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60_III_164

BGE 60 III 164

Bundesgericht (BGE) ·III · 1934-09-27 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Am 29. Mai 1934 schlossen Hans Nydegger, Bau-

handlanger, und Albin Buser, Bautechniker, eine Verein-

barung ab, der zu entnehmen ist : ((Parteien haben gemäss

Vergleich... das erwähnte Bau-

und Schalmaterial...

schätzen lassen. Diese Schatzung des Baumaterials ist

2700 Fr. Der Betrag, der von Herrn A. Buser dem Herrn

H. Nydegger zu bezahlen ist, beträgt demnach 2700 Fr ....

Der Verkäufer Herr H. Nydegger behält sich das Eigen-

tum an dem Baumaterial bis zur vollständigen Bezahlung

des Baumaterials vor. Herr H. Nydegger ist berechtigt,

den Eigentumsvorbehalt im Eigentumsvorbeha.ltsregister

eintragen zu lassen. »

Dieses also im Besitze des Buser befindliche Gerüstholz

wurde am 4. Juli vom Betreibungsamt Bern in einer Be-

treibung des Rekurrenten Gobet gegen C. Mira geplandet,

worauf Buser sofort mündlich und am 7. Juli schriftlich

Eigentumsansprache erhob.

Am 31. Juli liess Buser dem Betreibungsamt schreiben,

dass er ((auf seine geltend gemachte Eigentumsansprache

an den in Frage stehenden Pfandobjekten verzichtet, da

er die betreffenden Sachen von N ydegger unter Eigentums-

vorbehalt erworben hat, und dieser bis zur heutigen Stunde

noch nicht gelöscht worden ist~ Aus diesem Grunde kann

im Widerspruchsverfahren nur der Verkäufer Nydegger

als Eigentümer seine Rechte wahren. Für den Fall, dass

Gobet in dem in Aussicht stehenden Widerspruchsverfahren

166

S<,huldbetreihungs. und Konkursrecht. N° 41.

gegen Nydegger obsiegen sollte, macht Herr Buser an dem ...

Baugerüst Retentionsrecht geltend für diejenigen Beträge,

die er a conto des Kaufpreises bis heute an Nydegger

bezahlt hat. Diese machen zur Zeit 1200 Fr. aus. »

Als das Betreibungsamt die erhobene Retentionsan-

sprache als verspätet zurückwies, führte Buser die vorlie-

gende Beschwerde.

B. -

Die kantonale Aufsichtsbehörde hat am 8. Septem-

ber 1934 die Beschwerde begründet erklärt und das

Betreibungsamt angewiesen, der Retentionsansprache als

rechtzeitig angemeldeter Drittansprache die gesetzliche

Folge zu geben.

O. -

Diesen Entscheid hat der Gläubiger Gobet an das

Bundesgericht weitergezogen mit dem Antrag auf Aufhe-

bung desselben und Aufrechterhaltung der die angemeldete

Retentionsansprache des Buser als verspätet zurückwei-

senden Verfügung des Betreibungsamtes.

Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer

zieht

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Wer in der Lage war, eine Drittansprache an

einer gepfändeten Sache zu erheben, es aber nicht binnen

der folgenden zehn Tage getan hat, ist damit präkludiert

(BGE 37 I 465 = Sep. Ausg. 14, 242). Die Umstände des

vorliegenden Falles sind nicht geeignet, bezüglich der

nachträglich erhobenen Retentionsansprache eine Aus-

nahme von dieser Rechtsprechung zu machen, wie es in

BGE 48 III 49 geschehen ist. Nachdem sich Nydegger

das Eigentum an den gepfändeten Sachen vorbehalten

und noch ausdrücklich das Recht zur einseitigen Anmel-

dung dieses Eigentumsvorbehaltes zur Eintragung im

Eigentumsvorbehaltsregister ausbedungen hatte, musste

Buser damit rechnen, dass die Eintragung inzwischen

stattgefunden habe und er daher keine Eigentumsan-

sprache erheben könne. Er hatte daher allen Grund, sich

zunächst hierüber zu vergewissern, bevor er eine Eigentums-

ansprache anstatt einer blossen Retentionsansprache erhob.

Schuldbetreihungs. und Konkursrecht. No 41.

167

Tat er es nicht und kommt er daher mit seiner Retentions-

ansprache zu spät, so hat er dies seiner eigenen Nachlässig-

keit zuzuschreiben. Beim Fehlen eines zureichenden Ent-

schuldigungsgrundes ist die Präklusion mit dem Ablauf

des zehnten Tages seit der mit dem Vollzug der Pfändung

zusammenfallenden Kenntnis von derselben eingetreten

und kann nicht mehr nachträglich rückgängig gemacht

werden mit Rücksicht darauf, dass es vor der Zurücknahme

der Eigentumsansprache und Ersetzung durch eine Re-

tentionsansprache noch nicht zur Anhebung der Wider-

spruchsklage durch den betreibenden Gläubiger gekommen

war.

E. 2 Die Retentionsansprache ist übrigens nicht nur

verspätet, sondern auch in der gestellten bedingten Form

unzulässig. Freilich würde die von Buser erhobene Reten-

tionsansprache an Aktualität verlieren, wenn das gepfän-

dete Gerüstholz infolge der Eigentumsansprache des

Nydegger gänzlich aus der Pfändung fallen sollte. Allein

wer eine Drittansprache erheben will, muss die Lage so

hinnehmen, wie sie durch die Pfändung gestaltet worden

ist, bei der die gepfändete Sache als Eigentum des betrie-

benen Schuldners angesehen wurde (und angesehen wer-

den musste, ansonst sie gar nicht hätte gepfändet werden

können). Er darf dem betreibenden Gläubiger nicht zu-

muten, zunächst einmal den Widerspruchsprozess gegen

einen (vierten) Eigentumsansprecher (hier: Nydegger)

durchzuführen und nach allfälligem Obsiegen dann einen

neuen Widerspruchsprozess gegen ihn (Buser) zu beginnen.

Vielmehr muss es dem betreibenden Gläubiger ermöglicht

werden, sofort nach der Pfändung und gleichzeitig gegen

alle erhobenen Drittansprachen aufzutreten, um die ge-

pfändete Sache möglichst rasch für sich verwerten lassen

zu können. Es darf nicht zugelassen werden, dass ein

Drittansprecher die Austragung seiner Ansprache auf-

sparen will, bis eine andere Drittansprache ausgetragen

sein wird. Nur dem Prozessgericht bleibt es allfällig vor-

behalten, um der Prozessökonomie willen den einen Wider-

168

Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. N0 42.

spruchsproz~ bis zum Austrag des andem einzustellen,

wobei durchaus nicht von vorneherein ausgeschlossen wäre,

dass vorerst ·der Prozess über die Retentionsansprache

durchgeführt wird, wenn er nämlich einfacher zu instruieren

und zu beurteilen sein sollte als der Eigentumsprozess,

und zu erwarten stünde, dass beim Durchdringen dieser

Drittansprache die Betreibung mangels genügenden Ange-

botes ebenfalls hinfällig würde.

Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. Konkurskammer :

Der Rekurs wird begründet erklärt und der Entscheid

der Aufsichtsbehörde des Kantons Bern vom 8. September

1934 aufgehoben.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

41. Entscheid vom 27. September 1934 i. S. Gobet.

W i de r sp ru c hs ver fahr e n.- Wird eine Sache gepfändet,

die ein Dritter unter E i gen turn s vor b e hai t gekauft

hat, so kann dieser Dritte nicht (zunächst Eigentumsansprache

und) erst nachträglich nach Ablauf von zehn Tagen seit Kennt-

nis von der Pfändung R e t e nt ion san s p r ach e er-

heben (Erw. 1).

Eine D r i t ta n s p r ach e kann nicht bloss b e d i n g t für

den Fall erhoben werden, dass eine andere (von einem Vierten

erhobene) Drittansprache abgewiesen werden sollte (Erw. 2).

Reoondication. -

Lorsque la saisie porte sur une chose qu'un tiers

80 achatOO sous reserve de propr1,eee, 00 tiers n'est pas reoovable

a revendiquer tout d'ahord un droit da proprieM et seulement

apres coup un droit da retention, une fois expire le delai da· dix

jours des oolui Oll il a eu connaissanoo de 180 saisie (consid. 1).

Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. No 41.

165

La revendication du tiers ne peut etre formee conditionnellement,

soit pcur le cas seulement Oll la revendication d'un autre tiers

serait rejeMe (consid. 2).

Rioondicazione. -

Allorche il pignoramento colpisoo una cosa

comperata da un terzo con un patto di riEerva della proprieta.,

questo terzo non puo revendicare in prima linea un diritto

di proprieta e solo in seguito (spirato il termine di dieci giorni

da quello in cui ebbe notizia deI pignoramento) un diritto di

ritenzione (consid. 1).

La rivendicazione deI terzo non puo essere proposta in via even-

tuale, ('ssia solo pel caso in cui la rivendicazione d'un altro

tarzo dovesse essere respinta (consid. 2).

A. -

Am 29. Mai 1934 schlossen Hans Nydegger, Bau-

handlanger, und Albin Buser, Bautechniker, eine Verein-

barung ab, der zu entnehmen ist : ((Parteien haben gemäss

Vergleich... das erwähnte Bau-

und Schalmaterial...

schätzen lassen. Diese Schatzung des Baumaterials ist

2700 Fr. Der Betrag, der von Herrn A. Buser dem Herrn

H. Nydegger zu bezahlen ist, beträgt demnach 2700 Fr ....

Der Verkäufer Herr H. Nydegger behält sich das Eigen-

tum an dem Baumaterial bis zur vollständigen Bezahlung

des Baumaterials vor. Herr H. Nydegger ist berechtigt,

den Eigentumsvorbehalt im Eigentumsvorbeha.ltsregister

eintragen zu lassen. »

Dieses also im Besitze des Buser befindliche Gerüstholz

wurde am 4. Juli vom Betreibungsamt Bern in einer Be-

treibung des Rekurrenten Gobet gegen C. Mira geplandet,

worauf Buser sofort mündlich und am 7. Juli schriftlich

Eigentumsansprache erhob.

Am 31. Juli liess Buser dem Betreibungsamt schreiben,

dass er ((auf seine geltend gemachte Eigentumsansprache

an den in Frage stehenden Pfandobjekten verzichtet, da

er die betreffenden Sachen von N ydegger unter Eigentums-

vorbehalt erworben hat, und dieser bis zur heutigen Stunde

noch nicht gelöscht worden ist~ Aus diesem Grunde kann

im Widerspruchsverfahren nur der Verkäufer Nydegger

als Eigentümer seine Rechte wahren. Für den Fall, dass

Gobet in dem in Aussicht stehenden Widerspruchsverfahren

166

S<,huldbetreihungs. und Konkursrecht. N° 41.

gegen Nydegger obsiegen sollte, macht Herr Buser an dem ...

Baugerüst Retentionsrecht geltend für diejenigen Beträge,

die er a conto des Kaufpreises bis heute an Nydegger

bezahlt hat. Diese machen zur Zeit 1200 Fr. aus. »

Als das Betreibungsamt die erhobene Retentionsan-

sprache als verspätet zurückwies, führte Buser die vorlie-

gende Beschwerde.

B. -

Die kantonale Aufsichtsbehörde hat am 8. Septem-

ber 1934 die Beschwerde begründet erklärt und das

Betreibungsamt angewiesen, der Retentionsansprache als

rechtzeitig angemeldeter Drittansprache die gesetzliche

Folge zu geben.

O. -

Diesen Entscheid hat der Gläubiger Gobet an das

Bundesgericht weitergezogen mit dem Antrag auf Aufhe-

bung desselben und Aufrechterhaltung der die angemeldete

Retentionsansprache des Buser als verspätet zurückwei-

senden Verfügung des Betreibungsamtes.

Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer

zieht in Erwägung :

1. -

Wer in der Lage war, eine Drittansprache an

einer gepfändeten Sache zu erheben, es aber nicht binnen

der folgenden zehn Tage getan hat, ist damit präkludiert

(BGE 37 I 465 = Sep. Ausg. 14, 242). Die Umstände des

vorliegenden Falles sind nicht geeignet, bezüglich der

nachträglich erhobenen Retentionsansprache eine Aus-

nahme von dieser Rechtsprechung zu machen, wie es in

BGE 48 III 49 geschehen ist. Nachdem sich Nydegger

das Eigentum an den gepfändeten Sachen vorbehalten

und noch ausdrücklich das Recht zur einseitigen Anmel-

dung dieses Eigentumsvorbehaltes zur Eintragung im

Eigentumsvorbehaltsregister ausbedungen hatte, musste

Buser damit rechnen, dass die Eintragung inzwischen

stattgefunden habe und er daher keine Eigentumsan-

sprache erheben könne. Er hatte daher allen Grund, sich

zunächst hierüber zu vergewissern, bevor er eine Eigentums-

ansprache anstatt einer blossen Retentionsansprache erhob.

Schuldbetreihungs. und Konkursrecht. No 41.

167

Tat er es nicht und kommt er daher mit seiner Retentions-

ansprache zu spät, so hat er dies seiner eigenen Nachlässig-

keit zuzuschreiben. Beim Fehlen eines zureichenden Ent-

schuldigungsgrundes ist die Präklusion mit dem Ablauf

des zehnten Tages seit der mit dem Vollzug der Pfändung

zusammenfallenden Kenntnis von derselben eingetreten

und kann nicht mehr nachträglich rückgängig gemacht

werden mit Rücksicht darauf, dass es vor der Zurücknahme

der Eigentumsansprache und Ersetzung durch eine Re-

tentionsansprache noch nicht zur Anhebung der Wider-

spruchsklage durch den betreibenden Gläubiger gekommen

war.

2. -

Die Retentionsansprache ist übrigens nicht nur

verspätet, sondern auch in der gestellten bedingten Form

unzulässig. Freilich würde die von Buser erhobene Reten-

tionsansprache an Aktualität verlieren, wenn das gepfän-

dete Gerüstholz infolge der Eigentumsansprache des

Nydegger gänzlich aus der Pfändung fallen sollte. Allein

wer eine Drittansprache erheben will, muss die Lage so

hinnehmen, wie sie durch die Pfändung gestaltet worden

ist, bei der die gepfändete Sache als Eigentum des betrie-

benen Schuldners angesehen wurde (und angesehen wer-

den musste, ansonst sie gar nicht hätte gepfändet werden

können). Er darf dem betreibenden Gläubiger nicht zu-

muten, zunächst einmal den Widerspruchsprozess gegen

einen (vierten) Eigentumsansprecher (hier: Nydegger)

durchzuführen und nach allfälligem Obsiegen dann einen

neuen Widerspruchsprozess gegen ihn (Buser) zu beginnen.

Vielmehr muss es dem betreibenden Gläubiger ermöglicht

werden, sofort nach der Pfändung und gleichzeitig gegen

alle erhobenen Drittansprachen aufzutreten, um die ge-

pfändete Sache möglichst rasch für sich verwerten lassen

zu können. Es darf nicht zugelassen werden, dass ein

Drittansprecher die Austragung seiner Ansprache auf-

sparen will, bis eine andere Drittansprache ausgetragen

sein wird. Nur dem Prozessgericht bleibt es allfällig vor-

behalten, um der Prozessökonomie willen den einen Wider-

168

Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. N0 42.

spruchsproz~ bis zum Austrag des andem einzustellen,

wobei durchaus nicht von vorneherein ausgeschlossen wäre,

dass vorerst ·der Prozess über die Retentionsansprache

durchgeführt wird, wenn er nämlich einfacher zu instruieren

und zu beurteilen sein sollte als der Eigentumsprozess,

und zu erwarten stünde, dass beim Durchdringen dieser

Drittansprache die Betreibung mangels genügenden Ange-

botes ebenfalls hinfällig würde.

Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. Konkurskammer :

Der Rekurs wird begründet erklärt und der Entscheid

der Aufsichtsbehörde des Kantons Bern vom 8. September

1934 aufgehoben.