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MKGE 1 Nr. 127

MKGE 1 Nr. 127 — Herzog e. D. G. 4.

Mkg · 1921-06-23 · Deutsch CH
Volltext (verifizierbarer Originaltext)

No. 127 214 nach Art. 166 MStGO sind diese Diligenzien nicht nõtig. Der Gesetzgeber su eh t damit offenbar Bevveisgarantien zu schaffen, welche di e persõnliche Anwesenheit des Angeklagten ersetzen, für eine umfassende neúe n1aterielle Würdigung der ~fatsachen wichtig sind und ein wohlerwogenes dejinitives Urteil errr1õglichen. I-Iat aber der Angeklagte einmal aus eigenem An- trieb seine Beweise vorgelegt und deren Beurteilung verlangt, dann hat er sich nicht darüber zu beklagen, wenn das Be\veisergebnis gegen ihn ausfallt. Es stand ih1n frei, das Kontumazurteil bis zu seinen1 persõnlichen Erscheinen stehen z u lassen. W ollte man d em abwesenden Angeklagten die Befugnis einraun1en, ein verurteilendes Erkenntnis nach dem andern durch ünmer neu > Tatsachen u1nzustürzen und so die Gerichte .auszuprobieren, bis vielleicht einmal ein Freispruch gefallt werden kõnnte, dann lage darin eine Privilegierung der Abwesenheit, die wiederum mit den1 Grundsatz der Mündlichkeit sich nicht vertrüge und daher nicht ohne ausdrückliche Vorschrift anerkannt werden dürfte. Die Verordnung würde gegen einen solchen Missbrauch der Gerichte tatsachlich keinen Schutz bieten. Die gleichen Gründe, die das Ausbleiben einmal rechtfertigen, kõnnten immer wieder geltend gemacht; und es kõnnten imn1er wieder neue für die Freisprechung \vesentliche Tatsachen >, d. h. behauptet und zu1n Beweise gestellt werden. J)er Text des Art. 5 der Verordnung zwingt nach der Auffsasung des Kassa- tionsgerichts keineswegs zu einer Interpretation, die zu solchen Konse- quenzen führen müsste. - Aus diesen Erwagungen ergibt sich, dass das Divisionsgericht durch die Fallung eines Endurteils die Vorschriften über das Verfahren nicht verletzt hat. (23. Juni 1921, Herzog e. D. G. 4.) 127. Es gibt l{ein «vorsorgliches» Kassationsbegeh1·en. Iln"y a 11as de de1nande de cassation «p ar précaution»· N o n e amn1issibile un rico1·so in cassazione annunciato in via precauzionale prhna ebe sia pronunciata la sentenza. Z. Lvurde in contumaciam verurteilt. Der Anzvalt des Z. lzatte uor d er li auptuerlzandlung e in K assationsbegehren angeineldel, nachdem ihn1 milgeteilt lvorden luar, e ine '' erteidigung konne ni eh t staltfinden, zvenn der Angeklagte nicht vor Gerichi erscheine. Z. fui condamné p ar défaut. L'auocat de Z. avait annoncé un recours en cassation avant l'instruction principale., apres qu'i l eât été informé que le préuenu ne pouvait êire défendu s'il ne coinpa- raissait pas devant le Tribunal.

215 No. 128 Z. fu condannato in contumacia. ll di lui avvocato, avendo saputo eh e no n avrebbe potuto difenderlo se l'in1putato no n si presen- tava, dichiarà prima del dibattimento, di voler ricorrere in cassazione. A. Das Kassationsbegehren wurde gestellt, bevor das Urteil gefallt war. Das vertragt sich nicht n1it der klaren Vorschrift des Art. 189, Abs. 2, MStGO, wo verlangt wird, dass die Anmeldung des Kassationsbegehrens binnen 24 Stunden nach der Urteilserõffnung erfolgen müsse. Der Gesetz- geber hat die Mõglichkeit, dass eine Hauptverhandlung unter dem Ein- fluss eines vorausgehenden, > Kassationsbegehrens durch- geführt werden kõnnte, offenbar nicht im Auge gehabt. Es geht nicht an, ohne bestimmte Anhaltspunkte für eine andere Auslegung vom Sinn des W ortlautes einer Verfahrensvorschrift abzuweichen. Das Kassations- begehren ist verfrüht eingereicht worden und daher als unwirksam zu hetrachten. (13. Oktober 1921, Zehntner e. D. G. 4.) 128. Geistes]{I'anl{heit zu1· Zeit d er T at al s «nen e» Tatsache~ lvelche die Revision (1\IStGO Art. 199) t·eclttfertigt. l\ilaladie n1entale à l'époque de la com1nission du fait comme fai t « nouveau» justifiant la revision (OJl\1 art. 199). Ê un fatto nuovo ebe giustifica una domanda in revisione (O Gl\1 art. 199) la constatazione di un a malattia mentale di cui {'I"a affetto Pimputato al n1omento del delitto. B .... Es fragt si eh, o b es si eh um eine ne ue Tatsache handeln kann. D er P eten t bringt an, er ha be gewusst, das s er kra n k sei, er ha be a u eh sein en Verteidiger darauf aufmerksam gemacht; dieser habe es dann unterlassen, eine psychiatrische Expertise zu verlangen. Als > im Sinne von Art. 199 l\1StGO \verden Tatsachen und Beweismittel betrachtet, die dem V crurteilten iln Zeitpunkte, in welchem er si e anrufen sollte, ni eh t o d er nicht vollstandig bekannt waren, oder die von ihm ohne sein Verschulden nicht verwendet werden konnten. Wenn nun auch die Tatsache der Cxeisteskrankheit dem Petenten vor seiner Verurteilung > war, "\vie er selber behauptet, so kõnnte das der nachtraglichen Geltendn1achung der t~nzurechnungsfahigkeit doch nicht entgegenstehen. Man kann von einen1 Geisteskranken von vornherein kein gesundes Urteil über seinen (_i-eisteszustand verlangen (vgl. MKG in Sachen Büchi vom 29. September 1915, lfürzeler 1), Schoni 2). Erst die Untersuchung durch psychiatrische

1) Oben No. 29.

2) Oben No. 84.