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57_II_363

BGE 57 II 363

Bundesgericht (BGE) ·II · 1931-06-11 · Deutsch CH
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Dispositiv
  1. Die Anschlussberufung wird abgewiesen, dagegen die Hauptberufung begründet erklärt, das Urteil des Appe- lationshofes des Kantons Bern vom 22. Januar 1931 aufgehoben, soweit es nicht den Kläger und Widerbeklagt~n Nyffeler betrifft, die Hauptklage abge~esen und die Widerklage gegenüber der Lowa A.-G. 1m Betrage von 300 Fr. zugesprochen. VI. VERSICHERUNGSVERTRAG CONTRAT D' ASSURANCE
Volltext (verifizierbarer Originaltext)

54. Urteil der Ir. Zivilabteilung vom 11. Juni 1931

i. S. Eisenbahngesellschaft Langentllal-ButtwU

gegen Lowat Tuchfabrik A..-G.

H a f t p f I ich t der Eis e n b a h 11

aus Zusammenstoss

mit einem Automobil auf unbewachtem Niveauübergang

verneint wegen sehr grober Fahrlässigkeit deR Chauffeurs.

Verschulden der Eisenbahn verneint.

H a f tun g

des

G e s c h ä f t s her r 11

des

Chauffeurs

für die Schädigung der Eisenbahn mangels Entlastungsbeweises

bejaht. ERG Art. 1 und 11, OR Art. 55.

. A·. -

Durch den Zusammenstoss des vom Chauffeur

Nyffeler auf einer Geschäftstour geführten Lastautomobils

der Klägerin « Lowa» mit einem Motorwagenzug der

Beklagten auf einem unbewachten Bahnübergang ist

364

Eisenbahnhaftpflicht. N° Mo

sowohl der Klägerin ((Lowa» als auch der Beklagten

Sachschaden entstanden und zwar (nach der Feststellung

der Vorinstanz) der Klägerin im Betrage von 5000 Fr.,

. der Beklagten im Betrage von 300 Fr. Ausserdem hat

der Chauffeur Nyffeler eine Körperverletzung erlitten.

Mit vorliegender Klage und Widerklage verlangten

einerseits die Lowa und Nyffeler, anderseits die Beklagte

gegenseitig Ersatz ihres Schadens.

B. -

Der Appellationshof des Kantons Bern hat am

22. Januar 1931 die Klage des Nyffeler abgewiesen, die

Klage der Lowa im Betrage von 1000 Fr. und die Wider-

klage im Betrage von 240 Fr. zugesprochen, letzteres unter

solidarischer Haftung beider Widerbeklagten.

O. -

Gegen dieses Urteil hat die Beklagte die Berufung

an das Bundesgericht eingereicht mit dem Antrag, die

Klage der Lowa sei abzuweisen und die Widerklage ihr

gegenüber im vollen Umfange gutzuheissen.

D. -

Die Klägerin Lowa hat sich der Berufung ange-

schlossen mit dem Antrag, ihre Klage sei in vollem,

eventuell nach richterlichem Ermessen in höherem Um-

fange zuzusprechen und die Widerklage abzuweisen.

Das Bundesgericht zieht. in Erwägung :

Die Vorinstanz hat angenommen, Hauptursache der

streitigen Sachschäden sei ein grobes Verschulden des

Chauffeurs Nyffeler, Mitursachen seien aber auch ein

leichtes Verschulden der Klägerin Lowa, ein leichtes

Verschulden der Beklagten und die ihrer Eisenbahnunter-

nehmung innewohnende besondere Betriebsgefahr . Das

Bundesgericht sieht im Verschulden des Chauffeurs Nyf-

feIer die einzige Schadensursache. Dies hat zur Folge,

dass einerseits die Klägerin Lowa wegen Verschuldens

eines Dritten keinen Schadenersatz von der Beklagtep. zu

beanspruchen hat (EHG Art. 1 und ll), anderseits die

Beklagte vollen Ersatz im Umfange des von der Vorinstanz

ermittelten Schadens von der Lowa beanspruchen kann

(Art. 41, 55 OR) und zwar in Konkurrenz (unechter

Eisenbahnhaftpflicht. No 54.

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Solidarität) mit dem Chauffeur Nyffeler bis zu dem von

der Vorinstanz rechtskräftig festgesetzten Betrage seiner

Haftung.

Freilich ist der Bahnübergang, auf welchem sich der

Zusammenstoss ereignete, nicht gerade übersichtlich.

Immerhin ist für denjenigen, welcher sich in der Fahr-

richtung des Automobils dem die Strasse fast rechtwinklig

kreuzenden Bahnkörper nähert, die Sicht nach rechts auf

den letzten 90 Metern frei, wenn Bäume und Sträucher

nicht belaubt sind, wie es am Tage des Unfalls, 20. April,

zutraf. Dagegen stehen links auf dieser Strecke noch drei

Häuser, zwischen denen hindurch jedoch der Bahnkörper

einigermassen überblickt werden kann, so namentlich

zwischen den beiden letzten Häusern vor dem Bahnüber-

gang auf eine längere, bis auf 100 Meter an den Bahnüber-

gang heranreichende Strecke. Das letzte Haus (Järmann)

befindet sich gegen 15 Meter vom Bahnkörper entfernt,

sodass die Sicht auch nach links auf diese Distanz gänzlich

frei wird, die zum Anhalten von Automobilen genügt,

wenn die Fahrgeschwindigkeit dem Zustande des nur

3,5 m breiten SträBschens angepasst ist und die Bremsen

richtig funktionieren. Da der Chauffeur Nyffeler seit

längerer Zeit täglich mehrmals hier durchfuhr, ja seit

zwei Wochen selbst im Hause Järmann wohnte, waren

ihm die örtlichen Verhältnisse genau bekannt, wusste er

insbesondere, dass er auf einen unbewachten Bahnüber-

gang zufahre und dass er nichts aus der hochgezogenen

Barriere herleiten dürfe, die zwar von den Beniitzern des

Überganges jeweils hätte geschlossen werden sollen, jedoch

meist offen gelassen wurde. Wenn er des Zuges erst im

letzten Augenblick vor dem Zusammenstoss ansichtig

wurde, als es zu spät war um anzuhalten, so kann dies auf

nichts anderes als darauf zurückgeführt werden, dass er

blindlings, mit einer kaum zu überbietenden Sorglosigkeit

auf den Bahnübergang zufuhr, ohne sich im geringsten

danach umzusehen, ob sich ein Zug nähere. Eine solche

Unvorsichtigkeit muss dem Automobilführer, der dadurch

366

Eisenbahnhaftpflicht . .1\0 54.

nicht nur sich selbst und das von ihm geführte Automobil,

sondern auch einen Eisenbahnzug und dessen Insassen

in Gefahr bringen kann, zum schweren Verschulden ange-

. rechnet werden. Die besonderen Umstände des Falles

lassen diese Fahrlässigkeit des Chauffeurs als besonders

grob erscheinen: Einmal hatte er trotz trockener Witte-

rung das Verdeck des Führersitzes nicht zurückgeschlagen,

weshalb der seitliche Ausblick erschwert war und zudem

die wegen des starken Eigenlärms des Wagens bereits

bestehende Gefahr, Pfeifensignale heranfahrender Züge

zu überhören, noch erhöht wurde; umsoeher war er

verpflichtet, Ausblick zu halten, auch wenn ihn dies eine

besondere Anstrengung kosten und ihn vielleicht zu

langsamerem Fa,hren zwingen mochte. Ferner kannte er

den wenig guten Zustand der Bremsen und durfte er

auch deshalb nur mit besonderer Vorsicht fahren. Dass

seine Aufmerksamkeit durch andere Strassenbenützer voll

in Anspruch genommen worden sei, haben er und die

Lowa zwar behauptet, jedoch nach der für das Bundes-

gericht verbindlichen Beweiswürdigung der Vorinstanz

nicht darzutun vermocht; zudem hätten derartige Hin-

dernisse ihn zur Verlangsamung der Fahrt veranlassen

sollen, was ihm vielleicht ermöglicht hätte, doch noch

rechtzeitig anzuhalten, als er endlich den heranfahrenden

Zug bemerkte.

Neben einem derart groben Y,erschulden des Automobil-

fahrers kann die mit einem unbewachten Bahnübergang

zusammenhängende besondere Betriebsgefahr der Eisen-

bahn nicht mehr als Mitursache des Zusammenstosses

angesprochen werden. Zwar bedeutet der Grundsatz der

Kausalhaftung der Eisenbahnen, dass diese sich der

Folgen von Betriebsunfällen nicht schlechthin durch den

Hinweis darauf entschlagen können, der Unfall hätte sich

ohne Fahrlässigkeit des Betroffenen- oder eines Dritten -

gar nicht ereignet. Allein wenn der Unfall nur hat eintreten

kÖnnen, weil der Betroffene oder ein Dritter sich ein~

kaum mehr zu überbietende Unvorsichtigkeit hat zu

Eisenbahnhaftpflicht. N0 54.

367

schulden kommen lassen, so lässt es sich nicht mehr recht-

fertigen, die Eisenbahn hiefür zu belasten, sei es auch

nur teilweise (vgl. BGE 55 II S. 3(1).

Ein kausales Mitverschulden 'der Eisenbahn kann das

Bundesgericht im Gegensatz zur Vorinstanz nicht anneh-

men. Es ist unwahrscheinlich, dass sich der mit den örtli-

chen Verhältnissen völlig vertraute Chauffeur Nyffeler

durch eine auffälligere Warnungstafel zu grösserer Vor-

sicht hätte bestimmen lassen; infolgedessen scheidet die

allfällig ungenügende Markierung des Überganges im

vorliegenden Fall als Mitursache des Zusammenstosses aus.

Und dem Zugführer darf nicht zum Vorwurfe gemacht

werden, dass er seine Pfeifensignale nicht wiederholte, als

er zwischen den bei den letzten Häusern hindurch das

heranfahrende Automobil sah; denn die Häufung oder

sonstige Verlängerung schriller Signale ist, zumal in der

Nähe bewohnter Häuser, unerwünscht und soll vermieden

werden, wenn nicht besondere Umstände (z. B. auch

schlechtes Wetter) sie erheischen. Hier lag jedoch nichts

derartiges vor, namentlich nichts, was beim Zugführer

den Gedanken hätte aufkommen lassen müssen, das

Automobil könnte unter Ausserachtlassung jeglicher Vor-

sicht hemmungslos weiter auf den Dbergang zufahren.

Umsoweniger war sofortige Verlangsamung der Fahrt

geboten. Würde dies den Lokomotivführern zur Pflicht

gemacht, so müsste befürchtet werden, dass die Auto-

mobilführer öfter den Versuch machen, noch vor einem

heranfahrenden . Zug durchzukommen, als es ohnehin

geschehen mag.

Für den der Beklagten erwachsenen Schaden haftet

die Lowa als Geschäftsherr des Nyffeler. Den in Art. 55 OR

vorgesehenen Entlastungsbeweis hat sie überhaupt nicht

angetreten; denn allermindestens hätte sie dartun müssen,

dass Nyffeler ihr als tüchtiger und zuverlässiger Chauffeur

bekannt war, wenn sie ihn ohne weitere Unterweisung

auf dieser nicht ungefährlichen Zufahrt zu ihrer Fabrik

fahren liess, dazu noch mit einem mangelhaften Wagen.

368

Versieherungsvertrag. N& 35.

lrbrigens darf sich die Lowa über den ihr ungünstigen

Ausgang des Prozesses umsoweniger beklagen, als unab-

hängig vom Verschulden des NyHeler ~in selbst~diges,

nicht besonders leichtes Verschulden SIe selbst msofern

trifft, a~ ihr Wagen von vorneherein den Mangel aufwies,

dass das heruntergelassene Verdeck demChauHeur den

Blick nach der Seite nicht ohne weiteres ermöglichte, und

sich dazu noch in reparaturbedürftigem Zustande befand,

deshalb besonders starken Lärm machte und sich nicht

normal rasch bremsen liess, wie bereits in anderem Zu-

sammenhang erwähnt wurde.

Demnach erkennt das Bundesgericht :

Die Anschlussberufung wird abgewiesen, dagegen die

Hauptberufung begründet erklärt, das Urteil des Appe-

lationshofes des Kantons Bern vom 22. Januar 1931

aufgehoben, soweit es nicht den Kläger und Widerbeklagt~n

Nyffeler betrifft, die Hauptklage abge~esen und die

Widerklage gegenüber der Lowa A.-G. 1m Betrage von

300 Fr. zugesprochen.

VI. VERSICHERUNGSVERTRAG

CONTRAT D'ASSURANCE