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75_IV_83

BGE 75 IV 83

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1949-01-01 · Deutsch CH
Quelle Original Export Word PDF BibTeX RIS
Sachverhalt

Die Aktiengesellschaft Binelli & Ehrsam betreibt in den Häusern Nr. 48 und 52 an der Stampfenbach- strasse in Zürich eine Werkstatt, in welcher Lastwagen~ chassis zusammengestellt und Motorfahrzeuge geflick\ wer- den. Im Sommer 1948 pflegte der Geschäftsführer der Gesellschaft, Hans Baumgartner, zwei fertige Chassis mit .Händlerschildern versehen tagsüber neben den Eingang der Werkstatt auf die Strasse zu stellen, um in der Werk- statt Raum zum Arbeiten freizumachen, die Chassis allfälligen Kaufsinteressenten zum Vorzeigen und Vor- führen bereitzuhalten und Dritten zu verunmöglichen, durch Parkieren von Fahrzeugen die Zufahrt zur Werk- statt zu behindern. Als Baumgartner am 8. Juli 1948 von 7.30 bis 10.30 Uhr die beiden Chassis wiederum am gewohnten Orte stehen liess, obschon er keine Bewilligung · hatte, öffentlichen Grund zu gewerblichen Zwecken zu benützen, wurde er wegen Obertretung von Art. 1 und 11 der Verordnung der Stadt Zürich vom 24. Juni 19ll über die Benützung des öffentlichen Grundes verzeigt. B. - Während der Einzelrichter des Bezirksgerichtes

84 Kotoriahneugverlt •. N" 18. Zürich Baumgartner freisprach, verurteilte das Ober- gericht des Kantons Zürich auf Nichtigkeitsbeschwerde des Polizeirichteramtes der Stadt Zürich hin den Beschul- digten am 24. März 1949 wegen Übertretung der erwähnten Bestimmungen zu einer Busse von Fr. 10.-. .

0. - Baumgartner ficht das Urteil des Obergerichtes mit Nichtigkeitsbeschwerde beim Kassationshof des Bun- desgerichtes an.· Er beantragt, es sei aufzuheben und er sei freizusprechen. Zur Begründung macht er geltend, Art. 26 und 27 MFV verböten den Kantonen und Gemein- den, mit Kollektivschildern versehene Motorfahrzeuge einschränkenden Bestimmungen zu unterstellen. Diese Fahrzeuge seien in Bezug auf das Parkieren gleich zu behandeln wie die Motorfahrzeuge mit gewöhnlichen Kontrollschildern. Eine andere Auffassung würde gegen das Gebot der Rechtsgleichheit . verstossen. Wenn die Gemeinden für Fahrzeuge mit Kollektivausweisen ein- schräp.kende Bestimmungen erlassen könnten, so dürften sie dM gemäss Art. 3 Abs. 3 MFG jedenfalls nur aus- drücklich und nur mit Genehmigung des Kantons tun. Eine ausdrückliche Vol'ßchrift .der Stadt Zürich, wonach Motorfahrzeuge mit Kollektivschildern auf öffentlichem Grunde nicht parkieren dürften, fehle aber. Art. 11 der Verordnung der Stadt Zürich· über die Benützung ~ öffentlichen Grunde8 auf Motorfahrzeuge anzuwenden, widerspreche dem zürcherischen Gesetz vom 18. Februar 1923 über den Verkehr mit Motorfahrzeugen und Fahr- rädern. Das angefochtene Urteil verletze auch die Handels- nnd Gewerbefreiheit. Der . Kassationshof zieht

Erwägungen (3 Absätze)

E. 1 Nach Art. 11 der Verordnung des Stadtrates von Zürich vom 24. Juni 1911 betreffend Benützung des öffentlichen Grundes darf öffentlicher Grund nur mit Bewilligung der Polizei zu gewerblichen Zwecken benützt werden. Ob. der Sinn dieses Artikels oder Vorschriften des kantonalen Rechts seine Anwendung auf Motorfahr- it._ i-~. 'IW[, zeuge verbieten, hat der Kassa.tionshof nicht zu entschei- den; ·die Niohtigkeitsbeschwerde kann nur da.mit be- gründet ~en, dass das angefochtene Urteil gegen eid• genössisches Recht verstosse (Art. 269 Abs. 1, Art. · 273 Abs. 1 lit. b BStP). Unzulässig ist auch der Einwand, das Urteil verletze die verfassungsmässigen Grundsätze der Rechtsgleichheit und der Handels- und Gewerbefreiheit: Solche Verstösse können nur mit staatsrechtlicher Be-· schwerde gerügt werden (Art. 269 Abs. 2 BStP).

E. 2 Das Bundesgesetz über den ]4otorfa.hrzeug- und Fahrradverkehr stellt Bestimmungen auf über die Ver- wendung von Motorfahrzeugen und Fahrrädem im öffentli- chen Verkehr, sowie Verkehrsvorschrift;en für die Be- nützer der dem Motorfahrzeug oder dem Fahrrad geöffne- ten Strassen (Art. l Abs. 1 MFG). Es ordnet den Verkehr. Nur soweit es dieser Zweck erfordert, erlässt es Vorschrif~. ten über das Anhalten und Parkieren der Fahrzeuge auf öffentlichen· Strassen und Plätzen. Über die Benützung des öffentlichen Grundes zu anderen Zwecken als · zum Verkehr sagt es nichts. Wenn ein Motorfahrzeug nach den Bestimmungen des Bundesgesetzes und der Voll- ziehungsverordnung zum Verkehr zugela.ssen ist, sei es, dass da.für ein individueller Fahrzeugausweis besteht, sei es, dass es mit einem kollektiven Ausweis (Händler- oder Versuchsschild) verkehren darf, ist deshalb über die Berechtigung, mit dem Fahrzeug den öffentlichen· Grund zu anderen als zu Verkehrszwecken in Allspruch zu nehmen,· nichts gesagt. Inwieweit das geschehen darf, bestimmen die Kantone oder mit deren Ermächtigung die Gemeinden. Solche Vorschriften sind nicht an die.Schranken von Art. 3 Abs., 2 und 3 MFG gebunden. Da.s Recht, das dieser Artikel zugunsten der Kantone vorbehält, ist Verkehrs- recht. Eines Vorbehaltes zugunsten ·anderer a.ls verkehrs- rechtlicher Vorschriften, insbesondere solcher gewerbe- polizeilicher Natur, bedarf es nicht; die Befugnis, sie zu erlassen, ergibt sich aus der Souveränität der Kantone (Art. ö BV).

Hotorfahrzeugverkehr. No 18.

E. 3 Wie die Vorinstanz feststellt und der Beschwerde-

führer selber ausführt, hat er die beiden Lastwagen-

chassis auf die Strasse gestellt, weil ihm tagsüber in der

Werkstatt der Raum gefehlt hat, um sie aufzubewahren.

Ferner hat er damit Dritten verunmöglichen wollen,

durch Parkieren von Fahrzeugen die Zufährt zur Werk-

statt zu verstellen. Zugleich hat er die Chassis auf der

Strasse bereitgehalten, um sie allfälligen Interessenten zu

zeigen und vorzuführen. Er hat also die Strasse nicht

als Verkehrsader oder als Haltestelle oder Parkplatz für

auf der Fahrt befindliche oder sich aUf die Fahrt bege-

bende Fahrzeuge benützt, sondern im wesentlichen als

Lager- und Ausstellungsplatz für seine Fabrikate und

hat damit gleichzeitig Fahrzeuge Dritter am Parkieren

vor der Werkstatt hindern wollen. Das waren gewerbliche

Zwecke. Hiezu den öffentlichen Grund in Anspruch zu

nehmen, berechtigten ihn die Händlerschilder nicht,

sowenig sie i~ z. B. das Recht gaben, die Strasse als

Werkplatz zur Ausführung von Automobilreparaturen zu

benützen. Der Einwand des Beschwerdeführers, heutzu-

tage werde die überwiegende Zahl der Motorfahrzeuge

auf öffentlichem Grund zu gewerblichen Zwecken ver-

wendet, ist trölerisch. In den Beispielen, die er anführt

(Werkverkehr und entgeltliche Transporte mit Lieferungs-

und Lastwagen), besteht das Gewerbe in der Ausführung

von Fahrten, also im Verkehr, wie ihn das Bundesgesetz

regelt.

Demnach erkennt der Ka8sationskof :

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen, soweit

darauf eingetreten werden kann.

Verfahren. NO 19.

IV. VERFAHREN

PROCEDURE

87

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

18. Urteil des Kassationshofes vom 27. :Hai tMD i. S. Baum- gartner gegen Pollzeirlehteramt der Stadt Zftrieh. Art. 1 Abs. 1, Art. 5 Abs. 1 MFG. Der Fahrzeugausweis verleiht nicht das Recht, die Strasse mit dem Fahrzeug zu andern Zwecken als zum Verkehr zu benützen. Art. Je• al. 1 et 5 al. 1 LA. Un vehicule automobile pourvu d'un permis de circulation n'est admis sur Ja voie publique que pour y circuler. Art. 1 ep. 1 e ti ep. 1 LA. La licenza. di circolazione conferisce soJtanto il diritto di utilizzare la strada pubblica. per circolare con l'a.utoveicolo e non per a.ltri scopi. A. - Die Aktiengesellschaft Binelli & Ehrsam betreibt in den Häusern Nr. 48 und 52 an der Stampfenbach- strasse in Zürich eine Werkstatt, in welcher Lastwagen~ chassis zusammengestellt und Motorfahrzeuge geflick\ wer- den. Im Sommer 1948 pflegte der Geschäftsführer der Gesellschaft, Hans Baumgartner, zwei fertige Chassis mit .Händlerschildern versehen tagsüber neben den Eingang der Werkstatt auf die Strasse zu stellen, um in der Werk- statt Raum zum Arbeiten freizumachen, die Chassis allfälligen Kaufsinteressenten zum Vorzeigen und Vor- führen bereitzuhalten und Dritten zu verunmöglichen, durch Parkieren von Fahrzeugen die Zufahrt zur Werk- statt zu behindern. Als Baumgartner am 8. Juli 1948 von 7.30 bis 10.30 Uhr die beiden Chassis wiederum am gewohnten Orte stehen liess, obschon er keine Bewilligung · hatte, öffentlichen Grund zu gewerblichen Zwecken zu benützen, wurde er wegen Obertretung von Art. 1 und 11 der Verordnung der Stadt Zürich vom 24. Juni 19ll über die Benützung des öffentlichen Grundes verzeigt. B. - Während der Einzelrichter des Bezirksgerichtes

84 Kotoriahneugverlt •. N" 18. Zürich Baumgartner freisprach, verurteilte das Ober- gericht des Kantons Zürich auf Nichtigkeitsbeschwerde des Polizeirichteramtes der Stadt Zürich hin den Beschul- digten am 24. März 1949 wegen Übertretung der erwähnten Bestimmungen zu einer Busse von Fr. 10.-. .

0. - Baumgartner ficht das Urteil des Obergerichtes mit Nichtigkeitsbeschwerde beim Kassationshof des Bun- desgerichtes an.· Er beantragt, es sei aufzuheben und er sei freizusprechen. Zur Begründung macht er geltend, Art. 26 und 27 MFV verböten den Kantonen und Gemein- den, mit Kollektivschildern versehene Motorfahrzeuge einschränkenden Bestimmungen zu unterstellen. Diese Fahrzeuge seien in Bezug auf das Parkieren gleich zu behandeln wie die Motorfahrzeuge mit gewöhnlichen Kontrollschildern. Eine andere Auffassung würde gegen das Gebot der Rechtsgleichheit . verstossen. Wenn die Gemeinden für Fahrzeuge mit Kollektivausweisen ein- schräp.kende Bestimmungen erlassen könnten, so dürften sie dM gemäss Art. 3 Abs. 3 MFG jedenfalls nur aus- drücklich und nur mit Genehmigung des Kantons tun. Eine ausdrückliche Vol'ßchrift .der Stadt Zürich, wonach Motorfahrzeuge mit Kollektivschildern auf öffentlichem Grunde nicht parkieren dürften, fehle aber. Art. 11 der Verordnung der Stadt Zürich· über die Benützung ~ öffentlichen Grunde8 auf Motorfahrzeuge anzuwenden, widerspreche dem zürcherischen Gesetz vom 18. Februar 1923 über den Verkehr mit Motorfahrzeugen und Fahr- rädern. Das angefochtene Urteil verletze auch die Handels- nnd Gewerbefreiheit. Der . Kassationshof zieht in Erwägung : '·

1. - Nach Art. 11 der Verordnung des Stadtrates von Zürich vom 24. Juni 1911 betreffend Benützung des öffentlichen Grundes darf öffentlicher Grund nur mit Bewilligung der Polizei zu gewerblichen Zwecken benützt werden. Ob. der Sinn dieses Artikels oder Vorschriften des kantonalen Rechts seine Anwendung auf Motorfahr- it._ i-~. 'IW[, zeuge verbieten, hat der Kassa.tionshof nicht zu entschei- den; ·die Niohtigkeitsbeschwerde kann nur da.mit be- gründet ~en, dass das angefochtene Urteil gegen eid• genössisches Recht verstosse (Art. 269 Abs. 1, Art. · 273 Abs. 1 lit. b BStP). Unzulässig ist auch der Einwand, das Urteil verletze die verfassungsmässigen Grundsätze der Rechtsgleichheit und der Handels- und Gewerbefreiheit: Solche Verstösse können nur mit staatsrechtlicher Be-· schwerde gerügt werden (Art. 269 Abs. 2 BStP).

2. - Das Bundesgesetz über den ]4otorfa.hrzeug- und Fahrradverkehr stellt Bestimmungen auf über die Ver- wendung von Motorfahrzeugen und Fahrrädem im öffentli- chen Verkehr, sowie Verkehrsvorschrift;en für die Be- nützer der dem Motorfahrzeug oder dem Fahrrad geöffne- ten Strassen (Art. l Abs. 1 MFG). Es ordnet den Verkehr. Nur soweit es dieser Zweck erfordert, erlässt es Vorschrif~. ten über das Anhalten und Parkieren der Fahrzeuge auf öffentlichen· Strassen und Plätzen. Über die Benützung des öffentlichen Grundes zu anderen Zwecken als · zum Verkehr sagt es nichts. Wenn ein Motorfahrzeug nach den Bestimmungen des Bundesgesetzes und der Voll- ziehungsverordnung zum Verkehr zugela.ssen ist, sei es, dass da.für ein individueller Fahrzeugausweis besteht, sei es, dass es mit einem kollektiven Ausweis (Händler- oder Versuchsschild) verkehren darf, ist deshalb über die Berechtigung, mit dem Fahrzeug den öffentlichen· Grund zu anderen als zu Verkehrszwecken in Allspruch zu nehmen,· nichts gesagt. Inwieweit das geschehen darf, bestimmen die Kantone oder mit deren Ermächtigung die Gemeinden. Solche Vorschriften sind nicht an die.Schranken von Art. 3 Abs., 2 und 3 MFG gebunden. Da.s Recht, das dieser Artikel zugunsten der Kantone vorbehält, ist Verkehrs- recht. Eines Vorbehaltes zugunsten ·anderer a.ls verkehrs- rechtlicher Vorschriften, insbesondere solcher gewerbe- polizeilicher Natur, bedarf es nicht; die Befugnis, sie zu erlassen, ergibt sich aus der Souveränität der Kantone (Art. ö BV).

Hotorfahrzeugverkehr. No 18.

3. - Wie die Vorinstanz feststellt und der Beschwerde- führer selber ausführt, hat er die beiden Lastwagen- chassis auf die Strasse gestellt, weil ihm tagsüber in der Werkstatt der Raum gefehlt hat, um sie aufzubewahren. Ferner hat er damit Dritten verunmöglichen wollen, durch Parkieren von Fahrzeugen die Zufährt zur Werk- statt zu verstellen. Zugleich hat er die Chassis auf der Strasse bereitgehalten, um sie allfälligen Interessenten zu zeigen und vorzuführen. Er hat also die Strasse nicht als Verkehrsader oder als Haltestelle oder Parkplatz für auf der Fahrt befindliche oder sich aUf die Fahrt bege- bende Fahrzeuge benützt, sondern im wesentlichen als Lager- und Ausstellungsplatz für seine Fabrikate und hat damit gleichzeitig Fahrzeuge Dritter am Parkieren vor der Werkstatt hindern wollen. Das waren gewerbliche Zwecke. Hiezu den öffentlichen Grund in Anspruch zu nehmen, berechtigten ihn die Händlerschilder nicht, sowenig sie i~ z. B. das Recht gaben, die Strasse als Werkplatz zur Ausführung von Automobilreparaturen zu benützen. Der Einwand des Beschwerdeführers, heutzu- tage werde die überwiegende Zahl der Motorfahrzeuge auf öffentlichem Grund zu gewerblichen Zwecken ver- wendet, ist trölerisch. In den Beispielen, die er anführt (Werkverkehr und entgeltliche Transporte mit Lieferungs- und Lastwagen), besteht das Gewerbe in der Ausführung von Fahrten, also im Verkehr, wie ihn das Bundesgesetz regelt. Demnach erkennt der Ka8sationskof : Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten werden kann. Verfahren. NO 19. IV. VERFAHREN PROCEDURE 87