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63_II_181

BGE 63 II 181

Bundesgericht (BGE) ·II · 1937-01-01 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Das Obergericht des Kantons Solothurn ver-

urteilte die Beklagten durch Urteil vom 27. Juli 1935

zur Bezahlung eines Betrages von Fr. 12,000 an die Kläge-

rin u. ordnete die Publikation des Urteils in zwei Tages-

blättern an.

B. -

Gegen dieses Urteil erklärten die Beklagten die

Berufung an das Bundesgericht, wobei sie verschiedene

Aktenwidrigkeitsrügen erhoben.

Gleichzeitig reichten die Beklagten beim Obergericht

ein Neurechtsbegehren ein, das in der Folge durch ober-

gerichtliches Urteil vom 24. November 1936 abgewiesen

wurde.

Darauf ergriffen die Beklagten auch gegen dieses zweite

Urteil die Berufung an das Bundesgericht.

A U8 den Erwägungen:

Es erhebt sich in erster Linie die formellrechtliche

Frage, ob die Berufung gegen das zweite obergerichtliche

Urteil zulässig sei.

II Das neue Recht» des solothurmschen Prozessrechtes

ist ein Rechtsmittel. Es findet sich unter dem fünften

Hauptstück der Zivilprozessordnung II Von den Rechts-

182

Prozessrecht. N° 39.

mitteln », an 7;weiter Stelle, nach der Appellation. § 223

bestimmt:

({ Gegen ein'... rechtskräftiges Urteil kann ein neues

Recht verlangt werden, um -vermittelst neuer erheblicher

Tatsachen und Beweismittel, iu Verbindung mit den bei

den frühem Verhandlungen bereits gebrauchten, eine

Abänderung des Urteils zu bewirken. »

Das Obergericht hat das Neurechtsbegehren der Be-

klagten einlässlich geprüft. Es hatte dabei zunächst zu

untersuchen, welche neuen oder im ersten Urteil nicht

beachteten Beweismittel grundsätzlich noch berücksichtigt

werden dürften.

Dabei war ausschliesslich kantonales

Prozessrecht anzuwenden.

Ferner erstreckte sich die

Prüfung darauf, ob die neuen Beweismittel, soweit sie

grundsätzlich zugelassen wurden, geeignet seien, am

ersten Urteil etwas zu ändern, ob ihnen also das ~rfordernis

der Erheblichkeit zukomme. Bei dieser Prüfung hatte

das Gericht die neu angebotenen Beweismittel mit dem

Sachverhalt des frühern Urteils in Beziehung zu bringen

und insofern in eine materielle Prüfung einzutreten.

Dennoch hat aber bei Prüfung der Begrundetheit des

Neurechtsbegehrens das Obergericht ausschliesslich als

Rechtsmittelinstanz geamtet. Es führt denn auch als

Ergebnis seiner Untersuchung an:

« Das neue Recht kann nicht bewilligt werden)), m.a.W.

das Neurechtsbegehren sei ~bgewiesen. Die Prüfung des

Obergerichtes beschränkte sich also nach der formellen

wie nach der materiellen Seite (Frage der Zulässigkeit

und der Erheblichkeit der Beweismittel) auf die Frage

der Begründetheit des Rechtsmittels, und da diese verneint

wurde, fand eine Entscheidung in der Sache selbst nicht

statt, sondern der Entscheid ging lediglich auf Abweisung

des Neurechtsbegehrens, indem das Erkenritnis gemäss

§ 231 der Zivilprozessordnung dahin gefasst wurde:

« Es sind nicht genugsam neue Gründe ins Recht gebracht

worden, um das Urteil des Obergerichtes vom 27. Juli

1935 zu Gunsten der Neurechtskläger abzuändern. »

Prozessrecht. N° 39.

183

Dieses Erkenntnis enthält keine Entscheidung in der

Sache selbst, sondern erklärt lediglich das erste Urteil

als durch das Neurechtsbegehren nicht anfechtbar.

Nur wenn das Obergericht gefunden hätte, die neuen

zulässigen Beweismittel seien erheblich, hätte es darauf

eintreten und in Aufhebung des ersten Urteils ein völlig

anderes oder teilweise abgeändertes Urteil zur Sache

fällen müssen.

Mit der Abweisung des Rechtsmittels

blieb es beim ersten Urteil als Haupturteil, d. h. bei

einem Urteil, das über den eingeklagten Anspruch materiell

endgültig entschied. In diesem durch Art. 58 OG gefor-

derten Sinne ist das zweite Urteil kein Haupturteil.

Zum Vergleich sind heranzuziehen BGE 28 TI 174:ff und

54 TI 472, sowie das nicht publizierte Urteil vom 7. Mai

1936 i. S. von Arx gegen Solothurnische Handelsbank,

Erw. 1.

Auf Grund dieser Rechtslage kann die Ansicht der

Beklagten nicht geteilt werden, wonach es sich beim

Urteil über das Neurechtsbegehren um ein vollständiges,

zweites Urteil in der Sache selbst handeln soll, welches

{(parallel neben dem ersten Urteil stehe und mit ihm

ein Ganzes bilde ». Ebensowenig steht das zweite Urteil

zum ersten in der Beziehung eines Haupturteils zu einem

Vorentscheid, da ja das erste Urteil nicht einzelne Fragen

vorweg entschieden, sondern das ganze Streitverhältnis

materiell erledigt hat.

Die Berufung gegen das zweite Urteil des Obergerichtes

ist deshalb als unzulässig zu erklären, und· die Prüfung

des Falles hat sich zu beschränken auf das erste und einzige

Haupturteil und die beiden dagegen eingelegten Beru-

fungen.

Ob damit auch ohne weiteres die Akten des Neurechts-

verfahrens der bundesgerichtlichen Kognition -entzogen

sind, kann fraglich erscheinen. Jedenfalls tri:fft das aber

zu inbezug auf die Beweismittel, welche die Vorinstanz.

aus prozessualen Gründen, wegen Verspätung, zurück-

gewiesen hat. Was die übrigen, im Neurechtsverfahren

184

Prozessrecht. N° 40.

zugelassenen ~ten be trifft, so hat sich das Bundes-

gericht in dem schon erwähnten Urteil vom 7. Mai 1936

i. S. von Ar~ gegen Solothurner Handelsbank auf den

Standpunkt gestellt, dass bei Abweisung des Neurechts-

gesuches die damit vorgebrachten Tatsachen und Beweis-

mittel für das Berufungsverfahren im Sinne von Art.

80 OG als neu zu betrachten und demgemäss nicht zu

berücksichtigen seien. Ob an dieser Auffassung grund-

sätzlich festzuhalten oder ob nicht vielmehr diejenigen

Akten, welche die kantonale Instanz im Neurechtsver-

fahren zugelassen und auf ihre Erheblichkeit für die

materielle Entscheidung geprüft hat, als Bestandteil

des kantonalen Prozesstoffes zu behandeln wären, kann

dahingestellt bleiben. Denn die Vorinstanz ist bei dieser

Prüfung zum Schlusse gekommen, dass die neuen Beweis-

mittel an dem im ersten Urteil festgestellten Beweis-

ergebnis nichts zu ändern vermögen (was denn auch zur

Abweisung des Neurechtsgesuches geführt hat). Das

ist Beweiswürdigung, die das Bundesgericht bindet und

gegen die die Beklagten auch Init Aktenwidrigkeitsrügen

nicht aufkommen können. DaInit sind die neuen Beweis-

mittel, auch wenn ihrer Berücksichtigung Art. 80 OG

nicht entgegenstünde, für das Bundesgericht erledigt.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

39. Auszug aus dem Urteil der I. Zivilabteilung vom 18. Mai 1987

i. S. Usego " Union 11 Schweiz. Einkaufsgenossenschaft, Olten,

und Brandenberger gegen Migros A.-G. Zürich.

Das "n e u e R e c h t" der solothurnischen ZPO u. die Beru-

fung ans Bundesgericht.

1. Der Entscheid über das Neurechtsbegebren als solches ist

kein Haupturteil im Sinne von Art. 58 OG.

2. Berücksichtigung der mit dem Neurechtsbegebren vorgebrach-

ten neuen Tatsachen u. Beweismittel durch das Bundes-

gericht.

A. -

Das Obergericht des Kantons Solothurn ver-

urteilte die Beklagten durch Urteil vom 27. Juli 1935

zur Bezahlung eines Betrages von Fr. 12,000 an die Kläge-

rin u. ordnete die Publikation des Urteils in zwei Tages-

blättern an.

B. -

Gegen dieses Urteil erklärten die Beklagten die

Berufung an das Bundesgericht, wobei sie verschiedene

Aktenwidrigkeitsrügen erhoben.

Gleichzeitig reichten die Beklagten beim Obergericht

ein Neurechtsbegehren ein, das in der Folge durch ober-

gerichtliches Urteil vom 24. November 1936 abgewiesen

wurde.

Darauf ergriffen die Beklagten auch gegen dieses zweite

Urteil die Berufung an das Bundesgericht.

A U8 den Erwägungen:

Es erhebt sich in erster Linie die formellrechtliche

Frage, ob die Berufung gegen das zweite obergerichtliche

Urteil zulässig sei.

II Das neue Recht» des solothurmschen Prozessrechtes

ist ein Rechtsmittel. Es findet sich unter dem fünften

Hauptstück der Zivilprozessordnung II Von den Rechts-

182

Prozessrecht. N° 39.

mitteln », an 7;weiter Stelle, nach der Appellation. § 223

bestimmt:

({ Gegen ein'... rechtskräftiges Urteil kann ein neues

Recht verlangt werden, um -vermittelst neuer erheblicher

Tatsachen und Beweismittel, iu Verbindung mit den bei

den frühem Verhandlungen bereits gebrauchten, eine

Abänderung des Urteils zu bewirken. »

Das Obergericht hat das Neurechtsbegehren der Be-

klagten einlässlich geprüft. Es hatte dabei zunächst zu

untersuchen, welche neuen oder im ersten Urteil nicht

beachteten Beweismittel grundsätzlich noch berücksichtigt

werden dürften.

Dabei war ausschliesslich kantonales

Prozessrecht anzuwenden.

Ferner erstreckte sich die

Prüfung darauf, ob die neuen Beweismittel, soweit sie

grundsätzlich zugelassen wurden, geeignet seien, am

ersten Urteil etwas zu ändern, ob ihnen also das ~rfordernis

der Erheblichkeit zukomme. Bei dieser Prüfung hatte

das Gericht die neu angebotenen Beweismittel mit dem

Sachverhalt des frühern Urteils in Beziehung zu bringen

und insofern in eine materielle Prüfung einzutreten.

Dennoch hat aber bei Prüfung der Begrundetheit des

Neurechtsbegehrens das Obergericht ausschliesslich als

Rechtsmittelinstanz geamtet. Es führt denn auch als

Ergebnis seiner Untersuchung an:

« Das neue Recht kann nicht bewilligt werden)), m.a.W.

das Neurechtsbegehren sei ~bgewiesen. Die Prüfung des

Obergerichtes beschränkte sich also nach der formellen

wie nach der materiellen Seite (Frage der Zulässigkeit

und der Erheblichkeit der Beweismittel) auf die Frage

der Begründetheit des Rechtsmittels, und da diese verneint

wurde, fand eine Entscheidung in der Sache selbst nicht

statt, sondern der Entscheid ging lediglich auf Abweisung

des Neurechtsbegehrens, indem das Erkenritnis gemäss

§ 231 der Zivilprozessordnung dahin gefasst wurde:

« Es sind nicht genugsam neue Gründe ins Recht gebracht

worden, um das Urteil des Obergerichtes vom 27. Juli

1935 zu Gunsten der Neurechtskläger abzuändern. »

Prozessrecht. N° 39.

183

Dieses Erkenntnis enthält keine Entscheidung in der

Sache selbst, sondern erklärt lediglich das erste Urteil

als durch das Neurechtsbegehren nicht anfechtbar.

Nur wenn das Obergericht gefunden hätte, die neuen

zulässigen Beweismittel seien erheblich, hätte es darauf

eintreten und in Aufhebung des ersten Urteils ein völlig

anderes oder teilweise abgeändertes Urteil zur Sache

fällen müssen.

Mit der Abweisung des Rechtsmittels

blieb es beim ersten Urteil als Haupturteil, d. h. bei

einem Urteil, das über den eingeklagten Anspruch materiell

endgültig entschied. In diesem durch Art. 58 OG gefor-

derten Sinne ist das zweite Urteil kein Haupturteil.

Zum Vergleich sind heranzuziehen BGE 28 TI 174:ff und

54 TI 472, sowie das nicht publizierte Urteil vom 7. Mai

1936 i. S. von Arx gegen Solothurnische Handelsbank,

Erw. 1.

Auf Grund dieser Rechtslage kann die Ansicht der

Beklagten nicht geteilt werden, wonach es sich beim

Urteil über das Neurechtsbegehren um ein vollständiges,

zweites Urteil in der Sache selbst handeln soll, welches

{(parallel neben dem ersten Urteil stehe und mit ihm

ein Ganzes bilde ». Ebensowenig steht das zweite Urteil

zum ersten in der Beziehung eines Haupturteils zu einem

Vorentscheid, da ja das erste Urteil nicht einzelne Fragen

vorweg entschieden, sondern das ganze Streitverhältnis

materiell erledigt hat.

Die Berufung gegen das zweite Urteil des Obergerichtes

ist deshalb als unzulässig zu erklären, und· die Prüfung

des Falles hat sich zu beschränken auf das erste und einzige

Haupturteil und die beiden dagegen eingelegten Beru-

fungen.

Ob damit auch ohne weiteres die Akten des Neurechts-

verfahrens der bundesgerichtlichen Kognition -entzogen

sind, kann fraglich erscheinen. Jedenfalls tri:fft das aber

zu inbezug auf die Beweismittel, welche die Vorinstanz.

aus prozessualen Gründen, wegen Verspätung, zurück-

gewiesen hat. Was die übrigen, im Neurechtsverfahren

184

Prozessrecht. N° 40.

zugelassenen ~ten be trifft, so hat sich das Bundes-

gericht in dem schon erwähnten Urteil vom 7. Mai 1936

i. S. von Ar~ gegen Solothurner Handelsbank auf den

Standpunkt gestellt, dass bei Abweisung des Neurechts-

gesuches die damit vorgebrachten Tatsachen und Beweis-

mittel für das Berufungsverfahren im Sinne von Art.

80 OG als neu zu betrachten und demgemäss nicht zu

berücksichtigen seien. Ob an dieser Auffassung grund-

sätzlich festzuhalten oder ob nicht vielmehr diejenigen

Akten, welche die kantonale Instanz im Neurechtsver-

fahren zugelassen und auf ihre Erheblichkeit für die

materielle Entscheidung geprüft hat, als Bestandteil

des kantonalen Prozesstoffes zu behandeln wären, kann

dahingestellt bleiben. Denn die Vorinstanz ist bei dieser

Prüfung zum Schlusse gekommen, dass die neuen Beweis-

mittel an dem im ersten Urteil festgestellten Beweis-

ergebnis nichts zu ändern vermögen (was denn auch zur

Abweisung des Neurechtsgesuches geführt hat). Das

ist Beweiswürdigung, die das Bundesgericht bindet und

gegen die die Beklagten auch Init Aktenwidrigkeitsrügen

nicht aufkommen können. DaInit sind die neuen Beweis-

mittel, auch wenn ihrer Berücksichtigung Art. 80 OG

nicht entgegenstünde, für das Bundesgericht erledigt.