Sachverhalt
Am 24. April 1949 um 21.15 Uhr schickte sich
der von Öschberg gegen Kirchberg fahrende Weidenmann
an mit seinem Personenautomobil auf weithin gerader
und 6,3 m breiter Strasse ein aus entgegengesetzter Rich-
tung kommendes gleiches Fahrzeug, das von Hans Ma-
deux geführt war, zu kreuzen. Da Madeux mehr als die
ihm vorbehaltene Strassenhälfte benützte -
etwa 11 m
vor der Kreuzung war er noch 2,2 m vom rechten Strassen-
rand entfernt -
richtete Weidenmann seine Aufmerksam-
keit auf das zu kreuzende Fahrzeug. Seine Geschwindig-
keit von etwa 55 km/Std. setzte er nicht herab. Plötz-
lich bemerkte er im Lichtkegel der abgeblendeten Schein-
werfer einen zu seiner Rechten fahrenden Radfahrer. Ohne
zu bremsen, riss er das Steuer nach links, um den Rad-
fahrer nicht zu überfahren. Dadurch stiessen die beiden
Automobile mit den linken Vorderrädern aufeinander. Im
Augenblick des Zusammenstosses war das Fahrzeug Wei-
denman...ns 1,75 m vom rechten Strassenrand entfernt,
während Madeux zu seiner Rechten noch 1,5 m Raum
hatte.
B. -
Am 1. Dezember 1949 verurteilte das Oberge-
richt des Kantons Bern Weidenmann wegen fahrlässiger
Störung des öffentlichen Verkehrs zu Fr. 40.- Busse.
Es warf ihm vor, er habe entgegen der Vorschrift des
Art. 25 Abs. 1 MFG sein Fahrzeug nicht beherrscht, weil
er die Strasse ungenügend beobachtet, sein Augenmerk
blass auf das entgegenkommende Automobil gerichtet habe.
G. -
Weidenmann führt Nichtigkeitsbeschwerde mit
den Anträgen, das Urteil des Obergerichts sei aufzuheben
und die Sache zu seiner Freisprechung zurückzuweisen.
Er will nicht gelten lassen, dass der Führer eines Motor-·
fährzeuges verpflichtet sei, alle Teile der vor ihm liegenden
Fahrbahn mit gleicher Intensität zu beobachten, weil
1
/,
Strassenverkehr. N• 25.
129
das der «normalen menschlichen Reaktions- und Kon-
zentrationsfähigkeit» widerspreche. Es liege im Wesen des
Menschen, besonders des Motorfahrzeugführers, dass er
beim plötzlichen Auftauchen einer Gefahr die Aufmerk-
samkeit in erster Linie auf diese richte. Als Reaktions-
erscheinung sei dieses Verhalten vom Willen und dessen
Betätigung unabhängig, so dass es eine unerfüllbare For-
derung darstelle, wenn man verlange, dass er im gleichen
Zeitpunkt die volle Aufmerksamkeit auch auf Sektoren
.ausserhalb der Gefahrenquelle richte. Wollte man dies ver-
langen, so würde man an den Führer übermenschliche
Anforderungen stellen.
Der Kassationshof zieht
Erwägungen (2 Absätze)
E. 1 Der Beschwerdeführer fuhr nach der verbind-
lichen und nicht bestrittenen Feststellung der Vorinstanz
mit 55 km/Std. und schickte sich an, das entgegenkom-
mende Fahrzeug ohne Herabsetzung der Geschwindigkeit
zu kreuzen. Das war verwegen. Es ist gerichtsnoto-
risch, dass selbst ein Automobil neuester Konstruktion
auf trockener Makadamstrasse bei einer Geschwindig-
]rnit von 55 km/Std. 34-35 m zurücklegt, ehe es zum
Stehen kommt, wobei die Zeit, die der Führer nor-
malerweise benötigt, um auf die Gefahr zu reagieren,
berücksichtigt ist. Selbst unter günstigsten Verhältnis-
. .sen erlaubte somit eine Geschwindigkeit von 55 km/Std.
dem Beschwerdeführer nicht, innerhalb der Reichweite
der abgeblendeten Scheinwerfer, die nach Art. 13 lit. a
MFV 30 m beträgt, anzuhalten. Es besta,nd daher zum
vorneherein die Gefahr, dass der Beschwerdeführer einen
im Lichtkegel seiner Scheinwerfer auftauchenden Rad-
fahrer oder Fussgänger überfahre oder gefährde. Dazu
kommt, dass beim Kreuzen mit anderen Fahrzeugen die
Verhältnisse allgemein ungünstiger sind als sonst. Das
entgegenkommende Fahrzeug erschwert infolge Blendung
die Sicht. Es schafft nicht nur die Gefahr, dass d~r Führer
bloss einen Teil der vom eigenen Fahrzeug beleuchteten
1l
AS 76 IV -
1950
130
Strassenverkehr. No 25.
Strecke überblicke, sondern kann auch Ursache optischer
Täuschungen sein. Ferner zieht es die Aufmerksamkeit
auf sich und lenkt sie von der übrigen Fahrbahn ab. End-
lich nimmt es einen Teil der Fahrbahn in Anspruch und
schränkt dadurch die Bewegungsfreiheit des andern ein.
Als Besonderheit des vorliegenden Falles kommt dazu~
dass Madeux 11 m vor der Kreuzung immer noch auf der
Strassenmitte war, den Beschwerdeführer also zu ganz be-
sonderer Aufmerksamkeit und Vorsicht zwang. Der
Beschwerdeführer kannte diese Verhältnisse, da die Strasse
an der betreffenden Stelle mehrere hundert Meter weit
gerade verläuft. Er durfte nicht mit 55 km/Std. kreuzen
auf gut Glück hin, dass ihm kein Hindernis in den Weg
komme. Er hat die Geschwindigkeit den Verhältnissen
nicht angepasst, wie Art. 25 Abs. 1 MFG es verlangt.
Diese fehlerhafte Fahrweise war erste Ursache, dass er
den Radfahrer zu spät erblickte. Dass er beim Auftauchen
des Radfahrers überrascht war, entschuldigt ihn daher
nicht. Art. 237 Ziff. 2 StGB ist schon aus diesem Grunde
zu Recht angewendet worden.
E. 2 Im übrigen könnte die Fahrweise des Beschwerde-
führers auch nicht entschuldigt werden, wenn er lang-
samer gefahren wäre und den Radfahrer bloss deshalb zu
spät erblickt hätte, weil seine Aufmerksamkeit auf das
entgegenkommende Automobil gerichtet war. Auf 30 m
Entfernung kann man eine 6,3 m breite Strasse mit genü-
gender Genauigkeit überblicken, um ein Automobil kreuzen
zu können, ohne den rechten Strassenrand aus dem Auge
zu verlieren. Der Beschwerdeführer war nicht berechtigt,
den Blick so intensiv auf das Automobil zu richten, dass
er nicht mehr sah, was sich vor dem eigenen Fahrzeug
abspielte, und trotzdem mit normaler Geschwindigkeit
weiterzufahren. Dass er von einer plötzlich auftauchenden
Gefahr überrascht worden sei und aus diesem Grunde der
eigenen Fahrbahn nicht die nötige Aufmerksamkeit ge-
schenkt habe, ist nicht richtig. Er hat von weitem gesehen
oder sehen können, dass Madeux auf der Strassenmitte
1.
i
'
1
~
l
Strassenverkehr. N° 26.
181
· fuhr. Der Beschwerdeführer hatte Zeit, sich diesem Um-
stande anzupassen, insbesondere durch erhebliche Herab-
setzung der Geschwindigkeit oder Anhalten, wenn er sich
nicht imstande glaubte, während des Kreuzens die eigene
Fahrbahn gleichwohl genau zu beobachten. Seine Unauf-
merksamkeit ist ihm zum Verschulden anzurechnen; wer
unaufmerksam ist, beherrscht sein Fahrzeug nicht, wie
.Art. 25 Abs. 1 MFG es verlangt (BGE 76 IV 55).
Demnach erkennt der Kassationshof:
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
25. Urteil des Kassationshofes vom 27. März 1950 i. S. Weiden-
mann gegen Generalproknrator des Kantons Bern.
Art. 25 Abs. 1 MFG. Vorsichtspßicht des kreuzenden Führers bei
Nacht; Pflicht zur Anpassung der Geschwindigkeit an die
Sichtweite.
128
Strassenverkehr. N° 25.
Art. 25 al. 1 LA. Prudence a observer, de nuit, a un croisement;
obligation d'adapter la vitesse au champ visuel.
·Art. 25 cp. 1 LA. Prudenza da osservare, di notte, a un incrocio;
obbligo di adattare la velocita al campo visivo.
A. -
Am 24. April 1949 um 21.15 Uhr schickte sich
der von Öschberg gegen Kirchberg fahrende Weidenmann
an mit seinem Personenautomobil auf weithin gerader
und 6,3 m breiter Strasse ein aus entgegengesetzter Rich-
tung kommendes gleiches Fahrzeug, das von Hans Ma-
deux geführt war, zu kreuzen. Da Madeux mehr als die
ihm vorbehaltene Strassenhälfte benützte -
etwa 11 m
vor der Kreuzung war er noch 2,2 m vom rechten Strassen-
rand entfernt -
richtete Weidenmann seine Aufmerksam-
keit auf das zu kreuzende Fahrzeug. Seine Geschwindig-
keit von etwa 55 km/Std. setzte er nicht herab. Plötz-
lich bemerkte er im Lichtkegel der abgeblendeten Schein-
werfer einen zu seiner Rechten fahrenden Radfahrer. Ohne
zu bremsen, riss er das Steuer nach links, um den Rad-
fahrer nicht zu überfahren. Dadurch stiessen die beiden
Automobile mit den linken Vorderrädern aufeinander. Im
Augenblick des Zusammenstosses war das Fahrzeug Wei-
denman...ns 1,75 m vom rechten Strassenrand entfernt,
während Madeux zu seiner Rechten noch 1,5 m Raum
hatte.
B. -
Am 1. Dezember 1949 verurteilte das Oberge-
richt des Kantons Bern Weidenmann wegen fahrlässiger
Störung des öffentlichen Verkehrs zu Fr. 40.- Busse.
Es warf ihm vor, er habe entgegen der Vorschrift des
Art. 25 Abs. 1 MFG sein Fahrzeug nicht beherrscht, weil
er die Strasse ungenügend beobachtet, sein Augenmerk
blass auf das entgegenkommende Automobil gerichtet habe.
G. -
Weidenmann führt Nichtigkeitsbeschwerde mit
den Anträgen, das Urteil des Obergerichts sei aufzuheben
und die Sache zu seiner Freisprechung zurückzuweisen.
Er will nicht gelten lassen, dass der Führer eines Motor-·
fährzeuges verpflichtet sei, alle Teile der vor ihm liegenden
Fahrbahn mit gleicher Intensität zu beobachten, weil
1
/,
Strassenverkehr. N• 25.
129
das der «normalen menschlichen Reaktions- und Kon-
zentrationsfähigkeit» widerspreche. Es liege im Wesen des
Menschen, besonders des Motorfahrzeugführers, dass er
beim plötzlichen Auftauchen einer Gefahr die Aufmerk-
samkeit in erster Linie auf diese richte. Als Reaktions-
erscheinung sei dieses Verhalten vom Willen und dessen
Betätigung unabhängig, so dass es eine unerfüllbare For-
derung darstelle, wenn man verlange, dass er im gleichen
Zeitpunkt die volle Aufmerksamkeit auch auf Sektoren
.ausserhalb der Gefahrenquelle richte. Wollte man dies ver-
langen, so würde man an den Führer übermenschliche
Anforderungen stellen.
Der Kassationshof zieht in Erwägung:
1. -
Der Beschwerdeführer fuhr nach der verbind-
lichen und nicht bestrittenen Feststellung der Vorinstanz
mit 55 km/Std. und schickte sich an, das entgegenkom-
mende Fahrzeug ohne Herabsetzung der Geschwindigkeit
zu kreuzen. Das war verwegen. Es ist gerichtsnoto-
risch, dass selbst ein Automobil neuester Konstruktion
auf trockener Makadamstrasse bei einer Geschwindig-
]rnit von 55 km/Std. 34-35 m zurücklegt, ehe es zum
Stehen kommt, wobei die Zeit, die der Führer nor-
malerweise benötigt, um auf die Gefahr zu reagieren,
berücksichtigt ist. Selbst unter günstigsten Verhältnis-
. .sen erlaubte somit eine Geschwindigkeit von 55 km/Std.
dem Beschwerdeführer nicht, innerhalb der Reichweite
der abgeblendeten Scheinwerfer, die nach Art. 13 lit. a
MFV 30 m beträgt, anzuhalten. Es besta,nd daher zum
vorneherein die Gefahr, dass der Beschwerdeführer einen
im Lichtkegel seiner Scheinwerfer auftauchenden Rad-
fahrer oder Fussgänger überfahre oder gefährde. Dazu
kommt, dass beim Kreuzen mit anderen Fahrzeugen die
Verhältnisse allgemein ungünstiger sind als sonst. Das
entgegenkommende Fahrzeug erschwert infolge Blendung
die Sicht. Es schafft nicht nur die Gefahr, dass d~r Führer
bloss einen Teil der vom eigenen Fahrzeug beleuchteten
1l
AS 76 IV -
1950
130
Strassenverkehr. No 25.
Strecke überblicke, sondern kann auch Ursache optischer
Täuschungen sein. Ferner zieht es die Aufmerksamkeit
auf sich und lenkt sie von der übrigen Fahrbahn ab. End-
lich nimmt es einen Teil der Fahrbahn in Anspruch und
schränkt dadurch die Bewegungsfreiheit des andern ein.
Als Besonderheit des vorliegenden Falles kommt dazu~
dass Madeux 11 m vor der Kreuzung immer noch auf der
Strassenmitte war, den Beschwerdeführer also zu ganz be-
sonderer Aufmerksamkeit und Vorsicht zwang. Der
Beschwerdeführer kannte diese Verhältnisse, da die Strasse
an der betreffenden Stelle mehrere hundert Meter weit
gerade verläuft. Er durfte nicht mit 55 km/Std. kreuzen
auf gut Glück hin, dass ihm kein Hindernis in den Weg
komme. Er hat die Geschwindigkeit den Verhältnissen
nicht angepasst, wie Art. 25 Abs. 1 MFG es verlangt.
Diese fehlerhafte Fahrweise war erste Ursache, dass er
den Radfahrer zu spät erblickte. Dass er beim Auftauchen
des Radfahrers überrascht war, entschuldigt ihn daher
nicht. Art. 237 Ziff. 2 StGB ist schon aus diesem Grunde
zu Recht angewendet worden.
2. -
Im übrigen könnte die Fahrweise des Beschwerde-
führers auch nicht entschuldigt werden, wenn er lang-
samer gefahren wäre und den Radfahrer bloss deshalb zu
spät erblickt hätte, weil seine Aufmerksamkeit auf das
entgegenkommende Automobil gerichtet war. Auf 30 m
Entfernung kann man eine 6,3 m breite Strasse mit genü-
gender Genauigkeit überblicken, um ein Automobil kreuzen
zu können, ohne den rechten Strassenrand aus dem Auge
zu verlieren. Der Beschwerdeführer war nicht berechtigt,
den Blick so intensiv auf das Automobil zu richten, dass
er nicht mehr sah, was sich vor dem eigenen Fahrzeug
abspielte, und trotzdem mit normaler Geschwindigkeit
weiterzufahren. Dass er von einer plötzlich auftauchenden
Gefahr überrascht worden sei und aus diesem Grunde der
eigenen Fahrbahn nicht die nötige Aufmerksamkeit ge-
schenkt habe, ist nicht richtig. Er hat von weitem gesehen
oder sehen können, dass Madeux auf der Strassenmitte
1.
i
'
1
~
l
Strassenverkehr. N° 26.
181
· fuhr. Der Beschwerdeführer hatte Zeit, sich diesem Um-
stande anzupassen, insbesondere durch erhebliche Herab-
setzung der Geschwindigkeit oder Anhalten, wenn er sich
nicht imstande glaubte, während des Kreuzens die eigene
Fahrbahn gleichwohl genau zu beobachten. Seine Unauf-
merksamkeit ist ihm zum Verschulden anzurechnen; wer
unaufmerksam ist, beherrscht sein Fahrzeug nicht, wie
.Art. 25 Abs. 1 MFG es verlangt (BGE 76 IV 55).
Demnach erkennt der Kassationshof:
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.