Sachverhalt
Am 15. April 1948 eröffnete die kantonale AHV-
Ausgleichskasse in Zürich dem Wüthrich, der mit fremden
Arbeitskräften Reinigungsarbeiten besorgt, dass er ver-
pflichtet sei, mit ihr über die ausbezahlten Löhne abzu-
rechnen und davon Beiträge von 4 % an die Alters- und
Hinterlassenenversicherung zu entrichten. In der Folge
gestattete ihm die Kasse, die Arbeitgeber- und Arbeit-
nehmerbeiträge nach dem Markensystem zu leisten. Wüth-
rich tat das an!anglich. Später zog er zwar den Arbeit-
J l
i
1
Altersversicherung. N• 37.
177
nehmern noch immer 2 % als Beitrag am Lohne ab,
klebte jedoch keine Marken mehr in ihre Bücher. Am 26.
November 1948 stellte ihn die Ausgleichskasse deswegen
zur Rede. Wüthrich gab zu, die Arbeitnehmerbeiträge
seit 1. Juni 1948 regelmässig an den Löhnen abgezogen
zu haben, und verpflichtete sich, der Ausgleichskasse in
den nächsten Tagen das Lohnbuch vorzulegen. Um jene
Zeit erklärte ihm die Kasse, dass er inskünftig über die
Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge nach dem Karten-
system mit ihr abzurechnen habe. Trotz wiederholter Mah-
nungen hielt Wüthrich sein Versprechen auf Vorlage des
Lohnbuches nicht. Er lieferte auch keine Beiträge ab.
Am 28. Juni 1949 setzte daher die Kasse die von ihm zu
bezahlenden Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge, Ver-
waltungskosten und Mahngebühren für die Zeit vom 1. Ja-
nuar 1948 bis 31. Mai 1949 auf Fr. 3576.- fest und for-
derte Wüthrich auf, ihr diesen Betrag spätestens in-
nert dreissig Tagen zu bezahlen. Am 15. Juli 1949 reichte
sie gegen ihn unter Berufung auf Art. 87 Abs. 2 und 3 des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenver-
sicherung vom 20. Dezember 1946 (AHVG) Strafanzeige
ein. Das veranlasste Wüthrich, seine Lohnbücher vorzu-
legen und am 19. Juli 1949 auf den von der Ausgleichs-
kasse erstellten Auszügen den Abzug der Arbeitnehmer-
beiträge unterschriftlich anzuerkennen. Am 19. August 1949
gab er vor dem Bezirksanwalt zu, an Arbeitnehmerbei-
trägen Fr. 294.08 abgezogen zu haben. Trotzdem be-
zahlte er der Ausgleichskasse nichts, auch nicht, als sie
ihn am 15. Oktober 1949 aufforderte, seine bis Ende Juni
1949 auf Fr. 1373.75 angewachsene Schuld innert zehn
Tagen zu tilgen.
B. -
Am 26. Januar 1950 verurteilte das Obergericht
des Kantons Zürich Wüthrich wegen Nichtablieferung der
Fr. 294.08, in der es das Vergehen des Art. 87 Abs. 3
AHVG sah, zu einer Busse von Fr. 100.-.
0. -
Wüthrich führt gegen dieses Urteil Nichtigkeits-
beschwerde mit dem Antrag, es sei aufzuheben und er
12
AS 76 IV -
1950
178
Altersversiciherung. No 37.
sei freizusprechen. Er macht geltend, vom Januar bis
Ende Juni 1949 sei er im Ausland gewesen und Anfang
Juli 1949 habe er sich zur Besprechung der Abrechnung
auf das Büro der ·Ausgleichskasse begeben. Es könne nicht
gesagt werden, dass er im Zeitpunkt, der für die Beur-
teilung massgebend sein müsse, nämlich bei der ohne
weitere Warnung erfolgten Einreichung der Strafanzeige,
die abgezogenen Arbeitnehmerbeiträge dem vorgesehenen
Zwecke entfremdet gehabt habe. Auch habe ihm der auf
Entfremdung gerichtete Vorsatz gefehlt. Der Vorsatz dürfe
nicht, wie das Obergericht es tue, vermutet, sondern er
müsse durch schlüssige Indizien bewiesen werden. Da das
Obergericht Wert auf die Feststellung lege, dass er bis
zum Verhandlungstage nicht bezahlt habe, habe er in-
zwischen die Fr. 294.08 einbezahlt. Der wirkliche Grund
seines Zögerns liege darin, dass er eine klare Lage über
seine Gesamtverpflichtung andie Alters-und Hinterlassenen-
versicherung habe abwarten wollen; die Ausgleichskasse und
er seien nämlich verschiedener Meinung darüber, ob er auch
beitragspflichtig sei für Arbeitskräfte, die er nicht selber
anstelle, sondern bloss an Dritte vermittle.
D. -
Die Staatsanwaltschaft des Kant-ons Zürich be-
antragt, die Nichtigkeitsbeschwerde sei abzuweisen.
Der Kassationshof zieht
Erwägungen (4 Absätze)
E. 1 Nach Art. 273 Abs. 1 lit. b BStP können mit der Nichtigkeitsbeschwerde weder neue Tatsachen vorgebracht, noch festgestellte Tatsachen bestritten, noch neue Beweis- mittel eingelegt oder angerufen werden. Soweit der Be- schwerdeführer das dennoch tut, ist auf seine Beschwerde nicht einzutreten.
E. 2 Nach Art. 87 Abs. 3 AHVG ist strafbar, <<wer
als Arbeitgeber einem Arbeitnehmer Beiträge vom Lohn
abzieht, sie indessen dem vorgesehenen Zwecke entfrem-
det)). Dem vorgesehenen Zwecke entfremdet (((detournees
de leur destination »)sind die Arbeitnehmerbeiträge nicht
erst, wenn der Arbeitgeber sie verbraucht, sondern schon
l
!
1
1
1
1
Altersversicherung. No 37.
179
dann, wenn er sie nicht dem Zwecke zuführt, den sie er-
füllen sollen. Das ergibt sich besonders deutlich aus dem
französischen Text. Die blosse Nichtablieferung oder nicht
rechtzeitige Ablieferung der Beiträge genügt somit jeden-
falls dann, wenn die Ausgleichskasse durch Mahnung des
Arbeitgebers kundgetan hat, dass sie die Beiträge ihrem
gesetzlichen Zwecke zugeführt haben will. Dieser Zweck
besteht nicht bloss darin, dass die Beiträge zur Auszahlung
von Renten verwendet werden, sondern auch darin, dass
sie in der Zwischenzeit zugunsten des Ausgleichsfonds
Zinsen abwerfen (vgl. Art. 102 lit. c AHVG). Wer durch
Nichtablieferung die Verwendung zur Auszahlung von
Renten oder die nutzbringende Anlage auch bloss vor-
übergehend verhindert, entfremdet die Beiträge ihrem
Zwecke.
Diese Auslegung widerspricht der Rechtsprechung des
Kassationshofes nicht, welche vor dem Inkrafttreten des
Bundesratsbeschlusses über die Abänderung der Lohn-
ersatzordnung und der Ausführungsverordnung zur Lohn-
ersatzordnung, vom 26. März 1945 (AS 61 160), die blosse
Nichtablieferung der Beiträge an die Lohnausgleichskas-
sen durch die Arbeitgeber als nicht strafbar erklärte. Art.
18 der Ausführungsverordnung zum Bundesratsbeschluss
über die provisorische Regelung der Lohnausfallentschä-
digung an aktivdiensttuende Arbeitnehmer, vom 4. Ja-
nuar 1940 (ALEO), erklärte ursprünglich strafbar, wer sich
schuldhafterweise der A ufer"legung einer Beitragspflicht ganz
oder teilweise entziehe (AS 56 16), und später (Fassung
vom 13. März 1942), wer sich durch unwahre oder unvoll-
ständige Angaben oder in anderer Weise der Beitrags-
pflicht ganz oder teilweise entziehe (AS 58 249), was da-
hin ausgelegt wurde, dass die blosse Nichtablieferung der
Beiträge nicht genüge, vielmehr die richtige Feststellung
der Beitragspflicht vereitelt worden sein müsse (Urteil des
Kassationshofes vom 7. Juli 1944 i. S. Otto). Art. 87
Abs. 3 AHVG lautet anders. Nicht zu ersehen ist, wes-
halb er nicht gleich gefasst worden ist wie Art.· 1s Zi:ff. 1
180
Altersversicherung. No 37.
Abs. 3 ALEO im Bundesratsbeschluss vom 26. März 1945,
lautend: << ••• wer als Arbeitgeber die Arbeitnehmerbei-
träge seinem Arbeitnehmer vom Lohn abzieht, der Kasse
. aber nicht abliefert... >>Allein die Abweichung zwingt nicht
zum Schluss, dass in der blossen Nichtablieferung oder
nicht rechtzeitigen Ablieferung abgezogener Arbeitneh-
merbeiträge an die Ausgleichskasse keine
<< Zweckent-
fremdung >> im Sinne des Art. 87 Abs. 3 AHVG erblickt
werden dürfe.
E. 3 Der Beschwerdeführer zog seinen Arbeitnehmern
in der dem Urteil zugrunde gelegten Zeit Fr. 294.08 an
Beiträgen für die Alters- und Hinterlassenenversicherung
ab, lieferte sie aber trotz wiederholter Aufforderung durch
die Ausgleichskasse nicht an diese ab. Die Beiträge waren
zur Ablieferung fällig. Hierüber besteht kein Zweifel, so-
weit der Beschwerdeführer sie nach dem Markensystem
hätte entrichten sollen. Nach diesem System hatte er
bei der Post oder bei der Ausgleichskasse Marken zu er-
stehen und sie den Arbeitnehmern als Quittung für die
ihnen abgezogenen Beiträge in ihre Markenbücher einzu-
kleben (Art. 145 f. VollzVo. zum AHVG). Eine Frist, das
zu tun, räumen Gesetz und Verordnung dem Arbeitgeber
nicht ein, was den Sinn hat, dass das Einkleben der Mar-
ken bei der Lohnauszahlung zu erfolgen hat. Aber auch
die Abrechnung nach dem Kartensystem, die dem Be-
schwerdeführer im November oder Dezember 1948 vor-
geschrieben wurde, berechtigte ihn nicht, die abgezogenen
Arbeitnehme:i;beiträge so lange zurückzubehalten, wie er
es getan hat. Nach Art. 34 VollzVo. zum AHVG haben
die Arbeitgeber in der Regel monatlich und, wenn sie
nur wenige Arbeitnehmer beschäftigen, in der Regel vier-
teljährlich abzurechnen. Für Arbeitgeber, die eine Buch-
haltung mit Lohnjournal und individuellen Lohnkonten
führen, sieht Art. 35 Abs. 2 und 3 VollzVo. zum AHVG
die Möglichkeit vor, im Einverständnis mit der Ausgleichs-
kasse die genaue Abrechnung auf Jahresende vorzuneh-
men, wobei jedoch monatliche Beiträge in der Höhe von
1
1
1
'r
~
1
Altersversicherung. No 37.
181
rund 4 Prozent der durchschnittlichen Monatslohnsumme
zu entrichten sind. Dass ein übereinkommen im letztge-
nannten Sinne getroffen worden sei, behauptet der Be-
schwerdeführer nicht, und das würde ihm auch nichts
nützen, da er weder monatliche Teilzahlungen geleistet,
noch auf Jahresende genau abgerechnet hat. Die wieder-
holten Mahnungen, durch welche die Ausgleichskasse Vor-
lage der Lohnbücher und Ablieferung der Beiträge ver-
langte, erfolgten zu Recht und bekundeten, dass die Kasse
die Beiträge ihrem Zwecke zugeführt haben wollte. Der
Beschwerdeführer hat sich objektiv gegen Art. 87 Abs. 3
AHVG vergangen. Ob man bloss sein Verhalten bis zum
Eingang der Strafanzeige (15. Juli 1949) oder auch
seine Säumnis während des Strafverfahrens bis zum Urteil
des Obergerichts (26. Januar 1950) berücksichtige, ist
unerheblich, ganz abgesehen davon, dass es nicht eine
Frage des eidgenössischen Rechts, sondern des kantonalen
Prozessrechtes ist -
dessen Anwendung der Kassations-
hof nicht zu prüfen hat (Art. 269 Abs. 1, Art. 273 Abs. 1
lit. b BStP) -, ob das Obergericht auf den Zeitpunkt der
Strafanzeige hätte abstellen sollen.
E. 4 Vorsätzlich hat der Beschwerdeführer das Ver- gehen des Art. 87 Abs. 3 AHVG begangen, wenn er in Kenntnis seiner A blieferungspfücht die abgezogenen Ar- beitnehmerbeiträge bewusst und gewollt nicht abgelie- fert hat. Diese subjektiven Tatsachen sind vom Obergericht verbindlich festgestellt; der Beschwerdeführer kann sie mit der Nichtigkeitsbeschwerde nicht bestreiten (Art. 277bis Abs. 1, Art. 273 Abs. 1 lit. b BStP). Er könnte bloss geltend machen, dass das Obergericht von einem falschen Rechtsbegriff des Vorsatzes ausgegangen sei. Das behauptet er aber mit Recht nicht; seine Einwendungen richten sich ausschliesslich gegen die Beweiswürdigung. Übrigens gibt der Beschwerdeführer selber zu, dass er die Arbeitnehmerbeiträge bewusst und gewollt und in Kenntnis seiner Pflicht nicht abgeliefert hat, wenn er gel- tend macht, er habe es deshalb nicht getan, weil er eine 182 Ausverkaufsordnung. N• 38. klare Lage über seine Gesamtverpflichtung habe abwarten wollen, da die Kasse und er über die Beitragspflicht für bloss vermittelte Arbeitskräfte nicht einig gewesen seien. Bestraft worden ist er nicht wegen Nichtablieferung strei- . tiger, sondern nur wegen Nichtablieferung tatsächlich ab- gezogener, also nichtstreitiger Arbeitnehmerbeiträge. Demnach erkennt der Kassationshof: Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen, soweit auf sie eingetreten werden kann. IV.AUSVERKAUFSORDNUNG ORDONNANCE SUR LES LIQUIDATIONS
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
37. Urteil des Kassationshofes vom 26. Mai 1950 i. S. Wttthrieh
gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich.
Art. 87 Abs. 3 AHVG. Wann sind die abgezogenen Arbeitnehmer-
beiträge « dem vorgesehenen Zwecke entfremdet >> ? Vorsatz.
Art. 87 al. 3 LAVS. Quand les cotisations deduites du salaire de
l'employe sont-elles « detournees de leur destination » ? Inten-
tion.
Art. 87 cp. 3 LAVS. Quando le quote dedotte dal salario di un
impiegato sono sottratte allo scopo cui sono destinate ? Inten-
zione.
A. -
Am 15. April 1948 eröffnete die kantonale AHV-
Ausgleichskasse in Zürich dem Wüthrich, der mit fremden
Arbeitskräften Reinigungsarbeiten besorgt, dass er ver-
pflichtet sei, mit ihr über die ausbezahlten Löhne abzu-
rechnen und davon Beiträge von 4 % an die Alters- und
Hinterlassenenversicherung zu entrichten. In der Folge
gestattete ihm die Kasse, die Arbeitgeber- und Arbeit-
nehmerbeiträge nach dem Markensystem zu leisten. Wüth-
rich tat das an!anglich. Später zog er zwar den Arbeit-
J l
i
1
Altersversicherung. N• 37.
177
nehmern noch immer 2 % als Beitrag am Lohne ab,
klebte jedoch keine Marken mehr in ihre Bücher. Am 26.
November 1948 stellte ihn die Ausgleichskasse deswegen
zur Rede. Wüthrich gab zu, die Arbeitnehmerbeiträge
seit 1. Juni 1948 regelmässig an den Löhnen abgezogen
zu haben, und verpflichtete sich, der Ausgleichskasse in
den nächsten Tagen das Lohnbuch vorzulegen. Um jene
Zeit erklärte ihm die Kasse, dass er inskünftig über die
Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge nach dem Karten-
system mit ihr abzurechnen habe. Trotz wiederholter Mah-
nungen hielt Wüthrich sein Versprechen auf Vorlage des
Lohnbuches nicht. Er lieferte auch keine Beiträge ab.
Am 28. Juni 1949 setzte daher die Kasse die von ihm zu
bezahlenden Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge, Ver-
waltungskosten und Mahngebühren für die Zeit vom 1. Ja-
nuar 1948 bis 31. Mai 1949 auf Fr. 3576.- fest und for-
derte Wüthrich auf, ihr diesen Betrag spätestens in-
nert dreissig Tagen zu bezahlen. Am 15. Juli 1949 reichte
sie gegen ihn unter Berufung auf Art. 87 Abs. 2 und 3 des
Bundesgesetzes über die Alters- und Hinterlassenenver-
sicherung vom 20. Dezember 1946 (AHVG) Strafanzeige
ein. Das veranlasste Wüthrich, seine Lohnbücher vorzu-
legen und am 19. Juli 1949 auf den von der Ausgleichs-
kasse erstellten Auszügen den Abzug der Arbeitnehmer-
beiträge unterschriftlich anzuerkennen. Am 19. August 1949
gab er vor dem Bezirksanwalt zu, an Arbeitnehmerbei-
trägen Fr. 294.08 abgezogen zu haben. Trotzdem be-
zahlte er der Ausgleichskasse nichts, auch nicht, als sie
ihn am 15. Oktober 1949 aufforderte, seine bis Ende Juni
1949 auf Fr. 1373.75 angewachsene Schuld innert zehn
Tagen zu tilgen.
B. -
Am 26. Januar 1950 verurteilte das Obergericht
des Kantons Zürich Wüthrich wegen Nichtablieferung der
Fr. 294.08, in der es das Vergehen des Art. 87 Abs. 3
AHVG sah, zu einer Busse von Fr. 100.-.
0. -
Wüthrich führt gegen dieses Urteil Nichtigkeits-
beschwerde mit dem Antrag, es sei aufzuheben und er
12
AS 76 IV -
1950
178
Altersversiciherung. No 37.
sei freizusprechen. Er macht geltend, vom Januar bis
Ende Juni 1949 sei er im Ausland gewesen und Anfang
Juli 1949 habe er sich zur Besprechung der Abrechnung
auf das Büro der ·Ausgleichskasse begeben. Es könne nicht
gesagt werden, dass er im Zeitpunkt, der für die Beur-
teilung massgebend sein müsse, nämlich bei der ohne
weitere Warnung erfolgten Einreichung der Strafanzeige,
die abgezogenen Arbeitnehmerbeiträge dem vorgesehenen
Zwecke entfremdet gehabt habe. Auch habe ihm der auf
Entfremdung gerichtete Vorsatz gefehlt. Der Vorsatz dürfe
nicht, wie das Obergericht es tue, vermutet, sondern er
müsse durch schlüssige Indizien bewiesen werden. Da das
Obergericht Wert auf die Feststellung lege, dass er bis
zum Verhandlungstage nicht bezahlt habe, habe er in-
zwischen die Fr. 294.08 einbezahlt. Der wirkliche Grund
seines Zögerns liege darin, dass er eine klare Lage über
seine Gesamtverpflichtung andie Alters-und Hinterlassenen-
versicherung habe abwarten wollen; die Ausgleichskasse und
er seien nämlich verschiedener Meinung darüber, ob er auch
beitragspflichtig sei für Arbeitskräfte, die er nicht selber
anstelle, sondern bloss an Dritte vermittle.
D. -
Die Staatsanwaltschaft des Kant-ons Zürich be-
antragt, die Nichtigkeitsbeschwerde sei abzuweisen.
Der Kassationshof zieht in Erwägung :
1. -
Nach Art. 273 Abs. 1 lit. b BStP können mit der
Nichtigkeitsbeschwerde weder neue Tatsachen vorgebracht,
noch festgestellte Tatsachen bestritten, noch neue Beweis-
mittel eingelegt oder angerufen werden. Soweit der Be-
schwerdeführer das dennoch tut, ist auf seine Beschwerde
nicht einzutreten.
2. -
Nach Art. 87 Abs. 3 AHVG ist strafbar, <<wer
als Arbeitgeber einem Arbeitnehmer Beiträge vom Lohn
abzieht, sie indessen dem vorgesehenen Zwecke entfrem-
det)). Dem vorgesehenen Zwecke entfremdet (((detournees
de leur destination »)sind die Arbeitnehmerbeiträge nicht
erst, wenn der Arbeitgeber sie verbraucht, sondern schon
l
!
1
1
1
1
Altersversicherung. No 37.
179
dann, wenn er sie nicht dem Zwecke zuführt, den sie er-
füllen sollen. Das ergibt sich besonders deutlich aus dem
französischen Text. Die blosse Nichtablieferung oder nicht
rechtzeitige Ablieferung der Beiträge genügt somit jeden-
falls dann, wenn die Ausgleichskasse durch Mahnung des
Arbeitgebers kundgetan hat, dass sie die Beiträge ihrem
gesetzlichen Zwecke zugeführt haben will. Dieser Zweck
besteht nicht bloss darin, dass die Beiträge zur Auszahlung
von Renten verwendet werden, sondern auch darin, dass
sie in der Zwischenzeit zugunsten des Ausgleichsfonds
Zinsen abwerfen (vgl. Art. 102 lit. c AHVG). Wer durch
Nichtablieferung die Verwendung zur Auszahlung von
Renten oder die nutzbringende Anlage auch bloss vor-
übergehend verhindert, entfremdet die Beiträge ihrem
Zwecke.
Diese Auslegung widerspricht der Rechtsprechung des
Kassationshofes nicht, welche vor dem Inkrafttreten des
Bundesratsbeschlusses über die Abänderung der Lohn-
ersatzordnung und der Ausführungsverordnung zur Lohn-
ersatzordnung, vom 26. März 1945 (AS 61 160), die blosse
Nichtablieferung der Beiträge an die Lohnausgleichskas-
sen durch die Arbeitgeber als nicht strafbar erklärte. Art.
18 der Ausführungsverordnung zum Bundesratsbeschluss
über die provisorische Regelung der Lohnausfallentschä-
digung an aktivdiensttuende Arbeitnehmer, vom 4. Ja-
nuar 1940 (ALEO), erklärte ursprünglich strafbar, wer sich
schuldhafterweise der A ufer"legung einer Beitragspflicht ganz
oder teilweise entziehe (AS 56 16), und später (Fassung
vom 13. März 1942), wer sich durch unwahre oder unvoll-
ständige Angaben oder in anderer Weise der Beitrags-
pflicht ganz oder teilweise entziehe (AS 58 249), was da-
hin ausgelegt wurde, dass die blosse Nichtablieferung der
Beiträge nicht genüge, vielmehr die richtige Feststellung
der Beitragspflicht vereitelt worden sein müsse (Urteil des
Kassationshofes vom 7. Juli 1944 i. S. Otto). Art. 87
Abs. 3 AHVG lautet anders. Nicht zu ersehen ist, wes-
halb er nicht gleich gefasst worden ist wie Art.· 1s Zi:ff. 1
180
Altersversicherung. No 37.
Abs. 3 ALEO im Bundesratsbeschluss vom 26. März 1945,
lautend: << ••• wer als Arbeitgeber die Arbeitnehmerbei-
träge seinem Arbeitnehmer vom Lohn abzieht, der Kasse
. aber nicht abliefert... >>Allein die Abweichung zwingt nicht
zum Schluss, dass in der blossen Nichtablieferung oder
nicht rechtzeitigen Ablieferung abgezogener Arbeitneh-
merbeiträge an die Ausgleichskasse keine
<< Zweckent-
fremdung >> im Sinne des Art. 87 Abs. 3 AHVG erblickt
werden dürfe.
3. -
Der Beschwerdeführer zog seinen Arbeitnehmern
in der dem Urteil zugrunde gelegten Zeit Fr. 294.08 an
Beiträgen für die Alters- und Hinterlassenenversicherung
ab, lieferte sie aber trotz wiederholter Aufforderung durch
die Ausgleichskasse nicht an diese ab. Die Beiträge waren
zur Ablieferung fällig. Hierüber besteht kein Zweifel, so-
weit der Beschwerdeführer sie nach dem Markensystem
hätte entrichten sollen. Nach diesem System hatte er
bei der Post oder bei der Ausgleichskasse Marken zu er-
stehen und sie den Arbeitnehmern als Quittung für die
ihnen abgezogenen Beiträge in ihre Markenbücher einzu-
kleben (Art. 145 f. VollzVo. zum AHVG). Eine Frist, das
zu tun, räumen Gesetz und Verordnung dem Arbeitgeber
nicht ein, was den Sinn hat, dass das Einkleben der Mar-
ken bei der Lohnauszahlung zu erfolgen hat. Aber auch
die Abrechnung nach dem Kartensystem, die dem Be-
schwerdeführer im November oder Dezember 1948 vor-
geschrieben wurde, berechtigte ihn nicht, die abgezogenen
Arbeitnehme:i;beiträge so lange zurückzubehalten, wie er
es getan hat. Nach Art. 34 VollzVo. zum AHVG haben
die Arbeitgeber in der Regel monatlich und, wenn sie
nur wenige Arbeitnehmer beschäftigen, in der Regel vier-
teljährlich abzurechnen. Für Arbeitgeber, die eine Buch-
haltung mit Lohnjournal und individuellen Lohnkonten
führen, sieht Art. 35 Abs. 2 und 3 VollzVo. zum AHVG
die Möglichkeit vor, im Einverständnis mit der Ausgleichs-
kasse die genaue Abrechnung auf Jahresende vorzuneh-
men, wobei jedoch monatliche Beiträge in der Höhe von
1
1
1
'r
~
1
Altersversicherung. No 37.
181
rund 4 Prozent der durchschnittlichen Monatslohnsumme
zu entrichten sind. Dass ein übereinkommen im letztge-
nannten Sinne getroffen worden sei, behauptet der Be-
schwerdeführer nicht, und das würde ihm auch nichts
nützen, da er weder monatliche Teilzahlungen geleistet,
noch auf Jahresende genau abgerechnet hat. Die wieder-
holten Mahnungen, durch welche die Ausgleichskasse Vor-
lage der Lohnbücher und Ablieferung der Beiträge ver-
langte, erfolgten zu Recht und bekundeten, dass die Kasse
die Beiträge ihrem Zwecke zugeführt haben wollte. Der
Beschwerdeführer hat sich objektiv gegen Art. 87 Abs. 3
AHVG vergangen. Ob man bloss sein Verhalten bis zum
Eingang der Strafanzeige (15. Juli 1949) oder auch
seine Säumnis während des Strafverfahrens bis zum Urteil
des Obergerichts (26. Januar 1950) berücksichtige, ist
unerheblich, ganz abgesehen davon, dass es nicht eine
Frage des eidgenössischen Rechts, sondern des kantonalen
Prozessrechtes ist -
dessen Anwendung der Kassations-
hof nicht zu prüfen hat (Art. 269 Abs. 1, Art. 273 Abs. 1
lit. b BStP) -, ob das Obergericht auf den Zeitpunkt der
Strafanzeige hätte abstellen sollen.
4. -
Vorsätzlich hat der Beschwerdeführer das Ver-
gehen des Art. 87 Abs. 3 AHVG begangen, wenn er in
Kenntnis seiner A blieferungspfücht die abgezogenen Ar-
beitnehmerbeiträge bewusst und gewollt nicht abgelie-
fert hat. Diese subjektiven Tatsachen sind vom Obergericht
verbindlich festgestellt; der Beschwerdeführer kann sie
mit der Nichtigkeitsbeschwerde nicht bestreiten (Art.
277bis Abs. 1, Art. 273 Abs. 1 lit. b BStP). Er könnte
bloss geltend machen, dass das Obergericht von einem
falschen Rechtsbegriff des Vorsatzes ausgegangen sei. Das
behauptet er aber mit Recht nicht; seine Einwendungen
richten sich ausschliesslich gegen die Beweiswürdigung.
Übrigens gibt der Beschwerdeführer selber zu, dass er
die Arbeitnehmerbeiträge bewusst und gewollt und in
Kenntnis seiner Pflicht nicht abgeliefert hat, wenn er gel-
tend macht, er habe es deshalb nicht getan, weil er eine
182
Ausverkaufsordnung. N• 38.
klare Lage über seine Gesamtverpflichtung habe abwarten
wollen, da die Kasse und er über die Beitragspflicht für
bloss vermittelte Arbeitskräfte nicht einig gewesen seien.
Bestraft worden ist er nicht wegen Nichtablieferung strei-
. tiger, sondern nur wegen Nichtablieferung tatsächlich ab-
gezogener, also nichtstreitiger Arbeitnehmerbeiträge.
Demnach erkennt der Kassationshof:
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen, soweit auf
sie eingetreten werden kann.
IV.AUSVERKAUFSORDNUNG
ORDONNANCE SUR LES LIQUIDATIONS