Erwägungen (2 Absätze)
E. 1 Gemäss Art. 477 ZGB ist der Erblasser befugt,
durch Verfügung von Todes wegen einem Erben den
Pflichtteil zu entziehen : 1. wenn der Erbe gegen den
Erblasser oder gegen eine diesem nahe verbundene
Person ein schweres Verbrechen begangen hat; 2. wenn
j
Erbrecht. No 21.
der Erbe gegenüber dem Erblasser oder einem von dessen
Angehörigen die ihm obliegenden familienrechtlichen
Pflichten verletzt hat. Eine derartige Enterbung ist
jedoch nach Art. 479 ZGB nur dann gültig, wenn der
Erblasser die Enterbungsgründe in seiner Verfügung
angegeben hat. Als solche sind in dem vorliegenden
Testamente vom Erblasser angeführt worden : dass der
Kläger ihn, den Erblasser, zum Schaden des Geschäftes
hintergangen und mit allen Mitteln darnach getrachtet
habe, ihn aus dem Geschäfte auszustossen, dass der
Kläger bewusst zum Schaden seines, des Erblassers,
Geschäftes gehandelt und ihm durch sein unehrerbietiges
und pflichtwidriges Benehmen die letzte Lebenszeit ver-
bittert habe. Von diesen angeführten Enterb u ngs-
gründen fallen die drei ersten -
die Hintergehung zum
Schaden des Geschäftes, der Versuch, den Erblasser aus
dem Geschäfte zu verdrängen, sowie die vorsätzliche
Schädigung des Geschäftes des Erblassers -
für eine
Enterbung ohne weiteres ausser Betracht, da diese
Tatsachen, selbst wenn sie zutreffen sollten, weder die
in Ziffer 1 noch die in Ziffer 2 des Art. 477 ZGB ange-
führten Voraussetzungen erfüllen. Dass der Kläger durch
diese Handlungen ein schweres Verbrechen gegenüber
dem Erblasser begangen habe, ist nicht behauptet;
eine Verletzung familienrechtlicher Pflichten kommt aber
deshalb nicht in Frage, weil es sich hier um die geschäft-
lichen Beziehungen zwischen dem Kläger und dem
Erblasser handelt, in welchen der Kläger dem Erb-
lasser nicht
~ls Sohn, sondern als gleichberechtigter
Mitgesellschafter resp. später, nach Auflösung des ge-
meinsamen Geschäftes, als Konkurrent gegenübertrat.
E. 2 Was aber den letztgenannten Grund, das be-
hauptete unehrerbietige und pflichtwidrige Benehmen an-
belangt, so kann die Frage offen bleiben, ob dieser den
Tatbestand von Art. 477 Abs. 2 ZGB, erfüllen könnte, denn
er vermag die Enterbung des Klägers schon deshalb nicht
zu rechtfertigen, weil die blosse Erwähnung im Testa-
116
Erbrecht. N° 21.
ment, dass der Kläger sich dem Erblasser gegenüber
ullehrerbietig und pflichtwidrig benommen habe, nicht
als eine genügende Angabe des Enterbungsgrundes, wie
sie in Art. 479 ZGB verlangt wird, erachtet werden kann.
Unter Angabe des Enterbungsgrundes im Sinne der
erwähnten Gesetzesvorschrift kann nicht einfach die
Erklärung des Testators, dass ein Enterbungsgrund im
Sinne des Art. 477 ZGB vorliege, verstanden werden.
Vielmehr ist notwendig, dass der Testator diejenigen
Tatsachen, aus denen er glaubt, einen Enterbungsgrund
herleiten zu können und auf die er seine Enterbungs-
verfügung stützen will, namhaft mache, oder doch zum
mindesten so klar andeute, dass ein Zweifel darüber,
welche konkreten Tatsachen er im Auge hatte, ausge-
schlossen ist. Würde man die blosse \Viedergabe des
Gesetzestextes oder die Anwendung ähnlicher allgemeiner
Ausdrücke im Testamente als genügende Grundangabe
erachten, so hätten es die durch die Enterbung begün-
stigten Erben resp. Bedachten, die gemäss Art. 479
Abs. 2 ZGB die Richtigkeit;der angeführten Enter-
bungsgründe im Bestreitungsfalle nachzuweisen haben,
in der Hand, auf Vorkommnisse zurückzugreifen, die
für den Erblasser selber bei seinem Entschlusse zur
Enterbung gar nicht mitbestimmend gewesen waren,
sei es, weil er selber darin keinen Enterbungsgrund
erblickte, sei es, weil es sich hiebei um Vorkommnisse
handelte, die der Erblasser absichtlich infolge Ver-
zeihung oder aus einem andern Grunde nicht aufführen
·wollte. Das widerspräche aber dem Willen des Gesetz-
gebers, der durch die Aufstellung der Vorschrift, dass
die Enterbungsgründe vom Testator im Testamente
aufzuführen seien, gerade vermeiden wollte, dass über
die Tatsachen, die für den Willen des Erblassers ent-
scheidend waren, Streit entstehe und durch diese Vor-
schrift zum vorneherein die Frage nach Möglichkeit
abklären wollte, ob es sich bei den angeführten Gründen
um Enterbungsgründe im Sinne des Gesetzes handle
Sachenrecht. Xc 22.
lli
(vgl. auch BGE 48 II S.436 Erw.2). Muss daher die Ent-
erbung wegen unehrerbietigen und pflichtwidrigen Be-
nehmens des Klägers schon mangels einer genügenden
Grundangabe aufgehoben werden, so kann hier dahin-
gestellt bleiben, ob die von den Beklagten zum Beweise
für dieses Benehmen angeführten, im Testamente selber
aber nicht erwähnten Beschimpfungen -
die durch das
von der Vofinstanz durchgeführte Zeugenbeweisver-
fahren erwiesen worden sind -
auch wirklich als Ver-
letzungen familienrechtlicher Pflichten im Sinne von
Art. 477 Abs. 2 ZGB erachtet werden könnten.
Dispositiv
- Februar 1926 bestätigt. I V. SACHENRECHT DRO ITS RI:<~ELS
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
21. Urteil der II. Zivila.bteilung vom 12. Ma.i 1926
i. S. L. gegen L.
Enterbung, ZGB Art. 477, 479:
Schädigungen, die dem Erblasser durch einen Erben bei All-
lass ihrer gegenseitigen g e s c h ä f t] ich e n Beziehungen
zugefügt worden sind, bilden k ein e n E n t erb u n g s-
g run d gemäss Art. 477 ZGB (Erw. 1).
Bei der A n gab e des E n t erb u n g s g run des ist
gemäss Art. 479 ZGB notwendig, dass der Testator die-
jenigen Tatsachen, auf die er seine Enterbungsverfügung
stützen will, namhaft mache, oder doch zum mindesten
so klar andeute, dass ein Zweifel darüber, welche konkreteIl
Tatsachen er im Auge hatte, ausgeschlossen ist (Erw. 2).
Tat b es ta n d (gekürzt).
Am 10. Juli 1924 verfügte Vater L. in seinem Testa-
ment : « 1. Meinen Sohn Eugen Eduard L. in R. enterhe
111
Erbrecht. KO 21.
ich, weil er mir gegenüber die familienrechtlichen Pflich-
ten schwer verletzt hat. Er wurde von mir als gleich-
berechtigter Gesellschafter in mein Geschäft aufg~nom
men, hat mich aber zum Schaden des Geschäftes hinter-
gangen und mit allen Mitteln darnach getra?hte~, unter
Ausnützung meiner geschwächten GesundheIt mIch aus
dem Geschäft auszustossen, sodass ich gezwungen war,
auf dem Prozessweg die Auflösung der Firma zu ver-
anlassen ...... »
Am 21. Februar 1925, drei TagevorseinemTode,errich-
tete Vater L. ein zweites Testament, in dem er die gegen-
über seinem Sohne Eduard L. ausgesprochene Enter-
bung mit folgenden Worten wiederholte: « Ich bekräftige
erneut die in meinem Testament vom 10. Juli 1924
gegenüber .meinem Sohne Eduard L. verfügte gänzliche
Enterbung, da dieser Sohn auch seit Errichtung des
erwähnten Testaments vom 10. Juli 1924, das hiermit
in allen Teilen aufrecht erhalten bleibt, bewusst zum
Schaden meines Geschäftes gehandelt und mir durch
sein unehrerbietiges und pflichtwidriges Benehmen ge-
aenüber mir meine letzte Lebenszeit verbittert hat ..... »
b
Am 24. Februar 1925 starb Vater L. In der Folge
verlangte Eduard L. mit einer gegen seine vier Ge-
schwister gerichteten Klage: es sei die gegen ihn ausge-
sprochene Enterbung aufzuheben und demgemäss fest-
zustellen, dass der Kläger ap. dem Nachlass seines Vaters
mit einem Pflichtteil von 3/20 erbberechtigt sei. Die
Klage wurde vom Appellationsgericht des Kantons
Basel-Stadt mit Urteil vom 11. Februar 1926 abgewiesen,
wogegen die Beklagten rechtzeitig die Berufung an das
Bundesgericht erklärten.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
1. -
Gemäss Art. 477 ZGB ist der Erblasser befugt,
durch Verfügung von Todes wegen einem Erben den
Pflichtteil zu entziehen : 1. wenn der Erbe gegen den
Erblasser oder gegen eine diesem nahe verbundene
Person ein schweres Verbrechen begangen hat; 2. wenn
j
Erbrecht. No 21.
der Erbe gegenüber dem Erblasser oder einem von dessen
Angehörigen die ihm obliegenden familienrechtlichen
Pflichten verletzt hat. Eine derartige Enterbung ist
jedoch nach Art. 479 ZGB nur dann gültig, wenn der
Erblasser die Enterbungsgründe in seiner Verfügung
angegeben hat. Als solche sind in dem vorliegenden
Testamente vom Erblasser angeführt worden : dass der
Kläger ihn, den Erblasser, zum Schaden des Geschäftes
hintergangen und mit allen Mitteln darnach getrachtet
habe, ihn aus dem Geschäfte auszustossen, dass der
Kläger bewusst zum Schaden seines, des Erblassers,
Geschäftes gehandelt und ihm durch sein unehrerbietiges
und pflichtwidriges Benehmen die letzte Lebenszeit ver-
bittert habe. Von diesen angeführten Enterb u ngs-
gründen fallen die drei ersten -
die Hintergehung zum
Schaden des Geschäftes, der Versuch, den Erblasser aus
dem Geschäfte zu verdrängen, sowie die vorsätzliche
Schädigung des Geschäftes des Erblassers -
für eine
Enterbung ohne weiteres ausser Betracht, da diese
Tatsachen, selbst wenn sie zutreffen sollten, weder die
in Ziffer 1 noch die in Ziffer 2 des Art. 477 ZGB ange-
führten Voraussetzungen erfüllen. Dass der Kläger durch
diese Handlungen ein schweres Verbrechen gegenüber
dem Erblasser begangen habe, ist nicht behauptet;
eine Verletzung familienrechtlicher Pflichten kommt aber
deshalb nicht in Frage, weil es sich hier um die geschäft-
lichen Beziehungen zwischen dem Kläger und dem
Erblasser handelt, in welchen der Kläger dem Erb-
lasser nicht
~ls Sohn, sondern als gleichberechtigter
Mitgesellschafter resp. später, nach Auflösung des ge-
meinsamen Geschäftes, als Konkurrent gegenübertrat.
2. -
Was aber den letztgenannten Grund, das be-
hauptete unehrerbietige und pflichtwidrige Benehmen an-
belangt, so kann die Frage offen bleiben, ob dieser den
Tatbestand von Art. 477 Abs. 2 ZGB, erfüllen könnte, denn
er vermag die Enterbung des Klägers schon deshalb nicht
zu rechtfertigen, weil die blosse Erwähnung im Testa-
116
Erbrecht. N° 21.
ment, dass der Kläger sich dem Erblasser gegenüber
ullehrerbietig und pflichtwidrig benommen habe, nicht
als eine genügende Angabe des Enterbungsgrundes, wie
sie in Art. 479 ZGB verlangt wird, erachtet werden kann.
Unter Angabe des Enterbungsgrundes im Sinne der
erwähnten Gesetzesvorschrift kann nicht einfach die
Erklärung des Testators, dass ein Enterbungsgrund im
Sinne des Art. 477 ZGB vorliege, verstanden werden.
Vielmehr ist notwendig, dass der Testator diejenigen
Tatsachen, aus denen er glaubt, einen Enterbungsgrund
herleiten zu können und auf die er seine Enterbungs-
verfügung stützen will, namhaft mache, oder doch zum
mindesten so klar andeute, dass ein Zweifel darüber,
welche konkreten Tatsachen er im Auge hatte, ausge-
schlossen ist. Würde man die blosse \Viedergabe des
Gesetzestextes oder die Anwendung ähnlicher allgemeiner
Ausdrücke im Testamente als genügende Grundangabe
erachten, so hätten es die durch die Enterbung begün-
stigten Erben resp. Bedachten, die gemäss Art. 479
Abs. 2 ZGB die Richtigkeit;der angeführten Enter-
bungsgründe im Bestreitungsfalle nachzuweisen haben,
in der Hand, auf Vorkommnisse zurückzugreifen, die
für den Erblasser selber bei seinem Entschlusse zur
Enterbung gar nicht mitbestimmend gewesen waren,
sei es, weil er selber darin keinen Enterbungsgrund
erblickte, sei es, weil es sich hiebei um Vorkommnisse
handelte, die der Erblasser absichtlich infolge Ver-
zeihung oder aus einem andern Grunde nicht aufführen
·wollte. Das widerspräche aber dem Willen des Gesetz-
gebers, der durch die Aufstellung der Vorschrift, dass
die Enterbungsgründe vom Testator im Testamente
aufzuführen seien, gerade vermeiden wollte, dass über
die Tatsachen, die für den Willen des Erblassers ent-
scheidend waren, Streit entstehe und durch diese Vor-
schrift zum vorneherein die Frage nach Möglichkeit
abklären wollte, ob es sich bei den angeführten Gründen
um Enterbungsgründe im Sinne des Gesetzes handle
Sachenrecht. Xc 22.
lli
(vgl. auch BGE 48 II S.436 Erw.2). Muss daher die Ent-
erbung wegen unehrerbietigen und pflichtwidrigen Be-
nehmens des Klägers schon mangels einer genügenden
Grundangabe aufgehoben werden, so kann hier dahin-
gestellt bleiben, ob die von den Beklagten zum Beweise
für dieses Benehmen angeführten, im Testamente selber
aber nicht erwähnten Beschimpfungen -
die durch das
von der Vofinstanz durchgeführte Zeugenbeweisver-
fahren erwiesen worden sind -
auch wirklich als Ver-
letzungen familienrechtlicher Pflichten im Sinne von
Art. 477 Abs. 2 ZGB erachtet werden könnten.
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des
Appellationsgerichtes des Kantons Basel-Stadt vom
11. Februar 1926 bestätigt.
I V. SACHENRECHT
DRO ITS
RI:<~ELS