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51_III_160

BGE 51 III 160

Bundesgericht (BGE) ·III · 1925-01-01 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Im Konkurse über die Balmer, Sehwyter A.-G.

ernannte die Gläubigerversammlung einen aus vier

Mitgliedern, worunter dem Rekurrenten, bestehenden

Gläubigerausschuss; nach der zweiten Gläubigerversammlung demissionierte ein Mitglied. In der Folge

erteilte der ausserordentliche Konkursverwalter Notar

Leuenberger von sich aus dem Fürsprecher Brüstlein,

Mitglied des GläubigerausSchusses, Vollmacht zur Führung eines Prozesses gegen 'Vitwe Balmer auf Ablieferung

gewisser in ihrem Besitze befindlicher Gegenstände zur

Konkursmasse. Hiegegen führte der Rekurrent Beschwerde

mit dem Antrag, «es sei die Verfügung des Konkursverwalters betreffend Vollmachterteilung ...... als ungesetzlich aufzuheben und der Konkursverwalter anzuweisen,

in gesetzlicher Form vorzugehen » •. Mit der Beschwerdeantwort legte der Konkursverwalter eine Erklärung der

bei den andern noch tätigen Mitglieder des Gläubigerausschusses vor, wonach diese « mit der Prozessführung

gegen Frau Witwe Balmer und 'mit dem daherigen Vorgehen des Konkursverwalters einverstanden)j sind.

B. -

Durch Entscheid vom 17. September 1925 hat

die Aufsichtsbehörde in Betreibungs- und Konkurssachen für den Kanton Bern die Beschwerde im Sinne

der Motive abgewiesen, wesentlich mit folgender Begründung: Nach Art. 237 Abs. 3 Zifr. 3 SchKG stehe es

(nur) dem Gläubigerausschuss zu, die Ermächtigung zur

Führung von Prozessen zu erteilen. Obwohl von den

drei heute noch im Amte stehenden Mitgliedern desselben zwei der Prozessführung zugestimmt haben,

Schuldbetreibungs- und Konkursrecbt. N0 44.

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könne nicht ohne weiteres angenommen werden, dass

ein rechtsverbindlicher Beschluss des Ausschusses zustande gekommen sei, nämlich nicht im Falle, dass nach

dem Willen der Gläubigerversammlung unbedingt nur

ein vierköpfiges Kollegium als Gläubigerausschuss amten

und, « wenn keine M.ehrheit von drei erreichbar wäre,

eine Ermächtigung zur Prozessführung als verweigert

gelten sollte D. Hierüber sei die Gläubigerschaft durch

Zirkular zu befragen, und gegebenenfalls sei zwecks

Ernenn~ng eines neuen Ausschussmitgliedes eine weitere

Gläubigerversammlung einzuberufen, worauf dann der

ergänzte Ausschuss zu der Frage der Prozessführuug

Stellung zu nehmen habe. Bestätige dagegen die GJäubigerschaft auf die Zirkularanfrage hin den dreigliedrigen

Ausschuss, so hätte die Prozessermächtigung ohne

weiteres als erteilt zu gelten. Heute schon die an Fürsprecher Brüstlein erteilte Prozessvollmacht zu annullieren habe keinen Sinn; dagegen sei beim Prozessgericht

um Sistierung des Prozesses bis nach Abklärung der

Frage der Ermächtigung zur" Prozessführung nachzusuchen.

C. -

Diesen Entscheid hat der Rekurrent an das

Bundesgericht weitergezogen, unter Erneuerung seines

Beschwerdeantrages, und dabei noch geltend gemacht,

das demissionierende Ausschlussmitglied könne nur von

der Gläubigerversammlung seiner Pflicht enthoben werden und bis dahin bestehe der Ausschuss noch aus vier

Mitgliedern.

Die Schuldbetreibungs-'!'und Konkurskammer zieht

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

44. Entscheid YODl 6. Oktobar 19a5 i. S. BirbID.

SchKG Art. 237 Abs. 3 (besonders Ziff. 3), 240 : G 1 ä u b i g e r-aus s c h u s s: Voraussetzungen und Bedeutung seiner

Beschlussfassung, besonders über die Ermächtigung zur

Prozessführung.

Beschwerdelegitimation des einzelnen Mitgliedes.

A. -

Im Konkurse über die Balmer, Sehwyter A.-G.

ernannte die Gläubigerversammlung einen aus vier

Mitgliedern, worunter dem Rekurrenten, bestehenden

Gläubigerausschuss; nach der zweiten Gläubigerversammlung demissionierte ein Mitglied. In der Folge

erteilte der ausserordentliche Konkursverwalter Notar

Leuenberger von sich aus dem Fürsprecher Brüstlein,

Mitglied des GläubigerausSchusses, Vollmacht zur Führung eines Prozesses gegen 'Vitwe Balmer auf Ablieferung

gewisser in ihrem Besitze befindlicher Gegenstände zur

Konkursmasse. Hiegegen führte der Rekurrent Beschwerde

mit dem Antrag, «es sei die Verfügung des Konkursverwalters betreffend Vollmachterteilung ...... als ungesetzlich aufzuheben und der Konkursverwalter anzuweisen,

in gesetzlicher Form vorzugehen » •. Mit der Beschwerdeantwort legte der Konkursverwalter eine Erklärung der

bei den andern noch tätigen Mitglieder des Gläubigerausschusses vor, wonach diese « mit der Prozessführung

gegen Frau Witwe Balmer und 'mit dem daherigen Vorgehen des Konkursverwalters einverstanden)j sind.

B. -

Durch Entscheid vom 17. September 1925 hat

die Aufsichtsbehörde in Betreibungs- und Konkurssachen für den Kanton Bern die Beschwerde im Sinne

der Motive abgewiesen, wesentlich mit folgender Begründung: Nach Art. 237 Abs. 3 Zifr. 3 SchKG stehe es

(nur) dem Gläubigerausschuss zu, die Ermächtigung zur

Führung von Prozessen zu erteilen. Obwohl von den

drei heute noch im Amte stehenden Mitgliedern desselben zwei der Prozessführung zugestimmt haben,

Schuldbetreibungs- und Konkursrecbt. N0 44.

161

könne nicht ohne weiteres angenommen werden, dass

ein rechtsverbindlicher Beschluss des Ausschusses zustande gekommen sei, nämlich nicht im Falle, dass nach

dem Willen der Gläubigerversammlung unbedingt nur

ein vierköpfiges Kollegium als Gläubigerausschuss amten

und, « wenn keine M.ehrheit von drei erreichbar wäre,

eine Ermächtigung zur Prozessführung als verweigert

gelten sollte D. Hierüber sei die Gläubigerschaft durch

Zirkular zu befragen, und gegebenenfalls sei zwecks

Ernenn~ng eines neuen Ausschussmitgliedes eine weitere

Gläubigerversammlung einzuberufen, worauf dann der

ergänzte Ausschuss zu der Frage der Prozessführuug

Stellung zu nehmen habe. Bestätige dagegen die GJäubigerschaft auf die Zirkularanfrage hin den dreigliedrigen

Ausschuss, so hätte die Prozessermächtigung ohne

weiteres als erteilt zu gelten. Heute schon die an Fürsprecher Brüstlein erteilte Prozessvollmacht zu annullieren habe keinen Sinn; dagegen sei beim Prozessgericht

um Sistierung des Prozesses bis nach Abklärung der

Frage der Ermächtigung zur" Prozessführung nachzusuchen.

C. -

Diesen Entscheid hat der Rekurrent an das

Bundesgericht weitergezogen, unter Erneuerung seines

Beschwerdeantrages, und dabei noch geltend gemacht,

das demissionierende Ausschlussmitglied könne nur von

der Gläubigerversammlung seiner Pflicht enthoben werden und bis dahin bestehe der Ausschuss noch aus vier

Mitgliedern.

Die Schuldbetreibungs-'!'und Konkurskammer zieht

in Erwägung:

Gemäss Art. 240 SchKG vertritt die Konkursverwaltung die Konkursmasse vor Gericht. Danach sind

Prozesshandlungen, welche gestützt auf eine von der

Konkursverwaltung ausgestellte Prozessvollmacht vorgenommen wurden, für die Konkursmasse verbindlich,

auch wenn die Konkursverwaltung die Vollmacht aus-

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Sehuldbetreihungs- und KonkursreehL N° «.

gestellt hat,· ohne von dem allfällig bestt>llten Gläubigerausschuss dazu ermächtigt worden zu sein. also unter

Verletzung der Vorschrift des Art. 237 Abs. 3 Ziff.3

SchKG. Die vom Rekurrenten beantragte Aufhebung

der an Fürsprecher Brüstlein erteilten Prozessvollmacht

könnte also nicht etwa zur Folge haben, dass die bereits

vorgenommenen Prozesshandlungen für die Konkursmasse einfach wirkungslos würden. wie wenn sie nicht

erfolgt wären. Umsoeher rechtfertigt sich die Entscheidung der Vorinstanz, dass mit Rücksicht auf die Möglichkeit nachträglicher Erteilung der Ermäcbtigung von

der Aufhebung im gegenwärtigen Zeitpunkt abgesehen

und die Konkursverwaltung nur angewiesen wird, beim

Prozessgericht den Antrag auf Sistierung des Prozesses

bis zur endgültigen Erledigung der Frage. ob ihr die

Emtnchtigung zur Prozessführung erteilt w€'rde. zu

stellen. Dagegen kann der Vorinstanz darin nicht beigestimmt werden. dass die Prozessermächtjgung als

durch die nachträgliche Zustimmung von zwei Mitgliedern des Gläubigerausschusses erteilt zu gelten hätte,

wenn sich die Gläubigerschaft mit dem ersatzlosen Wegfall des vierten Mitgliedes abfinden würde. Wie die

Vorinstanz zutreffend angenommen hat, sind mangels

anderer Anordnung durch die Gläubigerversammlung

dem von ihr ernannten Gläubigerausschuss die in Art.

237 Abs. 3 Ziff. 1-5 aufgezählten Obliegenheiten übertragen (AS 24 I S. 354 = Sep.-Ausg. 1 S. 86), u. a. also

die Ermächtigung (seil. der Konkursverwaltung) zur

Führullg von Prozessen. Wieso angesichts dieser Vorschrift der beschwerdebeklagte Konkursverwalter noch

behaupten kann, er sei nicht nur berechtigt, sondern

sogar verpflichtet, von sich aus ohne Ermächtigung des

Gläubigerausschusses Klage zu erhebenl bezw. dafür

Prozessvollmacht zu erteilen, wenn anders es ihm nicht

gelinge, alles Vermögen zur Konkursmasse zu ziehen.

welches er als zu ihr gehörend ansehe, ist ganz unerfindlich. Indem die Gläubigerversammlung einen Gläu-

I

SdmldbetreibRogs- und Konkursrecht. N° 44.

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bigerausschuss ernennt, unterwirft sie den Konkursverwalterder Aufsieht durch ein an ihrer Stelle handelndes

Organ nnd macht die Vornahme gewisser Konkursverwaltnngshandlungen v{)n der Mitwirkung dieses Organs

abhängig. Und zwar haben dabei nicht die einzelnen

Mitglieder des Ausschusses, sondern es hat der Ausschuss

als solcher zu handeln. Will also ein l\'litglied des Gläubigerausschusses einem Antrag des Konkursverwalters nicht

beistimmen,. so darf nicht einfach über seinen Kopf

hinweg zu einem Mehrheitsbeschluss gesehritten. sondern

es muss ibm Gelegenheit eingeräumt werden. seine Einwendungen vorzubringen und derart auf die Beschluss-

fas.crung einzuwirken, bevor dieselbe erfolgt. Dieser

RechtssteIlung des Gläubigerausschusses und seiner einzelnen Mitglieder im besondern kann nicht anders als

dadurch Nachachtung seitens eines renitenten Konkursverwalters vefS(,hafft werden, dass jedem Mitglied des

Ausschusses ein Recht zur Beschwerde gegen solche Verwaltungshandlungen zugestanden wird, welche. obwohl

sie der Mitwirkung des AU'sschusses bedürfen. vom

Konkursverwalter vorgenommen worden sind, sei es

überhaupt unter Umgehung des Ausschusses, oder doch

ohne dem beschwerdeführenden Mitglied Gelegenheit

geboten zu haben. in der angegebenen Weise auf die

Beschlussfassung des Ausschusses einzuwirken. Somit

bnn sich der beschwerdebeklagte Konkursverwalter

der Gutheissung der Beschwerde nicht dadurch entziehen, dass er die' nachträgliche Zustimmung zweier

Mitglieder des Glüubigerausschusses zu der von ihm

eigenmächtig erteilten Prozessvollmaeht beibringt, auch

nicht für den Fall, dass der Ausschuss auf drei Mitglieder

beschränkt bleibt. Vielmehr ist er auch für diesen Fall

",erpflichtet. den Gläubigerausschuss zur Verhandlung

und Beschlussfassung über die Frage einzuberufen, ob

die Vollmacht zum Prozess gegen Witwe Balmer erteilt

bezw. genehmigt werde, und bevor dies allfällig geschehen sein wird, darf er keine anderen als solche

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Scbuldbetreibungs- und Konkursrecht. N° 45.

Prozesshandlungen vornehmen bezw. vornehmen lassen~

deren Unterbleiben für die Konkursmasse von nicht

wieder gut zu machendem Nachteil wäre, hat er also

insbesondere nach der bereits vorstehend gutgeheissenen

Anordnung der Vorinstanz um Sistierung des Prozesses

nachzusuchen. Vorerst aber hat der Konkursverwalter

nach den Instruktionen der Vorinstanz, über welche

sich aqszusprechen dem Bundesgericht nicht zusteht,

da sie nicht zum Gegenstand eines Rekurses gemacht

worden sind, zur Abklärung zu bringen, ob die Gläubigerschaft die im Gläubigera~huss eingetretene Lücke

zu ergänzen wünsche; sollte dies der Fall sein, so wäre

eine neue Beschlussfassung auch schon nach der Anordnung der Vorinstanz unerlässlich, der nur noch beizufügen ist, dass die Beschlussfassung nicht ohne Heran ..

ziehung des Rekurrenten zur Verhandlung erfolgen

darf.

Demnach erkennt die Schuldbetr.- und Konkurskammer :

Der Rekurs wird im Sinne der Erwägungen begründet

erkHirt.