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MKGE 4 Nr. 87

MKGE 4 Nr. 87

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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

No. 87 - 192 - Auch der verminderten Zurechnungsfãhigkeit der Kassationsklãgerin hat die Vorinstanz bei der Strafzumessung Rechnung getragen, ohne allerdings den Art. 11 im Urteilsdispositiv zu er,vahnen. ·niese Unter- lassung ist als offenbares Versehen zu herichtigen. Das Divisionsgericht hat gestützt auf die übereinstimmende Schãtzung des Experten I~itt­ mann und des sachverstãndigen Zeugen ·or. Hirzel eine Verminderung · der Zurechnungsfãhigkeit um etwa 50 °/0 angenommen. Der Verteidiger ficht diese tatsãchliche Feststellung mit l={echt nicht an. Er behauptet bloss, das Gericht habe das Verschulden der Kassationsklãgerin, das mit Rücksicht auf ihre verminderte Zurechnungsfãhigkeit ein «mini- males)) sei, viel z u schwer beurteilt. Allein au eh h i er handelt e s si eh um eine Frage des richterlichen Er1nessens. ·Das gleiche gilt für die Behaup- tung des Verteidigers, die Vorinstanz habe zu wenig berücksichtigt, dass die Kassationsklagerin vom deutschen Agenten G-eiger verleitet und angestiftet worden sei. Von einer Ermessensüberschreitung, die nur anzunehinen wãre, wenn kein vernünftiges Verhãltnis zwischen Schuld und Strafe bestehen würde, kann angesichts der vom G-rossrichter mit Recht hervorgehobenen, grossen G-efahrlichkeit der eingeklagten Ver- brechen und der führenden l1olle, die der Kassationsklagerin in der ganzen Spionageorganisation zukam, nicht die Rede sein. (29. Dezember 1942, Münster e. D. G·. 8.) 87. Beabsichtigt d er V erteidiger aus d er Ablebnung eines Be\veis- antrages durch den Grossrichter einen Kassationsgrund abzuleitt~n, so hat er nach dieser Ablehnung an seinem Antrage festzubalten, um d en Entscl1eid des Get·ichtes zu ve1lanlassen (Art. 188, Abs. 2, l\ilStG()) (Etl\V. B).- Abg1·enzung von Ve1·such und Votlbeileitttngs- handlung. - Der Begriff des «Ausspahens » im Sinne von Art. 86, Ziff. 1, Abs. 1, 1\ilStG ist nicht en g auszulegcn. - Ke in freiwilliger Rücl{tritt vom V ersuch, \tvenn d er Ta te r dureh di e \V achsaml{eit Dritter an dc1l Ausfiihrung verhindert \Vird (A1·t. 19, Abs. 2, 1\IStG) (E1·w. C). - Zut· EI·füllung des objektiven Tatbestan(les (les mili- tarischen Nachrichtendienstcs (Atlt. 274 StGB) genügt die Über- mittlung \To n N achrichten übe1· n1ilitarische Dinge, <li e für d en fremden Staat von Interesse oder Nutzen sein }{Õnnen. Unei·heblich ist, ob die bel{anntgegebenen Tatsachen in der S~h\veiz gebehn- gehalten we1·den, ob sie fü1· den Nachi·ichtenempfangei· neu und ob sie richtig sind oder nicht (Erw. D).

193 - No. 87 Lors que le défenseur se propose de fonder un recoui~s en cassa- tion sur le rejet par le Grand-Juge d'uue réquisitiou de preuves qu'il a présentée, il doit maintenir sa réquisition pour p1·ovoquer un e décision par le tribunal (art. 188, al. 2, PPl\íl) (cons. B). - Distinction entre la tentative e t l'a ete préparatoire (art. 19, al. 1, CPJ\:1). La notion d'« espionnage » au sens de l'art. 86, eh. 1, al. 1, CPl\1 ne doit pas être interprétée restrictivement. - Il ne peut être question de désistement (a1·t. 19, al. 2, CPl\1[), lorS(}Ue l'auteur est e1npêcbé (le con1mettre l'infi·action par la vigilance d'un tiers (cons. C). -· Jlour que l'infraction prévue par Part. 274 CPS (Serviee de renseignemcnts militaires) soi t objective1nent réalisée, il suffit que les renseignements donnés aient trait à des «eh o ses» n1ilitaires qui puissent intéress.er un Etat étrange1· ou hicn lui être utiles. 11 est irrelevant que ces I~enseigncments concernent des «eh o ses» tenues sceretes en Suisse ou bien qu'ils ne présentent pas le earactere de nouveauté pour le destinataire ou encore qu'ils soient exacts ou no n (cons. D). Se il (lifenso1·e ha intenzione di ricorrere in cassazione per il t·ifiuto, da parte del Gran giudice, (li una don1an(la di prove, dev(b, dopo il rifiuto, insisterc nclla sua do1nanda e provoca1·e una decisione de l tribunale (at·t. 138, e p. 2, O GPPM) (cons. B). --- Ilistinzione fra tentativo ed atti pre}Jt..tratorii. 11 concetto di « scrutare », a' sensi de li' art. 86, eif. 1, e p. 1, CPl\if no n deve interpretarsi in modo restrittivo. - Non esiste desistenza spontanea da un tentativo <tnando la esecuzione del reato sia stata Íinpedita daiia vigilanza di un terzo (art. 19, ep. 2, CPJ\11) (cons. C). - Affincbe esista oggetti- vamente la fattispecic d t~ Ho spionaggio n1ilitare (art. 27 4 CP) b as ta la comunieazione di notizie su cose n1ilitari, che possono essere di interesse o di utilità per uno Stato estei~o. Non occor1·e ebe i fatti notificati siano tenuti segreti in Isvizzera ed e indifferente che cssi siano nuovi per cbi e inforn1ato, e ebe siano o non siano confor1ni alia realtà (cons. D). B. Der Verteidiger erhlickt eine unzuHissige Beschrãnkung der Ver- teidigung im Sinne des Art. 188, Ziff. 6, MStGC) darin, das s d er Gross- riêhter seinen Antrag, den Angeklagten über seine erste lJnterredung mit Major Bieri zu befragen, abgelehnt hat. l)iese Rüge kann nicht gehõrt werden. Wenn der Verteidiger aus der Ablehnung seines Beweisantrages einen Kassationsgrund herzuleiten beabsichtigte, so war er gemãss Art. 188, Abs. 2, MStGO verpflichtet, auf die Ablehnung durch den Grossrichter hin ausdrücklich an seinem Beweisantrag festzuhalten, um

No. 87 194 -- das Gericht zu einem Entscheide zu veranlassen. Das hat er nicht getan. Es kann deshalb auf die Kassationsbeschwerde in diesen1 Punkte nicht eingetreten werden. C. In materieller Beziehung ficht der Verteidiger das vorinstanzliche Urteil in erster Linie deshalb an, weil das Divisionsgericht M. wegen seiner Reise ins Kommandobureau des Zerstõrungsdetachements 11 ·der versuchten Verletzung militãrischer Geheimnisse im Sinne des Art. 86, Ziff. 1, Abs. 1, MStG schuldig erklãrt hat. Er macht geltend, es handle sich bloss um eine straflose Vorbereitungshandlung. Die Anfechtung geht fehl. Wie das Kassationsgericht .in seinem I~ntscheide vom 26. Juni 1942 i. S. Flitz und Kons. ausgesprochen hat, kann die Frage, ob strafbarer Versuch oder straflose Vorbereitungs- handlung vorliegt, nicht generell, sondern nur im Hinblick auf einen bestimmten Tatbestand auf Grund der Vertnnstãndungen des einzelnen Falles entschieden werden. In Hinsicht auf den Tatbestand der Ver- letzung militãrischer Geheimnisse im hesondern hat das Kassationsgericht

i. S. Isliker am 2. Mai 1941 entschieden, dass der Begriff des Ausspãhens angesichts der Wichtigkeit des durch Art. 86 MStG geschützten Rechts- gutes nicht eng ausgelegt werden soll. Die Ausführung dieses Delikts neh1ne nicht erst dann ihren Anfang, wenn der Tãter das von ihm ins Au g e gefasste konkrete militãrische Obj ek t unmittelbar beobachte. Viel- mehr genüge jede auf die geplante Kenntnisnahme abzielende Tãtigkeit, also z. B. eine allgemeine Gelãndeorientierung und damit im Zusamnien- hang stehende Erkundungen, wobei unter lJmstãnden bei Nachweis des Vorsatzes schon die blosse Anwesenheit des l'ãters auf dem betreffenden Gebiet als Indiz für den Beginn des geplanten Ausspãhens erachtet werden kõnne. Ein Beginn der Ausführung der T'atbestandshandlung des Art. 86 MStG in diesem Sinne ist hier gegeben. Der Angeklagte hat sich ins l{ommandobureau des Zerstõrungsdetachements 11 begeben, und zwar nach der Annahme des Divisionsgerichts in der Absicht, die dort auf- gehãngte Karte der Minenobjekte auszuspãhen und Aufnahmen davon zu machen, um diese dem Agenten eines fremden Staates zugãnglich zu machen. Bei dieser Bejahung des Vorsatzes durch die Vorinstanz handelt es sich um eine vom l(assationsgericht nur aus dem Gesichts- punkte der Willkür nachprüfbare Feststellung tatsãchlicher Natur. Von Willkür kann aber nicht die Rede sein. Die Vorinstanz hat den Tat- bestand nach der subjektiven Seite hin mit Sorgfalt erwogen. Sie hat auch die Gründe dafür angeführt, aus denen sie dazu gelangt ist, die Behauptung des Angeklagten als unglaubwürdig abzulehnen, er habe sich mit den deutschen Agenten nur eingelassen, um sie nachher zu ent- Iarven und habe deshalb nie beabsichtigt, die Karte in Gipf-Oberfrick zu photographieren. Auf die an der vorinstanzlichen Beweis~rürdigung

195 No. 87 im einzelnen geübte l(ritik des Verteidigers kann das Kassationsgericht nicht eintreten. Von einem freiwilligen Rücktritt vom Versuch kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil der Angeklagte vom Photographieren der Karte nicht freiwillig Abstand genommen hat, sondern, wie das Divisions- gericht und das Kassationsgericht bindender Weise feststellten~ durch die Wachsamkeit des Lt. Bitterlin an der Ausführung seines Vorhahens verhindert worden ist. D. W ei te r f i eh t de r V erteicliger di e V erurteilung des Angeklagten auf Grund des Art. 27 4 StGB al s Verletzung des Strafgesetzes an. Di e Vorinstanz hat darin, dass M; zuhanden des deutschen .A.genten Fritz ein Exposé darüber anfertigte, wie der Aufmarsch unserer Armee im Mobilmachungsfalle gestõrt werclen kõnnte, sowie darin, dass er Fritz erklãrte, die Schweiz besitze ca. 100 Tanks, clen ·Tatbestancl des Inilita- rischen Nachrichtendienstes im Sinne des Art. 274 StGB erblickt, und zwar mit Recht des vollencleten uncl nicht bloss des versuchten Delikts, wie der Verteicliger annimmt. Wie das Kassationsgericht in seinem heutigen Entscheide i. S. Fritz ausgesprochen hat, genügt es zur Erfüllung des Tatbestancles des Art. 274 StGB in objektiver Hinsicht, dass clem fremden Staat Nachrichten über militãrische Dinge, di e für ihn von Interesse un d N u t z en sein kõnnen, zum Nachteil cler Schweiz übermittelt werclen. Insbesondere erfordert Art. 274 StGB, im Gegensatz zu Art. 86 MStG, nicht, dass es sich um Nachrichten über geheimgehaltene Dinge handle. Der Einwand des Ver- teicligers, dass der Bericht den deutschen Militãrstellen nichts Neues geboten habe, erweist sich deshalb als nicht stichhaltig. c;eracle auch der Hinweis auf Gefahren, die für die Schweiz in gewissen nicht geheim- zu haltenden Tatsachen oder Zustãnden liegen kõnnen, erfüllt die ge- nannten Voraussetzungen, speziell wenn der Hinweis von einer Person ausgeht, der vermõge ihrer militãrischen Ei~enschaft ein gewisses lJrteils- verinügen in solchen Dingen zugetraut werden kann. So ist es für einen fremden Staat von Wert, zu wissen, dass ein schweizerischer Offizier die Moglichkeit, die Mobilisation der schweizerischen Arn1ee durch die im Bericht angegebenen Mittel zu stõren, bejaht, mõgen auch diese Mittel selber für den fremden Staat naheliegend sein. U nerheblich ist au eh d er Einwancl des Angeklagten, das s si eh di e von ihm genannte Zahl von 100 Tanks auf blosse Wirtshausgesprache stützte. Nach Art. 274 MStG ist es unerheblich, ob clie Nachrichten ri eh tig sin d o d er ni eh t. · Darüber, dass sich der Angeklagte als ()ffizier bewusst vvar, dass di e Übermittlung sein er N achrichten im Interesse des .. "-uslandes un d zum Nachteil der Schweiz erfolgten, kann ein Zweifel nicht bestehen. (29. Dezember 194:2, Lt. M. e. D. G. 8.)