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- 225 - No. 104 die Entwicklung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung zu dieser Frage braucht hier nicht eingetreten zu werden. Denn sie wãre auf keinen Fali als neue Tatsache zu betrachten, die zur Revision eines militãrgericht- lichen Urteils führen kõnnte. (16. April 1943, Revisionsgesuch Sulser e. D. G. 5.) 104. Ke ine Beschi~anl{ung d er Verteidigung (Art. 188, Abs. 1, Ziff. 6, MStGO), wenn dem Verteidige1· vor der Hauptverhandlung Beweis- stücke nicht genannt oder gar zu1· Einsicbt nicht zugesandt werden. Die Vo1·lage in der llauptverhandlung genügt (At·t. 145 1\IStGO) (E1·w. A).- Begriff der «Vereinigung» im Sinne von Art. 99 MStG (Erw. E). - Der Bundesratsbescbluss von1 4. Dezembe1· 1939 be- treffend das Verbot der staatsgefãhrlicben Propaganda in der AI·ntee stellt nur die Propaganda im Truppenverbande und gegenüber ein- zelnen im Dienste stebenden Wehrmãnnern unter Strafe (Erw. F). N e constitue p as un e entrave à la défense (art. 188, at 1, cb. 6, PPM), le fai t que des pieces du dossier n'ont pas été communi- quées ni indiquées au défenseu1· avant l'audience du jugement. I .. a production des pieces à l'audience principale suffit (a1·t. 145 PPM) (cons. A). - Définition du « groupement » au sens de l'art. 99 CPM (cons. E). - L'ACF du 4 décembre 1939 inte1·disant dans l'armée la propagande contraire à l'ordre public ne vise que la propagande faite dans un corps de troupe et à l'égard de soldats qui se trouvent au service ·(cons. F). N o n esiste alcuua limitazioue della difesa (art. 188, e p. 1, cif. 6, OGPPM), allorcbe non si notificano al difensore o non gli si comuni- cano dei documenti dell'incarto prima della udienza. Basta la pro- duzione al dibattimento (art. 145 OGPPJ\!1) (cons. A). - Concetto de l « gruppo » di cui all'art. 99 CPl\rl (cons. E). - Il DCF de l 4 di- cembre 1939 che vieta nell'esercito la pro1Jagauda contraria al- l'ordine pubblico punisce solo la propaganda effettuata presso corpi di truppa o sin g o li militi eh e son o in servizio (cons. F). A. Das Gericht war nicht verpflichtet, die Akten der vorlãufigen Beweisaufnahme, welche sich übrigens nicht gegen den Beschwerdeführer, sondern gegen die Vereinigung der <<Zeugen Jehovas)) und die Wachtturm- gesellschaft richtete, von Amtes wegen und vollstãndig beizuziehen. Es war auch nicht gehalten, sie dem Verteidiger zuzusenden oder ihm von
No. 104 - 226 - der Existenz dieser Akten Kenntnis zu geben. Art. 145 MStGO schreibt lediglich vor, dass die schriftlichen Beweisstücke dem Gericht in der Hauptverhandlung vorzulegen seien. Das hat der Grossrichter getan, auch soweit diese Beweisstücke der vorlãufigen Beweisaufnahme ent- stamtnten. Angeklagter und Verteidiger haben davon in der Haupt- verhandlung Kenntnis erhalten un d konnten dazu in gesetzlicher W eis e Stellung nehn1en. Weitere Beweisstücke aus der vorlãufigen Beweis- aufnahme sind dem Urteil nicht zugrunde gelegt worden. Die Vorinstanz hat daher weder Verfahrensvorschriften verletzt, noch den Beschwerde- führer unzulãssigerweise in de r V e~teidigung beschrãnkt. E. a) l)as angefochtene Urteil nimmt nieht bloss an, die Tãtigkeit de r V ereinigung de r << Zeugen J ehovas n sei geeignet, di e militãrische Disziplin zu untergraben, sondern auch_, sie sei darauf gerichtet, d. h. die Untergrabung der militãrischen Disziplin gehõre zu den Zielen der Vereinigung. Ob dies zutreffe, ist Tatfrage, welche das Kassationsgericht nur anders entscheiden kõnnte, wenn die Vorinstanz die Beweise will- kürlich gevvürdigt hãtte. Das ist nicht der Fali. Es steht fest, dass Mit- glieder de r V ereinigung de r « Zeugen J ehovas)) einzig wegen ihres Glaubens den Dienst, den Fahneneid oder den Gehorsam verweigert haben oder ausgerissen sind. Von diesen Wirkungen der Lehren der «Zeugen Jehovas)) auf ihren Zweck zu schliessen, legen di e von d er V orinstanz zitierten Stellen aus d en Schriften d er V ereinigung nahe, namentlich d er Artikel <<Neutralitãt)) in der Zeitschrift «Der Wachtturmn. Der Bedeutung wegen, welche di e V ereinigung diesem Artikel selber beimass, liess si e davon einen Separatabdruck erstellen. Der Beschwerdeführer verwies die Glauhensgenossen auf diesen Artikel, wenn sie von ihm wissen wollten, ob sie ihre militãrischen Pflichten zu erfüllen hãtten.
b) Unter Art. 99 MStG fallen Vereinigungen, die bezwecken oder deren T'ãtigkeit darauf gerichtet ist, die militãrische Disziplin zu unter- graben, insbesondere Dienstpflichtige zum U ngehorsam gegen militã- rische Befehle, zur Dienstverletzung, zur Dienstverweigerung oder zum Ausreissen z u bewegen un d z u verleiten. Das s di e U ntergrabung d er militãrischen Disziplin der einzige, der I-Iaupt- oder der ~=ndzweck der Vereinigung sein müsse, sagt das G·esetz nicht. Es kommt deshalb nicht darauf an, das s di e « Zeugen J ehovas)) d en Waffendienst bloss deshalb ablehnen, weil sie glauben, damit helfen zu kõnnen, das Reich Gottes auf Erden herbeizuführen, dem sie als Endziel zustreben. Es genügt, dass ihre Lehre den \Vaffendienst verpõnt, und zwar in der Meinung, dass er wirklich verweigert werden solle.
e) Als die eidgenõssischen Rate Art. 99 ins Militãrstrafgesetz auf- nahmen, dachten sie in erster Linie an die Bekãmpfung von Vereinigungen unter Soldaten, namentlich von sogenannten Soldatenrãten (AStenBull StR 1922 176, 1926 237; NatR 1925 431 ff.). Das Gesetz wurde jedoch so gefasst, dass auch Vereinigungen unter Zivilpersonen darunter fallen,
227 No. 104 wenn und soweit die Zivilpersonen überhaupt dem Militãrstrafrecht unter- stehen. Das Militãrkassationsgericht hat denn auch die Anwendbarkeit des Art. 99 MStG auf Zivilpersonen bejaht,. welche dem Militãrstrafrecht gestützt auf Art. 2, Ziff. 4, MStG unterstanden (MKGE 2, No. 52). Wãhrend des gegenwãrtigen Aktivdienstes unterstehen Zivilpersonen, welche sich gegen Art. 99 MStG vergehen, dem Militãrstrafrecht gestützt auf Art. 3, Ziff. l, MStG in Verbindung mit Art. 2, lit. a, des BRB vom
29. August 1939 betreffend den Aktivdienstzustand. Schon aus der Erwãhnung des Art. 99 in Art. 3, Ziff. l, MStG ergibt sich, dass Art. 99 MStG nicht bloss auf Vereinigungen unter Soldaten anwendbar sein soll. Auch in dieser Beziehung hãlt daher das angefochtene Urteil vor dem Gesetz stand. F. Der Beschwerdeführer erklãrt mit Recht, dass der BRB vom
4. De~ember 1939 betreffend das Verbot der staatsgefãhrlichen Propa- ganda in der Armee nur gelte für Propaganda in der Armee und gegen- über Angehorigen der Armee, und dass in diesem Sinne Angehoriger der Armee nur sei, wer im Dienste steht. Der BRB bezweckt nicht die Bekãmpfung der staatsgefãhrlichen Propaganda überhaupt, sondern bloss den Schutz der Armee vor solcher Propaganda (vgl. Bericht des Bundes- rates an die Bundesversammlung vom 10. Mai 1940 über die auf Grund der ausserordentlichen Vollmachten ergriffenen Massnahmen: BBI 1940 1 651; Lüthi, Das Verbot der staatsgefãhrlichen I_)ropaganda in der Armee, Allg. Schweiz. Militãrzeitung 1941 238, 242). ·Der Begriff der Armee darf nicht verschieden ausgelegt werden, je nachdem die Propaganda «in der Armee)) oder ((gegenüber Angehorigen der Armee)) (Art. l, Abs. l, BRB vom 4. Dezember 1939) betrieben wird. «In der Armee)) heisst im Truppenverband, und «gegenüber Angehorigen der Armeen heisst gegenüber einzelnen im Dienste stehenden Wehrmãnnern. Aus Art. l, Abs. 2, des BRB lãsst sich nichts anderes schliessen, denn diese Be- stimmung verbietet das Vorbereiten und Unterstützen der in Art. l, Abs. l, genannten Propaganda, nichts anderes. Ob das Vorbereiten und das U nterstützen innerhalb o d er ausserhalb de r Armee erfolgt, ist na eh d em Wortlaut des Art. l, Abs. 2, gleichgültig; di e Propaganda aber, di e vorbereitet oder unterstützt wird, muss immer solche in der Ar1nee oder gegenüber Angehorigen der Armee sein. In diesem Sinne hat das Militãr- kassationsgericht den BRB vo1n 4. Dezember 1939 bereits am 19. Sep- tember 1942 in Sachen N elz un d Mitangeklagte ausgelegt. Über diesen Sinn darf die Tatsache nicht hinwegtãuschen, dass im vorliegenden Fali durch die Propaganda der ccZeugen Jehovasn die Interessen der Armee berührt werden, denn der BRB vom 4. Dezember 1939 stellt nicht auf die Interessenlage ab, sondern darauf, an wen die Propaganda gerichtet ist. Hier war sie nur an Zivilpersonen gerichtet. Soweit das angefochtene Urteil den Beschwerdeführer wegen Wider- handlung gegen den erwãhnten Bundesratsbeschluss schuldig erklãrt,