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MKGE 1 Nr. 32

MKGE 1 Nr. 32

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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

No. 32 ~ 40 denen Gebaudeteile. A"Liszunehmen ist, wie dies ilu Fall 1\Iüller auch ge- schehen ist, ein Raun1, zu dem jedermann Zutritt hat, wie eine Gaststube und ihre õffentlichen Zugange. B. Der Angeklagte J. hat seine Diebstahle in1 Keller des Hotels ausgeführt, also in eine1u dem Publikum nicht zuganglichen Teil des. Gebaudes, in de1n er kantoniert war. Über die nahern õrtlichen Ver- haltnisse geben di e Skizzen des U ntersuchungsrichters, Ini t denen di e unbestrittene Darstellung des Kassationsklagers übereinstimmt, hin- reichenden Aufschluss. Der vordere Teil des Erdgeschosses enthalt eine Spezereihandlung un d eine Gaststube; d er Aufgang zum Kantonnernent befindet sich gegenüber der l{üche hu hintern Teil des Erdgeschosses. In unmittelbarer Nahe befindet sich die Türe zur Kellertreppe. Der Zugang zum Kantonnement und derjenige zum Keller liegen also bei- einander, und Z"\var in dem Teil des Gebaudes, der nicht jedermann offen stand. Es ist also klar, dass die Diebstahle im Keller durch die E~in­ kantonierung J .s veranlasst o d er do eh wesentlich gefõrdert un d er- leichtert worden sind. Die Gefahr, die der Gesetzgeber mit Art. 132,. li t. e, MStG bekampfen wollte, hat si eh in geradezu typischer Weise ver- wirklicht. Im Gegensatz zum Fall Müller, wo das Kassationsgericht man- gels bestimmter·Angaben angeno1umen hat, dass der Diebstahl in einen1 õffentlich zuganglichen, ni eh t z ur W ohnung des Quartiergebers ge- hõrenden T'eil des Hauses stattfand, liegt hier der Tatbestand des so- genannten Quartierdiebstahls vor. Das Urteil des Divisionsgerichts ist also zu kassieren. (22. Mai 1916, Auditor e. D. G. 2 b i. S. Joller.) 32. Betrug (l\IStGB ATt. 153). D ei~ «Nachteil» liegt nicht in d er Tãuschung selbst, sondern in den Tãuschungsfolgeu. Zum Be- trugsvei~such genügt eine falsche Angabe, die geeignet ist, zu tau- schen uud den Getauschten zu einem ihn oder Dritte benachtei- ligenden V ei~halten zu bestimmen. Di e Tauschung ist eine solche zum Nacl1teil der Rechte eines andern, nicbt notwendigerweise eine solche über den Nacbteil. Fraude (art. 153 CPM). Le «préjudice» ne résulte pas de la seule trom p eri e, mais des effets de la tromperie. Il suffit, p o ur qu'il y ait tentative de fraude, d'une affirmation mensongere,, propre à tromper et à induire la victime du délit à un acte préju- diciable pour lui-même ou pour un tiers. Il suffit enfin d'une . ti·ompei'ie au pi~éjudice des droits d'autrui; il n'est pas nécessait·e que l'erreur provoquée porte sur les effets pi~éjudiciables eux-mêmes.

- 41 No. 32 Frode (at·t. 153 CPM). 11 dan11o 11011 e· costituito dallo inganno p er se stesso, ma dalle conseguenze di questo. · Quale tentativo di frode basta una falsa indicazio11e, idonea ad ingannare, ed a deter- minat·e l'ingannato ad atti pregiudicievoli pet· se . o p er tet·zi. B as ta un i11ga11no a pregiudizio dei dit·itti altrui, 11011 occo1·re Ull i11ga11no circa la qualità o l'entità del pregiudizio. Um sich Geld fiir die Bezahlung einer J{ostgeldséhuld zu ver- schaffen, suchte G. bei cler Wirtin W. und nachher beim Wirt R. ein Darlehen von Fr. 50 aufzunehmen unter de1n Vorwand, er müsse beim Feldpostchef wegen einer Schliigerei Fr. 50 hinterlegen. Er Lvurde in beid~n Fiillen abgewiesen. Einige Tage spiiter, am 10. April .1916, bai G. clen Coiffeur E. unter Triinen um Fr. 50 mii der falschen Angabe, er brauche si e für di e [] nietsiüizung eines von den Eltern versiossenen Bruclers. Er erhieli das Geld und versprach schriftlich die Zurückgabe bis 1?. April. Mii Hilfe einer Verwandten, die ihm den Beirag vorstreckte, konnie er clem E. ilnfang 1\;!ai die Fr. 50 zurückzahlen. Das Divisionsgerichi 4- sprach den Angeklagien von der .. Anklage auf vollendeien Betrug gegen E. frei, verurieilte ihn je- doch wegen Beirugsversuches gegen W. und R. (un d zvegen Insub- ordination J. Gegen das U rieil erhoben d er A uditor un d d er Ange- klagte Kassationsbescluverde; beide uJurden abgelviesen. G., ayant un e deit e d'auberge, chcrcha à se procurer l'argent pour la payer en sollicitant un prêt de 50 fr. de l'hôiesse W. ei enszziie de l'aubergiste R.; íl préiextait qzz'il devaii déposer 50 f r. chez le chef de la posie de campagne à la suiie d'une batterie. Ayant essuyé un double refus, il supplia en pleurani, quelques jours plus tard, soi t le 1 O avril 1916, le coiffeur E. de lui prêier 50 f r.; íl préiendait auoir besoin de celte samme paur secaurir un frere chassé par ses parents. I l reçut l'argent ei prarrzit par écrit de le rendre jusqu'au 17 avril. Grâce à l'aide d'une parente qui les lui avança, il put restituer les 50 fr. à E. au carnmencemeni de 111ai. Le tribunal de la ~J-e divisian acquitta G. du chef du délit cansammé de fraude envers E., mais le candamna paur teniative de fraude envers W. ei R. (et pour insubardinatian J. L'audiieur ei l'accusé an.t i aus de u x recauru conire ce jugen1eni; les deux recaurs ani élé rejelés. G. avendo caniraila un debita all'asteria, cercà di .prócurarsi i l denara per soddisf ar la, chiedenda un preslita di 50 f r. al l'astessa W. e .pai all'osie R. Inclicà came maliva che, a seguita di una rissa, daveva depasilare fr. 50 pressa il capo della pasta di ca1npagna. ll

No. 32 42 presiilo gli fu da ambedue rifiutaio. Alcuni giorni dopo, addi 10 aprile 1916, supplicà, colle lagri1ne agli occhi, i l barbiere E. di mutuargli i fr. 50, pretestando falsainente che ne aveva bisogno per soccorrere .un fratello, scacciato dai genitori. Ricevette i l denaro e promise per iscritto di renderlo entro il 17 aprile. Coll' aiuto di una parente ·che glieli sborsà, pote restituire ad E. i fr. 50 in principio dt maggio. ll tribunale della IJ_a divisione lo assolse dal delitto di frode consumata ai danni del barbiere E., ma lo condannà per teniativo di frode a llanno degli osi i W. e R. (e per insubordinazione). U di lo re e di- fensore rico!sero in cassazione; i du e ricorsi vennero res pinti. A. Der Auditor erblickt in der Freisprechung G.s v9!1 der Anklage auf Betrug zum Nachteil E.'s eine Verletzung des Strafgesetzes. Zum Tatbestand des Betruges im Sinne von Art. 153 MStG gehõren drei Momente: eine absichtliche Tauschung, eine Benachteiligung d er Rechte €Ínes andern und der ursachliche Zusammenhang zwischen der Tauschung und dem Nachteil.

a. Anzunehmen ist nach den tatsachlichen Feststellungen des Divi- sionsgerichts, dass im Fall l~. das erste und das zweite Erfordernis erfüllt sind. G. erzahlte unter Tranen eine erfundene rührende Ge- schichte von einem unglücklichen Bruder, und E. glaubte ihm. Die absichtlich unternommene Tauschung liegt also vor. E. gab hierauf dem Angeklagten den gewünschten Betrag. Darin lag, objektiv ge- nommen, ein Nachteil für E., da er ohne Anspruch auf irgendeinen Gegenwert (z. B. eine Risikopramie in Form eines Zinsanspruches) sich der 50 Franken entausserte und die Gefahr auf sich nahm, das Geld ni eh t mehr zurückzuerhalten. Es fehlte ihm tatsachlich jede Sicherheit; G. war aus eigenen Kraften nicht imstande, das Darlehen zurückzu- zahlen. Erst der gute Wille einer Drittperson, auf deren Einschreiten \Veder G. noeh E. irgendwelchen Anspruch hatten, führte zur Rücker- stattung der geborgten Summe und darnit zur naehtraglich.en Aufhebung des N achteils.

b. Streitig ist also nur der ursachliche Zusa1nmenhang zwischen 'Tauschung und Nachteil. Diese Frage ist tatsachlicher Natur; es bleibt also dem Kassationsgericht nichts übrig, als si eh an die Beweiswürdigung des Divisionsgerichts zu halten. Aus der Aussage E.s schliesst das Divisionsgericht, dass der durch bewusst falsche Angaben erregte Irrtum nicht di e lT rsache d er I-Iingabe des Geldes un d des dari n liegenden vorübergehenden Nachteils gewesen sei. So zweifelhaft auch die Schlüs- sigkeit dieser auf eine entgegenkommende Zeugenaussage gestützten Er- wagung erscheinen mag, so gehõrt sie doch zu dem verbindlich festge- stellten Be\veisergebnis. Es fehlt also im Fall E. an einern wesentlichen 1Vlerk1nal des Betrug~tatbestandes.

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e. N un hal t d er Auditor allerdings dafür, dass schon di e Tãuschung an sich, ohne Rücksicht auf ihre weitern, namentlich vermõgensrecht- lichen Folgen, einen Nachteil im Sinne des Art. 153 MStG enthalte; denn derjenige, der um ein Darlehen angegangen werde, habe ein Recht auf Wahrheit, das durch schwindelhafte Angaben verletzt werde. Damit wird eine Deliktskonstruktion aufgestellt, in der die Tatbestands- merkmale der Tãuschung und des Nachteils in eins verschmolzen werden; di e Prüfung des ursachlichen Z usammenhangs zwischen bei d en "\Vürde dadurch überflüssig. Diese Konstruktion vertrãgt sich aber schon mit dem Wortlaut des Art. 153 MStG nicht; die Tãuschung ist in allen drei Texten nicht selber als Nachteil, sondern nur als l\~Iittel zur Heibeiführung eines Nachteils ~erwãhnt. Dies entspricht auch der allgemeinen Auffassung vom W esen des Betruges, dessen Besonderheit darin besteht, dass jemand durch eine vorsãtzliche Tãuschung zu einem ihn selber o d er Dritte schãdigenden V erhalten bewogen wird. D er Nach- teilliegt also nicht in der Tãuschung selbst, sondern in den Tãuschungs- folgen, die allerdings auch anderer als verm.õgensrechtlicher Art sein kõnnen (Militarkassationsgericht in Sa eh en M üller vom 17. N ovember

1914) 1). Es gibt übrigens keine Bestimmungen des positiven Rechts, die einen allgemeinen Anspruch auf Wahrheit normieren. Das Kassa- tionsgericht hat das private > auch für andere Ver- hãltnisse abgelehnt. Vgl. Urteil vom 9. Dezember 1915 in Sachen Bo- denn1üller (oben Nr. 8, Erw. D). Der Auditor hãtte logischerweise auch die Fãlle R. und W. als vollendete Delikte behandeln n1üssen; denn G. hat das angebliche Recht auf Wahrheit gegenüber R. und W. genau gleich verletzt wie gegenüber dem Coiffeur E. Dadurch, dass die Anklage auf blossen Versuch ging, hat sie das Vorliegen eines Rechtsnachteils, der in der Tãuschung selber zu finden wãre, richtigerweise verneint. Die gleichen l~rwagungen führen zur Abweisung der Kassationsbeschvverde des Auditors im Falle E. B. l)er Verteidiger sucht aus der Beurteilung des Falles E. abzu- leiten, dass der Angeklagte auch in den Fãllen W. und R. freigesprochen werden müsse. Er betont namentlich, dass hier wie dort der Kausal- zusammenhang zwischen Tãuschung und Rechtsnachteil fehle. J)iese Er,vagung ist nicht durchschlagend.

a. In den Fãllen R. und W. handelt es sich nur um die Frage des Betrugsuersuches. Bei jedem \Tersuch fehlt aber der Erfolg, der also au eh beim strafbaren Versu eh überhaupt ni eh t verursacht . 'vorden ist und daher von vornherein in keinen1 Kausalzusa1umenhang stehen kann. Nicht die Kausalitãt, sondern bloss die lVIõglichkeit einer solchen n1acht das l\1erkmal des strafbaren Versuches aus; zum Betrugsversuch genügt also eine falsche Angabe, die geeignet ist, zu tãuschen und den

1) z. 27, s. 401.

No. 32 44 Getauschten zu eine1n ihn oder Dritte benachteiligenden Verhalten zu bestimmen. Dabei haben 'vir uns keineswegs zu fragen, was eingetreten ware, wenn der Angeklagte die Wahrheit gesagt hatte. Der Vergleich n1it supponierten Tatbestanden kann weder für die Kausalitat noch für die l\Iõglichkeit einer solchen in den zu beurteilenden faktischen Vor- gangen entscheidend sein, und wenn sich auch denken liesse, dass wahre Angaben ebenfalls einen Nachteil für Dritte bewirken kõnnten, so lage darin eben nichts Rechts,vidriges, un d, es ware datnit ni eh t gesagt, das s di e I-Ierbeiführung des gleichen Nachteils durch eine vorsatzliche Tauschung erlaubt sein 1nüsste. Der I-Iinweis auf den Fall E. versagt deshalb, weil dort die falschen Angaben überhaupt keine Wirkung haben konnten, da E. ohne Rücksicht auf die Erzahlungen G.s die 50 Franken dem in Ver- legenheit geratenen Menschen geben wollte und gegeben hat. Der Grund zur Unterbrechung des ursachlichen Zusatnmenhangs liegt also im Fall -E. nicht in1 Verhalten des Angeklagten, sondern in der Persõnlichkeit des Benachteiligten. Es widerspricht den einfaehsten Lebenserfahrungen, einen solchen Fall verallge1neinern zu wollen. .

b. Es fragt sich also nur noch, ob die zu Tauschungszwecken vorge- brachten Behauptungen, mit denen G. von ~- und W. Geld zu erhalten su eh te, geeignet "raren, z u tauschen un d dadurch ei nen N achteil z u ver- ursachen. Die Verteidigung stellt sich auf den Standpunkt, dass der Dritte über d en l\7 achteil hinweggetauscht werden müsse, damit Betrug vorliegen kõnne. Beim Betrugsversuch müsste sich also der Angeklagte bemüht haben, den Getauschten glauben zu tnachen, dass kein Nachteil eintreten würde. Das ist aber eine offenkundige Verengerung der Trag- weite des Art. 153 MStG, der nicht eine Tauschung über den Nachteil verlangt, sondern al s Betrug bezeichnet: >; >; >. Also jede absichtliche Tauschung, die einen solchen Nachteil zu verursachen geeignet i s t, genügt zum Betrugsversuch; es braucht ni eh t eine Irre- führung über die den Dritten treffenden nachteiligen Folgen zu sein. Qffenbar kann auch die versuchte unehrliche Ausbeutung der Gutherzig- keit darunter fallen, al so falsche Angaben über di e persõnlichen \r er- haltnisse und die Beweggründe des Tauschenden, · wodurch sich dieser als der Rücksicht würdig e1upfehlen will, aber auch unwahre Behaup- tungen über dje beabsichtigte \T erwendung einer erbetenen Geldsumme.

e. G. versuchte, von den Wirtsleuten R. und W. Geld zu erhalten unter der falschen Angabe, er 1nüsse beim :Feldpostchef wegen einer Schlagerei 50 Franken hinterlegen. Er suchte also über die Verwendung des Geldes zu tauschen. Diese Tauschung war für die \Vahrscheinlich- keit d er Hingabe des· Geldes ni eh t belanglos. G. hat offenbar 1nit Recht angenommen, dass er bei den Gastwirten eher auf Entgegenkommen