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53_III_159

BGE 53 III 159

Bundesgericht (BGE) ·III · 1927-10-29 · Deutsch CH
Quelle Original Export Word PDF BibTeX RIS
Sachverhalt

Am 12. Juli 1927 nahm das Petreibungsamt

Bern-Stadt bei Frau Glauser-Bühlmann, die einen Teil

des Frau Wiedmer- Stern gehörenden Hauses, Rabben-

thalerstrasse 83 in Beru, gemietet hatte und daselbst

eine Pension betrieb, auf Begehren der Vermieterin,

gemäss Art. 283 SchKG in Verbindung mit Art. 272 OR,

ein Retentionsverzeichnis auf über das von der Mieterin

eingebrachte Mobiliar im Gesamtschätzungswerte von

1516 Fr. 50 Cts. Ferner wurden die von den Pensionären

der Retentionsschuldnerin geschuldeten laufenden Miet-

zinsen im Gesamtbetrage von 420 Fr. retiniert.

B. -

Hiegegen beschwerte sich die Retentionsschuld-

nerin bei der Aufsichtsbehörde, indem sie gestützt auf

160

Schuldbetreibungs- und Konkursreeht. N0 40.

Art. 272 Abs. 3 OR in Verbindung mit Art. 92 Ziffer 3

SchKG die Aufhebung der verfügten Retention verlangte,

da sie das fragliche Mobiliar zum Betrieb ihrer Pension

benötige. die Mietzinsen ihrer Pensionäre aber nicht

zum Gegenstand einer Retention gemacht werden

können.

C. -

Mit Urteil vom 28. September 1927 -

den

Parteien zugestellt am 1. Oktober 1927 -

hat die kan-

to?ale Aufsichtsbehörde die Beschwerde dahin gutge-

helssen, dass sie sämtliche Retentionsobjekte, mit Aus-

nahme zweier Staubsauger im Schätzungswerte von

400 Fr., aus dem Retentionsnexus entliess •.

D. -

Hiegegen hat die Vermieterin, Frau Wiedmer-

Stern, den Rekurs an das Bundesgericht erklärt mit

dem Begehren, es sei in- Aufhebung des angefochtenen

Entscheides zu verfügen, dass die sämtlichen vom Be-

treibungsamt retinierten· Gegenstände im Retentions-

nexus zu verbleiben haben.

Die Schuldbelreibungs- und Konkurskammer zieht

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Mit Recht hat die Vorinstanz die fraglichen von den Untermietern der Retentionsschuldnerin ge- schuldeten, laufenden Mietzinsen aus dem Retentions- nexus ausgeschlossen. Denn nach Art. 272 OR erstreckt sich das Retentionsrecht des,Vermieters einer Liegen- schaft nur auf die beweglichen Sachen, die sich in den vermieteten Räumen befinden und zu deren Einrichtung und Benützung gehören, nicht aber auf Forderungen, an denen gemäss Art. 895 ZGB überhaupt gar kein Retentionsrecht möglich ist. .

E. 2 Dagegen erscheint die Aufhebung der Reten-

tionsverfügung bezüglich des von der Retentionsschuld-

nerin eingebrachten Mobiliars nicht gerechtfertigt. Rich-

tig ist allerdings, dass nach der ständigen Rechtspre-

chung des Bundesgerichtes eine Pension, wenn sie in

ganz einfacher Weise, ohne fremde Hülfskräfte, in

Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. No 40.

161

bescheidenem Umfange und ohne eigentliches Betriebs-

kapital betrieben wird, als Beruf im Sinne von Art. 92

Ziffer 3 SchKG zu erachten ist und dass infolgedessen

das hiefür notwendige Mobiliar als unpfändbar bean-

sprucht werdEm kann (vgl. BGE 38 I S. 187 ff. = Sep.

Ausg. 15 S.l ff; 41 111 S. 379; 45 III S. 91 rf.). Diese Vor-

aussetzungen treffen jedoch im vorliegenden Falle nicht zu.

Aus den Akten ergibt sich, dass der Retentionsschuldnerin

neben den ihr gehörigen, vorliegend retinierten Möbeln

auch noch anderes Mobiliar, das sie von der Rekurrentin,

zugleich mit der Wohnung, gemietet hatte, zur Verfügung

stand. Sie verfügte infolgedessen über insgesamt 15 möb-

lierte Zimmer, wofür sie der Rekurrentin einen Jahreszins

von (inklusive die Wasser- und Beleuchtungskosten)

7400 Fr. bezahlen musste. Dass hiebei nicht mehr von

einem Pensionsbetrieb in bescheidenem Umfange ge-

sprochen werden kann, bedarf wohl keiner weiteren

Erörterung und wird übrigens auch von der Vorinstanz

nicht in Abrede· gestellt. Die Vorinstanz erachtet dies

jedoch für die vorliegende Frage deshalb nicht als wesent-

lich, weil nur eine Belassung derjenigen Objekte in Frage

stehe, die zu einem Pensionsbetrieb in bescheidenem

Rahmen an sich nötig seien. Diese Auffassung ist nicht

schlüssig. Das Bundesgericht hat in ständiger Recht-

sprechung die Frage der Pfändbarkeit von zur Ausübung

einer wirtschaftlichen Tätigkeit notwendigen Werk-

zeugen, Gerätschaften und Instrumenten lediglich davon

abhängig gemacht, ob diese Betätigung, so wie sie im

Momente der Pfändung bezw. der Retention ausgeübt

wurde, als Beruf oder aber als Gewerbebetrieb zu er-

achten sei (vgl. statt vieler BGE 49 III S. 101). Trifft

das letztere zu. dann entfällt, weil kein Beruf im Sinne

von Art. 92 Ziffer 3 SchKG vorliegt, jeglicher Kompe-

tenzanspru::h, d. h. es kann ein Schuldner nicht ver-

langen, dass ihm wenigstens so viele Gegenstände belassen

werden, damit er die von ihm bisher ausgeübte wirt-

schaftliche Tätigkeit in Zukunft wenigstens in beschei-

162

Schuldbetreibungs- und Konknrsreeht. Ne> 41.

denem Rahmen (so dass nicht mehr von eh1em Gewerbe-

betrieb gesprochen werden könnte) auszuüben ver;..

möchte. Bei dieser Sachlage spielt aber keine Rolle,

. ob, wenn die vom Schuldner im Momente der Pfändung

bezw. der Retention ausgeübte Tätigkeit sich als Gewerbe-

betrieb qualifiziert, die hiezu verwendeten Objekte

ganz oder nur zum Teil im Eigentum des Schuldners

stehen. Es ist daher im vorliegenden Falle ohne Bedeu-

tung, dass ein Pensionsbetrieb, in dem nur die hier

streitigen, retinierten Möbel verwendet würden, als Beruf

im Sinne von Art. 92 Ziffer 3 SchKG erachtet werden

müsste. Denn nachdem die Retentionsschuldnerin sich

hiemit nicht begnügt hat, sondern durch Mietung

einer grossen, möblierten Wohnung eine Pension in

grösserem Stile, d. h. ein Gewerbe, betrieben hat, hat

sie jeden Anspruch au~ Art. 92 Ziffer 3 SchKG verwirkt,

sodass das Betreibungsamt mit Recht das fragliche

Mobiliar mit Retentionsbeschlag belegt hat.

Demnach erkennt die Schuldbetr.- und Konkurskammer :

Der Rekurs wird in dem Sinne teilweise gutgeheissen,

dass die fragliche Retentionsverfügung nur bezüglich

der von den Pensionären der· Retentionsschuldnerin

geschuldeten Mietzinsen aufgehoben, im übrigen aber

für rechtsgültig erklärt wird.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

40. Entscheid vom. 29. Oktober 1927 i. S. Wiedmer-Stern.

Das R e t e n t ion s r e c h t des Ver m i e t e r s er-

streckt sich nicht auf die dem Mieter von seinen Unter-

mietern geschuldeten Mietzinsen (Erw. 1).

OR Art. 272; ZGB Art. 895.

Kom pet e n z ans pr 11 eh ge m ä s s Art. 92 Z if f. 3

S c h K G.

B e ruf

0 der,

G ewe r beb e tri e b

(U n t ern e h m u n g) ?

Liegt ein Gewerbebetrieb vor, so entfällt je der Kompetenz-

anspruch; es kann ein Schuldner nicht verlangen, dass ihm

wenigstens so viele Werkzeuge belassen werden, damit er

die von ihm bisher ausgeübte wirtschaftliche Tätigkeit in

Zukunft wenigstens in bescheidenem Rahmen auszuüben

vermöchte (Erw. 2).

Eine in grösserem Rahmen betriebene P e n s ion ist kein

Beruf im Sinne von Art. 92 Ziff. 3 SchKG (Erw. 2).

A. -

Am 12. Juli 1927 nahm das Petreibungsamt

Bern-Stadt bei Frau Glauser-Bühlmann, die einen Teil

des Frau Wiedmer- Stern gehörenden Hauses, Rabben-

thalerstrasse 83 in Beru, gemietet hatte und daselbst

eine Pension betrieb, auf Begehren der Vermieterin,

gemäss Art. 283 SchKG in Verbindung mit Art. 272 OR,

ein Retentionsverzeichnis auf über das von der Mieterin

eingebrachte Mobiliar im Gesamtschätzungswerte von

1516 Fr. 50 Cts. Ferner wurden die von den Pensionären

der Retentionsschuldnerin geschuldeten laufenden Miet-

zinsen im Gesamtbetrage von 420 Fr. retiniert.

B. -

Hiegegen beschwerte sich die Retentionsschuld-

nerin bei der Aufsichtsbehörde, indem sie gestützt auf

160

Schuldbetreibungs- und Konkursreeht. N0 40.

Art. 272 Abs. 3 OR in Verbindung mit Art. 92 Ziffer 3

SchKG die Aufhebung der verfügten Retention verlangte,

da sie das fragliche Mobiliar zum Betrieb ihrer Pension

benötige. die Mietzinsen ihrer Pensionäre aber nicht

zum Gegenstand einer Retention gemacht werden

können.

C. -

Mit Urteil vom 28. September 1927 -

den

Parteien zugestellt am 1. Oktober 1927 -

hat die kan-

to?ale Aufsichtsbehörde die Beschwerde dahin gutge-

helssen, dass sie sämtliche Retentionsobjekte, mit Aus-

nahme zweier Staubsauger im Schätzungswerte von

400 Fr., aus dem Retentionsnexus entliess •.

D. -

Hiegegen hat die Vermieterin, Frau Wiedmer-

Stern, den Rekurs an das Bundesgericht erklärt mit

dem Begehren, es sei in- Aufhebung des angefochtenen

Entscheides zu verfügen, dass die sämtlichen vom Be-

treibungsamt retinierten· Gegenstände im Retentions-

nexus zu verbleiben haben.

Die Schuldbelreibungs- und Konkurskammer zieht

in Erwägung:

1. -

Mit Recht hat die Vorinstanz die fraglichen

von den Untermietern der Retentionsschuldnerin ge-

schuldeten, laufenden Mietzinsen aus dem Retentions-

nexus ausgeschlossen. Denn nach Art. 272 OR erstreckt

sich das Retentionsrecht des,Vermieters einer Liegen-

schaft nur auf die beweglichen Sachen, die sich in den

vermieteten Räumen befinden und zu deren Einrichtung

und Benützung gehören, nicht aber auf Forderungen,

an denen gemäss Art. 895 ZGB überhaupt gar kein

Retentionsrecht möglich ist.

.

2. -

Dagegen erscheint die Aufhebung der Reten-

tionsverfügung bezüglich des von der Retentionsschuld-

nerin eingebrachten Mobiliars nicht gerechtfertigt. Rich-

tig ist allerdings, dass nach der ständigen Rechtspre-

chung des Bundesgerichtes eine Pension, wenn sie in

ganz einfacher Weise, ohne fremde Hülfskräfte, in

Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. No 40.

161

bescheidenem Umfange und ohne eigentliches Betriebs-

kapital betrieben wird, als Beruf im Sinne von Art. 92

Ziffer 3 SchKG zu erachten ist und dass infolgedessen

das hiefür notwendige Mobiliar als unpfändbar bean-

sprucht werdEm kann (vgl. BGE 38 I S. 187 ff. = Sep.

Ausg. 15 S.l ff; 41 111 S. 379; 45 III S. 91 rf.). Diese Vor-

aussetzungen treffen jedoch im vorliegenden Falle nicht zu.

Aus den Akten ergibt sich, dass der Retentionsschuldnerin

neben den ihr gehörigen, vorliegend retinierten Möbeln

auch noch anderes Mobiliar, das sie von der Rekurrentin,

zugleich mit der Wohnung, gemietet hatte, zur Verfügung

stand. Sie verfügte infolgedessen über insgesamt 15 möb-

lierte Zimmer, wofür sie der Rekurrentin einen Jahreszins

von (inklusive die Wasser- und Beleuchtungskosten)

7400 Fr. bezahlen musste. Dass hiebei nicht mehr von

einem Pensionsbetrieb in bescheidenem Umfange ge-

sprochen werden kann, bedarf wohl keiner weiteren

Erörterung und wird übrigens auch von der Vorinstanz

nicht in Abrede· gestellt. Die Vorinstanz erachtet dies

jedoch für die vorliegende Frage deshalb nicht als wesent-

lich, weil nur eine Belassung derjenigen Objekte in Frage

stehe, die zu einem Pensionsbetrieb in bescheidenem

Rahmen an sich nötig seien. Diese Auffassung ist nicht

schlüssig. Das Bundesgericht hat in ständiger Recht-

sprechung die Frage der Pfändbarkeit von zur Ausübung

einer wirtschaftlichen Tätigkeit notwendigen Werk-

zeugen, Gerätschaften und Instrumenten lediglich davon

abhängig gemacht, ob diese Betätigung, so wie sie im

Momente der Pfändung bezw. der Retention ausgeübt

wurde, als Beruf oder aber als Gewerbebetrieb zu er-

achten sei (vgl. statt vieler BGE 49 III S. 101). Trifft

das letztere zu. dann entfällt, weil kein Beruf im Sinne

von Art. 92 Ziffer 3 SchKG vorliegt, jeglicher Kompe-

tenzanspru::h, d. h. es kann ein Schuldner nicht ver-

langen, dass ihm wenigstens so viele Gegenstände belassen

werden, damit er die von ihm bisher ausgeübte wirt-

schaftliche Tätigkeit in Zukunft wenigstens in beschei-

162

Schuldbetreibungs- und Konknrsreeht. Ne> 41.

denem Rahmen (so dass nicht mehr von eh1em Gewerbe-

betrieb gesprochen werden könnte) auszuüben ver;..

möchte. Bei dieser Sachlage spielt aber keine Rolle,

. ob, wenn die vom Schuldner im Momente der Pfändung

bezw. der Retention ausgeübte Tätigkeit sich als Gewerbe-

betrieb qualifiziert, die hiezu verwendeten Objekte

ganz oder nur zum Teil im Eigentum des Schuldners

stehen. Es ist daher im vorliegenden Falle ohne Bedeu-

tung, dass ein Pensionsbetrieb, in dem nur die hier

streitigen, retinierten Möbel verwendet würden, als Beruf

im Sinne von Art. 92 Ziffer 3 SchKG erachtet werden

müsste. Denn nachdem die Retentionsschuldnerin sich

hiemit nicht begnügt hat, sondern durch Mietung

einer grossen, möblierten Wohnung eine Pension in

grösserem Stile, d. h. ein Gewerbe, betrieben hat, hat

sie jeden Anspruch au~ Art. 92 Ziffer 3 SchKG verwirkt,

sodass das Betreibungsamt mit Recht das fragliche

Mobiliar mit Retentionsbeschlag belegt hat.

Demnach erkennt die Schuldbetr.- und Konkurskammer :

Der Rekurs wird in dem Sinne teilweise gutgeheissen,

dass die fragliche Retentionsverfügung nur bezüglich

der von den Pensionären der· Retentionsschuldnerin

geschuldeten Mietzinsen aufgehoben, im übrigen aber

für rechtsgültig erklärt wird.