Sachverhalt
Der Kläger ist bei der Beklagten gegen die Folgen
körperlicher Unfälle versichert: im Todesfall für 15,000 Fr.,
im Falle dauernder gänzlicher Invalidität für 30,000 Fr.,
im FaUe vorübergehender gänzlicher Arbeitsunfähigkeit
für 15 Fr. per Tag. -
Am 7. Juli 1930 hat er durch Kollision mit einem Motorrad einen Unfall erlitten. Die Beklagte bezahlte ihm am 11. August 1930 435 Fr. Taggeld
für vollständige Arbeitsunfähigkeit bis zum 25. Juli und
für Verminderung der Arbeitsunfähigkeit um 75 % vom
26. Juli bis zum 11. August. Der Kläger unterzeichnete
für den Betrag eine Quittung mit vorgedrucktem Text,
der die Klausel enthält, der Unterzeichner anerkenne die
endgültige und vorbehaltlose Erledigung des Schadenfalles, erteilte Quittung für den ausgesetzten Entschädigungsbetrag und verzichte auf jede weitere Forderung.
Mit Berufung auf das ärztliche Schlusszeugnis vom 27. August 1930, das, unter Verneinung eines bleibenden Nachteiles, eine bis zu diesem Tage andauernde Verminderung
der Arbeitsfähigkeit feststellt, verlangte der Kläger später
eine Nachzahlung. Diese wurde ihm zuerst verweigert,
dann aber am 16. Dezember 1930 im Betrage von 33 Fr.
75 Rp. gewährt gegen Unterzeichnung eines ebensolchen
Quittungsformulars.
B. -
In der Folge verweigerte der Kläger die Zahlung
der am 1. Oktober 1930 verfallenen Halbjahresprämie von
80 Fr., und er konnte sich mit der Beklagten nicht auf eine
Erhöhung der Versicherung, wie er sie wünschte, einigen.
Sein Anwalt schrieb der Beklagten (deren Geschäftsleitung
in Lausanne) am 15. Januar i931 einen Brief, worin er
auf den Anstand Bezug nahm und ferner für den Kläger
eine Dauerrente beanspruchte, da dieser wegen seines
Unfalles einen bleibenden Nachteil davontrage. Die Höhe
der Invalidität werde durch einen Sachverständigen festgestellt werden müssen; die Gesellschaft möge die nötigen
Vorkehren treffen und bald berichten. Ein Doppel dieses
Versicherungsvertrag. N' 72.
447
Briefes ging laut Nachschrift an den Generalagenten
Amiet in Solothurn zur Kenntnisnahme. Die Beklagte
gab dem Schreiben keine Folge und beantwortete es gar
nicht.
.Wegen der rückständigen Prämie verhandelte der Kläger
IDlt dem Agenten Amiet, und er einigte sich mit am
24. Juli 1931 dahin, dass er den streitigen Prämienbetrag
bezahlte, die Versicherung damit aber als aufgehoben zu
geiten hatte, unter Vorbehalt seiner Rechte wegen des
durch den Unfall vom 7. Juli 1930 angeblich erlittenen
bleibenden Nachteils.
Demgemäss stellte Amiet dem
Kläger folgende Quittung aus:
« Q U i t tun g. Herr Ernst Wullschleger ... zahlt die
Versicherungsprämie... Die Versicherungspolice gilt damit
als annulliert. Es wird davon Vormerkung genommen,
dass der Versicherte Wullschleger bezüglich dem Unfall
vom 7. Juli 1930, soweit es den von ihm geltend gemachten
bleibenden Nachteil betrifft, sich aUe Rechte vorbehält.
gemäss Schreiben des Advokaturbureaus ... vom 15 .. Januar
1931.
Für die Unfallversicherungsgesellschaft « La Suisse » :
Generalagentur Solothurn : (gez.) W. Amiet. »
O. -
Ein inzwischen eingeholtes Privatgutachten vom
4. März 1931 hatte eine dauernde Invalidität des Klägers
von 20-25 % festgestellt. Darauf hatte der Kläger am
29. Juni 1931 beim Bezirksgericht Zofingen einen Haftpflichtprozess gegen den Motorradfahrer· angehoben, mit
dem er zusammengestossen war. Das gerichtliche Gutachten nimmt gleichfalls eine dauernde Verminderung der
~beitsIahjgkeit um 20-25 % an, doch wird bemerkt, ange-
SIChts der Art der Betätigung des Klägers sei der Schaden
nur etwa auf die Hälfte zu schätzen. Dieser Rechtsstreit
wurde erst am 19. Mai 1933 durch Urteil des Obergerichtes
des Kantons Aargau beendigt.
D. ~ Darauf schrieb der Anwalt des Klägers am 22. Juni
1933 der Generalagentur der Beklagten in Solothurn
(unter Übermittlung eines Doppels an die Geschäftsleitung
448
Versicherungsvertrag. N° 72.
in Lausanne), er komme auf die am 24. Juli 1931 getroffene
Vereinbarung 'zurück und ersuche um Bezahlung von
7500 Fr. mit Zins zu 5 % seit dem Unfalltage. Der Haftpflichtprozess 'sei nun rechtskräftig entschieden. Nach
ärztlichem Gutachten betrage der bleibende Nachteil des
Klägers aus seinem Unfall 25 %.
Die Geschäftsleitung der Beklagten lehnte diese Ansprüche mit Brief vom 15. Juli 1933 ab. Sie wies auf die vom
Kläger seinerzeit ausgestellten endgültigen und vorbehaltlosen Quittungen hin. Die von Amiet am 24. Juli 1931
ausgestellte Quittung sei eine blosse Prämienquittung;
die darin aufgenommene Vormerkung stelle keine vertragliche Abmachung oder irgendwelches Zugeständnis der
Beklagten dar; selbst wenn aber dem betreffenden Aktenstück diese Bedeutung zukäme, wäre die Beklagte dadurch
nicht verpflichtet worden, denn der Agent Amiet wäre
zur Eingehung einer solchen Verpflichtung in ihrem Namen
nicht befugt gewesen .. Endlich sei die vom Kläger geltend
gemachte Forderung längst verjährt.
E. -
Mit der am 22. Juli 1933 eingeleiteten Klage
belangte der Kläger die Beklagte auf Bezahlung von
7500 Fr. mit Zins zu 5 % seit dem 28. August 1930. Die
Beklagte hielt an ihren Einwendungen fest und beantragte
Abweisung der Klage.
Das Bezirksgericht Olten-Gösgen wie auch das Obergericht des Kantons Solothurn haben die Klage im Betrage
von 4500 Fr. mit Zins zugesprochen.
Gegen das obergerichtliche Urteil vom 25. Mai 1934 hat
die Beklagte die Berufung an das Bundesgericht erklärt
mit dem erneuerten Antrag auf Abweisung der Klage. Der
Kläger beantragt Abweisung der Berufung.
Erwägungen (3 Absätze)
E. 1 Mit Recht hat die Vorinstanz die aus den Entschädigungsquittungen vom 11. August und vom 16. Dezember
1930 hergeleitete Einwendung des Verzichtes nicht geschützt. Die darin enthaltene Saldoklausei kann nach
Versicherungsvertrag. No 72.
449
Treu und Glauben nur in dem Sinne durch die vorbehaltlose Unterzeichnung als genehmigt gelten, wie es der Lage
der Dinge bei der Unterzeichnung entsprach. Bei der
Ausstellung der ersten Quittung konnte nun von vornherein
höchstens ein Verzicht auf höhere Tagesentschädigungen
für die bis dahin verflossene Zeit in Frage kommen, denn
damals bestand anerkanntermassen noch ein erheblicher
Grad von Arbeitsumahigkeit, und es war noch nicht einmal
die ärztliche Behandlung abgeschlossen. Trotz der allgemeiner gefassten Klausel ist daher die Quittung bloss als
Saldo quittung auf den Tag ihrer Ausstellung, unter Vorbehalt aller weiteren Versicherungsansprüche fÜ:f die Zukunft, zu verstehen. Noch viel weniger als auf künftige
weitere Tagesentschädigungen hatte aber der Kläger
Grund, auch schon auf eine al}fallig geschuldete Invaliditätsentschädigung zu verzichten. Damit verhielt es sich
auch bei der Ausstellung der zweiten Quittung, am 16. Dezember 1930, nicht anders. Man fusste eben auf dem ärztlichen Schlussbericht vom 27. August 1930, der einen bleibenden Nachteil ausdrücklich verneinte. Für den Fall,
dass entgegen dieser Annahme sich dann doch ein bleibender Nachteil erzeigen sollte, blieben selbstverständlich die
vertraglichen Ansprüche auf Invaliditätsentschädigung
gewahrt, denn es sit unerfindlich, weshalb der Kläger
darauf hätte verzichten und der Beklagten die weitere
Vertragserfüllung schenkungsweise erlassen sollen. Davon
konnte damals, etwas mehr als fünf Monate nach dem Unfall, umsoweniger die Rede sein, als die Versicherungsbedingungen ausdrücklich jede als Folge des Unfalles
binnen eines Jahres seit dem Unfall eintretende Invalidität
berücksichtigen. Freilich steht nichts entgegen, dass die
Parteien einesVersicherungsvertrages unter besonderen
Verhältnissen die Ablösung sämtlicher Versicherungsleistungen durch eine Abfindungssumme vereinbaren.
Eine solche Vereinbarung liegt aber hier nicht vor, was sich
ohne weiteres daraus ergibt, dass die Beklagte dem Kläger
nichts als· die anerkannten Tagesentschädigungen bezahlt
Vcrsie.hcrungsve.rtrag. N° 72.
hat. Die Anrufung der Saldoklausel durch die Beklagte
zeigt übrigens~ wie unangebracht die Verwendung solcher
Klauseln in Quittungen ist, sofern nicht die Erledigung
aller Versicherungsansprüche für den betreffenden Seha-
denfall ausser Zweifel steht. Jedenfalls dürfen solche
Klauseln niemals auf Schadensfolgen bezogen werden, die
bei Ausstellung der Quittung noch nicht in Erscheinung
getreten waren.
Da hier nach dem Gesagten ein Verzicht auf weitere
V ersicherung~leistungen nur unter der Voraussetzung
denkbar und zumutbar war, dass der Unfall tatsächlich
keinen bleibenden Nachteil zur Folge habe, so ist der Vorinstanz auch darin beizupflichten, dass, wenn der von der
Beklagten vertretenen Auslegung gefolgt würde, der Verzieht für den Kläger unverbindlich wäre. Jene Voraussetzung war nach Treu und Glauben eine wesentliche
Grundlage der so verstandenen Verzichtserklärung. Stellte
sie sich nachträglich als unrichtig heraus, so war der Kläger
nach Art. 24 Ziff. 4 OR an die Erklärung nicht gebunden.
Er hätte die Unverbindlichkeit auch binnen nützlicher
Frist gemäss Art. 31 OR geltend gemacht durch den Brief
vom 15. Januar 1931, mit dem er Anspruch auf Leistungen
wegen bleibenden Nachteils erhob.
E. 2 Die auf Art. 46 VVG gestützte Verjährungseinrede
ist begründet, wenn dem Ablauf der Verjährung kein
rechtswirksames Hindernis entgegentrat. Denn nach der
genannten Bestimmung verjähren die Forderungen aus
dem Versicherungsvertrage « in zwei Jahren nach Eintritt
der Tatsache, welche die Leistungspflicht begründet»,
und diese Frist war bei Anhebung der vorliegenden Klage
abgelaufen, gleichgültig ob nun als Beginn zu gelten hat
der Tag des Unfalles (wie es der Ansicht von ROELLI,
Kommentar Bd.l 559, OSTERTAG-HIESTAND, zu Art. 46
N. 4, und GUYER, 126, entspricht), oder aber der Zeitpunkt,
in dem sich die Invalidität feststellen liess (so nach JAEGER,
Kommentar ROELLI-JAEGER Bd. 3, zu Art. 87/88 N. 86);
denn diese Feststellung war spätestens am 4. März 1931
Versicherungsvertrag. No 72.
451
möglich, als dem Kläger das sie bestätigende Privatgut
achten erstattet wurde.
Für eine Unterbrechung der Verjährung liegt nichts vor.
Dagegen kommt eine der Erhebung der Verjährungseinrede
entgegenstehende Parteiabmachung in Frage. Art. 46
Abs. 2 VVG schliesst, abweichend von Art. 129 OR, hinsichtlich der Ansprüche gegen den Versicherer nur die
Vereinbarung einerk ü I' zer e n Verjährungsfrist aus,
und dementsprechend gehört Art. 46 nicht zu den Bestimmungen, die nach Art. 97 VVG schlechthin der Abänderung
durch Parteiabrede entzogen sind, sondern er ist in Art. 98
VVG als eine der Bestimmungen erwähnt, die blOss zu
ungunsten des Versicherungsnehmers oder des Anspruchsberechtigten nicht abgeändert werden dürfen.
Ob in Art. 14 der allgemeinen Versicherungsbedingungen
eine Vereinbarung des Inhaltes zu sehen sei, dass die
Verjährung von Ansprüchen auf Invaliditätsentschädigung
erst mit der Möglichkeit ihrer Feststellung (was nach der
oben erwähnten Lehrmeinung von Jaeger der gesetzlichen
Regelung entspräche) oder sogar immer erst ein Jahr nach
dem Unfall beginne, kann dahingestellt bleiben; denn auch
wenn der Lauf der Verjährung erst ein Jahr nach dem
Unfall, am 7. Juli 1931, anhob, war sie bei Einleitung der
Klage abgelaufen.
Die Vorinstanz sieht aber in der Quittung vom 24. Juli
1931 in Verbindung mit den Aussagen des Zeugen Kissling
die Bestätigung einer Parteiabrede, wonach man die Auseinandersetzung über den Anspruch auf Invaliditätsentschädigung bis nach Erledigung des Haftpffichtprozesses
gegen Schneider verschoben habe, und zwar glaubt die
Yorinstanz, es habe dadurch vor allen Dingen gerade die
Erhebung der Verjährungseinrede wegbedungen werden
wollen. An diese Feststellung des Vertragswillens ist das
Bundesgericht gebunden, da sie nicht aktenwidrig ist.
Insbesondere stand es der Yorinstanz zu, über die Glaubwürdigkeit des Zeugen Kissling zu befinden, gleichwie sie
anderseits die Einvernahme von Gegenzeugen, die sie wegen
AS 60 11 -
1934
30
452
Versicherungsvertrag. No 72.
eigenen Interesses oder aus andern Gründen von vornherein
als unglaubwürdig erachtete, ablehnen konnte, ohne damit
Bundesrecht zu verletzen. Dass aber in der Tat eine Vereinbarung, wonach die Auseinandersetzung über eine Forderung bis zur Austragung eines irgendwie präjudiziellen
Prozesses aufgeschoben werden soll, die Verjährungseinrede ausschliesst, wenn die Forderung alsdann in angemessen kurzer Zeit nach Erledigung jenes Prozesses eingeklagt wird, steht ausser Zweifel. Es kann sich füglich
fragen, ob eine solche Abmachung nicht sogar nach allgemeinem Rechte der Verjährungseinrede entgegengehalten
werden könnte; jedenfalls muss sie im Geltungsbereich
von Art. 46 VVG berücksichtigt werden.
E. 3 Allein die Beklagte braucht die vorliegende Vereinbarung deshalb nicht gelten zu lassen, weil der Generalagent Amiet zu deren Abschluss in ihrem Namen nicht
bevollmächtigt war und auch nicht als dazu ermächtigt
gelten durfte. Das Gesetz weist dem Agenten weder die
Stellung des Vertreters
der Versicherungsgesel1schaft
schlechthin, noch gegenteils die Stellung des blossen Vermittlers ohne Vertretungsmacht zu, wobei nur die rechtsgeschäftliche Vollmacht vorbehalten bliebe.
Vielmehr
trifft Art. 34 VVG folgende Mittellösung :
« Der Agent gilt dem Versicherungsnehmer gegenüber
als ermächtigt, für den Ve:rsicherer alle diejenigen Handlungen vorzunehmen, welch~ die Verrichtungen eines solchen Agenten gewöhnlich mit sich bringen, oder die der
Agentmit stillschweigender Genehmigung des Versicherers
vorzunehmen pflegt.
Der Agent ist nicht befugt, von den allgemeinen Versicherungsbedingungen zugunsten oder zuungunsten des
Versicherungsnehmers abzuweichen.»
Die Anerkennung der Ersatzpflicht im Grundsatz oder
dem Masse nach, die Prozessführung sowie der Verzicht
auf Einwendungen irgendwelcher Art ist nun nicht Sache
des Agenten, handle es sich auch um einen sogenannten
Generalagenten, und gleichgültig, ob er seinerzeit zum
VOl"ieherungsvertrag. No 72.
Abschluss des Versicherungsvertrages befugt, also « Abschlussagent» war oder nicht. Eine gegenteilige Übung
hätte der Kläger nachzuweisen gehabt. doch konnte davon
gar nicht die Rede sein. Ferner fehlt es an einem Beweil;
ja an Anhaltspunkten dafür, dass Amiet derartige Ver~
fügungen mit stillschweigender Genehmigung der Beklagten
vorzunehmen pflegte. Die in Rede stehende Vereinbarung
hätte daher, um die Beklagte zu binden, mit ihr selbst
abgeschlossen werden müssen. Freilich wäre die Beklagte
an die vom Agenten in ihrem Namen abgegebenen Erklärungen gebunden, wenn sie dieselben ausdrücklich oder
durch konkludentes Verhalten
(ce stillschweigend») genehmigt hätte. Dass dies geschehen sei, nimmt die Vorinstanz mit Unrecht an. Zunächst kann aus der Nichtbeantwortung des Schreibens vom 15. Januar 1931 nichts
gegen die Beklagte hergeleitet werden. Wenn sie die vom
Kläger gewünschten Vorkehren nicht traf und keinen Bescheid gab, so war daraus auf keinerlei Zustimmung zu
schliessen, viel eher war diese Untätigkeit als, mindestens
vorläufige, Ablehnung zu deuten, zumal· die Beklagte sich
zuvor der verhältnismässig geringfügigen Nachforderung
von Tagesentschädigungen widersetzt hatte. Auf den gegen
Schneider anzuhebenden Haftpflichtprozess nahm das
Schreiben keinen Bezug, auch ist darin von einem Aufschieben der Geltendmachung einer Invaliditätsentschädigung nicht die Rede, so dass speziell eine Vereinbarung,
wie sie dann nach den erwähnten Feststellungen der V orinstanz am 24. Juli 1931 mit dem Agenten getroffen
wurde, noch gar nicht in Frage stand. Was nun aber diese
Vereinbarung vom 24. Juli anbelangt, so hat die Beklagte
in keiner Weise ihre Zustimmung bekundet, weder zum
Inhalt der Vereinbarung selbst noch dazu, dass der Agent
Amiet überhaupt über deren Gegenstand eine Verpflichtmig einging. Die Annahme der Vorinstanz, der Brief
vom 15. Januar 1931 sei dem Agenten durch die Beklagte
übermittelt worden « offenbar doch zu keinem andern
Zweck als zur Erledigung des Geschäftes durch diesen
Versieh"rungsverf.rag. No 72.
Agenten I), ist aktenwidrig; denn der Agent hatte ja laut
der Nachschrift ein Doppel des Briefes direkt erhalten, und
die Beklagte hat den Kläger durch nichts zur Annahme verleitet, sie habe dem Agenten auch noch den Originalbrief
übermittelt oder ihm sonstwie Weisung gegeben, über die
darin geltendgemachten Anspruche eine Vereinbarung zu
treffen. Sodann ist unverständlich, wieso die Annahme
der am 24. Juli 1931 vom Kläger geleisteten Prämienzahlung auf eine Genehmigung der « Vereinbarung » hindeuten
soll; zu dieser Zahlung war ja der Kläger ohne weiteres
verpflichtet, da der Vertrag bis dahin zu Recht bestand.
Aber selbst wenn die Beklagte eine Abschrift der am betreffenden Tage von Amiet ausgestellten
« Quittung »
erhalten hätte (wofür nichts vorliegt), so hätte sie daraus
nur ersehen können, dass der Kläger mit der Aufhebung
des Versicherungsvertrages nicht auch einen Verzicht auf
die mit dem Schreiben seines Anwaltes vom 15. Januar
1931 geltendgemachten Ansprüche verbinden wollte; eine
Verpflichtung der Beklagten aber wäre dem Text der
Quittung nicht zu entnehmen gewesen. Dass der Kläger
und sein Rechtsvertreter es bei der Ausstellung dieses
Quittungstextes bewenden liessen, anstatt die Vereinbarung näher festzulegen und die Genehmigung der Beklagten einzuholen oder zum mindesten ihr darüber eine
vollständige schriftliche Mitteilung zugehen zu lassen, erweckt übrigens starke Zweifel daran, dass wirklich bei
Amiet und dem Kläger die.von der Vorinstanz angenommene Willensmeinung obgewaltet hat. Kann indessen an
der bezüglichen Feststellung im bundesgerichtlichen Verfahren nicht gerüttelt werden, so bleibt es anderseits dabei,
dass die Beklagte an der Vereinbarung in keiner Weise mitgewirkt, sie auch nicht genehmigt und kein Verhalten an
. den Tag gelegt hat, woraus der Kläger hätte schliessen
.dürfen, sie sei mit dem erwähnten Inhalt der Vereinbarung
.einverstanden. Dass allenfalls der Agent sich so benahm,
als sei er zu einer solchen Abmachung ermächtigt, kann der
Beklagten nicht entgegengehalten werden; denn eine ohne
I
Versic!Jerungsvertrag. ~o 73.
45!i
Zutun des ({ Vertretenen » vorgetäuschte Ermächtigung,
die auch nicht im Rahmen der gesetzlichen Vertretungsmacht des als Vertreter Handelnden liegt, ist rechtsun~
wirksam.
Dispositiv
- Die Berufung wird gutgeheissen, das Urteil des Obergerichtes des Kantons Solothurn vom 25. Mai 1934 aufgehoben und die Klage abgewiesen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
72. trrteil der n. Zivilabteilung vom 22. November 1934
i. S. «Die Schweiz» gegen Wullschleger.
1. Q u i t tun g mit S a I d 0 k lau seI: Die Klausel kann
nur in dem Sinne als genehmigt gelten, wie es der Sachlage
bei der Unterzeichnung entsprach, und sie kann keinesfalls
auf Ansprüche für Schadensfolgen bezogen werden, die damals
noch nicht in Erscheinung getreten waren. Art. 2 ZGB.
2. Nach Art. 46 Abs. 2 des Versicherungsvertragsgesetzes sind
Ver ein bar u n gen zulässig, wonach die Ver jäh -
run g sei n red e nicht erhoben werden darf, wenn der
Anspruch gegen den Versicherer nach Erledigung eines präjudiziellen Haftpflichtprozesses ohne erhebliche Verzögerung
eingeklagt wird. In der Abmachung, man wolle die Ausein~
andersetzung über den Versicherungsanspruch bis zur Erledigung des Haftpflichtprozesses hinausschieben, ist eine solche
Vereinbarung enthalten.
3. Handlung svollmacht des Versicherungs-
a gen t e n nach Art. 34 VVG : Zur Anerkennung der Ersatzpflicht des Versicherers und zum Verzicht auf Emwendungen
irgendwelcher Art gilt der Agent nicht als ermächtigt.
Eine von ihm ohne Zutun der Organe der Versicherungsgesellschaft vorgetäuschte
Ermächtigung
bindet
die Gesellschaft nicht (Art. 38 OR).
S t i 11 s c h w e i ge nd e
Gen eh m i gun g durch die
Versicherungsgesellschaft ?
H6
(Tatbestand gekürzt.)
A. -
Der Kläger ist bei der Beklagten gegen die Folgen
körperlicher Unfälle versichert: im Todesfall für 15,000 Fr.,
im Falle dauernder gänzlicher Invalidität für 30,000 Fr.,
im FaUe vorübergehender gänzlicher Arbeitsunfähigkeit
für 15 Fr. per Tag. -
Am 7. Juli 1930 hat er durch Kollision mit einem Motorrad einen Unfall erlitten. Die Beklagte bezahlte ihm am 11. August 1930 435 Fr. Taggeld
für vollständige Arbeitsunfähigkeit bis zum 25. Juli und
für Verminderung der Arbeitsunfähigkeit um 75 % vom
26. Juli bis zum 11. August. Der Kläger unterzeichnete
für den Betrag eine Quittung mit vorgedrucktem Text,
der die Klausel enthält, der Unterzeichner anerkenne die
endgültige und vorbehaltlose Erledigung des Schadenfalles, erteilte Quittung für den ausgesetzten Entschädigungsbetrag und verzichte auf jede weitere Forderung.
Mit Berufung auf das ärztliche Schlusszeugnis vom 27. August 1930, das, unter Verneinung eines bleibenden Nachteiles, eine bis zu diesem Tage andauernde Verminderung
der Arbeitsfähigkeit feststellt, verlangte der Kläger später
eine Nachzahlung. Diese wurde ihm zuerst verweigert,
dann aber am 16. Dezember 1930 im Betrage von 33 Fr.
75 Rp. gewährt gegen Unterzeichnung eines ebensolchen
Quittungsformulars.
B. -
In der Folge verweigerte der Kläger die Zahlung
der am 1. Oktober 1930 verfallenen Halbjahresprämie von
80 Fr., und er konnte sich mit der Beklagten nicht auf eine
Erhöhung der Versicherung, wie er sie wünschte, einigen.
Sein Anwalt schrieb der Beklagten (deren Geschäftsleitung
in Lausanne) am 15. Januar i931 einen Brief, worin er
auf den Anstand Bezug nahm und ferner für den Kläger
eine Dauerrente beanspruchte, da dieser wegen seines
Unfalles einen bleibenden Nachteil davontrage. Die Höhe
der Invalidität werde durch einen Sachverständigen festgestellt werden müssen; die Gesellschaft möge die nötigen
Vorkehren treffen und bald berichten. Ein Doppel dieses
Versicherungsvertrag. N' 72.
447
Briefes ging laut Nachschrift an den Generalagenten
Amiet in Solothurn zur Kenntnisnahme. Die Beklagte
gab dem Schreiben keine Folge und beantwortete es gar
nicht.
.Wegen der rückständigen Prämie verhandelte der Kläger
IDlt dem Agenten Amiet, und er einigte sich mit am
24. Juli 1931 dahin, dass er den streitigen Prämienbetrag
bezahlte, die Versicherung damit aber als aufgehoben zu
geiten hatte, unter Vorbehalt seiner Rechte wegen des
durch den Unfall vom 7. Juli 1930 angeblich erlittenen
bleibenden Nachteils.
Demgemäss stellte Amiet dem
Kläger folgende Quittung aus:
« Q U i t tun g. Herr Ernst Wullschleger ... zahlt die
Versicherungsprämie... Die Versicherungspolice gilt damit
als annulliert. Es wird davon Vormerkung genommen,
dass der Versicherte Wullschleger bezüglich dem Unfall
vom 7. Juli 1930, soweit es den von ihm geltend gemachten
bleibenden Nachteil betrifft, sich aUe Rechte vorbehält.
gemäss Schreiben des Advokaturbureaus ... vom 15 .. Januar
1931.
Für die Unfallversicherungsgesellschaft « La Suisse » :
Generalagentur Solothurn : (gez.) W. Amiet. »
O. -
Ein inzwischen eingeholtes Privatgutachten vom
4. März 1931 hatte eine dauernde Invalidität des Klägers
von 20-25 % festgestellt. Darauf hatte der Kläger am
29. Juni 1931 beim Bezirksgericht Zofingen einen Haftpflichtprozess gegen den Motorradfahrer· angehoben, mit
dem er zusammengestossen war. Das gerichtliche Gutachten nimmt gleichfalls eine dauernde Verminderung der
~beitsIahjgkeit um 20-25 % an, doch wird bemerkt, ange-
SIChts der Art der Betätigung des Klägers sei der Schaden
nur etwa auf die Hälfte zu schätzen. Dieser Rechtsstreit
wurde erst am 19. Mai 1933 durch Urteil des Obergerichtes
des Kantons Aargau beendigt.
D. ~ Darauf schrieb der Anwalt des Klägers am 22. Juni
1933 der Generalagentur der Beklagten in Solothurn
(unter Übermittlung eines Doppels an die Geschäftsleitung
448
Versicherungsvertrag. N° 72.
in Lausanne), er komme auf die am 24. Juli 1931 getroffene
Vereinbarung 'zurück und ersuche um Bezahlung von
7500 Fr. mit Zins zu 5 % seit dem Unfalltage. Der Haftpflichtprozess 'sei nun rechtskräftig entschieden. Nach
ärztlichem Gutachten betrage der bleibende Nachteil des
Klägers aus seinem Unfall 25 %.
Die Geschäftsleitung der Beklagten lehnte diese Ansprüche mit Brief vom 15. Juli 1933 ab. Sie wies auf die vom
Kläger seinerzeit ausgestellten endgültigen und vorbehaltlosen Quittungen hin. Die von Amiet am 24. Juli 1931
ausgestellte Quittung sei eine blosse Prämienquittung;
die darin aufgenommene Vormerkung stelle keine vertragliche Abmachung oder irgendwelches Zugeständnis der
Beklagten dar; selbst wenn aber dem betreffenden Aktenstück diese Bedeutung zukäme, wäre die Beklagte dadurch
nicht verpflichtet worden, denn der Agent Amiet wäre
zur Eingehung einer solchen Verpflichtung in ihrem Namen
nicht befugt gewesen .. Endlich sei die vom Kläger geltend
gemachte Forderung längst verjährt.
E. -
Mit der am 22. Juli 1933 eingeleiteten Klage
belangte der Kläger die Beklagte auf Bezahlung von
7500 Fr. mit Zins zu 5 % seit dem 28. August 1930. Die
Beklagte hielt an ihren Einwendungen fest und beantragte
Abweisung der Klage.
Das Bezirksgericht Olten-Gösgen wie auch das Obergericht des Kantons Solothurn haben die Klage im Betrage
von 4500 Fr. mit Zins zugesprochen.
Gegen das obergerichtliche Urteil vom 25. Mai 1934 hat
die Beklagte die Berufung an das Bundesgericht erklärt
mit dem erneuerten Antrag auf Abweisung der Klage. Der
Kläger beantragt Abweisung der Berufung.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung :
1. -
Mit Recht hat die Vorinstanz die aus den Entschädigungsquittungen vom 11. August und vom 16. Dezember
1930 hergeleitete Einwendung des Verzichtes nicht geschützt. Die darin enthaltene Saldoklausei kann nach
Versicherungsvertrag. No 72.
449
Treu und Glauben nur in dem Sinne durch die vorbehaltlose Unterzeichnung als genehmigt gelten, wie es der Lage
der Dinge bei der Unterzeichnung entsprach. Bei der
Ausstellung der ersten Quittung konnte nun von vornherein
höchstens ein Verzicht auf höhere Tagesentschädigungen
für die bis dahin verflossene Zeit in Frage kommen, denn
damals bestand anerkanntermassen noch ein erheblicher
Grad von Arbeitsumahigkeit, und es war noch nicht einmal
die ärztliche Behandlung abgeschlossen. Trotz der allgemeiner gefassten Klausel ist daher die Quittung bloss als
Saldo quittung auf den Tag ihrer Ausstellung, unter Vorbehalt aller weiteren Versicherungsansprüche fÜ:f die Zukunft, zu verstehen. Noch viel weniger als auf künftige
weitere Tagesentschädigungen hatte aber der Kläger
Grund, auch schon auf eine al}fallig geschuldete Invaliditätsentschädigung zu verzichten. Damit verhielt es sich
auch bei der Ausstellung der zweiten Quittung, am 16. Dezember 1930, nicht anders. Man fusste eben auf dem ärztlichen Schlussbericht vom 27. August 1930, der einen bleibenden Nachteil ausdrücklich verneinte. Für den Fall,
dass entgegen dieser Annahme sich dann doch ein bleibender Nachteil erzeigen sollte, blieben selbstverständlich die
vertraglichen Ansprüche auf Invaliditätsentschädigung
gewahrt, denn es sit unerfindlich, weshalb der Kläger
darauf hätte verzichten und der Beklagten die weitere
Vertragserfüllung schenkungsweise erlassen sollen. Davon
konnte damals, etwas mehr als fünf Monate nach dem Unfall, umsoweniger die Rede sein, als die Versicherungsbedingungen ausdrücklich jede als Folge des Unfalles
binnen eines Jahres seit dem Unfall eintretende Invalidität
berücksichtigen. Freilich steht nichts entgegen, dass die
Parteien einesVersicherungsvertrages unter besonderen
Verhältnissen die Ablösung sämtlicher Versicherungsleistungen durch eine Abfindungssumme vereinbaren.
Eine solche Vereinbarung liegt aber hier nicht vor, was sich
ohne weiteres daraus ergibt, dass die Beklagte dem Kläger
nichts als· die anerkannten Tagesentschädigungen bezahlt
Vcrsie.hcrungsve.rtrag. N° 72.
hat. Die Anrufung der Saldoklausel durch die Beklagte
zeigt übrigens~ wie unangebracht die Verwendung solcher
Klauseln in Quittungen ist, sofern nicht die Erledigung
aller Versicherungsansprüche für den betreffenden Seha-
denfall ausser Zweifel steht. Jedenfalls dürfen solche
Klauseln niemals auf Schadensfolgen bezogen werden, die
bei Ausstellung der Quittung noch nicht in Erscheinung
getreten waren.
Da hier nach dem Gesagten ein Verzicht auf weitere
V ersicherung~leistungen nur unter der Voraussetzung
denkbar und zumutbar war, dass der Unfall tatsächlich
keinen bleibenden Nachteil zur Folge habe, so ist der Vorinstanz auch darin beizupflichten, dass, wenn der von der
Beklagten vertretenen Auslegung gefolgt würde, der Verzieht für den Kläger unverbindlich wäre. Jene Voraussetzung war nach Treu und Glauben eine wesentliche
Grundlage der so verstandenen Verzichtserklärung. Stellte
sie sich nachträglich als unrichtig heraus, so war der Kläger
nach Art. 24 Ziff. 4 OR an die Erklärung nicht gebunden.
Er hätte die Unverbindlichkeit auch binnen nützlicher
Frist gemäss Art. 31 OR geltend gemacht durch den Brief
vom 15. Januar 1931, mit dem er Anspruch auf Leistungen
wegen bleibenden Nachteils erhob.
2. -
Die auf Art. 46 VVG gestützte Verjährungseinrede
ist begründet, wenn dem Ablauf der Verjährung kein
rechtswirksames Hindernis entgegentrat. Denn nach der
genannten Bestimmung verjähren die Forderungen aus
dem Versicherungsvertrage « in zwei Jahren nach Eintritt
der Tatsache, welche die Leistungspflicht begründet»,
und diese Frist war bei Anhebung der vorliegenden Klage
abgelaufen, gleichgültig ob nun als Beginn zu gelten hat
der Tag des Unfalles (wie es der Ansicht von ROELLI,
Kommentar Bd.l 559, OSTERTAG-HIESTAND, zu Art. 46
N. 4, und GUYER, 126, entspricht), oder aber der Zeitpunkt,
in dem sich die Invalidität feststellen liess (so nach JAEGER,
Kommentar ROELLI-JAEGER Bd. 3, zu Art. 87/88 N. 86);
denn diese Feststellung war spätestens am 4. März 1931
Versicherungsvertrag. No 72.
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möglich, als dem Kläger das sie bestätigende Privatgut
achten erstattet wurde.
Für eine Unterbrechung der Verjährung liegt nichts vor.
Dagegen kommt eine der Erhebung der Verjährungseinrede
entgegenstehende Parteiabmachung in Frage. Art. 46
Abs. 2 VVG schliesst, abweichend von Art. 129 OR, hinsichtlich der Ansprüche gegen den Versicherer nur die
Vereinbarung einerk ü I' zer e n Verjährungsfrist aus,
und dementsprechend gehört Art. 46 nicht zu den Bestimmungen, die nach Art. 97 VVG schlechthin der Abänderung
durch Parteiabrede entzogen sind, sondern er ist in Art. 98
VVG als eine der Bestimmungen erwähnt, die blOss zu
ungunsten des Versicherungsnehmers oder des Anspruchsberechtigten nicht abgeändert werden dürfen.
Ob in Art. 14 der allgemeinen Versicherungsbedingungen
eine Vereinbarung des Inhaltes zu sehen sei, dass die
Verjährung von Ansprüchen auf Invaliditätsentschädigung
erst mit der Möglichkeit ihrer Feststellung (was nach der
oben erwähnten Lehrmeinung von Jaeger der gesetzlichen
Regelung entspräche) oder sogar immer erst ein Jahr nach
dem Unfall beginne, kann dahingestellt bleiben; denn auch
wenn der Lauf der Verjährung erst ein Jahr nach dem
Unfall, am 7. Juli 1931, anhob, war sie bei Einleitung der
Klage abgelaufen.
Die Vorinstanz sieht aber in der Quittung vom 24. Juli
1931 in Verbindung mit den Aussagen des Zeugen Kissling
die Bestätigung einer Parteiabrede, wonach man die Auseinandersetzung über den Anspruch auf Invaliditätsentschädigung bis nach Erledigung des Haftpffichtprozesses
gegen Schneider verschoben habe, und zwar glaubt die
Yorinstanz, es habe dadurch vor allen Dingen gerade die
Erhebung der Verjährungseinrede wegbedungen werden
wollen. An diese Feststellung des Vertragswillens ist das
Bundesgericht gebunden, da sie nicht aktenwidrig ist.
Insbesondere stand es der Yorinstanz zu, über die Glaubwürdigkeit des Zeugen Kissling zu befinden, gleichwie sie
anderseits die Einvernahme von Gegenzeugen, die sie wegen
AS 60 11 -
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eigenen Interesses oder aus andern Gründen von vornherein
als unglaubwürdig erachtete, ablehnen konnte, ohne damit
Bundesrecht zu verletzen. Dass aber in der Tat eine Vereinbarung, wonach die Auseinandersetzung über eine Forderung bis zur Austragung eines irgendwie präjudiziellen
Prozesses aufgeschoben werden soll, die Verjährungseinrede ausschliesst, wenn die Forderung alsdann in angemessen kurzer Zeit nach Erledigung jenes Prozesses eingeklagt wird, steht ausser Zweifel. Es kann sich füglich
fragen, ob eine solche Abmachung nicht sogar nach allgemeinem Rechte der Verjährungseinrede entgegengehalten
werden könnte; jedenfalls muss sie im Geltungsbereich
von Art. 46 VVG berücksichtigt werden.
3. -
Allein die Beklagte braucht die vorliegende Vereinbarung deshalb nicht gelten zu lassen, weil der Generalagent Amiet zu deren Abschluss in ihrem Namen nicht
bevollmächtigt war und auch nicht als dazu ermächtigt
gelten durfte. Das Gesetz weist dem Agenten weder die
Stellung des Vertreters
der Versicherungsgesel1schaft
schlechthin, noch gegenteils die Stellung des blossen Vermittlers ohne Vertretungsmacht zu, wobei nur die rechtsgeschäftliche Vollmacht vorbehalten bliebe.
Vielmehr
trifft Art. 34 VVG folgende Mittellösung :
« Der Agent gilt dem Versicherungsnehmer gegenüber
als ermächtigt, für den Ve:rsicherer alle diejenigen Handlungen vorzunehmen, welch~ die Verrichtungen eines solchen Agenten gewöhnlich mit sich bringen, oder die der
Agentmit stillschweigender Genehmigung des Versicherers
vorzunehmen pflegt.
Der Agent ist nicht befugt, von den allgemeinen Versicherungsbedingungen zugunsten oder zuungunsten des
Versicherungsnehmers abzuweichen.»
Die Anerkennung der Ersatzpflicht im Grundsatz oder
dem Masse nach, die Prozessführung sowie der Verzicht
auf Einwendungen irgendwelcher Art ist nun nicht Sache
des Agenten, handle es sich auch um einen sogenannten
Generalagenten, und gleichgültig, ob er seinerzeit zum
VOl"ieherungsvertrag. No 72.
Abschluss des Versicherungsvertrages befugt, also « Abschlussagent» war oder nicht. Eine gegenteilige Übung
hätte der Kläger nachzuweisen gehabt. doch konnte davon
gar nicht die Rede sein. Ferner fehlt es an einem Beweil;
ja an Anhaltspunkten dafür, dass Amiet derartige Ver~
fügungen mit stillschweigender Genehmigung der Beklagten
vorzunehmen pflegte. Die in Rede stehende Vereinbarung
hätte daher, um die Beklagte zu binden, mit ihr selbst
abgeschlossen werden müssen. Freilich wäre die Beklagte
an die vom Agenten in ihrem Namen abgegebenen Erklärungen gebunden, wenn sie dieselben ausdrücklich oder
durch konkludentes Verhalten
(ce stillschweigend») genehmigt hätte. Dass dies geschehen sei, nimmt die Vorinstanz mit Unrecht an. Zunächst kann aus der Nichtbeantwortung des Schreibens vom 15. Januar 1931 nichts
gegen die Beklagte hergeleitet werden. Wenn sie die vom
Kläger gewünschten Vorkehren nicht traf und keinen Bescheid gab, so war daraus auf keinerlei Zustimmung zu
schliessen, viel eher war diese Untätigkeit als, mindestens
vorläufige, Ablehnung zu deuten, zumal· die Beklagte sich
zuvor der verhältnismässig geringfügigen Nachforderung
von Tagesentschädigungen widersetzt hatte. Auf den gegen
Schneider anzuhebenden Haftpflichtprozess nahm das
Schreiben keinen Bezug, auch ist darin von einem Aufschieben der Geltendmachung einer Invaliditätsentschädigung nicht die Rede, so dass speziell eine Vereinbarung,
wie sie dann nach den erwähnten Feststellungen der V orinstanz am 24. Juli 1931 mit dem Agenten getroffen
wurde, noch gar nicht in Frage stand. Was nun aber diese
Vereinbarung vom 24. Juli anbelangt, so hat die Beklagte
in keiner Weise ihre Zustimmung bekundet, weder zum
Inhalt der Vereinbarung selbst noch dazu, dass der Agent
Amiet überhaupt über deren Gegenstand eine Verpflichtmig einging. Die Annahme der Vorinstanz, der Brief
vom 15. Januar 1931 sei dem Agenten durch die Beklagte
übermittelt worden « offenbar doch zu keinem andern
Zweck als zur Erledigung des Geschäftes durch diesen
Versieh"rungsverf.rag. No 72.
Agenten I), ist aktenwidrig; denn der Agent hatte ja laut
der Nachschrift ein Doppel des Briefes direkt erhalten, und
die Beklagte hat den Kläger durch nichts zur Annahme verleitet, sie habe dem Agenten auch noch den Originalbrief
übermittelt oder ihm sonstwie Weisung gegeben, über die
darin geltendgemachten Anspruche eine Vereinbarung zu
treffen. Sodann ist unverständlich, wieso die Annahme
der am 24. Juli 1931 vom Kläger geleisteten Prämienzahlung auf eine Genehmigung der « Vereinbarung » hindeuten
soll; zu dieser Zahlung war ja der Kläger ohne weiteres
verpflichtet, da der Vertrag bis dahin zu Recht bestand.
Aber selbst wenn die Beklagte eine Abschrift der am betreffenden Tage von Amiet ausgestellten
« Quittung »
erhalten hätte (wofür nichts vorliegt), so hätte sie daraus
nur ersehen können, dass der Kläger mit der Aufhebung
des Versicherungsvertrages nicht auch einen Verzicht auf
die mit dem Schreiben seines Anwaltes vom 15. Januar
1931 geltendgemachten Ansprüche verbinden wollte; eine
Verpflichtung der Beklagten aber wäre dem Text der
Quittung nicht zu entnehmen gewesen. Dass der Kläger
und sein Rechtsvertreter es bei der Ausstellung dieses
Quittungstextes bewenden liessen, anstatt die Vereinbarung näher festzulegen und die Genehmigung der Beklagten einzuholen oder zum mindesten ihr darüber eine
vollständige schriftliche Mitteilung zugehen zu lassen, erweckt übrigens starke Zweifel daran, dass wirklich bei
Amiet und dem Kläger die.von der Vorinstanz angenommene Willensmeinung obgewaltet hat. Kann indessen an
der bezüglichen Feststellung im bundesgerichtlichen Verfahren nicht gerüttelt werden, so bleibt es anderseits dabei,
dass die Beklagte an der Vereinbarung in keiner Weise mitgewirkt, sie auch nicht genehmigt und kein Verhalten an
. den Tag gelegt hat, woraus der Kläger hätte schliessen
.dürfen, sie sei mit dem erwähnten Inhalt der Vereinbarung
.einverstanden. Dass allenfalls der Agent sich so benahm,
als sei er zu einer solchen Abmachung ermächtigt, kann der
Beklagten nicht entgegengehalten werden; denn eine ohne
I
Versic!Jerungsvertrag. ~o 73.
45!i
Zutun des ({ Vertretenen » vorgetäuschte Ermächtigung,
die auch nicht im Rahmen der gesetzlichen Vertretungsmacht des als Vertreter Handelnden liegt, ist rechtsun~
wirksam.
Demnach erkennt das Bundesgericht :
Die Berufung wird gutgeheissen, das Urteil des Obergerichtes des Kantons Solothurn vom 25. Mai 1934 aufgehoben und die Klage abgewiesen.