Volltext (verifizierbarer Originaltext)
51. Urteil der 11. ZhilabteiluDg vom 15. Dezember 1952
i. S. Eheleute V.
Ehescheidung, tiefe Zerrüttung (Art. 142 ZGB). Ehekrise infolge
freundschaftlicher Beziehungen des Mannes mit einer andern
Frau. Pflicht zur Aufgabe dieses Verhältnisses. Verschulden
des Mannes.
Divorce. Profonde atteinte au lien conjugal (art. 142 CC). Trouble
cause par les relations amicales que le mari entretient avec une
autre femme. Obligation de rompre ces relations. Faute du mari.
Divorzio, 'f!1'0fonda turbazwne delle relazioni coniugali (art. 142 CO).
TurbazlOne causata dalle amichevoli relazioni che il marito
mautiene con un'altra donna. Obbligo di rompere queste reIa-
zioni. Coipa deI marito.
Das Kantonsgericht hat mit Urteil vom 25. Oktober
1952 die Scheidungsklage des Klägers in Anwendung von
Art. 142 Abs. 2 ZGB abgewiesen, weil die Ehe der Parteien
zwar tief zerrüttet, die Zerrüttung aber vorwiegend der
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Schuld des Klägers zuzuschreiben sei. Das Bundesgericht
weist die Berufung des Klägers ab.
Begründung :
Der Umstand, dass die Beklagte keine Kinder bekom-
men konnte, die zwischen den Ehegatten bestehenden
Unterschiede im Charakter und in den Neigungen sowie
die Tatsache, dass bei beiden Gatten die Beziehungen zu
den Angehörigen des andern zu wünschen übrig Hessen,
bedeuteten für die Ehe zweifellos eine starke Belastung.
Das Zusammenleben wurde aber deswegen nicht unerträg-
lich, was sich schon darin zeigt, dass der Kläger die im
Jahre 1935 geäusserte Scheidungsabsicht rasch wieder
.aufgab und die Ehe dann während ungefähr 15 Jahren
wie bisher weiterführte. "\Vie aus den Feststellungen der
kantonalen Gerichte ohne weiteres hervorgeht, ist es dann
vor allem deswegen zu einer schweren Krise gekommen,
weil die Beklagte einen Brief von Frau X. an den Kläger
fand, der auf nähere Beziehungen zwischen diesen beiden
hinwies. Dass die Fortsetzung der Gemeinschaft wegen
der durch diese Entdeckung hervorgerufenen Spannungen
für ihn unzumutbar geworden sei, kann der Kläger nicht
mit Fug geltend machen. Vielmehr muss von ihm verlangt
werden, dass er die Beziehungen mit Frau X. im Interesse
:seiner Ehe preisgibt, die nun mehr als 20 Jahre gedauert
hat und wenn auch nicht besonders glücklich, so bis zum
Dazwischentreten von Frau X. für die Gatten doch er-
träglich war. Entgegen der Auffassung der kantonalen
Instanzen kann daher nicht angenommen werden, dass
die Voraussetzungen von Art. 142 Abs. I ZGB erfüllt
seien.
Wäre aber in diesem Punkte den kantonalen Gerichten
beizupflichten, so müsste die Klage in Übereinstimmung
mit dem angefochtenen Urteil gemäss Art. 142 Abs. 2
ZGB abgewiesen werden. Wie schon festgestellt, war die
Ehe der Parteien auf jeden Fall vor Beginn der Beziehungen
des Klägers mit Frau X. nicht so tief zerrüttet, dass der
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Scheidungsgrund von Art. 142 Abs. 1 zugetroffen hätte~
sondern haben erst diese Beziehungen zu einer kritischen
Situation geführt. Dieses Freundschaftsverhältnis, das
zum Dorfgespräch wurde und in dem vom Kläger gelei-
teten Chor .Ärgernis erregte, ja zu Austritten Anlass gab>
war ohne Zweifel geeignet, die Eifersucht der Beklagten
zu wecken und ihre berechtigte Empfindlichkeit zu ver-
letzen. Der Kläger hätte diese Beziehungen daher ver-
meiden oder doch wenigstens frühzeitig abbrechen sollen>
auch wenn sie an und für sich so harmlos waren, wie er
behauptet. Dass er sie statt dessen weiter pflegte, gereicht
ihm zum Verschulden. Ausserdem haben Charakterfehler
des Klägers, die ihm ebenfalls in gewissem Masse zum
Verschulden anzurechnen sind, dazu beigetragen, dass das
eheliche Verhältnis sich nicht günstig entwickelte. Dem-
gegenüber kann der Beklagten auf Grund der tatsächlichen
Feststellungen der Vorinstanz kein ernstlicher Vorwurf'
gemacht werden. Wenn die Ehe als tief zerrüttet anzu-
sehen wäre, müsste dies also zur Hauptsache der Schuld
des Klägers zugeschrie?en werden.