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MKGE 1 Nr. 147

MKGE 1 Nr. 147 — Auditor e. D. G. 5a i. S. Widder.

Mkg · 1925-02-28 · Deutsch CH
Volltext (verifizierbarer Originaltext)

257 . No. 147 _péine qu;il prononee est prescrite. - Les amendes elles aussi se _prescri\rent. -. - 11 est contraire à la loi pour un tribunal de mettre :à néa11t selonl'art.167 OJM un jugement par défaut lorsque la peine ·prononcée par ce jugement est prescrite, et d'infliger par un nouveau jugement une peine en la déclarant déjà prescrite. An eh e le p ene pronunciate in contumacia son o soggette a prescri- :zione. Prescritta la 11ena puõ chiedersi la revisione di un giudizio -co.ntumaciale. - Si prescrivono anel1e le ~ulte. - Viola la legge j} tribunale cl1e revoca una sentenza contuiuaciale a norma dell'art. 167 OGM- fJUando la pena pronunciata con tale sentenza e già pt·eseritta- e la viola doppiamente se pt·onuncia poi con un nuovo -,giudizio uua pena dichiarandola già prescritta. W. Lvurde am 28. August 1915 vom Divisionsgericht 5 a Lvegen Widerhandlung gegen ein Ausfuhrverbot in contumaciam verurteilt .zu eine1n l\1onat Gefangnis und Fr. 1000 Busse. Das Urleil konnte nichl vollstreckt zverden. Im Jahre 1924 stellte vV. das Gesuch um ·A ufhebung des U rteils un d ne ue Beurteilung des Falles un d slellte si eh -an1 23. J an u ar 1925 z ur ne uen 11 auptverhandlung. Das Divisions- _gerichl 5 a lzob das frühere [Jrteil àuf und verurteilte den W. zu aclzt Tagen Gefiingnis und Fr. 500 Busse, zvelche Strafen jedoch verjahri .sei en. Die dagegen gerichtete Kassationsbescluverde des Auditors wurde,abgezviesen. Par jugemeni rendu par défaut le 28 aout 1915, le tribunal de division 5 a condamna W. à la. p e ine de un moís d'emprisonne- _ment ei f r. 1000 d'amende pour contravention . â un e interdiction d'exportation. Ce jugemeni ne put être exécuté. En 1924 W. de- _Inanda que le jugement fút annulé ei que l'affaire fui jugée à nouveau, ei il se présenta_le 23 janvier 1925 à ele nouveaux débats. Le tribunal .de division 5 a mit à néant le précédent jugement et coi1damna W. à lzzzil jours de prison ei f r. 500 d'an1ende, ces peines étant cependani prescrites. La de1nande de cassation forJnulée p ar r auditeur conlre ce jugement fui écartée. Con sentenza conilnnaciale 28 agosto 1915 il iribunale di divi- .sione 5 a condannà W. ad un mese di deienzione ed a mille franchi di multa per contravvenzione ad un divieio di esportazione. - La .senienza non pole ottenere esecuziorie. - Nel 1924 W. domandà che la senlenza fosse revocata per dar luogo ad un nuovo giudizio, e si presenta il 23 gennaio 1925 per i nuovi dibattimenii. - Il fribunale di divisione 5 a revocà i l prima giudizio e condannà W. a 8 giorni di 17

No. 147 258 detenzione ed a fr. 5 di multa dichiarando pero che quesie pene erano prescritte. A. Der Auditor macht g~ltend, das Urteil verletze die Bestimmungen über die Verjahrung der Strafe. Aus Art. 39, d, MStG ergebe sich) dass. ei n Kontumazurteil nicht verj ahre, so lan g e d er V erurteilte si eh nicht stellt oder ergriffen wird. Das Kassationsgericht hat im Fali Buffe vom 13. Februar 1923 1) ausgeführt, dass die Verjahrung eines Kontumaz- urteils vorher eintreten kõnne und es liegt in den Argun1enten des Kas- sationsklügers nichts, was genügen würde, um von dieser Auffassung abzugehen. - Dem Kontumazierten, der sich stellt oder ergriffen wird, steht es allerdings frei, die Aufhebung des Urteils zu verlangen (Art. 167 MStGO). D ara us folgt aber ni eh t, dass di e Strafe ni eh t vollziehbar war .. J)enn es braucht eine ausdrückliche Erklarung, also eine neue Tatsache,. u1n d en Vollzug z u hemmen. V erlangt d er Verurteilte di e Aufhebung des Urteils nicht, so hat das Urteil im vollen Un1fang die Wirkung, die ihm zukame, wenn d er Angeklagte an d er I-Iauptverhandlung teilgenomn1en hatte. Es bedarf keiner Bestatigung, keines formellen Aktes, nicht einn1al einer Feststellung, dass das Urteil in Rechtskraft erwachsen sei. Das. Kontumazurteil ist vollstreckbar unter d er Bedingung, dass d er V erur- teilte von dem ihm durch Art. 167 MStGO eingeraumten Recht keinen Gebrauch 1nache. Tritt die neue Tatsache nicht dazwischen, so bleibt es in allen Beziehungen beim Urteil, wie es gefallt \vurde, und seine Rechts-- \Virkungen gehen von dem Zeitpunkt aus, in den1 es >. Vgl. Stooss, l{oinln. 150, Note 10. J)ie resolutiv bedingte Rechtskraft des Kontumazurteils muss also auch für die Verjahrung genügen. - Im vorliegenden Fali ist die Verjahrung der Strafe in 5 Jahren eingetreten (Art. 39, b, MStG). Das Divisionsgericht hat also zu Recht festgestellt, dass die in1 Urteil vom 28 .. A.ugust 1915 ausgefallte Strafe im Zeitpunkt der vViederaufnahme des Verfahrens. verj ahrt w ar. B. Der Auditor macht geltend, dass jedenfalls die Geldbusse nicht verjahrt sei. Eine ganz mechanische Auslegung des Art. 39, e, MStG kann zu diesem Schlusse führen, weil darin die in Art. 39, a, und b, nicht erwahnten Strafen als unverjahrbar bezeichnet sind, und unter a und b die Geldbusse allerdings nicht zu finden ist. - Das genügt für die Fest-- stellung des Gesetzesinhaltes aber nicht. Der Gesetzgeber kann bei der llegelung derVerjahrung nur an die Strafen gedacht haben, die nach dem Gesetz selber überhaupt mõglich sind. Der Ausdruck in Art. 39, e, MStG > (sind der Verjahrung nicht unter\vorfen) bedeutet also: alle ni eh t unter Art. 39 a un d b erwahnten Strafen des Militiirstrafgesetzbuches, und ein Vergleich mit Art. 4 ergibt, dass darunter zu verste?en sind: Landesverweisung, Kassation und Entsetzung.

1) Oben Nr. 137.

259 Von Geldbusse ist in1 l\1StG überhaupt nirgends di e Rede; also kann der Gesetzgeber au eh nicht .·di e Verjahrbarkeit der Geldbusse geregelt haben . . Es ware zudem nicht ersichtlich, warum er die Geldbusse, die eine einmalige Leistung verlangt, in der Verjahrungsfrage den Strafarten hatte gleichstellen wollen, die im wesentlichen die Schaffung eines Dauerzustandes bezwecken. - Das Bundesgesetz über das Bundesstraf- ~echt vom 4. Hornung 1853, dessen allgemeiner Teil dem des um zwei Jahre altern Milit~i.rstrafgesetzbuches nacngebildet ist, kennt die Geld- busse und erklart sie al5 verjahrbar. Offenbar ware die Verjahrbarkeit der Busse auch im MStG ausgesprochen worden, wenn diese Strafart darin Aufnahme gefunden hatte. - Kann die Unverjahrbarkeit der Busse also nicht aus dem erkennbaren Willen des MStG abgeleitet \Verden, so ist es auch nicht \Vohl mõglich, sie in den Intentionen des Bundes- rates zu finden, der durch den Bundesratsbeschluss vom 18. September 1914 die Militargerichte als zustandig erklarte für die Beurteilung des hier in Frage stehenden Ausfuhrdelikts. Verbot und Strafdrohung selber sind unter den ausserordentlichen Vollmachten aufgestellt worden als vorübergehende dringliche Schutzmassnahmen, und es hatte gar keinen Sinu gehabt, di e auf solches materielles Gelegenheits- un d N otrecht hin ausgefallten Bussen als unverjahrbar zu bezeichnen, wahrend die andern Strafen d er Verj ahrung unterstellt worden wtiren. Ausnahmen, zumal Ausnah1nen zuungunsten des Angeklagten, sind im Zweifel nicht ausdeh- nend zu interpretieren. - Aber selbst wenn mau sich der mechanisch- wõrtlichen Interpretation des Auditors anschliessen wollte, so wãre dan1it noch nichts Entscheidendes gesagt. Nach dem BRB vom 12. Fe- bruar 1 ~)16, Art. 3, ist der allgemeine Teil nicht mehr des MStCi, son- dern des Bundesstrafgesctzbuches massgebend bei der Beurteilung von Widerhandlungen gegen das Ausfuhrverbot vom 18. September

1914. Angenommen, das MStG schliesse wirklich die Verjahrung der Bussen aus, so ist durch den BRB vom 12. Februar 1916 in dieser I-Iin- sicht milderes Recht geschaffen worden, da das von da ab anzuwendende Bundesgesetz die Verjahrung der Busse kennt. Nach ·allge1neiner Regel g eh t das neuere mildere Recht d em. altern hartern v o r, au eh wenn oi e Straftat unter der Herrschaft des altern Rechts begangen worden ist. - Nach Art. 35 BStR verjahren unerhaltliche Geldbussen gemüss der na eh Art. 8 folgenden Gefangnisstrafe. N a eh Art. 8 B Stl{ wird di e Busse in Gefangnis uinge\vandelt, wenn sie nicht innerhalb einer Frist von 3 Monaten erlüiltlich ist, was im vorliegenden Fali zutrifft, da W. überhaupt nicht zur Zahlung verhalten werden konnte. Die Umwandlung geschieht nach dem Bundesgesetz vom 1. Juli 1922, so, dass Fr. 10 Busse einem Tag Gefangnis gleichgesetzt werden und die in Gefãngnis umgewan- delte Strafe die Dauer von 3 l\1onaten nicht übersteigen darf. Die Ver- jahrung trat nach Art. 35, b, BStR nach 5 Jahren ein und war also vollendet, als das Divisionsgericht den Fali \Vieder aufnahm ..

No. 147 260 ·D. Damit ist aber nicht gesagt, dass das Urteil des Divisionsgerichts auf gesetzlichem Wege zustandegekommen sei. Einzig die Unterlassung des Auditors, einen offensichtlichen schweren Verstoss gegen grundlegende . Regeln des Verfahrens zu rügen und auf dem Kàssationswege anzufechten, verbietet es dem Kassationsgericht, das Urteil zu kassieren. - Das Divisionsgericht hat sich über die im vorerwahnten Entseheid des Kas- sationsgerichts i. S. Buffe eingehend begründete Auffassung hinweggesetzt, wonach eine Aufhebung des Urteils gemãss Art. 167 MStGO bei verjiihrten Kontumazurteilen ausgeschlossen sei. Es genügte dem Divisionsgericht die Rücksicht auf die mõglichen Interessen des Verurteilten an einer nachtraglichen Aufdeckung der materiellen Wahrheit. Das Gesetz tragt solchen Interessen Rechnung durch das ausserordentliche Rechtsmittel der Revision (Wiederaufnahme) nach Art. 199 u. f. MStGO. Die Revision eines Kontumazurteils ist nur insoweit nicht zulassig, als das einfachere Rechtsmittel des Art. 167lVIStGO zu Gebote steht. (So ist die Bemerkung in Stooss, Komm. 180, Ziff. 4, zu qualifizieren.) J)ass aber Art. 167 MStGO auf verjahrte Kontumazurteile nicht anwendbar ist, das ergibt sich ausser den i. S. Buffe zu findenden Erwagungen na1nentlich auch aus der Tatsache, dass die Strafverjahrung nicht nur die Strafvollstreckung, sondern gleichzeitig den staatlichen Strafanspruclz,· der die Grundlage jedes Strafverfahrens sein muss, erlõschen lasst. I)as ist allgemeine Auffassung und ergibt sich auch aus der Überschrift zum 8. Titel des I. Teils, l. Abschn. MStG: >; >. - Logischerweise verlangt die MStGO in Art. 142, .dass Verjahrungseinreden als Vorfragen anzubringen sind. Das Gesetz will damit verhüten, dass auf Grund eines erloschenen Strafanspruches ein zweckloses \T erfahren durchgeführt wird. - Das s das Divisionsgericht einen falschen W eg einschlug, als es über di e Erwagungen i. S. Buffe hin\vegging, hatte ihm an den Folgen sein er .Lt\uffassung klar werden müssen. Es kam zu einem Urteil, das gegen Art. 157 lVIStC-.-0 verstõsst, da es den1 Inhalt na eh weder eine \T erurteilung, no eh ei ne Freisprechung, sondern im . W esentlichen ein strafprozessual unzulassiger Feststellungsentscheid ist. - ·Das ·urteil steht auch in erklarten1 Widerspruch mit den histo- rischen Tatsachen; es beruht, wie der Grossrichter ausführt, auf einer Fiktion: Inan müsse das Urteil, das im .Jahre 1925 gefallt wurde >insJahr l 915. Esist n un jedenfallsin unsermRecht nichtszufinden, was erlauben würde, in einem Gerichtsurteil den Tatsachen in dieser vVeise Gewalt anzutun. Dass ein Urteil verjiihren kõnnte, bevor es ausgefallt ist, -ist nicht n ur mit dem Gesetz, sondern auch mit der einfachsten Logik un- ·vereinbar. - Da aber der Auditores unterlassen hat, diese Fehler des \rer- fahrens geltend zu machen, so kann das Urteil nicht aufgehoben werden. (28. Februar 1925, Auditor e. D. G. 5a i. S. Widder.)