opencaselaw.ch

69_I_101

BGE 69 I 101

Bundesgericht (BGE) ·I · 1943-09-17 · Deutsch CH
Quelle Original Export Word PDF BibTeX RIS
Sachverhalt

Die Familienaktiengesellschaft Gmür & Ole hat

am 7. Oktober 1941 bei drei ihrer Aktionäre Darlehen im

Gesamtbetrage von Fr. 10,000.- aufgenommen

und

10i

Verwaltungs- und Disziplinarreohtap1lege.

jedem Gläubiger einen Schuldschein ausgestellt. Im

Dezember 1941 hat sie einen weiteren Schuldschein über

Fr. 5,000.-, lautend'auf die Erbengemeinschaft Geschwi-

ster Gmür, ausgegeben. Die vier Schuldscheine lauten

einheitlich wie folgt :

«Sch1ildschein. Die unterzeichnete Fa. Gmür & Oie,

A.-G. bescheinigt hiemit, von ......... den Betrag von

Fr. ............ als Darlehen empfangen zu haben. Das

Darlehen ist verzinslich mit 4% p. a. Luzern, den

.................. ».

Die eidgenössische Steuerverwaltung fordert die eid-

genössische Emissionsabgabe von jährlich 1,2% vom

Nennwert dieser Titel, sowie die Couponabgabe und die

Quellenwehrsteuer vom Zinsertrag und hat ihre Forderung

mit Einspracheentscheid vom 27. Mai 1943 bestätigt. Sie

betrachtet die vier Schuldscheine als Anleihensobligatio-

nen im Sinne von Art. 10, Abs. 1, lit. a StG. Die Titel

seien zur Deckung eines bestimmten Kreditbedarfes in

Abwicklung eines einheitlichen Kreditgeschäftes gleich-

zeitig und zu übereinstimmenden Bedingungen ausgegeben

worden, was sie als Anleihensobligationen charakterisiere.

B. -

Die Gmür & Oie, A.-G. erhebt die Verwaltungs-

gerichtsbeschwerde und beantragt Aufhebung des Ein-

spracheentscheides der eidgenössischen Steuerverwaltung,

Befreiung der Beschwerdeführerin von den verlangten

Abgaben und Anordnung der Rückerstattung der bereits

entrichteten Beträge. Sie macht geltend, die vier Schuld-

scheine seien weder Anleihensobligationen noch Kassen-

obligationen im Sinne der Stempelgesetzgebung und darum

den beanspruchten Abgaben nicht unterworfen.

O. -

Die eidgenössische Steuerverwaltung beantragt

Abweisung der Beschwerde. Als Anleihensobligationen

seien Sohuldanerkennungen zu betrachten, welche zwecks

Abwicklung eines einheitlichen Kreditgeschäftes in einer

Mehrzahl von Exemplaren und zu gleichartigen Bedin-

gungen ausgegeben werden, welche Voraussetzungen hier

erfüllt seien.

Bundesreohtliohe Abgaben N0 23.

103

Das Bundesgericht hat die Beschwerde begründet

erklärt und den angefochtenen Entscheid aufgehoben

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Die vier Schuldscheine, die die Aktiengesellschaft Gmür & Oie im September und Dezember 1941 ausgegeben hat, werden als Anleihensobligationen in Anspruch ge- nommen. Der Begriff der Anleihensobligation ist in der Stempel- gesetzgebung nicht umschrieben. Die Praxis hat Obliga- tionen charakterisiert als Schuldurkunden, die zum Zwecke kollektiver Mittelbeschaffung in einer Mehrzahl von Exemplaren zu gleichartigen Bedingungen ausgegeben werden (BGE 57 I S. 403), und Anleihensobligationen im besondern als Obligationen, die auf Teilbeträge einer bestimmten Anleihe lauten und deshalb einheitliche Bedingungen aufweisen (BGE 60 I S. 377). Die Titel müssen durch einheitliche Laufzeit.: und Rückzahlungs- bedingungen, Hinweis auf einen. Gesamtanleihebetrag, Bezugnahme auf einen gemeinsamen Tilgungsplan oder durch andere Umstände derart verbunden sein, dass sie,irgendwie als fungible Teile einer als Ganzes gedachten Anleihe erscheinen (AMsTUTzjWYss: Stempelsteuerrecht S. 32, Note 3 zu Art. 10 StG), wobei es u. a. genügen kann, wenn die Verbundenheit der Partialen aus Erörte- rungen und Verabredungen erkennbar ist, die die Ausgabe der Titel begleiten (vgl. BGE 59 I S. 85).

E. 2 Hier fehlt es an solchen besondern Merkmalen, die es gestatten würden, die vier Schuldscheine der Re- kurrentin als Anleihensobligationen anzusehen. Was die Steuerverwaltung anführt, vermöchte allenfalls die Oha- rakterisierung der Titel als Obligationen, d. h. als eine Mehrzahl von Schuldurkunden mit gleichen oder gleich- artigen Bedingungen zu rechtfertigen. Es fehlt aber an der Verbundenheit der Titel zu Bestandteilen einer Ge- samtanleihe, die als besonderes Merkmal bei Anleihens- obligation gefordert werden muss. Dem Wortlaute nach 104 Verwaltungs. und Diszipllnarreohtspfiege. sind es Schuldscheint, ohne einen solchen Zusammenhang. Nebenverabrooungen, aus. denen auf einen solchen zu sehliessen wäre, sind nicht nachgewiesen worden. Den eidgenössischen Stempelabgaben, und damit auch der Quellenwehrsteuer, sind aber nur diejenigen Obliga- tionen unterworfen, die einer der im Gesetze, Art. 10, Abs. 1, lit. a und b, StG aufgeführten Gruppen ange- hören. Das Gesetz erfasst nicht Obligationen schlechthin.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

23. Urteil vom 17. September 1943 i. S. Gmflr & Cie A.-G.

gegen eidg. SteuerverwaItung.

Btempelabgaben und Quellenwehrsteue'l': Den

eidgen~sischen

Stempelabgaben und damit der Quell:m:~ehrsteue~ smd nur

diejenigen Obligationen unterworfen, dIe emer der m Art. 10,

Abs. 1, lit. a und b, StG aufgeführten Gruppen angehören.

Droit de timbre et impdt pour li;r. delense nationale peryu a la 8OUrce:

Sont seules 80umises au droit de timbre et a. l'impöt pour la

defense nationale perQU a la. source las obligations qui rentrent

dans l'un des groupes designes a. l'art. 10 aI. 1 lit. a et b LT.

Diritto di boLZo 6 imp08ta per la dilesa nazionale riBco88a alla f&nte :

80no a.ssoggettate al diritto di bolIo ed all'im})?sta. p~ la

difesa nazionale riscossa. aIla fonte soltanto 1e obbligazlOnt ehe

fanno parte di uno dei gruppi indicati nell'art. 10, ep. 1, Jett. a

e b LTB_

A. -

Die Familienaktiengesellschaft Gmür & Ole hat

am 7. Oktober 1941 bei drei ihrer Aktionäre Darlehen im

Gesamtbetrage von Fr. 10,000.- aufgenommen

und

10i

Verwaltungs- und Disziplinarreohtap1lege.

jedem Gläubiger einen Schuldschein ausgestellt. Im

Dezember 1941 hat sie einen weiteren Schuldschein über

Fr. 5,000.-, lautend'auf die Erbengemeinschaft Geschwi-

ster Gmür, ausgegeben. Die vier Schuldscheine lauten

einheitlich wie folgt :

«Sch1ildschein. Die unterzeichnete Fa. Gmür & Oie,

A.-G. bescheinigt hiemit, von ......... den Betrag von

Fr. ............ als Darlehen empfangen zu haben. Das

Darlehen ist verzinslich mit 4% p. a. Luzern, den

.................. ».

Die eidgenössische Steuerverwaltung fordert die eid-

genössische Emissionsabgabe von jährlich 1,2% vom

Nennwert dieser Titel, sowie die Couponabgabe und die

Quellenwehrsteuer vom Zinsertrag und hat ihre Forderung

mit Einspracheentscheid vom 27. Mai 1943 bestätigt. Sie

betrachtet die vier Schuldscheine als Anleihensobligatio-

nen im Sinne von Art. 10, Abs. 1, lit. a StG. Die Titel

seien zur Deckung eines bestimmten Kreditbedarfes in

Abwicklung eines einheitlichen Kreditgeschäftes gleich-

zeitig und zu übereinstimmenden Bedingungen ausgegeben

worden, was sie als Anleihensobligationen charakterisiere.

B. -

Die Gmür & Oie, A.-G. erhebt die Verwaltungs-

gerichtsbeschwerde und beantragt Aufhebung des Ein-

spracheentscheides der eidgenössischen Steuerverwaltung,

Befreiung der Beschwerdeführerin von den verlangten

Abgaben und Anordnung der Rückerstattung der bereits

entrichteten Beträge. Sie macht geltend, die vier Schuld-

scheine seien weder Anleihensobligationen noch Kassen-

obligationen im Sinne der Stempelgesetzgebung und darum

den beanspruchten Abgaben nicht unterworfen.

O. -

Die eidgenössische Steuerverwaltung beantragt

Abweisung der Beschwerde. Als Anleihensobligationen

seien Sohuldanerkennungen zu betrachten, welche zwecks

Abwicklung eines einheitlichen Kreditgeschäftes in einer

Mehrzahl von Exemplaren und zu gleichartigen Bedin-

gungen ausgegeben werden, welche Voraussetzungen hier

erfüllt seien.

Bundesreohtliohe Abgaben N0 23.

103

Das Bundesgericht hat die Beschwerde begründet

erklärt und den angefochtenen Entscheid aufgehoben

in Erwägung :

1. -

Die vier Schuldscheine, die die Aktiengesellschaft

Gmür & Oie im September und Dezember 1941 ausgegeben

hat, werden als Anleihensobligationen in Anspruch ge-

nommen.

Der Begriff der Anleihensobligation ist in der Stempel-

gesetzgebung nicht umschrieben. Die Praxis hat Obliga-

tionen charakterisiert als Schuldurkunden, die zum

Zwecke kollektiver Mittelbeschaffung in einer Mehrzahl

von Exemplaren zu gleichartigen Bedingungen ausgegeben

werden (BGE 57 I S. 403), und Anleihensobligationen

im besondern als Obligationen, die auf Teilbeträge einer

bestimmten Anleihe lauten und deshalb einheitliche

Bedingungen aufweisen (BGE 60 I S. 377). Die Titel

müssen durch einheitliche Laufzeit.: und Rückzahlungs-

bedingungen, Hinweis auf einen. Gesamtanleihebetrag,

Bezugnahme auf einen gemeinsamen Tilgungsplan oder

durch andere Umstände derart verbunden sein, dass sie

,irgendwie als fungible Teile einer als Ganzes gedachten

Anleihe erscheinen (AMsTUTzjWYss: Stempelsteuerrecht

S. 32, Note 3 zu Art. 10 StG), wobei es u. a. genügen

kann, wenn die Verbundenheit der Partialen aus Erörte-

rungen und Verabredungen erkennbar ist, die die Ausgabe

der Titel begleiten (vgl. BGE 59 I S. 85).

2. -

Hier fehlt es an solchen besondern Merkmalen,

die es gestatten würden, die vier Schuldscheine der Re-

kurrentin als Anleihensobligationen anzusehen. Was die

Steuerverwaltung anführt, vermöchte allenfalls die Oha-

rakterisierung der Titel als Obligationen, d. h. als eine

Mehrzahl von Schuldurkunden mit gleichen oder gleich-

artigen Bedingungen zu rechtfertigen. Es fehlt aber an

der Verbundenheit der Titel zu Bestandteilen einer Ge-

samtanleihe, die als besonderes Merkmal bei Anleihens-

obligation gefordert werden muss. Dem Wortlaute nach

104

Verwaltungs. und Diszipllnarreohtspfiege.

sind es Schuldscheint, ohne einen solchen Zusammenhang.

Nebenverabrooungen, aus. denen auf einen solchen zu

sehliessen wäre, sind nicht nachgewiesen worden.

Den eidgenössischen Stempelabgaben, und damit auch

der Quellenwehrsteuer, sind aber nur diejenigen Obliga-

tionen unterworfen, die einer der im Gesetze, Art. 10,

Abs. 1, lit. a und b, StG aufgeführten Gruppen ange-

hören. Das Gesetz erfasst nicht Obligationen schlechthin.