Sachverhalt
Das Jugendgericht Kulm verurteilte Eugen Vogt,
geb. 12. September 1931, am 25. Februar 1948 zu fünf
Tagen Einschliessung und Fr. 100.-Busse, weil er wieder-
holt ohne Führerausweis Motorfahrzeuge geführt und ein-
mal ein solches wegen übersetzter Geschwindigkeit nicht
beherrscht hatte. Das Gericht schob den Vollzug der Ein-
schliessung unter Ansetzung einer Probezeit von drei
Jahren bedingt auf.
Da Vogt am 11. Oktober 1949, 11. Juli 1950, 9. Sep-
tember 1950, 26. Oktober 1950 und 18. Januar 1951 ah:i
Motorfahrzeugführer weitere strafbare Handlungen beging
(fahrlässige Störung des öffentlichen Verkehrs, Sachbe-
schädigung, Linksfahren, Nicht belassen des Vortrittes) und
deswegen in der Zeit vom 11. Juli 1950 bis 6. Februar 1951
fünfmal gebüsst wurde, beantragte die Jugendanwaltschaft
des Kantons Aargau am 15. Februar 1952 dem Jugend-
gericht Kulm den Vollzug der am 25. Februar 1948 ver-
hängten Einschliessung. Das Jugendgericht hielt das Be-
gehren für zulässig, obwohl seit der Verurteilung mehr als
drei Jahre verstrichen waren, wies es aber ab, da es in
seinem Vertrauen nicht getäuscht sei und der Vollzug der
Einschliessung deren Zweck verfehlte, weil Vogt nur ver-
bittert würde.
Auf Beschwerde der Jugendanwaltschaft ·erklärte da-
224
Strafgesetzbuch. No 50.
gegen das Obergericht des Kantons Aargau am 6. Juni
1952 die Einschliessung gestützt auf Art. 96 Abs. 3 StGB
vollziehhar.
B. -
Vogt führt gegen den Entscheid des Obergerichts
Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrag, er sei aufzu-
heben und das Obergericht anzuweisen, den Vollzug der
Einschliessung nicht anzuordnen. Er bestreitet nicht mehr,
dass sein Verhalten während der Probezeit die in Art. 96
Abs. 3 StGB umschriebenen Voraussetzungen des Vollzugs
erfülle, macht jedoch geltend, dieser sei unzulässig, weil
die in Art. 95 Abs. 4 StGB vorgesehene dreijährige Frist
abgelaufen sei.
Der Kassationshof zieht
Erwägungen (1 Absätze)
E. 22.5 verfügt deshalb die Behörde gemäss Art. 96 Abs. 3 StGB
den Vollzug der Strafe ohne Rücksicht auf Art. 95 Abs. 4,
d.h. selbst dann, wenn seit der Verurteilung mehr als drei
Jahre verflossen sind.
Art. 95 Abs. 4 setzt für die Einschliessung eine besondere,
gegenüber der allgemeinen fünfjährigen Frist des Art. 73
ZifI. 1 StGB verkürzte Vollstreckungsverjährung fest. Die
Vollstreckung kann aber vernünftigerweise nicht ver-
jähren, solange die Strafe nicht vollstreckbar ist. Art. 74
bestimmt denn auch ausdrücklich, dass die Verjährung
einer bedingt aufgeschobenen Strafe erst mit dem Tage
zu laufen beginnt, an dem die Vollstreckung angeordnet
wird. Dieser Artikel steht unter den allgemeinen Bestim-
mungen des Strafgesetzbuches und gilt daher nicht nur
für Erwachsene, sondern auch für die Bestrafung Jugend-
licher; denn die Art. 89 ff. normieren das Jugendstrafrecht
nicht abschliessend, sondern nur insoweit, als sich Abwei-
chungen von den allgemeinen Normen rechtfertigen, wie
z.B. Art. 98 zeigt, der eine sinngemässe Ergänzung durch
die allgemeinen Bestimmungen über die Verfolgungsver-
jährung. (Art. 70, 71) geradezu voraussetzt. Hätte der
Gesetzgeber gewollt, dass die dreijährige Frist des Art. 95
Abs. 4 auch im Falle bedingten Aufschubes der Einschlies-
sung schon mit dem Urteil zu laufen beginne, so hätte er
das angesichts der gegenteiligen allgemeinen Regelung
des Art. 74 ausdrücklich gesagt und sagen müssen.
Dann hätte er auch die Behörde nicht ermächtigt, die
dem Verurteilten zu setzende Probezeit bis auf drei Jahre
zu bemessen (Art. 96 Abs. 1). Es wäre eine sinnwidrige
Ordnung, einerseits den Verurteilten für drei Jahre unter
Bewährungsprobe stellen zu lassen, dann aber, wenn sich
mit Ablauf dieser Frist zeigt, dass er die Probe nicht
bestanden hat, die Vollstreckung der Strafe zu verbieten,
weil seit der Verurteilung schon drei Jahre verflossen seien.
Dass eine solche Ordnung bedenklich wäre, hat der Kassa-
tionshof schon in BGE 78 IV 9 für den analogen Fall des
bedingten Aufschubs einer Gefängnisstrafe ausgeführt.
15
AS 78 IV -
1962
226
Strafgesetzbuch. No 50.
Dem Gesetzgeber kann nicht entgangen sein, dass die die
Vollstreckung rechtfertigende Tatsache sich unter Um-
ständen erst gegen Ende der Probezeit oder an deren
letzten Tag ereignet und dass die Ermittlung und Beur-
teilung des Verhaltens, das sich der Verurteilte während
der Probefrist hat zuschulden kommen lassen, Zeit erfor-
dert, weshalb die Anwendung des Art. 96 Abs. 3 häufig
verunmöglicht wäre, wenn die dreijährige Frist des Art. 95
Abs. 4 schon mit der Verurteilung zu laufen begänne. Da-
mit wäre der erzieherische Wert des bedingten Strafauf-
schubes weitgehend vermindert und die Bemessung der
Probezeit auf drei Jahre überhaupt wertlOs. Gegenüber
jugendlichen Rechtsbrechern rechtfertigt sich aber eine
Ordnung, welche die erzieherischen Möglichkeiten voll
ausschöpft, ganz besonders.
Es wäre auch eigenartig, wenn eine bedingt aufgescho-
bene Einschliessung nach Ablauf von drei Jahren seit der
Urteilsfällung trotz Nichtbewährung des Verurteilten nicht
vollstreckt werden dürfte, wogegen das Gesetz die Voll-
streckung einer bedingt aufgeschobenen Busse (Art. 96
Abs. 1), ja sogar deren Umwandlung in Haft (oder Ein-
schliessung} gemäss Art. 95 Abs. 2, der auf die allgemeinen
Bestimmungen über die Busse verweist, auch nach Ablauf
dieser Zeit noch zulässt. Inwiefern die Vollstreckung der
auf Jugendliche zugeschnittenen Einschliessung drei Jahre
nach der Urteilsfällung deren Zweck nicht mehr sollte
erfüllen können, weil der Verurteilte dann meistens voll-
jährig sei, ist nicht einzusehen; denn die Einschliessung
wird gemäss Art. 95 Abs. 3 StGB wie Haft, eine für Er-
wachsene geschaffene Strafart, vollzogen, mit der einzigen
Besonderheit, dass dies nicht in einer Strafanstalt oder
Arbeitsanstalt für Erwachsene geschehen darf und der
Jugendliche angemessen zu beschäftigen ist.
Demnach erkennt der Kassationshof:
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.
Strafgesetzbuch. No 51.
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)
50. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 11. Oktober
1952 i. S. Vogt gegen Jugendanwaltsehaft des Kantons Aargau.
Art. 95 Abs. 4 StGB. Wenn der Vollzug der EinschliessWlg bedingt
aufgeschoben ist, öeginnt die dreijährige Verjährungsfrist erst
mit dem Tage zu laufen, an dem gemäss Art. 96 Abs. 3 StGB
die Vollstreckung verfügt wird.
Art. 95 al. 4 OP. Lorsqu'il a ete sursis a l'execution de la detention,
la prescription de trois ans ne court que du jour ou l'execution
est ordonnee conformement a l'art. 96 al. 3.
Art. 95 cp. 4 OP. Quando l'esecuzione della pena (carcerazione)
e sospesa condizionalmente, il termine di prescrizione di tre
anni comincia soltanto dal giorno in cui l'esecuzione della pena
e ordinata a norma dell'art. 96 cp. 3.
A. -
Das Jugendgericht Kulm verurteilte Eugen Vogt,
geb. 12. September 1931, am 25. Februar 1948 zu fünf
Tagen Einschliessung und Fr. 100.-Busse, weil er wiederholt ohne Führerausweis Motorfahrzeuge geführt und einmal ein solches wegen übersetzter Geschwindigkeit nicht
beherrscht hatte. Das Gericht schob den Vollzug der Einschliessung unter Ansetzung einer Probezeit von drei
Jahren bedingt auf.
Da Vogt am 11. Oktober 1949, 11. Juli 1950, 9. September 1950, 26. Oktober 1950 und 18. Januar 1951 ah:i
Motorfahrzeugführer weitere strafbare Handlungen beging
(fahrlässige Störung des öffentlichen Verkehrs, Sachbeschädigung, Linksfahren, Nicht belassen des Vortrittes) und
deswegen in der Zeit vom 11. Juli 1950 bis 6. Februar 1951
fünfmal gebüsst wurde, beantragte die Jugendanwaltschaft
des Kantons Aargau am 15. Februar 1952 dem Jugendgericht Kulm den Vollzug der am 25. Februar 1948 verhängten Einschliessung. Das Jugendgericht hielt das Begehren für zulässig, obwohl seit der Verurteilung mehr als
drei Jahre verstrichen waren, wies es aber ab, da es in
seinem Vertrauen nicht getäuscht sei und der Vollzug der
Einschliessung deren Zweck verfehlte, weil Vogt nur verbittert würde.
Auf Beschwerde der Jugendanwaltschaft ·erklärte da-
224
Strafgesetzbuch. No 50.
gegen das Obergericht des Kantons Aargau am 6. Juni
1952 die Einschliessung gestützt auf Art. 96 Abs. 3 StGB
vollziehhar.
B. -
Vogt führt gegen den Entscheid des Obergerichts
Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrag, er sei aufzuheben und das Obergericht anzuweisen, den Vollzug der
Einschliessung nicht anzuordnen. Er bestreitet nicht mehr,
dass sein Verhalten während der Probezeit die in Art. 96
Abs. 3 StGB umschriebenen Voraussetzungen des Vollzugs
erfülle, macht jedoch geltend, dieser sei unzulässig, weil
die in Art. 95 Abs. 4 StGB vorgesehene dreijährige Frist
abgelaufen sei.
Der Kassationshof zieht in Erwägung :
Art. 95 Abs. 4 StGB bestimmt, dass die Einschliessung
dahinfällt, wenn sie nicht binnen drei Jahren vollzogen
wird.
Diese Norm darf nicht für sich allein betrachtet werden.
Sie steht am Schlusse eines Artikels mit dem Randtitel
«Bestrafung», der sich mit den Voraussetzungen und dem
Vollzug des Verweises, der Busse und der Einschliessung
gegen Jugend.liehe befasst, während erst der nachfolgende
Art. 96 die Voraussetzungen, unter denen der Vollzug der
Einschliessung und der Busse bedingt aufgeschoben werden
kann, ferner die Durchführung dieser l\fassnahme und die
Folgen der Bewährung des Verurteilten umschreibt (Randtitel <<bedingter Strafvollzug))). Art. 95 ist allgemeine
Vorschrift über den Vollzug einer Strafe, welche die zuständige Behörde als vollziehbar verhängt oder vollziehbar
erklärt hat, Art. 96 dagegen enthält besondere Bestimmungen über die Einschliessung und Busse, deren Vollzug
bedingt aufgeschoben ist. Art. 96 geht daher dem Art. 95
vor. Wenn der Jugendliche, dessen Einschliessung unter
Auferlegung einer Probezeit von sechs l\Ionaten bis drei
Jahren bedingt aufgeschoben ist, trotz förmlicher l\Iahnung
den ihm erteilten Weisungen zuwiderhandelt oder wenn er
in anderer Weise das auf ihn gesetzte Vertrauen täuscht,
f
l
Strafgesetzbuch. N° 50.
22.5
verfügt deshalb die Behörde gemäss Art. 96 Abs. 3 StGB
den Vollzug der Strafe ohne Rücksicht auf Art. 95 Abs. 4,
d.h. selbst dann, wenn seit der Verurteilung mehr als drei
Jahre verflossen sind.
Art. 95 Abs. 4 setzt für die Einschliessung eine besondere,
gegenüber der allgemeinen fünfjährigen Frist des Art. 73
ZifI. 1 StGB verkürzte Vollstreckungsverjährung fest. Die
Vollstreckung kann aber vernünftigerweise nicht verjähren, solange die Strafe nicht vollstreckbar ist. Art. 74
bestimmt denn auch ausdrücklich, dass die Verjährung
einer bedingt aufgeschobenen Strafe erst mit dem Tage
zu laufen beginnt, an dem die Vollstreckung angeordnet
wird. Dieser Artikel steht unter den allgemeinen Bestimmungen des Strafgesetzbuches und gilt daher nicht nur
für Erwachsene, sondern auch für die Bestrafung Jugendlicher; denn die Art. 89 ff. normieren das Jugendstrafrecht
nicht abschliessend, sondern nur insoweit, als sich Abweichungen von den allgemeinen Normen rechtfertigen, wie
z.B. Art. 98 zeigt, der eine sinngemässe Ergänzung durch
die allgemeinen Bestimmungen über die Verfolgungsverjährung. (Art. 70, 71) geradezu voraussetzt. Hätte der
Gesetzgeber gewollt, dass die dreijährige Frist des Art. 95
Abs. 4 auch im Falle bedingten Aufschubes der Einschliessung schon mit dem Urteil zu laufen beginne, so hätte er
das angesichts der gegenteiligen allgemeinen Regelung
des Art. 74 ausdrücklich gesagt und sagen müssen.
Dann hätte er auch die Behörde nicht ermächtigt, die
dem Verurteilten zu setzende Probezeit bis auf drei Jahre
zu bemessen (Art. 96 Abs. 1). Es wäre eine sinnwidrige
Ordnung, einerseits den Verurteilten für drei Jahre unter
Bewährungsprobe stellen zu lassen, dann aber, wenn sich
mit Ablauf dieser Frist zeigt, dass er die Probe nicht
bestanden hat, die Vollstreckung der Strafe zu verbieten,
weil seit der Verurteilung schon drei Jahre verflossen seien.
Dass eine solche Ordnung bedenklich wäre, hat der Kassationshof schon in BGE 78 IV 9 für den analogen Fall des
bedingten Aufschubs einer Gefängnisstrafe ausgeführt.
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AS 78 IV -
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Strafgesetzbuch. No 50.
Dem Gesetzgeber kann nicht entgangen sein, dass die die
Vollstreckung rechtfertigende Tatsache sich unter Umständen erst gegen Ende der Probezeit oder an deren
letzten Tag ereignet und dass die Ermittlung und Beurteilung des Verhaltens, das sich der Verurteilte während
der Probefrist hat zuschulden kommen lassen, Zeit erfordert, weshalb die Anwendung des Art. 96 Abs. 3 häufig
verunmöglicht wäre, wenn die dreijährige Frist des Art. 95
Abs. 4 schon mit der Verurteilung zu laufen begänne. Damit wäre der erzieherische Wert des bedingten Strafaufschubes weitgehend vermindert und die Bemessung der
Probezeit auf drei Jahre überhaupt wertlOs. Gegenüber
jugendlichen Rechtsbrechern rechtfertigt sich aber eine
Ordnung, welche die erzieherischen Möglichkeiten voll
ausschöpft, ganz besonders.
Es wäre auch eigenartig, wenn eine bedingt aufgeschobene Einschliessung nach Ablauf von drei Jahren seit der
Urteilsfällung trotz Nichtbewährung des Verurteilten nicht
vollstreckt werden dürfte, wogegen das Gesetz die Vollstreckung einer bedingt aufgeschobenen Busse (Art. 96
Abs. 1), ja sogar deren Umwandlung in Haft (oder Einschliessung} gemäss Art. 95 Abs. 2, der auf die allgemeinen
Bestimmungen über die Busse verweist, auch nach Ablauf
dieser Zeit noch zulässt. Inwiefern die Vollstreckung der
auf Jugendliche zugeschnittenen Einschliessung drei Jahre
nach der Urteilsfällung deren Zweck nicht mehr sollte
erfüllen können, weil der Verurteilte dann meistens volljährig sei, ist nicht einzusehen; denn die Einschliessung
wird gemäss Art. 95 Abs. 3 StGB wie Haft, eine für Erwachsene geschaffene Strafart, vollzogen, mit der einzigen
Besonderheit, dass dies nicht in einer Strafanstalt oder
Arbeitsanstalt für Erwachsene geschehen darf und der
Jugendliche angemessen zu beschäftigen ist.
Demnach erkennt der Kassationshof:
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.
Strafgesetzbuch. No 51.
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