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65_II_236

BGE 65 II 236

Bundesgericht (BGE) · 1939-12-13 · Deutsch CH
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236

Obligationenrecht. No 50.

50. UrteD d~r I. ZivilabteDung vom 13. Dezember 1939

i. S. Credit Agrioole et Industrie) de Ja Broye gegen Gäumann.

Bürgschaft.

Schriftform, Art. 493 OR : Die Bürgschaftserklärung muss vom

Bürgen persönlich unterzeichnet sein.

In der Berufung auf einen nicht absichtlich herbeigeführten

Formmangel liegt kein Rechtsmissbrauch, Art. 2 ZGB.

Oautionnement :

Forme krite, arte 493 CO : La caution doit signer son engagement

de Ba propre main.

Elle n'abuse point da son droit en se reclamant d'un vice de forme

qu'elle n'a pas occasionne adessein.

Fideiussione :

Forma BCritta, arte 493 CO : TI fideiussore deve firmare di propria

mano l'atto di fideiussione.

Egli non abusa deI suo diritto, invocando un vizio di forma da.

lui non occasionato intenzionalmente.

Aus dem Tatbe8tand:

Der Beklagte wird vom Kläger auf Bezahlung einer

Bürgschaftsschuld belangt. Sowohl das Bezirksgericht

Kreuzlingen wie das Obergericht des Kantons Thurgau

haben die Klage abgewiesen, weil die Bürgschaftserklärung

nicht vom Bürgen persönlich, sondern von seiner Ehefrau

mit seinem Namen, ohne Angabe des Vertretungsver-

hältnisses, unterzeichnet worden war, was nach den

Grundsätzen von Art. 12/15 OR über die Eigenhändigkeit

der Unterschrift nicht zulässig sei.

Das Bundesgericht weist die Berufung des Klägers ab.

Aus den Erwägungen :

1. -

Die Frage, ob ganz allgemein ein Stellvertreter

mit dem Namen des Vertretenen gültig unterzeichnen

könne, braucht hier nicht entschieden zu werden. Für

die Bürgschaft ist dies auf jeden Fall zu verneinen. Wohl

ist die Bürgschaft nicht schlechthin ein stellvertretungs-

feindliches Rechtsgeschäft. Wie das Bundesgericht schon

entschieden hat, kann sich der Bürge beim Abschluss

des Vertrages durch einen Dritten, z. B. den Haupt-

schuldner, vertreten lassen, indem er die unterzeichnete

Obligationenrecht. No 50.

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Bürgschaftserklärung diesem übergibt und durch ihn die

Erklärung des Gläubigers, mit welcher der Bürgschafts-

vertrag erst perfekt ist, entgegennehmen lässt (BGE 45

II 171). Die Unterzeichnung des Bürgscheines dagegen

muss (entgegen der von BECKER in N. 2 zu Art. 492 OR

im Anschluss an die deutsche Rechtsprechung geäusserten

Auffassung) vom Bürgen persönlich vorgenommen werden.

Dieses Erfordernis drängt sich auf wegen der Schutz-

funktion, welche die Schriftlichkeit des Bürgschaftsver-

sprechens, neben den verschiedenen andern zum Schutze

des Bürgen aufgestellten Bestimmungen, zu erfüllen hat.

Dass die Schriftlichkeit vor allem der Feststellung des

Geschäftsabschlusses, des Geschäftsinhaltes und zur Be-

weissicherung zu dienen habe, wie der Kläger meint, ist

nämlich nicht richtig. Die Schriftform bezweckt vielmehr

in erster Linie, dem Bürgen die Tragweite seiner Ver-

pflichtung vor Augen zu führen und ihn vor übereilten

Bürgschaftsversprechen abzuhalten. Diese Schutzfunktion

wäre aber illusorisch gemaf}ht, wenn man die Abgabe der

verpflichtenden Unterschrift auf dem Wege der Stell-

vertretung zuliesse, es sei denn, man wollte für die Voll-

macht zur Bürgschaftseingehung ebenfalls die Schriftform

verlangen, wie dies im Revisionsentwurf für das Bürg-

schaftsrecht (Art. 494 Abs. 3) tatsächlich der Fall ist ..

Da im vorliegenden Fall die Unterschrift nicht vom Bürgen

persönlich stammt, ist somit mangels der gesetzlich vor-

geschriebenen Form eine Bürgschaft gar nicht zustande

gekommen.

2. -

In der Berufung auf den Formmangel kann nach

der ständigen Rechtsprechung des Bundesgerichts nicht

ein Rechtsmissbrauch erblickt werden, sofern die betref-

fende Partei den Mangel nicht absichtlich herbeigeführt

hat, um ihn nachträglich geltend zu machen (BGE 54

II 331, 57 II 154). Dieser Ausnahmefall liegt hier jedoch

nach der eigenen Darstellung des Klägers nicht vor.

Danach wurde die Bürgschaftsurkunde nur deshalb von

der Frau unterzeichnet, weil sie die schreibgewandtere ist.

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Prozessrecht. N° 51.

Ob diese Dars~llung richtig sei oder diejenige des Be-

klagten, wonac,h seine Ehefrau unterzeichnete, weil er

sich nicht zu Hll1use befunden habe, als der Hauptschuldner

nach einigen nicht abschliessenden Vorbesprechungen

zur Einholung der Bürgschaftsunterschrift erschienen sei,

kann dahingestellt bleiben. Es genügt, dass eine absicht-

liche Herbeiführung des Formmangels nach der einen

wie der andern Darstellung ausser Betracht fällt.

Fehlte dem Beklagten diese Absicht, so kann ihm auch

nicht eine absichtliche Schädigung des Klägers zur Last

gelegt werden. Dass er die von seiner Ehefrau mit seinem

Namen unterzeichnete Bürgschaftserklärung an den Kläger

abgehen liess, der dadurch zu der irrtümlichen Annahme

verleitet wurde, die Unterschrift stamme von ihm

persönlich, ändert nichts. Der Beklagte war damals selber

der Ansicht, dass dies der Gültigkeit der Bürgschafts-

verpflichtung keinen Abbruch tue. Damit entfällt auch

eine Haftung des Beklagten auf Grund von Art. 41 Abs.

2 OR, wegen Schadenszufügung in einer gegen die guten

Sitten verstossenden Weise; denn eine derartige Schädi-

gung muss, wie das Gesetz ausdrücklich erklärt und

sich übrigens aus der Natur der Sache ergibt, absichtlich

erfolgen.

Vgl. auch Nr. 54. -

Voir aussi n° 54.

V. PROZESSRECHT

PROCEDURE

51. Arr~t de Ja He Sootion eivile du 12 oetobre 1939

clans la cause Altorler contra Getaz et Altorler.

La regle prevue par Part. 8 de la loi federale sm las rapports de

droit civil des citoyens etabIis ou en sejour, pour la solution

des conflits de juridiction en matiera de filiation ast appIi-

Prozessrecht. N° 51.

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eable meme si dans le cas donne les deux Iegislations canto-

nales s'accordent pour attribuer la competenee au meme juge

(conflit virtuel).

Der Gerichts8tand für Streitigkeiten über den Familienstand be-

stimmt sieh nach Art. 8 NAG, auch wenn sich im einzelnen

Fall bei Anwendung der Normen der beiden in Frage stehenden

Kantone kein Konflikt ergäbe.

La norma, ehe Part. 8 della legge federale sui rapporti di diritto

civile dei domiciliati e dei dimOl"anti stabilisee per risolvere i

conflitti di giurisdizione in materia di filiazione, e applicabile

anche se nel caso conereto le due legislazioni cantonali sono

concordi nell'attribuire la competenza al medesimo giudiee

(conflitto virtuale).

A. -

Henri Altorfer, re~sortissant zurichois, domicilie

a Lausanne, a epouse Elisabeth Getaz en 1935. En 1936,

il a demande son divorce et il l'a obtenu par jugement du

Tribunal du district de Lausanne du 28 juin 1937. Moins

de 300 jours apres la dissolution du mariage, soit le 25 fe-

vrier 1938, Dame Getaz a accouche d'une fiUe, Gabrielle,

qui a ete inscrite comme enfant legitime des epoux Altorfer.

Altorfer a ouvert action en desaveu a son ex-femmeet

a sa fille -

domiciliees comme lui a Lausanne -

a la

fois a Lausanne et a Zurich, mais en faisant suspendre le

proces zurichois jusqu'a droit connu sur la competence du

juge vaudois.

Dans le proces intente a Lausanne, les defenderesses ont

souleve le declinatoire. Le Tribunal du distriet de Lau-

sanne s'est declare competent, mais, sur recours des

defenderesses, le Tribunal cantonal a admis le declinatoire

et a renvoye le demandeur a mieux agir, c'est-a-dire a

poursuivre le pro ces introduit a Zurich.

B. -

Altorfer a recouru en reforme et pour le cas OU

le recours en reforme serait juge irrecevable, il a simul-

tanement et subsidiairement forme un recours de droit

civil par lequel il a conclu a l'annulation de l'arret du

Tribunal cantonal et a la reconnaissance de la competenee

du Tribunal de Lausanne.

Il soutient en resume que l'art. 8 de la loi de 1891 sur les

rapports des citoyens etablis ou en sejour n'est applicable

que dans le cas d'uD conflit entre les deux tegislations en