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56_III_113

BGE 56 III 113

Bundesgericht (BGE) ·III · 1930-06-16 · Deutsch CH
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Sachverhalt

In der Betreibung No. 149 auf Verwertung von Faustpfändern leistete der Rekurrent nach erhaltenem Aufschub am 2. Dezember 1929 die 1etzte Rat.e, inbegriffen Zins und Kosten, mit 371 Fr. 90 ets., knüpfte aber daran die Bedingung, dass das Betreibungsamt den Betrag der Gläubigerin nur gegen Rückgabe der Pfandgegenstände aushändigen dürfe. Mit Schreiben vom 2. Januar 1930 114 Schuldbetreibungs. und Konkursreoht. N0 27. gab das Betreibungsamt der Gläubigerin hievon Kenntnis und erklärte unter Hinweis auf Art. 150 SchKG, es könne, die letzte Rate nicht abliefern, solange die Pfandgegen- stände nicht zur Verfügung gestellt seien. Gegen diesen Bescheid erhob die Gläubigerin recht- zeitig Beschwerde mit dem Antrag, das Betreibungsamt anzuweisen, ihr die 371 Fr. 90 Cts. auszubezahlen. Sie machte geltend, dass ihr die in Frage stehenden Faust- pfänder nicht nur für die in Betreibung gesetzte Forde- rung, sondern noch für weitere Ansprüche verhaftet seien. Die erste Instanz hiess die Beschwerde gut. Ein hie- gegen vom Schuldner eingereichter Rekurs wurde von der kantonalen Aufsichtsbehörde mit Beschluss vom 16. Mai 1930 abgewiesen, worauf der Schuldner an das Bundes- gericht gelangte mit dem Antrag, festzustellen, dass die Gläubigerin verpflichtet sei, vor Aushändigung der letzten Rate die sämtlichen Pfandobjekte an das Betreibungsamt zu Handen des Rekurrenten abzuliefern. Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer zieht

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

27. Entsoheid vom 16. Juni 1930 i. S. Str'Üby-Fischer.

Betreibung auf F aus t p fan d ver wer tun g.

Wird die Schuld durch Abschlagszahlungen getilgt, so hat das

Betreibungsamt (in analoger Anwendung von Art. 150 Abs. 1

SchKG) vor Ablieferung der letzten Rate vom Gläubiger

Herausgabe der Pfandobjekte zu Handen des Schuldners zu

verlangen.

Voraussetzung dafür ist indessen 'Obereinstimmung der Parteien

darüber, dass die Pfänder nicht noch für andere Ansprüche

des Gläubigers haften.

Poursuite en realisation de gage.

Lorsque la dette est acquittee par acomptes, l'office doit (eu

appliquant par voie d'analogie l'art. 150 a1. l er LP) inviter le

creancier a lui reme.ttre le gage pour le debiteur avant da.

toucher le dernier acompte.

Il faut toutefois que les parties soient d'accord que le gage ne

garantit pas d'autres pretentions du creancier.

Esecuzione in via di realizzazione deI pegno.

Se il debito viene estinto mediante acconti l'ufficio deve, prima

di versare l'ultima rata, esigere (applicando l'art. 150 cp. 1 LE:F

per analogia) dal creditore ehe gli consegni il pegno per canto

deI debitore.

E per<> necessario ehe le parti siano eoncordi nell'ammettere ehe

il pegno non garantisee altre pretese deI creditore.

A. -

In der Betreibung No. 149 auf Verwertung von

Faustpfändern leistete der Rekurrent nach erhaltenem

Aufschub am 2. Dezember 1929 die 1etzte Rat.e, inbegriffen

Zins und Kosten, mit 371 Fr. 90 ets., knüpfte aber daran

die Bedingung, dass das Betreibungsamt den Betrag der

Gläubigerin nur gegen Rückgabe der Pfandgegenstände

aushändigen dürfe. Mit Schreiben vom 2. Januar 1930

114

Schuldbetreibungs. und Konkursreoht. N0 27.

gab das Betreibungsamt der Gläubigerin hievon Kenntnis

und erklärte unter Hinweis auf Art. 150 SchKG, es könne

, die letzte Rate nicht abliefern, solange die Pfandgegen-

stände nicht zur Verfügung gestellt seien.

Gegen diesen Bescheid erhob die Gläubigerin recht-

zeitig Beschwerde mit dem Antrag, das Betreibungsamt

anzuweisen, ihr die 371 Fr. 90 Cts. auszubezahlen. Sie

machte geltend, dass ihr die in Frage stehenden Faust-

pfänder nicht nur für die in Betreibung gesetzte Forde-

rung, sondern noch für weitere Ansprüche verhaftet seien.

Die erste Instanz hiess die Beschwerde gut. Ein hie-

gegen vom Schuldner eingereichter Rekurs wurde von der

kantonalen Aufsichtsbehörde mit Beschluss vom 16. Mai

1930 abgewiesen, worauf der Schuldner an das Bundes-

gericht gelangte mit dem Antrag, festzustellen, dass die

Gläubigerin verpflichtet sei, vor Aushändigung der letzten

Rate die sämtlichen Pfandobjekte an das Betreibungsamt

zu Handen des Rekurrenten abzuliefern.

Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer

zieht in Erwägung :

Das Gesetz enthält keine ausdrückliche Bestimmung

darüber, ob der Betreibungsbeamte in einer Betreibung

auf Faustpfandverwertung berechtigt und verpflichtet sei,

nach vollständiger Tilgung . der in Betreibung gesetzten

Forderung dUl'ch Abschlagsz!l-hlungen das Pfand vom

Gläubiger zu Handen des Schuldners herauszuverlangen.

Indessen rechtfertigt es sich, in einem solchen Fall

Art. 150 Abs. 1 SchKG analog zur Anwendung zu bringen:

Infolge der Bezahlung der Forderung erlischt auch das

für die letztere eingeräumte Pfandrecht, und der Gläubi-

ger hat nunmehr ebensowenig ein Recht auf weiteren

Pfandbesitz wie auf den Besitz eines Schuldscheins. Wenn

aber Art. 150, anstatt den Schuldner darauf zu verweisen,

den Schuldschein selber auf dem 'Veg eines Zivilprozesses

oder im Befehlsverfahren vom Gläubiger zurückzuver-

!angen, den Gläubiger verpflichtet, den Schuldschein dem

Sohuldbetreibungs. und Konkursrecht. N0 27.

115

Betreibungsamt ZU Handen des Schuldners zu übergeben,

so vermag nicht eingesehen werden, warum der Schuldner

im Fall des Faustpfandrechtes nach dem Erlöschen des

letztern zu einem zeitraubenden und mit Kosten verbun-

denen Vorgehen gegen den Gläubiger soll gezwungen

werden. Dadurch, dass ihm dieser Umweg erspart wird,

werden keinerlei berechtigte Interessen des Gläubigers

beeinträchtigt.

Dass das Betreibungsamt nur im Fall vollzogener Ver-

wertung nach Art. 150 Abs. 1 zu verfahren, bei biossen

Abschlagszahlungen dagegen dem Schuldner einfach Quit-

tung, ohne Beizug der Urkunden, zu erteilen habe, wie

die Vorinstanz annimmt, trifft nicht zu: Das Gesetz

macht keinen Unterschied, wie die vollständige Deckung

des Gläubigers herbeigeführt wurde; es kann daher keine

Rolle spielen, ob die Verwertung durchgeführt wurde oder

nicht. Zu Unrecht beruft sich die Vorinstanz für ihre

gegenteilige Auffassung auf JAEGER, Anm. 4 zu Art. 150;

diese KommentarsteIle bezieht sich auf den hier nicht in

Betracht fallenden Absatz 2 von Art. 150 SchKG (vgl.

dazu Anm. 1 am Ende zu Art. 150). Was für « andere

Gründe» gegen eine· analoge Anwendung sprechen, hat die

Vorinstanz nicht angegeben.

Voraussetzung einer solchen analogen Anwendung von

Art. 150 Abs. 1 auf die Faustpfänder ist indessen Ueber-

einstimmung der Parteien über das Erlöschen des Pfand-

rechtes. Behauptet der Gläubiger dagegen, dass der näm-

liche Pfandgegenstand noch für weitere, nicht in Betrei-

bung gesetzte Ansprüche hafte, so darf das Amt nicht

darüber hinweggehen. Es kann aber auch nicht selber

darüber entscheiden; ob das Pfandrecht noch für andere

Forderungen bestehe, ist eine Frage materiellrechtlicher

Natur, deren Beantwortung ausschliesslich dem ordent-

lichen Richter zusteht. Es bleibt daher in einem solchen

Falle kein anderer Ausweg, als dass das Betreibungsamt

dem Schuldner Mitteilung davon macht, dass der Gläu-

biger das Pfand noch für andere, nicht getilgte Forderungen

116

Schuldbetreibtmgs. und Konkursrecht. N0 28.

beanspruche, und es ihm überlässt, die Herausgabe der

Pfänder vor dem ordentlichen Richter zu betreiben, wenn

• er den Standpunkt des Gläubigers nicht als richtig aner-

kennen wilL Der Umstand, dass die Inanspruchnahme

der Pfänder für andere, vorläufig nicht betriebene Forde-

rungen im Zahlungsbefehl nicht angemeldet wurde,

schliesst diese Inanspruchnahme nicht aus; denn der

Gläubiger ist nicht verpflichtet, sich im Verfahren über

die eine Forderung auch noch über den Bestand anderer

Pfandansprüche zu äussern.

Demnach erkennt die Schuldbetreibungs-

und KonkuTskammer:

Der Rekurs wird im Sinne der Erwägungen abgewiesen.