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MKGE 4 Nr. 155

MKGE 4 Nr. 155 — Revisionsgesuch Kislig e. T. G. 2 A

Mkg · 1944-04-03 · Deutsch CH
Volltext (verifizierbarer Originaltext)

- 337 - No. 155 C. Nach ·Art. 160, Abs. 2, MStGO, den der Verteidiger einzig als verletzt geltend macht, darf eine Verurteilung des Angeklagten auf Grund anderer Strafbestimmungen als der in der Anklage angerufenen nicht erfolgen, o h ne dass d er Angeklagte zuvor auf di e V erãnderung des recht- lichen Gesichtspunktes besonders hingewiesen und ihm Gelegenheit zur Erorterung des letztern gegeben worden ist. Diese Belehrung des An- geklagten hat durch den Gróssrichter zu erfolgen. Sie soll verhüten, dass der Angeklagte verurteilt wird, ohne Gelegenheit gehabt zu haben, sich unter dem neuen rechtlichen Gesichtspunkt, von welchem das Gericht ausgeht, zu verteidigen. Angesichts dieses Zweckes der Vorschrift kann daher nichts darauf ankommen, ob die angewendete Bestimmung milder oder hãrter ist als die in der Anklage angerufene oder, worauf der Auditor hinweist, dass Anstifter uncl Tãter gleich bestraft werclen (vgl. MKG vom 28. Juni 1943 i. S. Tschumi). Im vorliegenden Fali ist de r Angeklagte auf di e V erãnderung d er rechtlichen Lage, die nicht, wie es die Regel ist, in der Substitution, sondern in der Zufügung neuer rechtlicher Gesichtspunkte zu denjenigen der Anklage bestand, ausdrücklich hingewiesen wnrden. Nach dem Proto- koll der Hauptverhandlung hat der Grossrichter in Anwesenheit der Angeklagten Winkler, Haider und Sãgesser darauf aufmerksam gemacht, dass für Ziff. 1 der Anklageschrift eventuell auch Art. 86 MStG zur Anwendung kommen kõnne, <<ebenso im Falle Winkler)). Diesen Hinweis hat d er V erteidiger hingenommen, o h ne zu rügen, er genüge de n Erforder- nissen des Art. 160, Abs. 2, MStGO nicht. Wie sich aus der Kassations- beschwerde ergibt, scheint er der irrtümlichen Meinung zu sein, diese Verfahrensvorschrift sei dadurch verletzt worclen, dass der Auditor keinen Antrag auf Verurteilung des Winkler als Tãter im Sinne von Art. 86 MStG gestellt hat. IIierauf kann aber nichts ankommen, nachdem der Grossrichter die Belehrung gemãss Art. 160, Abs. 2, MStGO vorge- nommen hat. (15. Mãrz 1944, Winkler e. rf. G. 2 B.) 155. Im Revisionsverfahren wi1~d auf unbestimmte Vorbringen nicht eingetreten. Trotz Art. 200 MStGO ist das neue Beweismaterial unter genauer Bezeichnung der neuen Tatsacl1en und Belveismittel und ihrer Erheblichlieit für die Beurteilung gi~undsatzlich vo1n Gesuch- steller zu beschaffen. Dans la pl~océdure en l~evision (art. 200 PP]\1), il ne peut être entré en matiere sur des allégations imprécises. Il incombe essen-

No. 155 338 tiellement au I'ecoui·ant d'appo1·ter le maté1·iel uouveau des preuves, soit d'indique1· avee exactitude les faits nouveaux et les moyens de p1·euve uouveaux qtt'il entend invoquer, ainsi que leur impo1·tance à ses yeux pou1· la décision à prendre. Non e ricevibile un' istanza di1·evisione basata su aifermazioni imprecise. Nonostante l'art. 200 OGPPM i mezzi di prova nuovi, con Pindicazione p1·eeisa dei fatti e della loro importanza 11er il giudizio, devono, pe1· principio, essere prodotti dalP istant~. Als neue Zeugen zum Beweis dafür, dass Marschall schon immer im Sinne hatte, nach Deutschland zu gehen, ruft der Revisionsklager Bundes- polizeiinspektor Siegenthaler und Untersuchungsrichter Gloor an, ohne zu sagen, was die heiden Zeugen sollen bestatigen konnen und warum er sie nicht schon früher hat angeben konnen. Weiter behauptet er: <<Es müssen frühere Akten gegen Marschall und Bichsel bestehen, die in gleicher Richtung Anhaltspunkte geben müssen ... Es müssen schliesslich Strafuntersuchungsakten gegen einen gewissen Linder und einen gewissen Gribi aus I3iel bestehen, aus denen wiederum hervorgehen muss, dass Marschall schon immer na eh Deutschland g eh en wollte. Alle di ese U nter- suchungsakten, von deren Existenz das urteilende Gericht nichts wusste, sin d als neues I3eweisn1aterial beizuziehen. >> Au eh müsse ein gewisser Cilanzmann, Handlanger in Aegerten oder Brügg, als intimer Freund Marschalls dessen Entschlüsse kennen. Und schliesslich habe Bundes- polizist Frey e ine lJ nterred ung z'vischen Adam un d l{islig Initangehort. Da Frey nicht als Belastungszeuge gegen Kislig verwendet worden sei, müsse angenomn1en werden, dass Kislig hei Ada1n keine ihn belastenden Aussagen gemacht habe. Frey sei als Zeuge einzuvernehmen. Auf diese unbestim1nten Vorbringen kann das Kassationsgericht nicht eintreten. D er Verteidiger verkennt das W esen d er Revision als eines ausserordentlichen Rechtsmittels, durch das neue 1'atsachen und neue Beweismittel dem Proze13stoff einverleibt werden sollen zu de1n Zwecke, durch Neuaufrollung von Beweisfragen ein rechtskraftig ge- worclenes Urteil umzustossen. Das neue Beweismaterial ist nach Mog- lichkeit grundsatzlich vom Ilevisionsklager zu beschaffen. In seinem Revisionsgesuch hat der Revisionsklãger die neuen Tatsachen genau zu bezeichnen und anzugeben, inwiefern sie erheblich sein sollen. Ebenso muss er die neuen Beweis1nittel und die durch sie zu beweisenden 1'at- sachen genau angeben und dartun, welche f-..olgerungen aus dem neuen Beweisstoff gezogen werden sollen. Art. 200 MStGC), wonach das Kassa- tionsgericht <<na eh vorgangiger U ntersuch un g d er Sae h e)) über das Revisionsbegehren entscheidet, hat nicht den Sinn, dass das l{assations- gericht auf blosse allgemein gehaltene Behauptungen des Gesuchstellers hin, auch wenn sie mit dem Antrag verbunden sind, Zeugen abzuhoren

- 339 - No. 15ô o d er amtliche Ak te n beizuziehen, verpflichtet i s t, alles N otige z ur Ab- klãrung des Sachverhaltes und zur Herbeischaffung von Beweismitteln zu veranlassen (vgl. MKG vom 7. September 1943 i. S. Wolff und Kauf- mann; Stooss, Komm. MStGO, Art. 200, N. 1). (3. April 1944, Revisionsgesuch Kislig e. T. G. 2 A) 156. Fortgesetztes Delikt: Begt~iff .. - Beginn d er V ei·jah1·ung (A1·t. 34, Abs. 2, BStR von 1853; Art. 71 StGB) (Erw. 1). - Militarischer Nacl1richtendienst (Art. 274 StGB), begangen durch Beherbergen uud Bewirten von Agenten und das Bereithalten von .Geld für de1·en Zwecke (Et·w. 2). Délit successif (ou continué) : N otion. - Point de départ de la presc1·iption (art. 34, al. 2, CPF de 1853; art. 71 CPS) (cons. 1). - Service de 1·enseignements militaires (art. 274 CPS): Infraction com- mise en hébergeant et traitant des agents et en gardant en (lépôt de l'a1·gent à le ur intention (cons. 2). l Delitto continuato: Concetto. - Inizio della prescrizione (art. 34, cp. 2, CPF del 1853; art. 71 CP) (cons. 1). - Spiouaggio militare (art. 274 CP) commesso dando alloggio e vitto ad agenti e tenendo a disposizione de l denaro per i loro scopi (cous. 2).

l. Na eh Art. 34, Abs. 2, B StrR, unter dessen I-Ierrschaft die Hand- lungen d er Beschwerdeführerin begangen w orden sin d, begann di e V er- folgungsverjãhrung beim fortgesetzten Delikt zu laufen mit dem Tage der Verübung der letzten Handlung. Das fortgesetzte Delikt verlangte nach der Rechtsprechung des Bundesgerichts eine Mehrheit von Hand- . lungen, von d en en j ede einzelne für si eh allein de n T'atbestand d er be- treffenden strafbaren Handlung erfüllte, die aber infolge ihrer Gleich- artigkeit und der Kontinuierlichkeit ihrer Vornahme nur als Verwirk- lichung des einen und selben deliktischen Willensentschluss erschien (BGE 56 1 77, 315). In der ljteratur ist die Frage, ob das fortgesetzte I)elikt einen einheitlichen Willensentschluss erfordere, bestritten. Im vorliegenden Falle kann sie offen bleiben, denn selbst wenn sie bejaht werden müsste, lãge hier ein fortgesetztes Delikt vor. Das Territorial- gericht hat mit eingehender Begründ un g festgestellt, das s J ohanna Miller gleich wie ihr Ma n n >, womit es sagen will, sie sei zum vornherein entschlossen gewesen, solchen Dienst zu treiben, und habe die einzelnen Handlungen auf Grund dieses ein-