuldbetreibungs- und KonkuTskammer zieht

Erwägungen (2 Absätze)

E. 39 wegnehmen, weil das SchKG keinen derartigen Rechtsbe-

helf vorsieht. Vielmehr ist das Betreibungsamt auf den

gewöhnlichen Rechtsbehelf zur Rückgängigmachung von

ohne Rechtsgrund geleisteten Zahlungen angewiesen, also

auf die gerichtliche Klage aus ungerechtfertigter Berei-

cherung (sofern seiner Zahlungsaufforderung nicht gut-

willig Folge geleistet oder gegen seinen Zahlungsbefehl

Rechtsvorschlag erhoben wird). Dabei hilft dem Betrei-

hungsamt seine eigene Zahlungsaufforderung in keiner

Weise, auch wenn der Belangte sie ohne Widerspruch

hat an sich herankommen lassen; zumal dient sie ihm nicht

etwa als Rechtsöffnungstitel, eben weil es an jeglicher

ihm durch das SchKG verliehenen bezüglichen amtlichen

Befugnis fehlt. Aus dem gleichen Grunde können auch

nicht etwa die Aufsichtsbehörden dem Betreibungsamt

mit einem den unberechtigten Zahlungsempfänger zur

Rückzahlung verurteilenden Entscheid helfen, weshalb

die Ansetzung einer Beschwerdefrist ganz unbehelflich

war. Vielmehr kann ein das Betreibungsamt zu nochma-

liger Zahlung (an den Berechtigten) verurteilender Ent-

scheid der Aufsichtsbehörden nur im Bereicherungsprozess

zum Nachweis dafür dienen, dass die erste Zahlung ohne

Rechtsgrund geleistet worden ist. Und im vorliegenden

Falle wird das Betreibungsamt von dem vorgezeichneten

Vorgehen insbesondere nicht etwa durch das Berufungs-

urteil des Bundesgerichtes entbunden, an dem das Betrei-

bungsamt ja nicht als Partei beteiligt ist und das auch gar

nicht zur Verurteilung des Winkler geführt hat. Somit

ist die Zahlungsaufforderung an Winkler zwar eine Willens

äusserung des Betreibungsamtes, jedoch mit keiner weiter-

gehenden Rechtswirkung ausgestattet als derartige Auf-

forderungen von Privatleuten, und daher nicht eine Ver-

fügung im Sinne des Art. 17 SchKG. Bezüglich solcher

nicht der Amtsgewalt entspringenden Willensäusserungen

des Betreibungsamtes besteht auch kein Bedürfnis dafür,

dass sie auf ihre Angemessenheit und Rechtsmässigkeit

von den AufBichtsbehörden nachgeprüft werden; irgend-

E. 40 Schuldbctreibunga. und KOllkursrecht. No 12. welche Rechtsverbindlichkeit käme ja auch einem beides bejahenden Entscheid ohnehin nicht zu. Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. Konku1'skammer : Der Rekurs wird abgewiesen.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

11. Entscheid. vom 6. Kirs 1935 i. S. Hager. Keine durch Beschwerde anfechtbare Ver- füg u n g ist, trotz ausdrücklicher Ansetzung der Beschwerde- frist, die Aufforderung des Betreibungsamtes zm:: Rückzahlung des einem betreibenden Gläubiger zu Unrecht zugeteilten Betrages (Art. 17 SchKG). Ne constitue pas une d6cision sujette A plainte, malgre l'assigna- tion d'un delai a cette fin, l'invitation d'un creancier par l'office de lui restituer une somme touchee A tort (Art. 17 LP). La diffida ad un creditore di restituire all'ufficio un importo versatogli a torto non costituisce una decisione suscettibile Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. No 11. 37 d'essere impugnata mediante reclamo neppure quando un termine venne esplicitamente fissato al creditore per procedere in tal modo (3rt. 17 LEF). A. - D. Winkler verlangte als Bürge des Eugen Hager- Polli bei der Schweizerischen Volksbank von jenem Sicher- steIlung für 13,744 Fr., nahm einen Arrest auf liegen- schaftsanteile heraus, für die jedoch gemäss Art. 277 SchKG durch Solidarbürgschaft der Schweizerischen Kreditanstalt Sicherheit geleistet wurde, und führte die Betreibung auf Sicherheitsleistung durch. Als die Schweizerische Kredit- anstalt hierauf 15,226 Fr. 90 Cts. an das Betreibungsamt bezahlte, zahlte dieses einen Teilbetrag von 3475 Fr. 90 Cts. an Winkler aus. Eine darauf vom Mitbürgen Ernst Hager als Zessionar der Schweizerischen Kreditanstalt gegen Winkler erhobene Klage auf Rückzahlung dieser (auf 3085 Fr. 70 Ots. reduzierten) Summe wurde durch Beru- fungsurteil des Bundesgerichtes vom 3. Juli 1934 abgewie- sen, und zwar weil « der Schweizerischen Kreditanstalt bezw. dem Kläger als deren Zessionar ein direkter Anspruch gegen den Beklagten nicht zusteht », obwohl « der Beklagte aus seiner gegenüber der Volksbank für den Hauptschuld- ner Hager-Polli eingegangenen Bürgschaft bis heute noch nichts bezahlt hat und ihm infolgedessen gegen den Hauptschuldner auch noch keine Regressforderung zu- steht, für die er die durch die Kreditanstalt bestellte Si- cherheit in Anspruch nehmen könnte». « Sache des Be- treibungsamtes ist es, den Betrag vom Beklagten wieder beizubringen. Dem Betreibungsamt hat die Kreditanstalt die Bürgschaft geleistet und in Erfüllung der Bürgschafts- verpflichtung das Geld ausbezahlt. An dieses muss sie bezw. muss ihr Zessionar sich deshalb halten, wenn das Geld nicht richtig verwendet worden ist». Gestützt auf dieses Urteil schrieb das Betreibungsamt an Winkler: « Wir fordern Sie auf, uns den erwähnten Betrag wieder zuzustellen ... Beschwerdefrist 10 Tage ... » Hierauf führte Winkler Beschwerde mit dem Antrag.

38 Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. No 11. er sei nicht verpflichtet, an das Betreibungsamt 374:5 Fr. 30 Cts. zurückzuerstatten. Die untere :Aufsichtsbehörde ist auf die Beschwerde nicht eingetreten. Diesen Entscheid hat Ernst Hager an die obere Auf- sichtsbehörde und nach Abweisung an das Bundesgericht weitergezogen mit dem Antrag auf Aufhebung des Ent- scheides der unteren Aufsichtsbehörde und Abweisung der Beschwerde, eventuell Rückweisung zur materiellen Beur- t-eilung der Beschwerde. Die Schuldbetreibungs- und KonkuTskammer zieht in Erwägung : Es ist nicht ersichtlich, inwiefern der Rekurrent durch den weitergezogenen Entscheid der unteren Aufsichts- behörde beschwert wäre. Allein bei der von der Vorin- stanz nichtsdestoweniger ausgesprochenen Zulassung der Weiterziehung ist jener Entscheid zu bestätigen. Eine durch Beschwerde anfechtbare Verfügung des Betreibungs- amtes liegt nur vor bei Handlungen, die es im Rahmen seiner amtlichen Befugnisse vornimmt, und die für den da- von Betroffenen einen Rechtsnachteil zur Folge haben können. Dies ist bei Zahlungen des Betreibungsamtes nur insofern der Fall, als sie an einen nicht darauf Berechtigten geleistet werden. Damit nicht der Anspruch des wahren Berechtigten beeinträchtigt werde, kann er gegen eine sol- che Zahlung Beschwerde führen, freilich nicht mit dem Ziel der Aufhebung der Zahlung, sondern nur mit dem Antrag, dass ungeachtet der bereits, aber eben an den Unberechtigten, geleisteten Zahlung nochmals gezahlt werde und zwar an ihn, den auf diese Zahlung Berech- tigten. Will sich dann das Betreibungsamt (der Justizfis- kus) beim unberechtigten Empfänger der ersten Zahlung erholen, so steht ihm hiefür keine Amtsgewalt zu Gebote,

d. h. es kann dem Zahlungsempfänger nicht einfach den bezahlten Betrag bezw. dessen Aequivalent an Geld oder verwertbaren Vermögensgegenständen irgendwelcher Art 8chuldbetreibungs. und Konkursrecht. No H. 39 wegnehmen, weil das SchKG keinen derartigen Rechtsbe- helf vorsieht. Vielmehr ist das Betreibungsamt auf den gewöhnlichen Rechtsbehelf zur Rückgängigmachung von ohne Rechtsgrund geleisteten Zahlungen angewiesen, also auf die gerichtliche Klage aus ungerechtfertigter Berei- cherung (sofern seiner Zahlungsaufforderung nicht gut- willig Folge geleistet oder gegen seinen Zahlungsbefehl Rechtsvorschlag erhoben wird). Dabei hilft dem Betrei- hungsamt seine eigene Zahlungsaufforderung in keiner Weise, auch wenn der Belangte sie ohne Widerspruch hat an sich herankommen lassen; zumal dient sie ihm nicht etwa als Rechtsöffnungstitel, eben weil es an jeglicher ihm durch das SchKG verliehenen bezüglichen amtlichen Befugnis fehlt. Aus dem gleichen Grunde können auch nicht etwa die Aufsichtsbehörden dem Betreibungsamt mit einem den unberechtigten Zahlungsempfänger zur Rückzahlung verurteilenden Entscheid helfen, weshalb die Ansetzung einer Beschwerdefrist ganz unbehelflich war. Vielmehr kann ein das Betreibungsamt zu nochma- liger Zahlung (an den Berechtigten) verurteilender Ent- scheid der Aufsichtsbehörden nur im Bereicherungsprozess zum Nachweis dafür dienen, dass die erste Zahlung ohne Rechtsgrund geleistet worden ist. Und im vorliegenden Falle wird das Betreibungsamt von dem vorgezeichneten Vorgehen insbesondere nicht etwa durch das Berufungs- urteil des Bundesgerichtes entbunden, an dem das Betrei- bungsamt ja nicht als Partei beteiligt ist und das auch gar nicht zur Verurteilung des Winkler geführt hat. Somit ist die Zahlungsaufforderung an Winkler zwar eine Willens äusserung des Betreibungsamtes, jedoch mit keiner weiter- gehenden Rechtswirkung ausgestattet als derartige Auf- forderungen von Privatleuten, und daher nicht eine Ver- fügung im Sinne des Art. 17 SchKG. Bezüglich solcher nicht der Amtsgewalt entspringenden Willensäusserungen des Betreibungsamtes besteht auch kein Bedürfnis dafür, dass sie auf ihre Angemessenheit und Rechtsmässigkeit von den AufBichtsbehörden nachgeprüft werden; irgend-

40 Schuldbctreibunga. und KOllkursrecht. No 12. welche Rechtsverbindlichkeit käme ja auch einem beides bejahenden Entscheid ohnehin nicht zu. Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. Konku1'skammer : Der Rekurs wird abgewiesen.