Sachverhalt
Die Beklagte bestellte aml:3. und 21. Juli
1919 bei der Klägerin 100 T Ja in Kasten geglühte
Flusseisenbleche zum Preise von 750 Fr. per T. fi-änko
verzollt Station Zug. Die Lieferung erfolgte in 7 Sen-
dungen in der Zeit vom 25. Sept~mber bis 7. Nov. 1919.
Im Streite liegen die beiden letzten Wagenladungen. die
am 4. und 7. November 1919 von der Firma Les Petits
Fils de Fols de Wendel & ete, . Hayange (Lothringen),
in Diedenhofcn an die Adresse der Klägerin nach Zug
aufgegeben worden sind. Als der erste Wagen am 26.
November 1919 in Zug eintraf, ergab es sich, dass die
Ware angerostet war. Die Beklagte benachrichtigte
hievon gleichen Tages sowohl die Klägerin, als die
Bahnverwaltung, woraufhin letztere ebenfalls am 26.
November 1919 eine Tatbestandsfeststellung vornehmen
liess, unter Beizug eines Sachverständigen in der Per-
son des E. Stocklin in Zug, der folgenden Bericht er-
stattete:
«Der Wagen dürfte auf seiner ganzen Reise Wasser
bekommen haben; es geht dies daraus hervor, dass sich
Obligationenrecht. N0 60.
:163
zwischen den aufgeschichteten Blechen viel Wasser an-
gesammelt hat. Es ist wohl keine einzige Tafel trocken
geblieben. In Anbetracht. dass es sich um Feinbleche
handelt, ist der Schaden grösser als bei Grobblechen.
Angelaufene Feinbleche müssen sofort verarbeitet werden.
sonst riskiert man Rostlöcher. Eine Einlagerung ist
ausgeschlossen. Ich schätze den Schaden 40 % des Fak-
turabetrages. »
In gleicher Weise hatte auch· die Ware des am 27. No-
vember 1919 in Zug eingetroffenen zweiten Wagens
durch Nässe Schaden gelitten. Die Bahnverwaltung
ordnete ebenfalls ohne Verzug eine Tatbestandsauf-
nahme an. Der beigezogene Sachverständige C. Bossard
in Zug bezifferte den Minderwert auf 50% des Faktura-
betrages, indem er feststellte: « Die obern und vorste-
henden Tafeln sind stark angerostet. Durch Abheben
von Tafeln wurde festgestellt, dass auch die unten lie-
genden Blechtafeln grossteils nass oder feucht sind.
In Anbetracht, dass eine sofortige Verarbeitung un-
möglich ist, da bereits ein solcher schadhafter Wagen
vorgestern eingetroffen und zu verarbeiten ist, erachtet
der Unterzeichnete eine Entschädigung von 50% des
Fakturawertes
als
angemessen.
Eine vollständige
Reinigung und Trocknung ist unmöglich und wird das
Blech, bis es zur Verarbeitung kommt, weiter Schaden
leiden. Die Ursache liegt in der Reparaturbedürftigkeit
des Wagens, welcher an mehreren Stellen Regen eintreten
liess ...... »
Mit Schreiben vom 26. und 28. November 1919 setzte
die Beklagte die Klägerin vom Ergebnis der Expertisen
in Kenntnis, mit dem Bemerken, dass sie es ihr überlasse,
gegen die Bahn vorzugehen. Demgegenüber stellte sich
die Klägerin mit Briefen vom 27. und 29. November
1919 auf den Standpunkt, dass es Sache des Empfängers
der Ware sei, sich mit der Bahn anseinanderzusetzen.
was zu tun, die Beklagte am 2. Dezember 1919 erneut
ablehnte. Als ihr die Klägerin auf eine Anfrage vom 4. De-
364
Obligationenrecht. N0 60.
zember, ob nicht mangelfreie Ersatzware geliefert werden
könne, abschlägigen Bescheid erteilte, nahm sie die
, schadhaften Bleche in Verarbeitung.
Am 12. Dezember 1919 liessen die Bundesbahnen die
Ware in der Fabrik der Beklagten durch ihren Werk-
stätte-Ingenieur Schulthess aus Zürich begutachten, der
~
Schaden auf total 1702 Fr. berechnete, auf Grund
der Feststellung, dass die schwachen Anrostungen der
Bleche nach erfolgter Reinigung nur eine schwache Ver-
letzung der Walzhaut zurückgelassen hätten. Die Klä-
gerin leitete dieses Gutachten mit dem darin enthaltenen
Vorschlag der Bahn: eine Entschädigung in der ge-
nannten Höhe zu leisten, oder die Ware zum Faktura-
preise, abzüglich der 1702 Fr., zu übernehmen, am 7. Ja-
nuar 1920 an die Beklagte weiter. In ihrer Antwort
vom folgenden Tage lehnte diese die Herausgabe der
Bleche mit der Begründung ab, dass dieselben bereits
in Verarbeitung genommen und die Preise inzwischen
stark gestiegen seien. Sie halte sich an den Befund der
Experten Stocklin und Bossard und werde nächster
Tage die Fakturen unter Abzug des konstatierten Minder-
wertes der Kaufsache begleichen, was am 12. Januar
1920 durch Banküberweisung geschehen ist.
B. -
Mit im April 1922 beim Kantonsgericht Zug
eingereichter Klage verlangte die Klägerin Zahlung der
Kaufpreisrestanz in dem gemäss der Expertise Schult-
hess um 1702 Fr. reduzierten Betrage von 6767 Fr. 75 Cts.
nebst 6% Zins seit 10. Dezember 1919.
Zur Begründung machte sie im wesentlichen geltend:
Die Gutachten Stocklin und Bossard könnten schon
deshalb nicht als Tatbestandsaufnahmen im Sinne von
Art. 204 OR gelten, weil sie nicht auf gerichtliche An-
ordnung hin erhoben worden seien. Zudem handle es
sich dabei um jeder Begründung entbehrende Schät-
zungen. Die Experten hätten sich nicht einmal die
Mühe genommen, die Blechtafeln auseinanderzulegen
und einzeln auf ihren Minderwert zu prüfen. Durch die
Obligationem'echt. N° 5U,
365
seitens der Beklagten erfolgte Ablehnung der von den
S. B. B. gestellten Offerte sei bewiesen, dass der Minder-
wert 1702 Fr. nicht überstiegen habe.
In zweiter Instanz stellte sich die Klägerin weiter auf
den Standpunkt, die Gefahr sei mit dem Kaufsabschlusse
auf den Käufer übergegangen (Art. 185 OR).
Die Beklagte beantragte Abweisung der Klage.
C. -
Beide kantonalen Instanzen' haben die Klage
geschützt, das Obergericht des Kantons Zug mit Urteil
vom 30. Dezember 1925.
D. -
Die hiegegen mit dem Antrag auf Abweisung
der Klage ergrüfene Berufung der Beklagten hat das
Bundesgericht dahin begründet erklärt, dass es in Auf-
hebung des angefochtenen Urteils die Sache zur Fest-
stellung des Minderwertes an die Yorinstallz zurück-
wies.
Erwägungen (2 Absätze)
E. 1 Die Verpflichtung der Klägerin zur Minderung des Kaufpreises im Umfange der während des Bahntrans- portes eingetretenen Entwertung der Bleche ist grund- sätzlich nicht mehr streitig, nachdem die Klägerin die ursprünglich eingeklagte Kaufpreisrestforderung schon vor erster Instanz um den vom Experten Schulthess ermittelten Betrag von 1702 Fr. ermässigt und dadurch implizite anerkannt hat, dass sie die Gefahr der Kauf- sache bis zur Ablieferung in Zug trug. Die damit im Widerspruch stehende Behauptung, die Gefahr sei ge- mäss Art. 185 OR mit dem Kaufsabschluss auf die Käufer übergegangen, wäre übrigens haltlos. Bezieht sich auch die Frankoklauscl in der Regel nur auf die Tragung der Transportkosten, so muss doch hier nach den besonderen Verumständungen angenommen werden, dass die Parteien mit deren Vereinbarung gleichzeitig eine Ausnahme von der gesetzlichen Regelung in dem Sinne begründen wollten, dass der Verkäufer auch die Gefahr des Transportes bis zur Ankunft der Ware am Bestimmungs- und damit zugleich Erfüllungsort Zug 366 Obligationenrecht. N0 60. trage. Entscheidend fällt hiefÜf der Umstand in Betracht, dass die Sendungen vom Lieferanten der Klägerin in Diedenhofen an deren Adresse nach Zug aufgeg~ben, worden sind, sodass der Beklagten während des Trans- portes jede Möglichkeit, über die Ware zu verfügen und insbesondere Vorkehren zur Abwendung des Schadens zu treffen, genommen war.
E. 2 Der Streit dreht sich darnach nurmehr um die
Höhe des Minderwertes, und hiebei frägt es sich in
erster Linie, ob die Beklagte hinsichtlich dieser nach
Zug übersandten Ware, -
wo die Klägerin keinen Ver-
treter hatte, -
die ihr nach Art. 204, Abs. 2 OR oblie-
gende Pflicht zur unverzüglichen, gehörigen Feststel-
lung des Tatbestandes erfüllt habe. Wie das Bundesge-
richt ausgesprochen hat, handelt es sich dabei nicht
bloss um eine Feststellung der Mängel im einseitigen
Interesse des Käufers, sondern um eine ebensosehr
auch den Interessen des Verkäufers dienende eigentliche
Beweisaufnahme (vgl. BGE 45 II 341 f.). Da der grund-
sätzlich für die Empfangbarkeit der beanstandeten Ware
beweispflichtige Verkäufer, weil abwesend, selber nicht
in der Lage ist, sofort den Tatbestand festzustellen, so
muss der Käufer dessen Interessen durch Sammeln von
Beweismaterial wahren, widrigenfalls ihm der Beweis
dafür obliegt, dass die behaupteten Mängel schon zur
Zeit der Übergabe der Ware vorhanden waren. Dieser
Verpflichtung ist die Beklagte in der Weise nachge-
kommen, dass sie die nach Eintreffen der Wagen in Zug
festgestellte Beschädigung der Ware ohne Verzug sowohl
der Klägerin, als auch den Bundesbahnen anzeigte,
worauf diese gleichen Tages die Untersuchung der
Bleche durch ortsansässige Sachverständige anordneten.
Beide kantonalen Instanzen sprechen diesen Expertisen
den Charakter und Wert einer Tatbestandsfeststellung
nach Art. 204 OR ab, weil sie ohne Beizug der Klägerin
einseitig für die Zwecke der S. B. B. erhoben worden
seien und sich sachlich nicht auf eine Prüfung jedes
Obligationenrecht. N° 60.
367
einzelnen Stückes zu stützen vermöchten. Diese Auf-
fassung beruht auf einer Verkennung der bundesrechtlich
an die Beweisaufnahme im Sinne der gedachten Gesetzes-
bestimmung zu stellenden Anforderungen.
In formeller Beziehung kann zunächst gegen die von
den Experten gemachten Feststellungen daraus nichts
hergeleitet werden, dass sie nicht auf gerichtliche Anord-
nung hin erfolgt sind, indem das OR eine amtliche
Untersuchung nicht verlangt (vgl. BGE 32 II 299;
OSER, N.V zu Art. 204 OR). Ebensowenig aber ist der
Umstand von Bedeutung, dass die Expertisen nicht von
der Beklagten selber, sondern von den Bundesbahnen
erhoben worden sind. Richtig ist zwar, dass die Bahnver-
waltung die Tatbestandsfeststellung nach Massgabe des
Art. 25 des internationalen Übereinkommens über den
Eisenbahnfrachtverkehr vom 14. Oktober 1890 in ihrem
eigenen Interesse wegen ihrer allfälligen Haftung als
Frachtführerin angeordnet hat. Allein das ändert nichts
an der Tatsache, dass diese bahnamtliche Untersuchung
in gleicher Weise eine Beweissicherung durch sofortige
Feststellung der Mängel bezweckte, wie die in Art. 204
Abs. 2 OR dem Käufer zur Pflicht gemachte Tatbestands-
aufnahme, sodass nicht einzusehen ist, weshalb sie nicht
geeignet sein sollte, auch die Funktionen der letztern
zu erfüllen. Da eine solche Untersuchung ohne Verzug
vorgenommen werden muss, so kann auch nicht verlangt
werden, dass der Verkäufer zu derselben beigezogen
werde (vgl. BECKER, N. 12 zu Art. 204 OR).
Über den Umfang der Tatbestandsfeststellung spricht
sich das Gesetz nicht aus. Entgegen der Auffassung der
Vorinstanz kann aber jedenfalls dann. wenn es sich, wie
hier, um so beträchtliche Quantitäten unter sich gleich-
artiger Einzelsachen handelt, eine besondere Prüfung
jedes einzelnen Stückes nicht gefordert werden. Zur
Annahme einer gehörigen Untersuchung muss es vielmehr
ausreichen, wenn eine angemessene Zahl von Stich-
proben erhoben wird, deren Ergebnis den Schluss be-
368
Obligationenrecht. N° 61.
gründet, dass sämtliche Ware dieselbe Beschaffenheit
aufweise (vgl. OSER, N. II 1 a zu Art. 201 OR; BGE
34 II 707). Dafür, dass die vorliegend auf diese Art
vorgenommene Prüfung nicht mit fachmännischer Sorg-
falt durchgeführt wurde, liegt nichts vor. Daraus folgt
auch, dass die Bezifferung des Minderwertes notwendig
den Charakter einer Schätzung haben muss. Selbst bei
Ermittlung desselben auf Grund einer Untersuchung
jeder einzelnen Blechtafel würde es sich übrigens bei den
einzelnen Berechnungsfaktoren der Natur der Sache
nach um blosse Schätzungswerte handeln.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
60. Auszug aus dem Urteil der I. Zivilabteiltlng
vom 22. September 1926
i. S. Verzinkerei Zug A.-G. gegen Debrunner & Cie.
Kau f: Art. 185 OR. Bedeutung der FrankoklauseI.
Art. 204. Abs. 2 OR: Gehörige Tatbestandsfeststellung :
Eine solche kann auch in der von der Bahn im Hinblick auf
ihre allfällige Haftung als Transportführer angeordneten
Expertise liegen. Eine Untelsuchung der Ware durch
gerichtlich bestellte Experten ist nicht erforderlich.
In
umfänglicher Hinsicht genügt bei grossen Sendungen eine
angemessene Zahl von Stichproben.
A. -
Die Beklagte bestellte aml:3. und 21. Juli
1919 bei der Klägerin 100 T Ja in Kasten geglühte
Flusseisenbleche zum Preise von 750 Fr. per T. fi-änko
verzollt Station Zug. Die Lieferung erfolgte in 7 Sen-
dungen in der Zeit vom 25. Sept~mber bis 7. Nov. 1919.
Im Streite liegen die beiden letzten Wagenladungen. die
am 4. und 7. November 1919 von der Firma Les Petits
Fils de Fols de Wendel & ete, . Hayange (Lothringen),
in Diedenhofcn an die Adresse der Klägerin nach Zug
aufgegeben worden sind. Als der erste Wagen am 26.
November 1919 in Zug eintraf, ergab es sich, dass die
Ware angerostet war. Die Beklagte benachrichtigte
hievon gleichen Tages sowohl die Klägerin, als die
Bahnverwaltung, woraufhin letztere ebenfalls am 26.
November 1919 eine Tatbestandsfeststellung vornehmen
liess, unter Beizug eines Sachverständigen in der Per-
son des E. Stocklin in Zug, der folgenden Bericht er-
stattete:
«Der Wagen dürfte auf seiner ganzen Reise Wasser
bekommen haben; es geht dies daraus hervor, dass sich
Obligationenrecht. N0 60.
:163
zwischen den aufgeschichteten Blechen viel Wasser an-
gesammelt hat. Es ist wohl keine einzige Tafel trocken
geblieben. In Anbetracht. dass es sich um Feinbleche
handelt, ist der Schaden grösser als bei Grobblechen.
Angelaufene Feinbleche müssen sofort verarbeitet werden.
sonst riskiert man Rostlöcher. Eine Einlagerung ist
ausgeschlossen. Ich schätze den Schaden 40 % des Fak-
turabetrages. »
In gleicher Weise hatte auch· die Ware des am 27. No-
vember 1919 in Zug eingetroffenen zweiten Wagens
durch Nässe Schaden gelitten. Die Bahnverwaltung
ordnete ebenfalls ohne Verzug eine Tatbestandsauf-
nahme an. Der beigezogene Sachverständige C. Bossard
in Zug bezifferte den Minderwert auf 50% des Faktura-
betrages, indem er feststellte: « Die obern und vorste-
henden Tafeln sind stark angerostet. Durch Abheben
von Tafeln wurde festgestellt, dass auch die unten lie-
genden Blechtafeln grossteils nass oder feucht sind.
In Anbetracht, dass eine sofortige Verarbeitung un-
möglich ist, da bereits ein solcher schadhafter Wagen
vorgestern eingetroffen und zu verarbeiten ist, erachtet
der Unterzeichnete eine Entschädigung von 50% des
Fakturawertes
als
angemessen.
Eine vollständige
Reinigung und Trocknung ist unmöglich und wird das
Blech, bis es zur Verarbeitung kommt, weiter Schaden
leiden. Die Ursache liegt in der Reparaturbedürftigkeit
des Wagens, welcher an mehreren Stellen Regen eintreten
liess ...... »
Mit Schreiben vom 26. und 28. November 1919 setzte
die Beklagte die Klägerin vom Ergebnis der Expertisen
in Kenntnis, mit dem Bemerken, dass sie es ihr überlasse,
gegen die Bahn vorzugehen. Demgegenüber stellte sich
die Klägerin mit Briefen vom 27. und 29. November
1919 auf den Standpunkt, dass es Sache des Empfängers
der Ware sei, sich mit der Bahn anseinanderzusetzen.
was zu tun, die Beklagte am 2. Dezember 1919 erneut
ablehnte. Als ihr die Klägerin auf eine Anfrage vom 4. De-
364
Obligationenrecht. N0 60.
zember, ob nicht mangelfreie Ersatzware geliefert werden
könne, abschlägigen Bescheid erteilte, nahm sie die
, schadhaften Bleche in Verarbeitung.
Am 12. Dezember 1919 liessen die Bundesbahnen die
Ware in der Fabrik der Beklagten durch ihren Werk-
stätte-Ingenieur Schulthess aus Zürich begutachten, der
~
Schaden auf total 1702 Fr. berechnete, auf Grund
der Feststellung, dass die schwachen Anrostungen der
Bleche nach erfolgter Reinigung nur eine schwache Ver-
letzung der Walzhaut zurückgelassen hätten. Die Klä-
gerin leitete dieses Gutachten mit dem darin enthaltenen
Vorschlag der Bahn: eine Entschädigung in der ge-
nannten Höhe zu leisten, oder die Ware zum Faktura-
preise, abzüglich der 1702 Fr., zu übernehmen, am 7. Ja-
nuar 1920 an die Beklagte weiter. In ihrer Antwort
vom folgenden Tage lehnte diese die Herausgabe der
Bleche mit der Begründung ab, dass dieselben bereits
in Verarbeitung genommen und die Preise inzwischen
stark gestiegen seien. Sie halte sich an den Befund der
Experten Stocklin und Bossard und werde nächster
Tage die Fakturen unter Abzug des konstatierten Minder-
wertes der Kaufsache begleichen, was am 12. Januar
1920 durch Banküberweisung geschehen ist.
B. -
Mit im April 1922 beim Kantonsgericht Zug
eingereichter Klage verlangte die Klägerin Zahlung der
Kaufpreisrestanz in dem gemäss der Expertise Schult-
hess um 1702 Fr. reduzierten Betrage von 6767 Fr. 75 Cts.
nebst 6% Zins seit 10. Dezember 1919.
Zur Begründung machte sie im wesentlichen geltend:
Die Gutachten Stocklin und Bossard könnten schon
deshalb nicht als Tatbestandsaufnahmen im Sinne von
Art. 204 OR gelten, weil sie nicht auf gerichtliche An-
ordnung hin erhoben worden seien. Zudem handle es
sich dabei um jeder Begründung entbehrende Schät-
zungen. Die Experten hätten sich nicht einmal die
Mühe genommen, die Blechtafeln auseinanderzulegen
und einzeln auf ihren Minderwert zu prüfen. Durch die
Obligationem'echt. N° 5U,
365
seitens der Beklagten erfolgte Ablehnung der von den
S. B. B. gestellten Offerte sei bewiesen, dass der Minder-
wert 1702 Fr. nicht überstiegen habe.
In zweiter Instanz stellte sich die Klägerin weiter auf
den Standpunkt, die Gefahr sei mit dem Kaufsabschlusse
auf den Käufer übergegangen (Art. 185 OR).
Die Beklagte beantragte Abweisung der Klage.
C. -
Beide kantonalen Instanzen' haben die Klage
geschützt, das Obergericht des Kantons Zug mit Urteil
vom 30. Dezember 1925.
D. -
Die hiegegen mit dem Antrag auf Abweisung
der Klage ergrüfene Berufung der Beklagten hat das
Bundesgericht dahin begründet erklärt, dass es in Auf-
hebung des angefochtenen Urteils die Sache zur Fest-
stellung des Minderwertes an die Yorinstallz zurück-
wies.
Aus den Erwägungen:
1. -
Die Verpflichtung der Klägerin zur Minderung
des Kaufpreises im Umfange der während des Bahntrans-
portes eingetretenen Entwertung der Bleche ist grund-
sätzlich nicht mehr streitig, nachdem die Klägerin die
ursprünglich eingeklagte Kaufpreisrestforderung schon
vor erster Instanz um den vom Experten Schulthess
ermittelten Betrag von 1702 Fr. ermässigt und dadurch
implizite anerkannt hat, dass sie die Gefahr der Kauf-
sache bis zur Ablieferung in Zug trug. Die damit im
Widerspruch stehende Behauptung, die Gefahr sei ge-
mäss Art. 185 OR mit dem Kaufsabschluss auf die
Käufer übergegangen, wäre übrigens haltlos. Bezieht
sich auch die Frankoklauscl in der Regel nur auf die
Tragung der Transportkosten, so muss doch hier nach
den besonderen Verumständungen angenommen werden,
dass die Parteien mit deren Vereinbarung gleichzeitig
eine Ausnahme von der gesetzlichen Regelung in dem
Sinne begründen wollten, dass der Verkäufer auch die
Gefahr des Transportes bis zur Ankunft der Ware am
Bestimmungs- und damit zugleich Erfüllungsort Zug
366
Obligationenrecht. N0 60.
trage. Entscheidend fällt hiefÜf der Umstand in Betracht,
dass die Sendungen vom Lieferanten der Klägerin in
Diedenhofen an deren Adresse nach Zug
aufgeg~ben
, worden sind, sodass der Beklagten während des Trans-
portes jede Möglichkeit, über die Ware zu verfügen und
insbesondere Vorkehren zur Abwendung des Schadens
zu treffen, genommen war.
2. -
Der Streit dreht sich darnach nurmehr um die
Höhe des Minderwertes, und hiebei frägt es sich in
erster Linie, ob die Beklagte hinsichtlich dieser nach
Zug übersandten Ware, -
wo die Klägerin keinen Ver-
treter hatte, -
die ihr nach Art. 204, Abs. 2 OR oblie-
gende Pflicht zur unverzüglichen, gehörigen Feststel-
lung des Tatbestandes erfüllt habe. Wie das Bundesge-
richt ausgesprochen hat, handelt es sich dabei nicht
bloss um eine Feststellung der Mängel im einseitigen
Interesse des Käufers, sondern um eine ebensosehr
auch den Interessen des Verkäufers dienende eigentliche
Beweisaufnahme (vgl. BGE 45 II 341 f.). Da der grund-
sätzlich für die Empfangbarkeit der beanstandeten Ware
beweispflichtige Verkäufer, weil abwesend, selber nicht
in der Lage ist, sofort den Tatbestand festzustellen, so
muss der Käufer dessen Interessen durch Sammeln von
Beweismaterial wahren, widrigenfalls ihm der Beweis
dafür obliegt, dass die behaupteten Mängel schon zur
Zeit der Übergabe der Ware vorhanden waren. Dieser
Verpflichtung ist die Beklagte in der Weise nachge-
kommen, dass sie die nach Eintreffen der Wagen in Zug
festgestellte Beschädigung der Ware ohne Verzug sowohl
der Klägerin, als auch den Bundesbahnen anzeigte,
worauf diese gleichen Tages die Untersuchung der
Bleche durch ortsansässige Sachverständige anordneten.
Beide kantonalen Instanzen sprechen diesen Expertisen
den Charakter und Wert einer Tatbestandsfeststellung
nach Art. 204 OR ab, weil sie ohne Beizug der Klägerin
einseitig für die Zwecke der S. B. B. erhoben worden
seien und sich sachlich nicht auf eine Prüfung jedes
Obligationenrecht. N° 60.
367
einzelnen Stückes zu stützen vermöchten. Diese Auf-
fassung beruht auf einer Verkennung der bundesrechtlich
an die Beweisaufnahme im Sinne der gedachten Gesetzes-
bestimmung zu stellenden Anforderungen.
In formeller Beziehung kann zunächst gegen die von
den Experten gemachten Feststellungen daraus nichts
hergeleitet werden, dass sie nicht auf gerichtliche Anord-
nung hin erfolgt sind, indem das OR eine amtliche
Untersuchung nicht verlangt (vgl. BGE 32 II 299;
OSER, N.V zu Art. 204 OR). Ebensowenig aber ist der
Umstand von Bedeutung, dass die Expertisen nicht von
der Beklagten selber, sondern von den Bundesbahnen
erhoben worden sind. Richtig ist zwar, dass die Bahnver-
waltung die Tatbestandsfeststellung nach Massgabe des
Art. 25 des internationalen Übereinkommens über den
Eisenbahnfrachtverkehr vom 14. Oktober 1890 in ihrem
eigenen Interesse wegen ihrer allfälligen Haftung als
Frachtführerin angeordnet hat. Allein das ändert nichts
an der Tatsache, dass diese bahnamtliche Untersuchung
in gleicher Weise eine Beweissicherung durch sofortige
Feststellung der Mängel bezweckte, wie die in Art. 204
Abs. 2 OR dem Käufer zur Pflicht gemachte Tatbestands-
aufnahme, sodass nicht einzusehen ist, weshalb sie nicht
geeignet sein sollte, auch die Funktionen der letztern
zu erfüllen. Da eine solche Untersuchung ohne Verzug
vorgenommen werden muss, so kann auch nicht verlangt
werden, dass der Verkäufer zu derselben beigezogen
werde (vgl. BECKER, N. 12 zu Art. 204 OR).
Über den Umfang der Tatbestandsfeststellung spricht
sich das Gesetz nicht aus. Entgegen der Auffassung der
Vorinstanz kann aber jedenfalls dann. wenn es sich, wie
hier, um so beträchtliche Quantitäten unter sich gleich-
artiger Einzelsachen handelt, eine besondere Prüfung
jedes einzelnen Stückes nicht gefordert werden. Zur
Annahme einer gehörigen Untersuchung muss es vielmehr
ausreichen, wenn eine angemessene Zahl von Stich-
proben erhoben wird, deren Ergebnis den Schluss be-
368
Obligationenrecht. N° 61.
gründet, dass sämtliche Ware dieselbe Beschaffenheit
aufweise (vgl. OSER, N. II 1 a zu Art. 201 OR; BGE
34 II 707). Dafür, dass die vorliegend auf diese Art
vorgenommene Prüfung nicht mit fachmännischer Sorg-
falt durchgeführt wurde, liegt nichts vor. Daraus folgt
auch, dass die Bezifferung des Minderwertes notwendig
den Charakter einer Schätzung haben muss. Selbst bei
Ermittlung desselben auf Grund einer Untersuchung
jeder einzelnen Blechtafel würde es sich übrigens bei den
einzelnen Berechnungsfaktoren der Natur der Sache
nach um blosse Schätzungswerte handeln.