opencaselaw.ch

78_II_397

BGE 78 II 397

Bundesgericht (BGE) ·II · 1952-10-23 · Deutsch CH
Quelle Original Export Word PDF BibTeX RIS
Sachverhalt

Das Bezirksgericht Zürich wies die vorliegende Scheidungsklage des Ehemannes ab, weil die Ehe bloss gestört, jedoch nicht im Sinne von Art. 142 ZGB tief zer- rittet sei. Das Obergericht kam dagegen nach Ergänzung des Beweisverfahrens zum Ergebnis, die Ehe sei tief und unheilbar zerrüttet und müsse, weil den Mann kein über- wiegendes Verschulden treffe, geschieden werden. « Die :Berufungsinstanz kann jedoch die Scheidung nicht aus- sprechen, da die Akten zur Regelung der Nebenfolgen an die Vorinstanz zurückzuweisen sind, das Scheidungsurteil aber eine Einheit bilden muss. Die Vorinstanz hat jedoch das Urteil in der Frage der Scheidung nicht selbst zu finden, sondern nur, auf Grund der Erwägungen der :Berufungsinstanz, auszusprechen.) Der auf diese Erwä- gungen gestützte « Beschluss » des Obergerichtes lautet: « 1. Das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich ... wird auf ge- 398 Verfahren. N0 68. hoben. 2. Die Akten gehen an die Vorinstanz zurück zur Ausfällung eines neuen Entscheides im Sinne der Erwä- gungen und zur Regelung der Nebenfolgen der Scheidung.» B. - Mit vorliegender Berufung an das Bundesgericht verlangt die Beklagte die Aufhebung des obergerichtlichen Beschlusses und die vollumfängliche Abweisung der Schei- dungsklage.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

68. Urteil der 11. ZivUabteilung vom 23. Oktober 1952

i. S. Berger gegen Berger.

Berufung nach Art. 50 oa.

Begriff des selbständigen Vor· und Zwischenentscheides. Vo:raus-

setzungen der Berufung gegen einen solchen Entscheid.

Recour8 en refarme 8elcm l'art. 50 OJ.

Decision prejudicielle ou incidente. Condition du recours en

reforme contre une decision de cette nature.

Ricor80 per riforma a' 8enBi dell'art. 50 oa.

.

.

Decisione pregiudiziale 0 incidente. Presuppostl deI rlCorso per

riforma contro una siffatta decisione.

A. -

Das Bezirksgericht Zürich wies die vorliegende

Scheidungsklage des Ehemannes ab, weil die Ehe bloss

gestört, jedoch nicht im Sinne von Art. 142 ZGB tief zer-

rittet sei. Das Obergericht kam dagegen nach Ergänzung

des Beweisverfahrens zum Ergebnis, die Ehe sei tief und

unheilbar zerrüttet und müsse, weil den Mann kein über-

wiegendes Verschulden treffe, geschieden werden. « Die

:Berufungsinstanz kann jedoch die Scheidung nicht aus-

sprechen, da die Akten zur Regelung der Nebenfolgen an

die Vorinstanz zurückzuweisen sind, das Scheidungsurteil

aber eine Einheit bilden muss. Die Vorinstanz hat jedoch

das Urteil in der Frage der Scheidung nicht selbst zu

finden, sondern nur, auf Grund der Erwägungen der

:Berufungsinstanz, auszusprechen.) Der auf diese Erwä-

gungen gestützte « Beschluss » des Obergerichtes lautet:

« 1. Das Urteil des Bezirksgerichtes Zürich ... wird auf ge-

398

Verfahren. N0 68.

hoben. 2. Die Akten gehen an die Vorinstanz zurück zur

Ausfällung eines neuen Entscheides im Sinne der Erwä-

gungen und zur Regelung der Nebenfolgen der Scheidung.»

B. -

Mit vorliegender Berufung an das Bundesgericht

verlangt die Beklagte die Aufhebung des obergerichtlichen

Beschlusses und die vollumfängliche Abweisung der Schei-

dungsklage.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung :

Der angefochtene « Beschluss » ist zweifellos kein End-

entscheid im Sinne von Art. 48 OG. Fraglich ist nur, ob

er einen (nicht die Zuständigkeit betreffenden, sondern

materiellen) Vor- oder Zwischenentscheid darstelle, der

unter den besondern Voraussetzungen von Art. 50 OG

gesondert (d. h. vor dem Endentscheid) der Berufung an

das Bundesgericht unterläge. Auch das ist jedoch zu

verneinen. Das Obergericht will allerdings, wie sich aus

dem Dispositiv und den es erläuternden Erwägungen des

angefochtenen Rückweisungsbeschlusses ergibt, die Schei-

dungsfrage rechtsverbindlich erledigen. Das Bezirksgericht

soll, sobald einmal die ganze Sache spruchreif sein wird,.

die Scheidung ohne nochmalige Prüfung des dahingehenden

Begehrens aussprechen und nur über die Nebenfolgen

selbständig urteilen. Dennoch hat man es nicht mit

einem « Entscheid» über das Scheidungsbegehren im

Sinne von Art. 50 OG zu tun. Dahingestellt kann bleiben,.

ob diese Vorschrift nicht überhaupt ein die betreffende

Vor- oder Zwischenfrage betreffendes ausdrückliches Dis-

positiv im Auge hat. Zumal wenn die Bejahung einer

bestimmten positiven Anspruchsgrundlage in Frage. steht,.

spricht sich ein darüber getroffener Entscheid ordentli-

cherweise im Dispositiv über diesen vorweg erledigten

Punkt aus. Ob dies für die Einlegung einer Berufung nach

Art. 50 OG geradezu unerlässlich sei, ist allerdings fraglich.

Was nun aber im besonderen die Scheidungsklage betrifft,.

so lässt sich ein massgebender Entscheid über das Schei-

dungsbegehren nur durch ein ausdrückliches Dispositiv

Verfahren. N° 68.

399

herbeiführen. Das ist eine Folge der Rechtsnatur solcher

Klagen, die auf ein Gestaltungsurteil abzielen. Enthält

sich das oberinstanzliche kantonale. Gericht eines solchen

Urteils, und behält es dessen Ausfällung dem Gericht

erster Instanz vor, das zugleich über die Nebenfolgen der

Scheidung zu urteilen haben wird, so kann von einem die

Scheidungsfrage massgebend erledigenden Vor- oder Zwi-

schenentscheid nicht die Rede sein. Die Ehe bleibt be-

stehen, bis die Scheidung allenfalls, eben durch Gestal-

tungsurteil, ausgesprochen wird und in Rechtskraft er-

wächst.

Übrigens wür.de es auch an der weitern Voraussetzung

zu gesonderter Anrufung des Bundesgerichts nach Art. 50

OG fehlen, dass sich durch die von der Berufungsklägerin

erbetene Entscheidung eine diesen aussergewöhnlichen

Rechtsmittelweg hinreichend rechtfertigende Zeit- oder

Kostenersparnis erzielen Hesse. Art. 50 OG stellt die

Berufung gegen Vor- und Zwischen-Entscheide nur in

Ausnahmefallen zur Verfügung, dann nämlich, wenn es

gilt, einen sonst zu gewäJ;tigenden aussergewöhnlich

grossen Zeit- oder Kostenaufwand zu vermeiden. Die

Beurteilung der Nebenfolgen einer Scheidung nach Art.

150-152 und 156 ZGB erfordert aber kaum jemals nach

Beurteilung der Scheidungsfrage noch ein weitläufiges

Beweisverfahren. Die Schuldfrage ist gewöhnlich schon bei

Prüfung des Scheidungspunktes abzuklären, und im übri-

gen handelt es sich in der Regel um Tatsachen, die sich

verhältnismässig rasch und ohne übermässige Kosten

abklären lassen. Was aber die (freilich mitunter umständ-

liche Erhebungen erfordernde) güterrechtliche Auseinander-

setzung betrifft (Art. 154 ZGB), so steht das Bundesrecht

der Verweisung dieser speziellen Nebenfolge der Scheidung

in ein getrenntes Verfahren nicht entgegen. Auf diese

Weise lässt sich der Scheidungsprozess entlasten. Sollte

aber eine kantonale Verfahrensordnung dem entgegen-

stehen, so wäre dies kein Grund, das Bundesgericht in

aussergewöhnlicher Weise in Anspruch zu nehmen.

400

Verfahren. N° 68.

über die Voraussetzungen der Berufung nach Art. 50

OG hat das Bundesgericht nach freiem Ermessen zu ent-

scheiden, ohne öffentliche Beratung (Abs. 2 daseIbst).

DemMM erkennt das Bundegericht :

Auf die Berufung wird nicht eingetreten.

Vgl. auch Nr. 50, 59. -

Voir aussi nos 50, 59.

UlPRIMBRIES REUNIES S. A., LAUSANNE

I. FAMILIENRECHT

DROIT DE LA FAMILLE