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66_I_157

BGE 66 I 157

Bundesgericht (BGE) ·I · 1940-09-20 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Der Rekurrent, der Adventist ist und als solcher den Sabbat als den von Gott eingesetzten Ruhetag feiert, hat um Befreiung seines Töchterchens Edith vom Schul- besuch am Samstag nachgesucht. Die Erziehungsdirektion und der Regierungsrat des Kantons Aargau haben ihn abgewiesen. B. - Gegen den Entscheid des Regierungsrates hat der Rekurrent die staatsrechtliche Beschwerde erhoben und ersucht um ein gerechtes Urteil. Er beruft sich auf Rechtsgleichheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit und Kultus- und Religionsfreiheit. Das Bundesgericht hat die Beschwerde abgewiesen

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Das Bundesgericht hat im staatsrechtlichen Verfahren nur zu überprüfen, ob der angefochtene Ent- scheid der kantonalen Behörde eine Verfassungsverletzung bedeutet, und nur einzuschreiten, wenn dies der Fall ist, nicht schon, wenn die Lösung, die der Rekurrent vorschlägt, an sich möglich, mit der Verfassung ebenfalls vereinbar wäre. Darauf, dass den Adventisten im Militärdienst am SalllStag freigegeben wird, kann es daher nicht an- 158 Staatsrecht. kommen. Es kon1mt darin nur zum Ausdruck, dass diese Rücksichtnahme, auf die religiöse überzeugung als mit der Erfüllung der Militärdienstpflicht vereinbar angesehen wird. Es folgt daraus nicht, dass die Befreiung vom Militärdienst an Samstagen aus verfassungsrechtlichen Gründen angeordnet worden ist und hätte angeordnet werden müssen.

E. 2 Der Entscheid des Regierungsrates beruht auf

Art. 49, Abs. 4: BV und der darauf begründeten fest-

stehenden Praxis der Bundesbehörden (SALls: Bundes-

recht V Nr. 2476; BURCKHARDT : Bundesrecht II Nr. 505

Ill). Danach entbinden Glaubensansichten nicht von der

Erfüllung bürgerlicher Pflichten. Eine bürgerliche Pflicht

ist der obligatorische Schulbesuch im Rahmen der staat-

lichen Gesetzgebung, und damit auch der Schulbesuch

am Samstag. Der Regierungsrat durfte daher, sofern das

Schulgesetz keine Ausnahme .vom Schulbesuch an Samsta-

gen vorsieht -

dass dies der Fall sei, ist nicht behauptet

worden -

das Gesuch des Rekurrenten um Bewilligung

einer solchen Ausnahme ablehnen.

Sein Entscheid verstösst auch nicht gegen die Kultus-

freiheit. Die Ausübung gottesdienstlicher Handlungen ist

nur gewährleistet innerhalb der Schranken der öffentlichen

Ordnung (Art. 50, Aha. 1 BV). Die staatliche Schulgesetz-

gebung ist also hier ebenfalls mit vorbehalten.

Aus dem GrundSatze der Rechtsgleichheit schliesslich

kann nicht abgeleitet werden, dass dem Rekurrenten

und seiner Tochter ein anderer Ruhetag eingeräumt

werde als derjenige, der für alle andern Bürger gilt. Der

Rekurrent strebt mit seinem Antrag auf Befreiung seiner

Tochter vom Schulbesuch an Samstagen die Berücksich-

tigung seiner persönlichen Überzeugung an, um eine

Ausnahme von der sonst geltenden, allgemeinen Ordnung

zu erwirken. Auf Art. 4 BV kann er sich hiefür nicht

berufen.

Kompetenzkonflikt zwischen bürgerl. u. Militärgerichtsbarkeit. No 29.

159

IV. KOMPETENZKONFLIKT ZWISCHEN

BüRGERLICHER

UND MILITÄRGERICHTSBARKElT

DELIMITATION DE LA COMPETENCE

RESPECTIVE DES TRIBUNAUX ORDINAIRES

ET DES TRIBUNAUX MILITAIRES

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

28. Urteil vom 20. September 1940 i. S. Clemen~n

gegen Aargau, RegIerungsrat.

Glauben8- 'Und Gewis86n8freiheit. Die Kantone sind nicht ver-

pflichtet, Kinder von' Adventisten vom allgemeinen obliga-

torischen Schulbesuch an Samstagen zu befreien.

Liberte de cOn8cience et de croyance. Les cantons ne sont pas tenus

de Iiberer les enfants d'adventistes de l'obligation de fr.equenter

l'ooole le Bamedi.

Libertd cU credenza e di c08cienza. I cantoni non sono tenuti 8.

liberare i figli di avventisti dall'obbligo di frequentare la

scuoIa nel giorno di sabato.

A. -

Der Rekurrent, der Adventist ist und als solcher

den Sabbat als den von Gott eingesetzten Ruhetag feiert,

hat um Befreiung seines Töchterchens Edith vom Schul-

besuch am Samstag nachgesucht. Die Erziehungsdirektion

und der Regierungsrat des Kantons Aargau haben ihn

abgewiesen.

B. -

Gegen den Entscheid des Regierungsrates hat

der Rekurrent die staatsrechtliche Beschwerde erhoben

und ersucht um ein gerechtes Urteil. Er beruft sich auf

Rechtsgleichheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit und

Kultus- und Religionsfreiheit.

Das Bundesgericht hat die Beschwerde abgewiesen

in Erwägung :

1. -

Das Bundesgericht hat im staatsrechtlichen

Verfahren nur zu überprüfen, ob der angefochtene Ent-

scheid der kantonalen Behörde eine Verfassungsverletzung

bedeutet, und nur einzuschreiten, wenn dies der Fall ist,

nicht schon, wenn die Lösung, die der Rekurrent vorschlägt,

an sich möglich, mit der Verfassung ebenfalls vereinbar

wäre. Darauf, dass den Adventisten im Militärdienst

am SalllStag freigegeben wird, kann es daher nicht an-

158

Staatsrecht.

kommen. Es kon1mt darin nur zum Ausdruck, dass diese

Rücksichtnahme, auf die religiöse überzeugung als mit

der Erfüllung der Militärdienstpflicht vereinbar angesehen

wird. Es folgt daraus nicht, dass die Befreiung vom

Militärdienst an Samstagen aus verfassungsrechtlichen

Gründen angeordnet worden ist und hätte angeordnet

werden müssen.

2. -

Der Entscheid des Regierungsrates beruht auf

Art. 49, Abs. 4: BV und der darauf begründeten fest-

stehenden Praxis der Bundesbehörden (SALls: Bundes-

recht V Nr. 2476; BURCKHARDT : Bundesrecht II Nr. 505

Ill). Danach entbinden Glaubensansichten nicht von der

Erfüllung bürgerlicher Pflichten. Eine bürgerliche Pflicht

ist der obligatorische Schulbesuch im Rahmen der staat-

lichen Gesetzgebung, und damit auch der Schulbesuch

am Samstag. Der Regierungsrat durfte daher, sofern das

Schulgesetz keine Ausnahme .vom Schulbesuch an Samsta-

gen vorsieht -

dass dies der Fall sei, ist nicht behauptet

worden -

das Gesuch des Rekurrenten um Bewilligung

einer solchen Ausnahme ablehnen.

Sein Entscheid verstösst auch nicht gegen die Kultus-

freiheit. Die Ausübung gottesdienstlicher Handlungen ist

nur gewährleistet innerhalb der Schranken der öffentlichen

Ordnung (Art. 50, Aha. 1 BV). Die staatliche Schulgesetz-

gebung ist also hier ebenfalls mit vorbehalten.

Aus dem GrundSatze der Rechtsgleichheit schliesslich

kann nicht abgeleitet werden, dass dem Rekurrenten

und seiner Tochter ein anderer Ruhetag eingeräumt

werde als derjenige, der für alle andern Bürger gilt. Der

Rekurrent strebt mit seinem Antrag auf Befreiung seiner

Tochter vom Schulbesuch an Samstagen die Berücksich-

tigung seiner persönlichen Überzeugung an, um eine

Ausnahme von der sonst geltenden, allgemeinen Ordnung

zu erwirken. Auf Art. 4 BV kann er sich hiefür nicht

berufen.

Kompetenzkonflikt zwischen bürgerl. u. Militärgerichtsbarkeit. No 29.

159

IV. KOMPETENZKONFLIKT ZWISCHEN

BüRGERLICHER

UND MILITÄRGERICHTSBARKElT

DELIMITATION DE LA COMPETENCE

RESPECTIVE DES TRIBUNAUX ORDINAIRES

ET DES TRIBUNAUX MILITAIRES