Sachverhalt
Am 16. April 1931 wurde über die Konsumge- nossenschaft Konkordia Raron der Konkurs eröffnet. Dabei kam der Verband der Genossenschaften Konkordia der Schweiz als Gläubiger mit Fr. 39,032.65 zu Verlust. Hieran erhielt er von Bürgen zusammen Fr. 30,000.-, und aus zwei ersteigerten Forderungen löste er Fr. 459.75. Den verbleibenden Saldo im Betrage von Fr. 8572.90 macht er gegenüber Moritz Salzgeber, Eduard Werlen, Viktor Zum- Oberhaus, Joseph Salzgeber und Hermann Escher geltend. Er hält dafür, die Genannten seien in ihrer Eigenschaft als Präsident, bezw. Mitglieder des Verwaltungsrates verant- wortlich für den Schaden, der zufolge unerhörter Misswirt- schaft in der Konsumgenossenschaft Raron entstanden sei. B. - Das Kantonsgericht Wallis hat am 24. März 1936 folgendes Urteil gefällt: « 1. Die Beklagten zahlen an den Verband Genossen- schaften Konkordia der Schweiz folgende Entschädigun- gen: Moritz Salzgeber Fr. 2400.-, Hermann Escher Fr. 800.-, Eduard Werlen Fr. 400.-, Viktor Zumober- haus und Joseph Salzgeber je Fr. 200. -, sämtlich mit Zins zu 5 % seit dem 1. April 1933.
2. Die Klägerin trägt die Hälfte der sämtlichen Kosten. Von der andern Hälfte werden 3/5 dem Moritz Salzgeber, 1/5 dem Hermann Escher, 1/10 dem Eduard Werlen und der letzte Zehntel den beiden übrigen Beklagten zusammen auferlegt.
3. Alle weitem Begehren werden abgewiesen. J) O. -'- Gegen dieses Urteil haben alle Beklagten die Be- rufung erklärt mit dem Antrag auf gänzliche Abweisung der Klage. Die Klägerschaft verlangt auf dem Wege der Anschluss- berufung Verurteilung der Beklagten in der von der Vor- instanz festgelegten Proportion zur Bezahlung eines Be- trages von Fr. 8572.90 nebst Zins zu 5 % seit 1. April
1933. Eventuell beantragt sie solidarische Verurteilung der Beklagten zur Bezahlung der genannten Summe.
20 Obligationenrecht. N0 5. Das :Bundesgerickt zieht
Erwägungen (5 Absätze)
E. 1 Nach~ Art. 60 Abs. 1 OG sind mehrere in einer Klage geltend gemachte Anspruche für die Bestimmung der Streitwertsumme zusammenzurechnen. Ergibt dieses Total den vom OG für die Berufung geforderten Streitwert, so kann alsdann von mehreren Beklagten jeder selbständig die Berufung erklären, selbst wenn die Summe, für die er persönlich belangt wird,· für sich allein nicht berufungs- fähig wäre (vgl. BGE 32 II 221). Da sich die Gesamtfor- derung im gegenwärtigen Falle auf Fr. 8572.90 beläuft, ist mithin auf alle Berufungen einzutreten, trotzdem vor erster Instanz nicht auf solidarische Verurteilung ange- tragen worden ist.
E. 2 Der klägerische Verband hat es unterlassen, während des Konkurses der Konsumgenossenschaft Kon- kordia Raron gestützt auf Art. 260 SchKG die Abtretung allfälliger Massaanspruche gegen die Organe der Genossen- schaft zu verlangen. Auch eine Abtretung gemäss Art. 269 SchKG hat nie stattgefunden. Der Kläger kann deshalb heute von vornherein nur Anspruche gegenüber den Beklagten geltend machen, die direkt in seiner Person zur Entstehung gelangt sind.
E. 3 Dass die Beklagten in einem Vertragsverhältnis zum klägerischen Verband gestanden hätten, wird mit Recht nicht behauptet, sodass eine Vertragsklage im engern, eigentlichen Sinne des Wortes entfällt.
E. 4 Das OR räumt den Gläubigern einer Genossenschaft in Art. 714 nur ganz ausnahmsweise direkte Anspruche gegenüber den Mitgliedern des Vorstandes sowie gegenüber den Liquidatoren ein. So zunächst einmal bei Verletzung der in Art. 704 Abs. 1 OR statuierten Pflichten «(Ergibt sichJ dass die Forderungen der Genossenschaftsgläubiger nicht mehr durch die Aktiven gedeckt sind, so liegt dem Vorstande, bezw. den Liquidatoren die Verpflichtung ob, die Zahlungen sofort einzustellen und dem Gerichte behufs Eröffnung des Konkurses hievon Anzeige zu machen »); Obligationenrecht. N° 5. 21 ferner bei Widerhandlungen gegen die Liquidationsbestim- mungen der Art. 712 und 713 OR. Der klagende Verband stützt seine Anspruche indessen auf keine dieser Gesetzesbestimmungen. Vielmehr ver- langt er ausschliesslich deshalb Schadenersatz, weil nach seinem Da:fürhalten unter der Führung der Beklagten Misswirtschaft, insbesondere in der Form unvorsichtigen Kreditierens, getrieben worden ist. Das soll zum Konkurs der Konsumgenossenschaft Konkordia Raron und zur Schädigung der Gläubiger geführt haben. Anspruche des klagenden Verbandes gegenüber den Beklagten sind daher nur denkbar, wenn die Voraus- setzungen der Art. 41 ff. OR verwirklicht sind.
E. 5 Wer einem.andern widerrechtlich Schaden zufügt, sei es mit Absicht, sei es aus Fahrlässigkeit, wird ihm zum Ersatz verpflichtet (Art. 41 Abs. 1 OR). Diese Gesetzes- bestimmung hat indessen ausschliesslich unmittelbaren Schaden im Auge (vgl. OSERjSClIöNENBERGER, Art. 41 N. 52, BEOKER, Art. 41 N. 78, GMÜR in der ZSR n. F. 22, 639 sowie BGE 52 II 263; in Bezug auf die analoge Ord- nm::g des deutschen Rechtes vgl. statt vieler: Entschei- dungen des Reichsgerichts in Zivilsachen 82 190). Im vorliegenden Falle wurde durch das anfechtbare Verhalten der Beklagten in erster Linie nur die in Konkurs geratene Genossenschaft Konkordia geschädigt, und die Beeinträchtigung des Forderungsrechtes des Klägers stellt sich bloss als Reflexwirkung hievon· dar. Unter solchen Umständen entsteht für die Gläubiger des Verletzten kein direkter Schadenersatzauspruch gegenüber dem Schädiger (vgl. auch v. 1'uHR, Allgemeiner Teil des OR, 1 § 48 I 343 f.). Die Klage muss daher schon aus diesem Grunde im vollen Umfang abgewiesen werden. Zum nämlichen Schluss gelangt man übrigens auch auf Grund folgender überlegungen: Forderungen wirken, weil sie bloss relative Rechte sind, nur unter den am Schuldverhältnis Beteiligten. Ihre Beeinträchtigung durch Dritte ist nicht widerrechtlich. Anders könnte es sich
22 Obligationenreeht. No 6. höchstens dann v~rhalten, wenn das Gesetz für den kon- kreten TatbestanQ ausdrücklich etwas anderes bestimmen oder sofern es sich um absichtliche Schädigung unter Verstoss gegen die guten Sitten handeln würde (vgl. BGE 52 II 375 ff. und Gum., Obligationenrecht, 2.Aufl. S. 91
i. f.). Von einer absichtlichen Schädigung kann indessen in casu keine Rede sein, und es vermag, wie schon in an- derem Zusammenhang ausgeführt worden ist, der An- spruch des Klägers auch nicht auf eine gesetzliche Sonder- bestimmung gestützt zu werden. Wenn also die Beklagten für allfalliges Verschulden nicht haftbar gemacht werden können, so hat der Kläger sich das selbst zuzuschreiben. Denn das Gesetz bot ihm die Möglichkeit, seine Rechte gestützt. auf Art. 260 oder eventuell 269 SchKG zu wahren.
Dispositiv
- Die Hauptberufungen werden gutgeheissen, die An- schlussberufung abgewiesen ; demzufolge wird die Klage des Verbandes der Genossenschaften Konkordia der Schweiz gegen alle Beklagten im vollen Umfange abge- wiesen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
5. Orteil der I. Zivi1a.bteilung Tom 19. Februar 1937
i. S. Escher und Konsorten gegen Verband aer Genolsensch&ften Konkordia aer Schweiz.
1. B e ruf u n g s s t r e i t wer t. Zusammenrechnung mehrerer in einer Klage geltend gemachter Ansprüche, Art~ 60, Abs. 1 OG Erw.1.
2. W i der r e c h t li c h e S c h ade n s s t i ft u n g. Eine Haftung besteht, gesetzliche Sonderbestimmungen vorbehalten nur für u n mit tel bar e n Schaden, Art. 41 OR. Haftun~ von Genossenschaftsorganen gegenüber den Gläubigem. Erw.2·5. Obligationenrecht. Xc 5. 19 A. - Am 16. April 1931 wurde über die Konsumge- nossenschaft Konkordia Raron der Konkurs eröffnet. Dabei kam der Verband der Genossenschaften Konkordia der Schweiz als Gläubiger mit Fr. 39,032.65 zu Verlust. Hieran erhielt er von Bürgen zusammen Fr. 30,000.-, und aus zwei ersteigerten Forderungen löste er Fr. 459.75. Den verbleibenden Saldo im Betrage von Fr. 8572.90 macht er gegenüber Moritz Salzgeber, Eduard Werlen, Viktor Zum- Oberhaus, Joseph Salzgeber und Hermann Escher geltend. Er hält dafür, die Genannten seien in ihrer Eigenschaft als Präsident, bezw. Mitglieder des Verwaltungsrates verant- wortlich für den Schaden, der zufolge unerhörter Misswirt- schaft in der Konsumgenossenschaft Raron entstanden sei. B. - Das Kantonsgericht Wallis hat am 24. März 1936 folgendes Urteil gefällt: « 1. Die Beklagten zahlen an den Verband Genossen- schaften Konkordia der Schweiz folgende Entschädigun- gen: Moritz Salzgeber Fr. 2400.-, Hermann Escher Fr. 800.-, Eduard Werlen Fr. 400.-, Viktor Zumober- haus und Joseph Salzgeber je Fr. 200. -, sämtlich mit Zins zu 5 % seit dem 1. April 1933.
2. Die Klägerin trägt die Hälfte der sämtlichen Kosten. Von der andern Hälfte werden 3/5 dem Moritz Salzgeber, 1/5 dem Hermann Escher, 1/10 dem Eduard Werlen und der letzte Zehntel den beiden übrigen Beklagten zusammen auferlegt.
3. Alle weitem Begehren werden abgewiesen. J) O. -'- Gegen dieses Urteil haben alle Beklagten die Be- rufung erklärt mit dem Antrag auf gänzliche Abweisung der Klage. Die Klägerschaft verlangt auf dem Wege der Anschluss- berufung Verurteilung der Beklagten in der von der Vor- instanz festgelegten Proportion zur Bezahlung eines Be- trages von Fr. 8572.90 nebst Zins zu 5 % seit 1. April
1933. Eventuell beantragt sie solidarische Verurteilung der Beklagten zur Bezahlung der genannten Summe.
20 Obligationenrecht. N0 5. Das :Bundesgerickt zieht in Erwägung :
1. - Nach~ Art. 60 Abs. 1 OG sind mehrere in einer Klage geltend gemachte Anspruche für die Bestimmung der Streitwertsumme zusammenzurechnen. Ergibt dieses Total den vom OG für die Berufung geforderten Streitwert, so kann alsdann von mehreren Beklagten jeder selbständig die Berufung erklären, selbst wenn die Summe, für die er persönlich belangt wird,· für sich allein nicht berufungs- fähig wäre (vgl. BGE 32 II 221). Da sich die Gesamtfor- derung im gegenwärtigen Falle auf Fr. 8572.90 beläuft, ist mithin auf alle Berufungen einzutreten, trotzdem vor erster Instanz nicht auf solidarische Verurteilung ange- tragen worden ist.
2. - Der klägerische Verband hat es unterlassen, während des Konkurses der Konsumgenossenschaft Kon- kordia Raron gestützt auf Art. 260 SchKG die Abtretung allfälliger Massaanspruche gegen die Organe der Genossen- schaft zu verlangen. Auch eine Abtretung gemäss Art. 269 SchKG hat nie stattgefunden. Der Kläger kann deshalb heute von vornherein nur Anspruche gegenüber den Beklagten geltend machen, die direkt in seiner Person zur Entstehung gelangt sind.
3. - Dass die Beklagten in einem Vertragsverhältnis zum klägerischen Verband gestanden hätten, wird mit Recht nicht behauptet, sodass eine Vertragsklage im engern, eigentlichen Sinne des Wortes entfällt.
4. - Das OR räumt den Gläubigern einer Genossenschaft in Art. 714 nur ganz ausnahmsweise direkte Anspruche gegenüber den Mitgliedern des Vorstandes sowie gegenüber den Liquidatoren ein. So zunächst einmal bei Verletzung der in Art. 704 Abs. 1 OR statuierten Pflichten «(Ergibt sichJ dass die Forderungen der Genossenschaftsgläubiger nicht mehr durch die Aktiven gedeckt sind, so liegt dem Vorstande, bezw. den Liquidatoren die Verpflichtung ob, die Zahlungen sofort einzustellen und dem Gerichte behufs Eröffnung des Konkurses hievon Anzeige zu machen »); Obligationenrecht. N° 5. 21 ferner bei Widerhandlungen gegen die Liquidationsbestim- mungen der Art. 712 und 713 OR. Der klagende Verband stützt seine Anspruche indessen auf keine dieser Gesetzesbestimmungen. Vielmehr ver- langt er ausschliesslich deshalb Schadenersatz, weil nach seinem Da:fürhalten unter der Führung der Beklagten Misswirtschaft, insbesondere in der Form unvorsichtigen Kreditierens, getrieben worden ist. Das soll zum Konkurs der Konsumgenossenschaft Konkordia Raron und zur Schädigung der Gläubiger geführt haben. Anspruche des klagenden Verbandes gegenüber den Beklagten sind daher nur denkbar, wenn die Voraus- setzungen der Art. 41 ff. OR verwirklicht sind.
5. - Wer einem.andern widerrechtlich Schaden zufügt, sei es mit Absicht, sei es aus Fahrlässigkeit, wird ihm zum Ersatz verpflichtet (Art. 41 Abs. 1 OR). Diese Gesetzes- bestimmung hat indessen ausschliesslich unmittelbaren Schaden im Auge (vgl. OSERjSClIöNENBERGER, Art. 41 N. 52, BEOKER, Art. 41 N. 78, GMÜR in der ZSR n. F. 22, 639 sowie BGE 52 II 263; in Bezug auf die analoge Ord- nm::g des deutschen Rechtes vgl. statt vieler: Entschei- dungen des Reichsgerichts in Zivilsachen 82 190). Im vorliegenden Falle wurde durch das anfechtbare Verhalten der Beklagten in erster Linie nur die in Konkurs geratene Genossenschaft Konkordia geschädigt, und die Beeinträchtigung des Forderungsrechtes des Klägers stellt sich bloss als Reflexwirkung hievon· dar. Unter solchen Umständen entsteht für die Gläubiger des Verletzten kein direkter Schadenersatzauspruch gegenüber dem Schädiger (vgl. auch v. 1'uHR, Allgemeiner Teil des OR, 1 § 48 I 343 f.). Die Klage muss daher schon aus diesem Grunde im vollen Umfang abgewiesen werden. Zum nämlichen Schluss gelangt man übrigens auch auf Grund folgender überlegungen: Forderungen wirken, weil sie bloss relative Rechte sind, nur unter den am Schuldverhältnis Beteiligten. Ihre Beeinträchtigung durch Dritte ist nicht widerrechtlich. Anders könnte es sich
22 Obligationenreeht. No 6. höchstens dann v~rhalten, wenn das Gesetz für den kon- kreten TatbestanQ ausdrücklich etwas anderes bestimmen oder sofern es sich um absichtliche Schädigung unter Verstoss gegen die guten Sitten handeln würde (vgl. BGE 52 II 375 ff. und Gum., Obligationenrecht, 2.Aufl. S. 91
i. f.). Von einer absichtlichen Schädigung kann indessen in casu keine Rede sein, und es vermag, wie schon in an- derem Zusammenhang ausgeführt worden ist, der An- spruch des Klägers auch nicht auf eine gesetzliche Sonder- bestimmung gestützt zu werden. Wenn also die Beklagten für allfalliges Verschulden nicht haftbar gemacht werden können, so hat der Kläger sich das selbst zuzuschreiben. Denn das Gesetz bot ihm die Möglichkeit, seine Rechte gestützt. auf Art. 260 oder eventuell 269 SchKG zu wahren. Demnach erkennt das Bundesgericht : Die Hauptberufungen werden gutgeheissen, die An- schlussberufung abgewiesen; demzufolge wird die Klage des Verbandes der Genossenschaften Konkordia der Schweiz gegen alle Beklagten im vollen Umfange abge- wiesen.