opencaselaw.ch

BVGE 2015/7

BVGE 2015/7

Bundesverwaltungsgericht · 2015-01-13 · Deutsch CH

Direkte Bundessteuer

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

6 FinanzenFinancesFinanze

7

Auszug aus dem Urteil der Abteilung Ii.S. A. gegenEidgenössische Erlasskommission für die direkte BundessteuerA 2934/2014 vom 13. Januar 2015

Erlass der direkten Bundessteuer. Erlasswürdigkeit einer durch Glücksspiel entstandenen Notlage.

Art. 167 Abs. 1 DBG. Art. 7 Abs. 1 Bst. a und Bst. b, Art. 12 Abs. 2 Steuererlassverordnung.

1. Anwendbares Recht. Das Steuererlassgesetz vom 20. Juni 2014 wird am 1. Januar 2016 in Kraft treten. Es ist damit vorliegend nicht anwendbar (E. 1.1).

2. Der Erlass von Steuern (inkl. Nachsteuern), Zinsen oder Bussen wegen Verfahrensverletzungen oder Übertretungen bei der direk­ten Bundessteuer setzt insbesondere eine Notlage und eine grosse Härte voraus. Hat sich die steuerpflichtige Person freiwillig ihrer Einkommensquellen oder Vermögenswerte entäussert, ist die Notlage selbstverschuldet und nicht erlasswürdig. Ein gesetzlich nicht vorgesehener « gnadenweiser » Erlass ist ausgeschlossen (E. 2).

3. Das Verspielen grösserer Geldbeträge durch Kauf von Losen, Teilnahme an Pokerspielrunden und den Besuch von Kasinos bil­det eine leichtsinnige, einem Steuererlass entgegenstehende Ver­äusserung von Vermögenswerten (E. 3).

Remise de l'impôt fédéral direct. Légitimité de la remise dans une situation de détresse due aux jeux de hasard.

Art. 167 al. 1 LIFD. Art. 7 al. 1 let. a et let. b, art. 12 al. 2 ordonnance sur les demandes en remise d'impôt.

1. Droit applicable. La loi sur la remise de l'impôt du 20 juin 2014 entrera en vigueur le 1er janvier 2016. Elle n'est donc pas appli­cable en l'espèce (consid. 1.1).

2. La remise de l'impôt (y c. en cas de rappel d'impôt), d'intérêts ou d'une amende infligée ensuite d'une violation des devoirs de pro­cédure ou d'une contravention en matière d'impôt fédéral direct présuppose que le requérant se trouve dans une situation de dénuement ou que le paiement de l'impôt l'expose à des consé­quences très dures. S'il s'est volontairement privé d'une source de revenu ou d'un élément de fortune, le contribuable est lui-même responsable de son dénuement et il ne mérite pas de béné­ficier d'une remise. Une remise « à titre gracieux », non prévue par la loi, est exclue (consid. 2).

3. Quiconque perd de fortes sommes d'argent en achetant des billets de loterie, en participant à des tournois de poker ou en fré­quentant des casinos se rend coupable d'un comportement im­prudent et aliène ses biens d'une manière qui s'oppose à toute remise d'impôt (consid. 3).

Condono dell'imposta federale diretta. Meritevolezza del condono in una situazione di bisogno dovuta al gioco d'azzardo.

Art. 167 cpv. 1 LIFD. Art. 7 cpv. 1 lett. a e lett. b, art. 12 cpv. 2 Or­dinanza sul condono dell'imposta.

1. Diritto applicabile. La legge sul condono dell'imposta del 20 giugno 2014 entrerà in vigore il 1o gennaio 2016. Non è dunque applicabile nella fattispecie (consid. 1.1).

2. Il condono di imposte (ricupero d'imposta compreso), interessi o multe inflitte a seguito di violazioni degli obblighi procedurali o contravvenzioni in materia di imposta federale diretta pre­suppone in particolare una situazione di indigenza e un grave rigore. Se si è volontariamente privato delle proprie fonti di red­dito o di elementi della sostanza, il contribuente è colpevole della propria situazione di indigenza e non è meritevole di condono. Un condono « per grazia », non previsto dalla legge, è escluso (consid. 2).

3. Colui che perde cospicue somme di denaro acquistando biglietti di lotterie, partecipando a giri di poker e frequentando case da gioco si comporta in modo sconsiderato e sperpera i propri beni assumendo un comportamento che lo rende immeritevole di condono (consid. 3).

Der Beschwerdeführer schuldete nach einer rechtskräftig gewordenen Verfügung des Steueramtes des Kantons B. betreffend die Steuerperioden 2003 bis 2007 in Bezug auf die direkte Bundessteuer Nachsteuern in der Höhe von Fr. 31 697.65 und eine Busse wegen fahrlässiger Steuerhinter­ziehung (vgl. Art. 175 DBG [SR 642.11]) in der Höhe von Fr. 9 006.25. Die Eidgenössische Erlasskommission für die direkte Bundessteuer wies ein von ihm am 2. Juli 2010 gestelltes Begehren um Erlass dieser Nachsteuern und dieser Busse mit Entscheid vom 30. April 2014 ab, wobei sie dem Beschwerdeführer den bis zum Datum des Entscheids aufgelaufenen Verzugszins erliess.

Mit Eingabe vom 27. Mai 2014 erhebt der Steuerpflichtige Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht. Er beantragt sinngemäss, unter teilwei­ser Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids sei seinem Erlassbegeh­ren stattzugeben.

Das Bundesverwaltungsgericht weist die Beschwerde kostenpflichtig ab.

Aus den Erwägungen:

1.

1.1 An seiner Sitzung vom 5. November 2014 hat der Bundesrat das Steuererlassgesetz vom 20. Juni 2014 (BBl 2014 5169 ff.) auf den 1. Ja­nuar 2016 in Kraft gesetzt (vgl. Medienmitteilung des Bundesrates vom 5. November 2014, « Neuregelung beim Steuererlass gilt ab 2016 », abrufbar auf Dokumentation > Medien­mitteilungen, abgerufen am 12.01.2015). Da dieses Bundesgesetz zurzeit noch nicht in Kraft ist, kommen die darin vorgesehenen Änderungen des geltenden Steuererlassrechts vorliegend nicht zur Anwendung.

1.2 1.4 (...)

2.

2.1 Der steuerpflichtigen Person, für die infolge einer Notlage die Bezahlung der Steuer, eines Zinses oder einer Busse wegen Übertretung eine grosse Härte bedeuten würde, können die geschuldeten Beträge ganz oder teilweise erlassen werden (Art. 167 Abs. 1 DBG). Diese Bestim­mung wird in der Steuererlassverordnung vom 19. Dezember 1994 (SR 642.121) konkretisiert.

2.2 Gegenstand eines Erlassgesuches können Steuern (inkl. Nach­steuern) sein sowie Zinsen oder Bussen wegen Verfahrensverletzungen oder Übertretungen (Art. 7 Abs. 1 Bst. a c Steuererlassverordnung). Die Aufzählung ist abschliessend (vgl. Michael Beusch, in: Kommentar zum Schweizerischen Steuerrecht, Bd. I/2b, 2. Aufl. 2008, Art. 167 N. 10, nachfolgend: Kommentar DBG).

2.3 Bei der Beurteilung, ob ein Erlass gewährt werden kann, gelten strengere Massstäbe, wenn zum Beispiel Leichtsinn oder überhöhter Le­bensstandard erheblich zur angespannten finanziellen Situation beigetra­gen haben (vgl. Zweifel/Casanova, Schweizerisches Steuerverfahrens­recht, 2008, § 31 Rz. 14). Gemäss Art. 12 Abs. 2 Steuererlassverordnung wird ein Einkommens- oder Vermögensrückgang bei der Beurteilung des Erlassgesuchs nicht berücksichtigt, falls sich die steuerpflichtige Person freiwillig ihrer Einkommensquellen oder Vermögenswerte entäussert hat. Ist dies der Fall, ist die Notlage (i.S.v. Art. 167 Abs. 1 DBG und Art. 9 f. Steuererlassverordnung) selbstverschuldet und nicht erlasswürdig (vgl. Urteile des BVGer A 1910/2011 vom 5. April 2012 E. 2.8; A 1758/2011 vom 26. März 2012 E. 2.7; A 7668/2010 vom 22. September 2011 E. 2.7.1). Das Vorliegen einer grossen Härte muss in solchen Fällen ver­neint werden (vgl. Urteil des BVGer A 7668/2010 E. 2.7.1). Die Verord­nungsbestimmung von Art. 12 Abs. 2 Steuererlassverordnung ist durch den dem Anwendungsgebot im Sinne von Art. 190 BV unterliegenden Art. 167 DBG abgedeckt (vgl. Urteil des BVGer A 2953/2012 vom 10. Dezember 2012 E. 2.7; Beusch, Kommentar DBG, Art. 167 N. 4).

2.4 Aus Gründen der rechtsgleichen Behandlung der Steuerpflichti­gen (Art. 8 BV) muss der Steuererlass seltene Ausnahme bleiben (vgl. Beusch, Kommentar DBG, Art. 167 N. 6). Ein Erlass ist ausnahmslos nur dann zulässig, wenn er gesetzlich vorgesehen ist. Undenkbar ist des­halb insbesondere ein « gnadenweiser » Erlass über den gesetzlich gere­gelten hinaus (vgl. Michael Beusch, Der Untergang der Steuerfor­derung, 2012, S. 188 m.w.H.).

3.

3.1 Vorliegend ist unter den Verfahrensbeteiligten unbestritten, dass eine Notlage im Sinne des Erlassrechts grundsätzlich gegeben ist. Der Beschwerdeführer kann nach eigenen Angaben die Nachsteuerschuld und die ihm auferlegte Busse trotz Einschränkung der Lebenshaltungskosten auf das Existenzminimum in absehbarer Zeit deshalb nicht vollumfäng­lich begleichen, weil er durch Kauf von Losen, Teilnahme an Pokerspiel­runden und den Besuch von Kasinos grössere Geldbeträge verspielte, nämlich nach Angaben im Erlassgesuch zwischen Fr. 50 000. und Fr. 60 000. beziehungsweise gemäss der Darstellung in der Beschwerde innert sechs Monaten über Fr. 72 000. . Zu den diesbezüglichen Angaben in der Beschwerde passt, dass der Kontostand eines vom Beschwerde­führer gehaltenen Kontos bei der Bank C. ausweislich eines aktenkun­digen Kontoauszuges von Fr. 75 174. am 31. Dezember 2009 auf Fr. 2 200. per 1. Juli 2010 gesunken ist (...).

Wie der Beschwerdeführer selbst vorbringt, hat er somit bei Glücksspie­len (namentlich in Kasinos) namhafte Beträge verloren. Damit hat er sich aber leichtsinnig seiner Vermögenswerte entäussert. Die entstandene Notlage ist unter diesen Umständen rechtswesentlich selbstverschuldet. Sie geht damit nicht mit einer grossen Härte im Sinne des Erlassrechts einher und ist demnach nicht erlasswürdig (E. 2.3; vgl. zu einem ähnlich gelagerten Fall Urteil des BVGer A 1758/2011 E. 3.1.1). Nichts daran ändern kann der Umstand, dass der Beschwerdeführer geltend macht, er sei zur fraglichen Zeit spielsüchtig gewesen. Die entsprechende Behaup­tung wäre ohnehin nicht substanziiert, indem weder Arztzeugnisse noch andere Beweismittel genannt sind, welche die angebliche Suchterkran­kung belegen könnten. Eine solche Erkrankung ergäbe sich auch nicht aus den Akten. Über das erhebliche Selbstverschulden des Beschwerde­führers an seiner Notlage lässt sich im Übrigen auch nicht mit Blick auf den Umstand hinwegsehen, dass er sich den Glücksspielen nach eigenen Angaben im Bestreben hingab, « die Steuerschuld möglichst vollumfäng­lich entrichten » zu können (...). Vielmehr zeugt das Vorgehen des schon aufgrund seines fortgeschrittenen Alters als lebenserfahren zu bezeich­nenden Beschwerdeführers (mit Jahrgang 1938) von einem Mangel an Überlegtheit und Vorsicht angesichts der allgemeinnotorischen Unwäg­barkeiten sowie Gefahren des Glücksspiels.

3.2 Schon aus dem genannten Grund ist die Beschwerde abzuwei­sen. Es erübrigt sich deshalb, hier auf die weiteren Vorbringen des Be­schwerdeführers einzugehen. Immerhin ist festzuhalten, dass ein « gna­denweiser », über den vorliegend nicht greifenden gesetzlich geregelten Erlass hinausgehender Verzicht des Gemeinwesens auf den ihm zuste­henden Anspruch auf die hier streitbetroffenen Nachsteuer- und Bussen­beträge, wie ihn der Beschwerdeführer mit seiner Bitte um « Amnestie oder Ähnliches » und seinen (durchaus aufrichtig erscheinenden) Reue­bekundungen sinngemäss beantragt, entsprechend den vorstehenden Aus­führungen (E. 2.4) ausgeschlossen ist (...).