Sachverhalt
Die sechzigjährige Martha Minatelli überschritt am
Nachmittag des 25. Juni 1948 in Basef bei der Einmündung
Strafgesetzbuch. No 27.
123
der Strasse « In der Breite »die Fahrbahn der Zürcherstrasse
leicht schräg von Nordwesten gegen Südosten. Von rechts
näherte sich ihr ein mit ungefähr 50 km/h gegen Birsfelden
fahrendes Personenautomobil. Dessen Führer Wilhelm
Schwer war es möglich, schon von weitem zu sehen, dass
die Frau die Fahrbahn betreten hatte und sie überqueren
wollte. Trotzdem bremste er erst kurz bevor er sie erreichte.
Er konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten. Das Automobil
warf mit der linken Seite der vorderen Stossstange die Frau
zu Boden und verletzte sie so schwer, dass sie mehrere
Monate lang arbeitsunfähig war.
B. -
Am 18. Januar 1949 verurteilte das Strafgericht
des Kantons Basel-Stadt Schwer wegen fahrlässiger Störung
des öffentlichen Verkehrs (Art. 237 Zi:ff. 2 StGB) und fahr-
lässiger schwerer Körperverletzung (Art. 125 Abs. 2 StGB)
zu Fr. 60.- Busse.
Am 15. März 1949 bestätigte das Appellationsgericht
des Kantons Basel-Stadt das Urteil.
0. -
Schwer führt gegen das Urteil des Appellations-
gerichtes Nichtigkeitsbeschwerde mit den Anträgen, es
sei aufzuheben, eventuell sei die Sache zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Er macht unter anderem
geltend, Art. 237 StGB t~ffe nicht zu, weil, wenn· eine
Gefährdung überhaupt vorliege, nicht der Verkehr, son-
dern ein Fussgänger gefährdet worden sei. Der Beschwerde-
führer habe auch keine fahrlässige Körperverletzung be-
gangen. Wäre er dieses Vergehens schuldig, so dürfte
daneben nicht Art. 237 StGB angewendet werden, denn die
Bestimmung über die Körperverletzung gelte auch die
vorausgegangene Gefährdung der verletzten Person ab.
D. -
Der Präsident des Appellationsgerichts und die
Staatsanwaltschaft beantragen, die Beschwerde sei abzu-
weisen.
Der Kasaationshof zieht
Erwägungen (2 Absätze)
E. 3 Objektiv trifft Art. 237 Zi:ff. 2 StGB zu, wenn der Beschwerdeführer den Verkehr auf der Strasse gehindert, 124 Strafgesetzbuch. No 27. gestört oder gefährdet und dadurch Leib und Leben von Menschen in Gefahr gebracht hat. Der Beschwerdeführer meint, diese Bestimmung sei nicht anwendbar, weil sie unter dem Verkehr nur den ' Gebrauch von Fahrzeugen zur Beförderung von Menschen und Sachen verstehe, Frau Minatelli jedoch Fussgängerin gewesen sei. Diese Auffassung hält nicht stand. Sie schei- tert schon am Wortlaut des Gesetzes. Art. 237 spricht nicht nur vom Fahrzeugverkehr, sondern vom Verkehr schlecht- hin, worunter auch der Fussgängerverkehr zu verstehen ist. Auch der Sinn der Vorschrift kann kein anderer sein. Schutzobjekt des Art. 237 wie der Verkehrsvorschriften im allgemeinen ist die Sicherheit der Menschen. Das ist so wahr, dass Art. 237 überhaupt nur Handlungen unter Strafe stellt, die Leib und Leben von Menschen, nicht auch solche, die ausschliesslich Sachen in Gefahr bringen. Wieso jedoch die Bestimmung nur die mit Fahrzeugen ausge- rüsteten Personen schützen sollte, ist nicht zu sehen. Leben und Gesundheit der andern haben diesen Schutz nicht minder nötig, noch sind sie seiner weniger würdig. Wird Art. 237 so ausgelegt, so hat der Beschwerdeführer den Verkehr auf der Strasse gestört und dadurch Leib und Leben eines Menschen in Gefahr gebracht.
E. 5 Die Vorinstanzen haben den Beschwerdeführer für
ein und dieselbe Handlung sowohl nach Art. 237 Ziff. 2
als auch nach Art. 125 Abs. 2 StGB bestraft. Idealkon-
kurrenz zwischen Art. 237 Ziff. 2 einerseits und den Be-
stimmungen über fahrlässige Tötung und.Körperverletzung
anderseits ist indes nur insoweit möglich, als die Gefähr-
dung über den eingetretenen Erfolg hinausreicht, z. B.
wenn Leib und Leben mehrerer Personen gefährdet wer-
den, aber nur eine von ihnen verletzt oder getötet wird.
Stellt dagegen der Erfolg (Körperverletzung, Tötung) die
volle Auswirkung der Gefährdung dar, so kann es nicht
der Wille des Gesetzes sein, die auf dem Erfolg stehende
Strafe wegen der ihm notwendig vorausgegangenen Ge-
fährdung nach Art. 68 Ziff. 1 StGB zu erhöhen; die Strafe
"Strafgesetzbuch. No 27.
125
für die Körperverletzung oder Tötung gilt dann die Stö-
rung des öffentlichen Verkehrs mit ab. So auch im vorlie-
genden Falle, wo der Beschwerdeführer durch seine. pflicht-
widrige Fahrweise einzig Frau Minatelli gefährdet hat und
deren schwere Schädigung am Körper die Folge dieser
Gefährdung ist. Obwohl der Beschwerdeführer nur zu
einer Busse von Fr. 60.- verurteilt worden ist, die schon
nach Art. 125 allein gerechtfertigt gewesen wäre, muss
deshalb das Urteil aufgehoben und die Sache zur Neube-
messung der Strafe zurückgewiesen werden, denn die Vor.,.
instanzen haben die Gefährdungsmomente nicht nur als
schuldbegründend behandelt, sondern ausdrücklich Art. 68
Ziff. 1 StGB angewendet.
Demnach erkennt der Kassationshof :
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird dahin teilweise gutge-
heissen, dass das Urteil des Appellationsgerichts des Kan-
tons Basel-Stadt vom 15. März 1949 aufgehoben und die
Sache zur Neubemessung der Strafe im Sinne der Erwä-
gungen an die Vorinstanz zurückgewiesen wird.
Vgl. auch Nr. 29. -
Voir aussi n° 29.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
27. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 24. Juni
1949 i. S. Schwer gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Stadt.
1. Art. 237 StGB schützt auch die Fussgän:ger (Erw. 3).
2. Verhältnis von Art. 237 Zifl. 2 StGB zu den Bestimmungen
über fahrlässige Tötung und Körperverletzung (Erw. 5).
1. L'art. 237 OP protege aussi les pietons (consid. 3).
2. Rapport entre l'art. 237 ek. 2 OP et les dispositions sw- l'homicide et les lesions corporelles par negligence (consid. 5).
1. L'art. 237 OP protegge anche i pedoni (consid. 3).
2. Relazione tra I'art. 237 eijra 2 OP e le disposizioni sull'omicidio
e le Iesioni corporali per negligenza. (consid. 5).
A. -
Die sechzigjährige Martha Minatelli überschritt am
Nachmittag des 25. Juni 1948 in Basef bei der Einmündung
Strafgesetzbuch. No 27.
123
der Strasse « In der Breite »die Fahrbahn der Zürcherstrasse
leicht schräg von Nordwesten gegen Südosten. Von rechts
näherte sich ihr ein mit ungefähr 50 km/h gegen Birsfelden
fahrendes Personenautomobil. Dessen Führer Wilhelm
Schwer war es möglich, schon von weitem zu sehen, dass
die Frau die Fahrbahn betreten hatte und sie überqueren
wollte. Trotzdem bremste er erst kurz bevor er sie erreichte.
Er konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten. Das Automobil
warf mit der linken Seite der vorderen Stossstange die Frau
zu Boden und verletzte sie so schwer, dass sie mehrere
Monate lang arbeitsunfähig war.
B. -
Am 18. Januar 1949 verurteilte das Strafgericht
des Kantons Basel-Stadt Schwer wegen fahrlässiger Störung
des öffentlichen Verkehrs (Art. 237 Zi:ff. 2 StGB) und fahrlässiger schwerer Körperverletzung (Art. 125 Abs. 2 StGB)
zu Fr. 60.- Busse.
Am 15. März 1949 bestätigte das Appellationsgericht
des Kantons Basel-Stadt das Urteil.
0. -
Schwer führt gegen das Urteil des Appellationsgerichtes Nichtigkeitsbeschwerde mit den Anträgen, es
sei aufzuheben, eventuell sei die Sache zur Neubeurteilung
an die Vorinstanz zurückzuweisen. Er macht unter anderem
geltend, Art. 237 StGB t~ffe nicht zu, weil, wenn· eine
Gefährdung überhaupt vorliege, nicht der Verkehr, sondern ein Fussgänger gefährdet worden sei. Der Beschwerdeführer habe auch keine fahrlässige Körperverletzung begangen. Wäre er dieses Vergehens schuldig, so dürfte
daneben nicht Art. 237 StGB angewendet werden, denn die
Bestimmung über die Körperverletzung gelte auch die
vorausgegangene Gefährdung der verletzten Person ab.
D. -
Der Präsident des Appellationsgerichts und die
Staatsanwaltschaft beantragen, die Beschwerde sei abzuweisen.
Der Kasaationshof zieht in Erwägung :
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3. -
Objektiv trifft Art. 237 Zi:ff. 2 StGB zu, wenn der
Beschwerdeführer den Verkehr auf der Strasse gehindert,
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Strafgesetzbuch. No 27.
gestört oder gefährdet und dadurch Leib und Leben von
Menschen in Gefahr gebracht hat.
Der Beschwerdeführer meint, diese Bestimmung sei
nicht anwendbar, weil sie unter dem Verkehr nur den
'
Gebrauch von Fahrzeugen zur Beförderung von Menschen
und Sachen verstehe, Frau Minatelli jedoch Fussgängerin
gewesen sei. Diese Auffassung hält nicht stand. Sie scheitert schon am Wortlaut des Gesetzes. Art. 237 spricht nicht
nur vom Fahrzeugverkehr, sondern vom Verkehr schlechthin, worunter auch der Fussgängerverkehr zu verstehen ist.
Auch der Sinn der Vorschrift kann kein anderer sein.
Schutzobjekt des Art. 237 wie der Verkehrsvorschriften im
allgemeinen ist die Sicherheit der Menschen. Das ist so
wahr, dass Art. 237 überhaupt nur Handlungen unter
Strafe stellt, die Leib und Leben von Menschen, nicht auch
solche, die ausschliesslich Sachen in Gefahr bringen. Wieso
jedoch die Bestimmung nur die mit Fahrzeugen ausgerüsteten Personen schützen sollte, ist nicht zu sehen.
Leben und Gesundheit der andern haben diesen Schutz
nicht minder nötig, noch sind sie seiner weniger würdig.
Wird Art. 237 so ausgelegt, so hat der Beschwerdeführer
den Verkehr auf der Strasse gestört und dadurch Leib und
Leben eines Menschen in Gefahr gebracht.
5. -
Die Vorinstanzen haben den Beschwerdeführer für
ein und dieselbe Handlung sowohl nach Art. 237 Ziff. 2
als auch nach Art. 125 Abs. 2 StGB bestraft. Idealkonkurrenz zwischen Art. 237 Ziff. 2 einerseits und den Bestimmungen über fahrlässige Tötung und.Körperverletzung
anderseits ist indes nur insoweit möglich, als die Gefährdung über den eingetretenen Erfolg hinausreicht, z. B.
wenn Leib und Leben mehrerer Personen gefährdet werden, aber nur eine von ihnen verletzt oder getötet wird.
Stellt dagegen der Erfolg (Körperverletzung, Tötung) die
volle Auswirkung der Gefährdung dar, so kann es nicht
der Wille des Gesetzes sein, die auf dem Erfolg stehende
Strafe wegen der ihm notwendig vorausgegangenen Gefährdung nach Art. 68 Ziff. 1 StGB zu erhöhen; die Strafe
"Strafgesetzbuch. No 27.
125
für die Körperverletzung oder Tötung gilt dann die Störung des öffentlichen Verkehrs mit ab. So auch im vorliegenden Falle, wo der Beschwerdeführer durch seine. pflichtwidrige Fahrweise einzig Frau Minatelli gefährdet hat und
deren schwere Schädigung am Körper die Folge dieser
Gefährdung ist. Obwohl der Beschwerdeführer nur zu
einer Busse von Fr. 60.- verurteilt worden ist, die schon
nach Art. 125 allein gerechtfertigt gewesen wäre, muss
deshalb das Urteil aufgehoben und die Sache zur Neubemessung der Strafe zurückgewiesen werden, denn die Vor.,.
instanzen haben die Gefährdungsmomente nicht nur als
schuldbegründend behandelt, sondern ausdrücklich Art. 68
Ziff. 1 StGB angewendet.
Demnach erkennt der Kassationshof :
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird dahin teilweise gutgeheissen, dass das Urteil des Appellationsgerichts des Kantons Basel-Stadt vom 15. März 1949 aufgehoben und die
Sache zur Neubemessung der Strafe im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen wird.
Vgl. auch Nr. 29. -
Voir aussi n° 29.