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49_III_195

BGE 49 III 195

Bundesgericht (BGE) · 1923-01-01 · Deutsch CH
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194

Schuldbelrelbungs- und Konkursrecht. N0 50.

diese vom Zivilrecht statuierte Befugnis durch aus-

dehnende Auslegung einer betreibungsrechtlichen Vor-

schrift einzuschränken für den Fall, dass die Teilzahlung

aus einer Entschädigung für Gesundheitsstörung ge-

leistet wurde. Eine solche Auslegung Hesse sich insbe-

sondere auch nicht mit dem Gnmdsatze der negativen

Rechtskraft des Grundbuchs vereinbaren, von dem nur

diejenigen Ausnahmen zugelassen werden können, welche

vom Gesetz ausdrücklich angeordnet werden.

Soweit die Entschädigung zur Bezahlung von Hypo-

thekar z ins e n verwendet worden ist, steht der An-

wendung des Art. 92 Ziff. 10 SchKG zudem die Über-

legung entgegen, dass die Zahlung von Zinsen nicht

als Kapitalanlagt' angesehen werden kann. während

sich die ausdehnende Auslegung der angeführten Vor-

schrift doch nur unter dem Gesichtspunkt des Schutzes

der mit der Entschädigung gemachten Kapitalanlage

rechtfertigen lässt.

Demnach erkennt die Sclmldbelr.- und Konkurskammer :

Der Rekurs wird begründet erklärt, der Entscheid

der Aufsichtsbehörde des Kantons Solothurn vom

26. Oktober 1923 aufgehoben und die Beschwerde des

Schuldners abgewiesen.

Schuldbetreibungs- und Konkursrecllt (Zivilabteilungcn). N 0 51.

lOS

11. URTEILE DER ZIVILABTEILUNGEN

ARRETS DES SECTIONS CIVILES

51. Urteil der II. ZivilabteUung vom 10. Juli 19a5

i. S. Gysi u. Gan,ssen gegen Bank von Elsass und Lothringen.

S c h K GAr t. 2 5 0, 3 0 5 A b s. 3, 3 0 6

U 11 d

3 1 0;

o GAr t. 5 8

und

5" 9. Mit dem

K 0 n kur s-

widerruf fällt die von einem

Konkurs·

gläubiger gegen einen Mitgläubiger an·

geh 0 ben e ~ 0 II 0 kat ion skI a g e d a hin. Abschrei-

bungsbeschluss ist Haupturteil (Erw. 1). Berechnung des

Streitwertes (Erw. 2). Anfechtungskläger klagt als Vertreter

der Masse (Erw. 3). Bei Widerruf des Konkurses kann

Zweck des Kollokationsplanes nicht mehr erfüllt werden

(Erw. 4). Verhältnis zum Nachlassvertrag (En .... 5). Art. 250

Abs. 3 SchKG findet auf Nachlassdividende keine An-

wendung (Erw. 6).

A. -

Im Konkurs der Firma Emil Oeschger & Oe,

in Aarau, wurde die Beklagte mit einer Forderung von

36,590 Fr. 60 Cts. bei der Kollokation zugelassen. Die

Kläger, die selber mit einer Forderung von zusammen

15,000 Fr. kolloziert waren, fochten diese Zulassung an.

Da jedoch während des Kollokationsprozesses ein Nach-

lass vertrag mit einer Abfindung der Gläubiger von 15 °/0

zustande kam und 'der Konkurs widerrufen wurde,

schrieb das Bezirksgericht Aarau die Kollokationsklage

mit Beschluss vom 11. April 1923 als erledigt ab. Hier-

gegen beschwerten sich die Kläger mit dem Antrag.

die Akten seien an das Bezirksgericht zurückzuweisen

und der Prozess durch Endurteil abzuschliessen.

B. -

Mit Entscheid vom 18. Mai 1923 hat das Ober-

gericht des Kantons Aargau die Beschwerde abgewiesen.

Dagegen haben die Kläger unter Erneuerung ihres An-

trages die Berufung an das Bundesgericht erklärt.

196 SChuldbetreibung&- und Konkursrecht (Zivllabtellungen). Ne 51..

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1. -

Mit dem angefochtenen Entscheid, durch den

• die Kollokationsklage der Kläger wesentlich mit der

Begründung abgeschrieben wurde, nach dem Konkurs-

widerruf sei ein Kollokationsstreit nicht mehr möglich

und das gestellte Begehren um Abänderung des Kollo-

kationsplanes könne daher nicht mehr behandelt werden,

haben die Vorinstanzen die Anfechtung der Kläger end-

gültig abgewiesen. Damit ist auch materiell über -den

Bestand der von der Beklagten gegenüber der Gemein-

schuldnerin geltend gemachten Forderung entschieden~

sowie über das behauptete Recht der Kläger, jene For-

derung nicht nur im Konkurse der Schuldnerin, sondern

auch im Nachlassvertrag gegenüber der auf die Beklagte

entfallenden Nach~sdividende geltend zu machen. Der

an~efochtene Entscheid kommt daher einem Haupturteil

~lelch, . und da ferner dabei eine Verletzung des SchKG

In Frage steht, kann er gemäss Art.- 57 und 58 OG auf

dem Wege der Berufung an das Bundesgericht weiter-

gezogen werden.

_2. -: Die vorliegende Berufung ist auch zulässig mit

RucksIcht auf den Streitwert. Na~h der ständigen Praxis

des Bundesgerichts ist für die Berechnung des Streit-

~ertes, wenn nur der Bestand der Forderung im Streite

hegt, d~r effektive, bestrittene Forderungsbetrag. nicht

etwa die mutmassliche Dividende oder die Höhe der

Forderung der Kläger massgebend, und zwar sowohl

dann, wenn sich die Klage gegen andere Gläubiger rich-

~t, als auch wenn sie gegen die Masse selbst angestrengt

WIrd (BGE 22 Nr. 45 und 145; !4 11 3; 2G 11 27; 27 11

10 und 32; SA 3.16; 4.25). Im vorliegenden Falle be-

schränkt sich das wirtschartliche Interesse des Streites

a.llerdings .auf die Nachlassdividende der Heklagten, . die

SIe wegwelsen und für sich beanspruchen wollen also

auf 15 % von 36,590 Fr. 60 Cts., sodass der Prozessg~winn

der Kläger in Wirklichkeit 5488 Fr. 59 Cts. nicht über-

Scbuldbetrelbungs- und Konkursrecht (ZIvilabtellungen). N0 51. 197

steigen kann. Rechtlich aber ist der Bestand der beklag-

ten Forderung von 36,590 Fr. 60 Cts. selbst im Streite

und daher richtet sich der Streitwert nach diesem For-

derungsbetrag. Auf die Berufung ist daher einzutreten.

3. -

In der Sache selbst kann zunächst die Einwen-

dung der Kläger, die Abschreibung der Klage sei aus

prozessreehtlicher Erwägung nicht zulässig, vom Bundes-

gericht nicht überprüft werden, da es sich dabei um eine

Frage des kantonalen Prozessrechtes handelt. Soweit

jedoch die Vorinstanz die Klageabschreibung aus dem

SchKG begründet hat, ist -ihr beizupflichten.

Es ist ohne weiteres klar. dass durch den Konkurs-

widerruf die Konkursmasse als Rechtssubjekt aufge-

hobenwird. sodass niemand mehr als Vertreter der Masse

handeln kann. Wie deshalb Abtretungen streitiger Rechts-

ansprüche der Masse im Sinne von Art. 260 SchKG,

sowie die auf Grund dieser Abtretungen angehobenen

Klagen von Rechts wegen dahinfallen. so wird auch die

Anfechtung. die jeder·. Gläubiger für den Fall des Ver-

zichts der Masse auf die Anfechtung gegen die Zulassung

der Forderung eines andern Gläubigers durchführen

kann, durch den Konkurswiderruf gegenstandslos. Der

Gläubiger, der kraft Art. 250 Abs. 2 SchKG eine An-

fechtungsklage gegen einen andern Gläubiger anhebt,

bringt diesem gegenüber das Bestreitungsrecht der Masse

zur Geltung; er klagt zwar auf eigenes Risiko, aber als

gesetzlicher Vertreter der Masse, . ohne dass es einer aus-

drück1ichen Abtretung bedürfte (vgl. JAEGER, Kommen-

tar, Note 9 zu Art. 250 SchKG). Daher kann die Kollo-

kationsklage eines Gläubigers gegen einen Mitgläubiger

die Konkursmasse nicht überdauern.

4. -

Übrigens bezweckt der Kollokationsstreit die

Bereinigung der Gläubigerliste im Konkurse, d. h. die

Feststellung jener Personen, die im Konkurs Anspruch

auf ganze oder teilweise Befriedigung ihrer Forderung

aus der Masse haben. sowie die Feststellung des Rariges,

nach welchem diese Befriedigung vor sich gehen soll. Der

198 Schuldbetreibungs- und Konkursrecht (Zivilabteflungell). N° 51.

durch den Kollokationsstreit bereinigte KoHokationsplan

dient als Grundlage zur Verteilung des Konkursergeb-

• nisses. Wenn daher der Konkurs, statt durch die Ver-

wertung der Aktiven und VerteiJung des Konkursergeb-

nisses fortgeführt zu werden, infolge Abschlusses eines

Nachlassvertrages widerrufen wird, so kann der Zweck

des Kollokationsplanes, mit Rücksicht auf den er auf-

gestellt worden ist, nicht mehr erfüllt werden, wenigstens

soweit es sich beim Nachlassvertrag, wie im vorliegenden

Falle, nicht um einen Liquidationsvergleich handelt,

durch den der Schuldner sein ganzes Vermögen oder einen

Teil davon zur privaten Liquidation den Gläubigern an

Zahlungsstatt abtritt, wobei dann der Kollokationsplan

allerdings als Grundlage zur Verteilung dieses Ver-

mögens unter die Gläubiger dient.

5. -

Wenn der Nachlassvertrag dem Gemeinschuldner

gegen Bezahlung einer Nachlassdividende an die Gläu-

biger wieder die freie Verfügungsgewalt über sein Ver-

mögen einräumt, so können diese die Rechte, die unter

ihnen als Konkursgläubiger bestanden haben, nicht mehr

geltend machen, und die Anfechtungen, die sie unter

einander geltend machten, haben keine Berechtigung

mehr. Denn die Gläubiger konkurrieren nicht mehr mit-

einander mit Bezug auf das Recht, aus einem bestimmten

Aktivum bezahlt zu werden. Jeder einzelne von ihnen

kann nur verlangen, dass er gemäss dem Nachlassver-

trag befriedigt werde. Wenn seine Forderung im Kollo-

kationsplan abgewiesen worden war, und seine Klage, mit

der er jene Forderung geltend machte, beim Abschluss

des Nachlassvertrages noch anhängig ist, so kann er

natürlich, nachdem die Masse zu bestehen aufgehört

hat, die gegen diese angehobene Klage nicht weiter-

führen. War seine Forderung durch den Gemeinschuldner

anerkannt, jedoch von der Konkursverwaltung bestritten,

so hat er Anspruch auf die Nachlassdividende. War sie

auch vom Gemeinschuldner bestritten, so hat sie der

Gläubiger durch Klage gegen diesen geltend zu machen.

Schuldbetreibungs- und Konkursref.'h\ (Zlvllabteilungen). N° 51. 199

Anderseits hat ein kollozierter Gläubiger ein Recht auf

die Nachlassdividende nur, wenn der Gemeinschuldner

seine Forderung bei der Erwahrung der Konkursein-

gaben nicht bestritten hat. Wurde sie bestritten, so hat

sie der Gläubiger trotz seiner Zulassung im Kollokations-

plan durch Klage gegen den Schuldner geltend zu

machen. Der Gläubiger endlich, dessen Forderung. von

der Konkursverwaltung zugelassen worden war, aber von

andern Gläubigern angefochten wird, hat auf die Nach-

lassdividende ebenfalls nur dann Anspruch, wenn seine

Forderung vom Schuldner anerkannt oder auf eine gegen

diesen angehobene Klage hin vom Richter geschützt

worden ist.

Das ergibt sich unzweideutig aus Art. 310 SchKG.

auf den Art. 317 SchKG, der vom Nachlassvertrag im

Konkurse handelt, ausdrücklich verweist, und wonach

die Nachlassbehörde den Gläubigern, deren Forderungen

bestritten sind, eine Frist zu deren gerichtlichen Geltend-

machung ansetzt. Das ergibt sich ferner aus Abs. 3 des

Art. 305 SchKG, auf den Art. 317 ebenfalls Bezug

nimmt; danach entscheidet zwar die Nachlassbehörde.

ob eine bestrittene Forderung zur Feststellung. der an-

nehmenden Gläubigermehrheit mitzuzählen sei; dem

aerichtlichen Entscheid über den Rechtsbestand der

t'>

Forderung wird aber nicht vorgegriffen. In dem während

des Konkurses abgeschlossenen Nachlassvertrag ist es

daher, wie im Nachlassvertrag ausser dem Konkurs, der

Schuldner, der über die Zulassung von Forderungen ent-

scheidet. Anerkennt er eine Schuld, die nicht zu Recht

besteht, so hat der Gläubiger dagegen nur das Mittel,

beim Nachlassgericht die Verweigerung der Geneh-

migung des Nachlassvertrages gemäss Art. 306 Ziff. 1

zu beantragen. Im vorliegenden Falle scheint die Ge-'

meinschuldnerin die Forderung der Beklagten anerkannt

zu haben; sie hat dieser daher die Nachlassdividende zu

bezahlen ungeachtet des Umstandes. dass die Kollo-

kation dieser Forderung im Konkurse streitig war. Diese

200 Scbuldbetreibungs- und Konkursreeht(Zivilabteilungen). NO) 51.

Zahlungspflicht bestände selbst dann. wenn die Kläger

vor dem Konkurswiderruf ein die Forderung· der Be-

klagten abweisendes gerichtliches Urteil erwirkt hätten.

6. _. Die Kläger wenden gegen die Abschreibung ihrer

Kollokationsklage namentlich ein, diese sei nicht gegen-

standslos geworden, weil ihnen. wenn die Klage ge-

schützt würde, auf Grund der Vorschrift des Art. 250

Abs. 3 SchKG, die Nachlassdividende der Beklagten zu-

gefallen wäre. Allein diese Vorschrift bezieht sich nur

auf den Konkurs und findet auf die Nachlassdividende

keine Anwendung. Sie setzt Gläubiger voraus, die unter

sich in der Verteilung eines bestimmten Aktivums kon-

~Ulieren und ein Recht auf Bestreitung ihrer gege~sei­

tigen Ansprüche auf dieses Aktivum haben. Im Falle

des Konkurses oder der Betreibung auf Pfändung ist

es nur billig, dass einem Gläubiger, der auf sein eigenes

Risiko die Zulassung einer Forderung mit Erfolg an-

gefochten hat, ein Vorrecht auf den weggewiesenen Be-

trag eingeräumt werde. Nichts aber würde ein solches

Vorzugsrecht bei einem Nachlassvertrag rechtfertigen,

der nicht zu einer Verwertung führt und nur die Rechte

der Gläubiger gegenüber ihrem Schuldner, nicht unter

sich, beschlägt. Es ist allerdings richtig, dass es. einem

Konkursgläubiger unangenehm sein kann, infolge eines

Nachlassvertrages und dem damit verbundenen Widerruf

des Konkurses mit der Abschreibung seiner Kollokations-

klage die Möglichkeit auf einen Prozessgewinn im Sinne

von Art. 250 Abs. 3 SchKG dahinfallen zu sehen. Allein

diese Folge hängt einerseits mit dem teilweisen Zwangs-

charakter des Nachlassvertrages zusammen, der einer

Minderheit von Gläubigern ungeachtet ihrer möglichen

Aussicht auf bessere Deckung bei Durchführung des

Konkurses aufgezwungen wird, anderseits beruht sie

darauf, dass der anfechtende Gläubiger im Namen der

Masse auftritt, und seine Klr,ge daher mit dem c.urch

den Konkurswiderruf bedingten Verschwinden der Masse

notwendigerweise dahinfallen muss.

SchuJdbetreibungs- und Konkursrecbt (Zlvi1abteßungen). No 52. 201

Demnach erkennt das Bundesgericht :

Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des

Obergerichts des Kantons Aargau vom 18. Mai 1923

bestätigt.

52. Vrten cler Il. Zivflabtei1q vom n. Oktober 19a5

i, S. Bobert Viktor Neher-A.-G.

gegen Schweizerische Volksbank.

Die Abtretung einer Lohnforderung umfasst auch deren Kon-

kursvorrecht, selbst wenn sie vor der. Konkurseröffnung

über den Lohnschuldner erfolgt. OR Art. 170, SchKG

Art. 219.

A~ -

Die Schweizerische Volksbank in Zürich zahlte

den Angestellten und Arbeitern der in ZahlungsschWierig-

keiten geratenen Theodor Wilhelm-A.-G. für die Monate

Juli (zum Teil), August und September 1922 die Löhne

aus, wogegen ihr jeder Angestellte bezw. Arbeiter seine

bezügliche Lohnforderung «nebst allen Nebenrechten))

abtrat. In dem alsdann im Oktober 1922 über die.Theodor

Wilhelm-A.-G. eröffneten Konkurs kollozierre die Kon-

kursverwaItung die Schweizerische Volksbank eingabe ..

gemäss für «bezahltes Salär an die kaufmännischen

Angestellten und bezahlte Löhne an die Arbeiterschaft.

mit insgesamt 49,7&7 Fr. 05 Cts. in der ersten

Klasse. Mit der vorliegenden Klage verlangt die Kon-

kursgläubigerin Robert Viktor Neher-A.-G. Wegwei-

sung dieser Forderung aus der ersten und Kollokation

derselben in der fünften Klasse.

B. -

Durch Urteil vom 26. Juni hat das Obergericht

des Kantons Zürich die Klage abgewiesen.

.

C. -

Gegen dieses am 24. Juli zugestellte Urteil

hat die Klägerin am 26. Juli die Berufung an das Bun:

desgericht eingelegt mit dem Antrag auf Gutheissung

der Klage.