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99 No. 73 In erster Linie ist zu prüfen., ob ein l(ontumazialurteil im Sinne von Art. 166 MStGO vorliege, das die l(assation ausschliessen würde. Wie das l(assationsgericht ausgesprochen hat., entscheidet sich diese Frage nach Form und lnhalt des vorinstanzlichen Urteils (MI(G 1., S. 210 un-d 226). Aus dem V erhandlungsprotokoll und aus den einlãsslichen Urteils- erwãgungen ergibt sich., dass der Grundsatz der Mündlichkeit und Un- mittelbarkeit der V erhandlungen., auf dem die Militãrstrafgerichtsoi·d- nung beruht und der die Anwesenheit des Angeklagten in der Hauptver- handlung verlangt, weitgehend gewahrt worden ist, indem der Ange-, klagte nicht n ur in der V oruntersuchung und wãhrend der V orbereitung der Hauptverhandlung, sondern auch an der Hauptverhandlung selbst zugegen war und sich hat verteidigen lassen. Auch die Mõglichkeit, das letzte W ort zu ergreifen, w ar ihm geboten, doch hat er davon keinen Gebrauch gemacht. Einzig zu der erst einige Zeit spãter erfolgten Urteils- erõffnung ist er nicht erschienen. Er war aber durch seinen V erteidiger vertreten, der in der Lage war, die l(assationsbeschwerde anzumelden und zu begründen. Entsprechend dieser Durchführung des ordentlichen V erfahrens gegen den wãhrend der ganzen Zeit der Tatbestandsfest- stellung und Rechtsfindung bis zur Erteilung des letzten W ortes an- wesenden Angeklagten hat denn auch das Divisionsgericht seinem Ent- scheid den Charakter eines endgültigen Spruches verliehen. So hat es keinen Beschluss auf Durchführung des Abwesenheitsverfahrens gefasst und den Angeklagten in bezug auf den Anklagepunkt der Gehilfenschaft z u ungetreuer Geschãftsführung freigesprochen, w as im F alle eines Sãumnisurteils, als welches das vorinstanzliche U rteil zwar formell be- zeichnet "\vird, unzulãssig gewesen wãre. Aber auch wenn dem nicht so wãre, kõnnte die blosse Ab,vesenheit des Angeklagten wãhrend der Urteilsverkündung dem Urteil nicht den Charakter eines l(ontumazial- urteils verleihen, denn ein solches liegt nach MStGO Art. 166 nur vor, wenn der Angeklagte überhaupt nicht vor Gericht gestellt werden konnte und damit seiner V erteidigungsrechte verlustig ging, was hier durchaus nicht der Fali war. Hat aber die V orinstanz nicht ein l(ontumazialurteil gefãllt, so steht dem V erurteilten W enger das Rechtsmittel der l(assationsbeschwerde zu. D ami t wird zugleich seine Rüge "\vegen der W eigerung des Gerichts, die mündliche l(assationsanmeldung zu Protokoll zu nehmen, gegenstandslos. (17. Dezember 1947~ Wenger e. D. G. 8) 73. Art. 202 MStGO: Unter den neuen Beweismitteln, welche das Divi- sionsgericht im wieder aufgenommenen V erfahren berücksichtigen muss, sind nur diejenigen zu verstehen., die das Kassationsgericht im Revisions-
No. 73 100 entscheid als neue für die Verteidigung erhebliche Beweismittel (Art. 199, Abs. l MStGO) anerkannt hat (Erw. 4).- Grundsatz der freien Belveis- würdigung (Art. 158, Ahs. l MStGO): Auch Polizeiberichte (Protokolle) dürfen gewürdigt werden (Erw. 6). Art. 202 PPM: Par «nouveaux moyens de preuve» dont le tribunal de division a l'obligation de tenir compte dans la procédure rouverte, il faut entendre ceux que le tribunal militaire de cassation a, dans son arrêt de revision, lui-même qualifié de «nouveaux et importants pour la défense» (art. 199, al. l PPM), à l'exclusion des autres moyens de preuve don t faisait état la demande de revision (cons. 4). - Du principe de la libre appréciation des preuves (art. 158, al. l PPM) il découle que des p.roces-verhaux d'interrogatoire par des organes de police peuvent égale- ment être pris en considération par le juge (preuve littérale) (cons. 6). Art. 202 PPM: Quali nuovi mezzi di «prova» dei quali il tribunale dovrà tener conto in sede di riapertura d 'una procedura giudiziaria, s 'in- tenderanno unicamente quelli che il tribunale di cassazione stesso, nella sua decisione di revisione, ha già riconosciuti come «nuovi e rilevanti per la difesa» (art. 199, cif. l PPM) (cons. 4).- Principio della libera valuta- zione delle prove (art. 158, cif. l PPM): Anche d ei verbali d'interrogatorio redatti davanti ad organi di polizia possono entrare in questa valutazione (cons. 6).
4. Nach Art. 202 MStGO dürfen im wiederaufgenommenen Ver- fahren die der Revisionsbehõrde vorgelegten neuen Beweismittel weder vom Grossrichter noch vom Gerichte als unerheblich ausgeschlossen werden. U n t er d en «d er Revisionsbehõrde vorgelegten neuen Beweis- mitteln» sind nicht alle Beweismittel verstanden, auf die sich der Gesuch- steller im Revisionsgesuch berufen hat, sondern n ur j ene, di e das l(assau tionsgericht als «neue für die V erteidigung erhebliche Beweismittel» im Sinne des A1·t. 199, Abs. l MStGO anerkannt hat. Im vorliegenden Falle sind das einzig die Protokolle über die abgeãnderten Aussageu Grõhlis vom 28. August und 19. Oktober 1942 uud das psychiatrische Gutachten über Grõbli aus dem Jahre 1932. Diese Beweismittel sind vom Divisions- gericht zugelassen worden. Der Beschwerdeführer geht fehl, wenn er eine V erletzung vou Art. 202 MStGO darin erhlickt, dass das Divisionsgericht gewisse weitere Beweisantrãge, die er im Revisionsgesuch gestellt und in der Hauptverhandlung wiederholt hat, insbesondere den Antrag auf Bei- ziehung eiues Schriftsachverst~ndigen zum Beweise, dass der Brief von «Dagobert» nicht vou der Hand des Beschwerdeführers geschrieben wor- den sei, abgewiesen hat.
6. Der Beschwerdeführer sieht einen l(assationsgrund darin, dass das Divisionsgericht den «Polizeibrief Gutbrod» nicht wie beantragt aus den Akte.n eutfernt habe. Damit meint er das Protokoll über die von einem Inspektor der Bundespolizei in Stuttgart vorgenommene Ab-
101 No. 74 hõ1·ung Guthrods. Allein das l(assationsgericht hat schon mit Urteil vom
5. Septemher 1947 in Sachen Jauch ausgeführt, dass das Gesetz nicht verhietet, solche Protokolle, die von schweizerischen Polizeibeamten im Auslande aufgenommen worden sind, als Beweismittel zu verwenden. Die Militãrstrafgerichtsordnung, die den Grundsatz der freien Beweis- würdigung kennt (Art. 158, Abs. 1), lãsst nicht nur den Beweis durch Zeugen, sondern jede Art des Beweises, insbesondere auch den Beweis durch Urkunden zu. Das Protokoll über die aussergerichtlichen Aus- sagen Gutbrods ist eirte "Qrkunde. Ihren Beweisw~rt zu würdigen, war Sache des freien richterlichen Ermessens. Ein l(assationsgrund liegt nicht vor. (11. Febrúar 1948, Heinrichs e. D. G. 7 B) 74. Art. 161, lit. B, Ziff. 2 MStGO: Der Freigesprochene hat keinen Rechtsanspruch auf Entschadigung; die Zusprechung steht im Ermessen des Gerichts; das Kassationsgericht kann den Entscheid nur im Sinne von Art. 188, Ziff. l auf Willkür prüfen. Art. 161, lit. B, eh. 2 PPM: L'accusé qui a été libéré n'a aucun droit à une indemnité; c'est au juge d'apprécier s'il y a lieu ou non d'adjuger une telle indemnité; le tribunal de cassation ne peut revoir cette question que sous r'angle de l'arbitraire (art. 188, eh. l PPM). ~4.rt. 161, lett. B, no. 2 PPM: L'accusato assolto non puo vantare il diritto a d un 'indennità; rientra nelle facoltà del tribunal e di assegnarla o no; il tribunal e di cassazione puo esaminare un ricorso nel senso de l· l"art. 188, cif. l, no. l unicamente sotto l'aspetto dell'arbitrio. Art. 161, lit. B, Ziff. 2 MStGO schreiht vor, dass die dem Freige- sprochenen zuerkannte Entschãdigung in d er U rteilsausfe1·tigung ent- halten sein soll. Unter welchen Voraussetzungen eine Entschãdigung zu- zusprechen ist, sagt die Bestimmung nicht. Sie verleiht dem Freige- sprochenen nicht einen Rechtsanspruch auf Entschãdigung. Oh sich eine solche rechtfertige, liegt vielmehr im freien Ermessen des Richters. Das l(assationsgericht hat das bereits am 19. Septemher 1942 in Sachen Nelz und Mitangeklagte (MI(G 4, Nr. 69, S. 157) unter Berufung auf einen Entscheid vom 12. September 1916 in Sachen Méroz (MI(G l, Nr. 35) und in Abweichung von einem nicht nãher hegründeten Entscheide vom
26. Juni 1933 in Sachen Simon (MI(G 2, Nr. 40) ausgeführt und be- gründet. E s besteht kein Anlass, von dieser Rechtsprechung ahzuweichen. Das im Urteil in Sachen Méroz verwendete Argument, dass der fran- zõsische Text von Art. 161, lit. B, Ziff. 2 MStGO die Entschãdigung an de n Freigesprochenen ni eh t schlechthin vorsehe, sondern ihn im U rteil