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70_IV_85

BGE 70 IV 85

Bundesgericht (BGE) · 1944-01-01 · Deutsch CH
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84 Strafgesetzbuch. N° 21. einredeweise geltend gemachte, ihre rechtliche Bedeutung einbüsst, oder ob sie sich ·aus irgendeinem anderen Grunde im .Urteil nicht auswfrkt, z.B. weil schliesslich andere Tatsachen zur rechtlichen Begründung des streitigen An- spruches genügen. spielt keine Rolle. Unerheblich sind dagegen Tatsachen, die zwar mit dem zu beurteilenden Sachverhalt im Zusammenhang stehen, aber ihrer Natur nach für eine rechtliche Schlussfolgerung schlechtweg nicht in Betracht kommen, z. B. Tatsachen, nach denen der Richter bloss frägt, um mit dem Zeugen in Kontakt zu kommen, oder um dessen Beobachtungen auf ihre Zu- verlässigkeit hin zu prüfen, bei einem Automobilunfall z.B. die Farbe des Automobils. Grundsätzlich im gleichen Sinne hat sich der deutsche Berichterstatter im National- rat ausgesprochen, indem er erklärte, dass Äusserungen, welche > spricht, sind somit im Sinne der französischen zu verstehen : « des faits qui ne peuvent exercer aucune influence sur la decision du juge ». Etwas anderes wäre auch weder mit der Sicherheit des Rechtsganges und der Autorität der Rechtspflege, noch mit dem Grundsatz des Schuldstrafrechts vereinbar. Die Wahrheitspflicht des Zeugen kann nicht verschieden sein, je nachdem seine Aussage die richterliche Entscheidung letzten Endes tat- sächlich beeinflusst oder nicht. Sonst müsste z. B. bei Ab- schluss eines Vergleichs stets entweder Art. 307 Abs. 3 StGB angewendet werden, womit dem Zeugen die nicht urteilsmässige Erledigung des Prozesses unverdienterweise zugute käme, oder der Strafrichter müsste, was ebenso unbefriedigend wäre, den ganzen Prozesstoff selber durch- arbeiten und ihn vielleicht durch neue Beweismassnahmen ergänzen, um festzustellen, wie der Sachrichter vermutlich geurteilt und wie sich die falsche Zeugenaussage im Urteil ausgewirkt hätte. Strafgesetzbuch. N° 22. 85

22. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 19. Mal 1944 i. S. Steiner gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern. Art. 335 Ziff. 1 Abs.! StGB. Die Kantone sind befugt, unzüchtiges Reden in der Öffentlichkeit als Übertretung mit Strafe zu bedrohen ; § 39 des luzemischen EG StGB verstösst nicht gegen Bundesrecht. Art. 335 eh. 1al.1 OP. Les cantons peuvent punir a titre de con- travention les propos contraires a la pudeur tenus en public ; le § 39 de la LA lucernoise du CP ne viole pas le droit f0dera1. Art. 335, cifra 1, cp. 1 OP. I cantoni possono pu.nire a titolo di contravvenzione i discorsi contrari al pudore tenuti in pubblico ; il § 39 della legge lucernese d'introduzione del CP non viola il diritto federale. Aus den Erwägungen : Das Strafgesetzbuch stellt in Art. 203 unter Strafe die öffentliche Begehung einer unzüchtigen Handlung. Hand- lung ist hier nicht im weitesten Begriffe zu verstehen, sondern es ist die Tat im Gegensatz zum Wort. Die Bera- tungen der II. Expertenkommission stellen das ausser Zweifel (Prot. 3 259, 262 Abs. 1, Voten von ZÜRCHER, GAUTIER und HAFTER; vgl. auch Erl. VE S. 248). Aus ihnen ergibt sich aber auch deutlich, dass lediglich davon abgesehen werden wollte, das unzüchtige Reden gleich unzüchtigem Handeln als Vergehen unter Strafe zu stellen, nicht dagegen, es überhaupt jeglicher Ahndung zu ent- ziehen. Diese sollte vielmehr dem Übertretungsstrafrecht vorbehalten sein. Dem widerspricht nicht, dass der Bun- desgesetzgeber das unzüchtige Reden nicht selbst, gleich den Tatbeständen der Art. 205 und 206, als (( Übertretung gegen die Sittlichkeit>> unter Strafe gestellt hat. Denn für die bundesrechtliche Regelung dieser beiden Tatbestände hatte er besondere Gründe. Der eine steht im Zusammen- hang mit den Strafbestimmungen gegen Angriffe auf die Schamhaftigkeit und die Ehre der belästigten Person, will also nicht in erster Linie öffentlichen Anstand und Sitte schützen, und der andere trifft einen Auswuchs der Pro- stitution, deren strafrechtliche Erfassung der Bundesge-

86 Verfahren. No 23. setzgeber allerdings abschliessend zu ordnen gedachte (BGE 68 IV 4~). So blieb die Ahndung des unzüchtigen Redens in der Offentlichkeit wie andere Verletzungen von Anstand und Sitte in der Öffentlichkeit als Störung der ö_ffentlichen Ordnung dem kantonalen Gesetzgeber des . Ühertretungsstrafrechtes anheimgestellt. § 39 des Iuzer- nischen EG, der mit Busse bis zu IOO Fr. und in besonders schweren Fällen mit Haft bi~ zu 10 Tagen bedroht, wer öffentlich durch unzüchtige Reden das sittliche Empfinden anderer verletzt, ist demnach durch Art. 335 Abs. 1 StGB gedeckt. II. KRIEGSWIRTSCHAFT ECONOMIE DE GUERRE Vgl. Nr. 16. - Voir no 16. III. VERFAHREN PROCEDURE

23. Arret de la Chambre d'accusation du 12 avril 1944 en la cause Perret contre Chambre d'aceusation de I'Etat de Fribourg. L'incu,lp~ peu,t ~rter la q,nestion de competence devant la Cham- bre d accu.sat10n du Tribunal federal conformement a l'art. 264 PPF alor~ meme qu'il n'y a pas de conflit de competence entre les autorrtes cantonales (consid. 1). Le~ regle~ du Code I?enal suisse sur le for s'appliquent aussi aux mfrac;t1ons comm1ses avant l'entree en vigueur de ce code (cons1d. 2). L'art. ~4~ al. 2 C_P ne vise que le seul cas ou les coauteurs ont agi en_d1fferents heux (consid. 4). · Conflit entre le for .de l'art. 346 al. 1 et celui de l'art. 350 eh. I al.. 2 CP ; ~xcept10n apportee au principe de l'unite de la pour- smte (cons1d. 5 et 6). · Verfahren. N° 23. 87 Der Beschuldigte kann die Gerichtsstandsfrage gemä.ss Art. 264 BStrP der Anklagekammer des Bundesgerichts unterbreiten, selbst wenn der Gerichtsstand zwischen den kantonalen Be- hörden nicht streitig ist (Erw. l}. Die Gerichtsstandsbestimmungen des Strafgesetzbuches gelten auch füt die vor dessen Inkrafttreten begangenen strafbaren Handlungen (Erw. 2) . Art. 349 Abs. 2 StGB bezieht sich nur auf den Fall, wo die Mittäter die Tat an verschiedenen Orten ausgeführt haben (Erw. 4). Widerspruch zwischen dem Gerichtsstand des Art. 346 Abs. l und dem des Art. 350 Ziff. 1 Abs. 2 StGB ; Ausnahme vom Grund- satz der Einheit des Verfahren8 (Erw. 5 und 6). Il prevenuto puo portare la contestazione sul foro competente davanti alla Camera d'accusa del Tribunale federale confor- memente all'art. 264 PPF, anche se non esiste .confiitto di competenza tra le autorita cantonali ( consid. 1 ). Le norme del codice penale svizzero sul foro si applicano anche alle infrazioni commesse prima la sua entrata in vigore (co)'.l.- sid. 2). L'art. 349 cp. 2 CP contempla soltanto il caso in cuii compartecipi hanno agito in diversi luoghi (consid. 4). Conflitto fra il foro dell'art. 346 cp. 1 e il foro dell'art. 350 cifra 1 cp. 2 CP ; eccezione al principio dell'unita della procedura (consid. 5 e 6). A. - Le 18 juin 1941, Olga Perret a·ete condamnee par le Tribunal criminel de Lausanne a un an d 'em prisonnement pour avortement. En aoüt 1942, Yvonne Defferrard, domiciliee a Fribourg, se fit avorter dans cette ville; on ne sait pas encore si elle a agi seule ou avec l'aide de t.iers. Interrogee par le juge d'instruction, elle avoua qu'au mois de decembre 1940, elle avait ete a Lausanne se faire avorter par sa tante Olga Perret. Olga Perret le conteste. B. - Le 8 mai 1943, la Chambre d'accusation de l'Etat de Fribourg dessaisit les autorites fribourgeoises de la poursuite exercee contre Olga Perret pour l'avortement qu'elle etait accusee d'avoir commis sur la personne d'Yvonne De:fferrard. Le 4 decembre 1943, la meme cour revint sur son arret du 8 mai precedent, avec l'assenti- ment des autorites vaudoises, et renvoya devant le Tribunal de la Sarine tous les prevenus inculpes dans les deux a vof'Wfuents commis en 1940 et en 1942 sur la personne d'Yv(IDne Defferrard, soit en particulier Olga Perret.