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62_II_135

BGE 62 II 135

Bundesgericht (BGE) ·II · 1936-06-19 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

35. Auszug aus dem Urteil d.er II. Zlvilabteilung

vom 19. Juni 1936 i. S. GrOll gegen Villars.

Wird eine Die n s t bar k e i t ungerechtfertigt im Grundbuch

gelöscht, so kann der Eigentümer nie h t die B e f r e i -

u n g von der sei ben e r s i t zen (keine Dienstbar-

keitsversitzung in analoger Anwendung des Art. 661 ZGB).

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Sachenrecht. N° 35.

In Anlehn~ng an die Entscheidungsgründe des Urteils

des kantonalen Kassationsgerichtes vom 27. Mai 1935, die

dann freilich :auf Erläuterungsgesuch des Klägers hin am

25. November 1935 widerrufen worden waren, hat die Vor-

instanz die streitige Dienstbarkeit in analoger Anwendung

von Art. 661 ZGB nach dem Grundsatz « in majore minus »

als untergegangen, nämlich versessen erklärt. Dem kann

nicht zugestimmt werden. Dem Dienstbarkeitsrecht lässt

sich keine Vorschrift entnehmen, welche die Übertragung

der Tabularersitzung, die eine Eigentumserwerbsart ist,

und deren Gegenstück im Verlust des Eigentums eines

Andern besteht, auf Dienstbarkeiten gestatten würde in

dem Sinne, dass auf diese Weise Dienstbarkeitsrechte ver-

loren gehen und dementsprechend dienstbarkeitsbelastetes

Eigentum zu dienstbarkeitsfreiem Eigentum werden könn-

te. Ebensowenig ist den Vorarbeiten für das ZGB irgendein

Anhaltspunkt dafür zu entnehmen, dass an etwas derar-

tiges je gedacht worden sei. Auch kann der Vorinstanz

nicht zugegeben werden, die Verneinung der Möglichkeit

derartiger analoger Anwendung hätte zur Folge, dass,

soweit nicht der Schutz des gutgläubigen Dritterwerbers

nach Art. 973 ZGB platzgreift, die Berichtigung eines

fehlerhaften Buchzustandes ohne jede zeitliche Beschrän-

kung verlangt und somit ein Grundstück noch nach vielen

Jahren mit einer längst vergessenen Last belegt werden

könnte -

was die Vorinstanz als für den Liegenschafts-

verkehr unerträglich und dem Zwecke des Grundbuches

zuwiderlaufend bezeichnen zu sollen glaubt. Abhilfe hie-

gegen wird sich auch im Kanton Zürich nicht mehr als

notwendig erweisen, sobald einmal das vom ZGB vorge-

sehene Grundbuch mit seiner Grundbuchwirkung zugun-

sten des gutgläubigen Dritten eingeführt sein wird, sodass

dann insbesondere auch der Dritte, der im Vertrauen auf

das Nichtvorhandensein eines Eintrages einer eintragungs-

bedürftigen Dienstbarkeit im Grundbuch Eigentum er-

worben hat, in diesem Erwerbe dienstbarkeitsfreien Eigen-

tums geschützt sein wird. Es besteht kein zureichender

Sachenrecht. N0 35.

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Grund dafür, dass auch dann noch unter anderen als den

angegebenen Umständen je einmal einem Dienstbarkeits-

berechtigten sein Dienstbarkeitsrecht sollte verloren gehen

können, einfach weil es ohne seine Löschungsbewilligung

aus dem Grundbuch verschwunden ist. Derjenige, dessen

Liegenschaft einmal richtig mit einer Dienstbarkeit be-

lastet worden ist (oder sein nicht gutgläubiger Rechtsnach-

folger) kann keinen zureichenden Grund dagegen geltend

machen, dass diese Dienstbarkeit ohne jede zeitliche Be-

schränkung weiterbestehen und seine Liegenschaft noch

nach vielen Jahren mit einer längst vergessenen Last

belegt werden könne, eben weil sie in der Zwischenzeit

jederzeit mit dieser Last belegt geblieben ist. Im Grund-

buchsystem des ZGB ist daher für eine Tabularersitzung

der Dienstbarkeitsfreiheit in analoger Anwendung von

Art. 661 ZGB kein Raum. Dann darf aber dieses Institut

auch nicht in das ZGB hineininterpretiert werden lediglich

für die Zeit, bevor das eidgenössische Grundbuch eingeführt

ist, auch wenn sich dessen Fehlen für solange als Mangel

füJllbar machen sollte. Übrigens müsste die analoge An-

wendung des Art. 661 ZGB schon daran scheitern, dass die

Versitzungszeit von bloss 10 Jahren allzu kurz wäre;

würde sie doch auch die im ruhigen Besitz stehenden Eigen-

tümer herrschender Grundstücke jeweilen vor Ablauf

jedes Jahrzehnts während ihres vielleicht jahrzehntelangen

Grundeigentums bei Gefahr des Rechtsverlustes zur Nach-

schau im Grundbuch danach zwingen, ob die zum Vorteil

ihrer Grundstücke bestehenden Dienstbarkeiten inzwi-

schen nicht etwa aus Versehen oder Vergehen von Grund-

buchbeamten oder Dritten ({ gelöscht» worden seien.