Erwägungen (2 Absätze)
E. 1 Der Beklagte ist nicht in der Lage die Nichtan-
nahme der streitigen Orangen zu rechtfertigen. Insbe-
sondere kann er sich nicht auf das deu.tsche Einfuhrverbot
410
Öbligatione~echt. N"69.
berufen. Nach deni Vertrag war er zur Abnahme in Basel
verpflichtet~. was ihm trotz des. fraglichen Einfubrv(}rooteß.
möglich gewesen ware.
.
War demnach seine Annahmeverweigeru~ ~p.~recht
fertigt.· so wurde er durch die ~hnung der Klägerin. die
Ware zU beziehen, in Annahmsverzug gesetzt.
Er wurde' aber von der Klägerln durch die Mahnung
zur Leistung des Akkreditivs überdies auch in Schuldner-c
verzug gesetzt. Zwar ist· e~ richtig~ dass Akkreditiv und
Kaufpreis nicht genau· übereinstimmen, und dass dieser
letztere überhaupt noch nicht genau festgestellt worden
war, allein auf alle Fälle sollte doch die Deckung an den
Kaufpreis angerechnet werden, so dass ihr alSQ materien
die Bedeutung einer AnzahlWlg zukam. Ihre Nichtleistung
seitens des Beklagten bezw. die Mahnung der Klägerin
haben dieser also zweifelsohne die Rechte aus Art. 107
und Art. 214 OR gesichert, und zwar stand ihr das Wahl-
recht aus Art. 214 ohne eine Nachfristansetzung offen ..
Dagegen war die Klägerin allerdings verpflichtet, wenn sie.
wie sich das aus ihrer Stellungnahme im Prozess ergibt.
vom Vertrage zurücktreten wollte, dies dem :Beklagtcn
sofort mitzuteilen. Ob eine solche Rücktrittserklärnng
erfolgt, und eventuell wann, ist daher im nachfolgenden
zu untersuchen.
.
Zunächst ist der Vorinstanz beizustimmen, dass eine
solche Erklärung nicht in der Karte vom 13. Januar
gesehen werden kanp., wird' doch in· derselliCn gegenteils
zur Vertragserfüllung gemahnt und eventuell die Geltend-
machung von Schadenersatzanspruchen wegen verspä-
teter Erfüllung angedroht. Zweifelhaft mag dagegen
erscl1einen, ob im Arrestbefehl eine solche Erklärung zu
erblicken ist. Die Frage kann jedoch dahingestellt bleiben,.
denn ganz unzweifelhaft liegt die· M;itteilung des Rück-
trittes in der Anhebung der Betreibung für eine Schaden-
ersatzforderung (I aus Nichterfüllung eines Vertrages ».
Diese Rücktrittserklärung war nun aber nur gültig,
wenn sie sofort, d. h. unmitteIha~ nach der InveItUg;"
Ql>ligatiorienrecht. N° 69.
411
-setZWlg. bezw. der Mahnung zur Erfüllll11ß abgegeben
wurde. Dies ist nicht der Fall, wenn man ausgeht von den
ersten Mahntelegrammen auf Leistung des Akkreditivs:
-oder der Karte vom 13. Januar: Allein die Unterlassung
-der Rücktritt~erklärung im Anschluss an diese Mahnungen
beraubte die Klägerilinicht des Rechts, später dennoch
noch vom Vertrag zurüc~treten. Zwar hat die Vorinstanz
mit Recht darauf abgestellt, dass die Bestimmung des
Art. 214 Ahs. 2 aufgestellt wiIrde, um den Verkäufer an
Spekulationen auf Kosten des Käufers zu verhilldem ..
Allein hieraus folgt noch nicht, dass der Verkäufer für
immer seines Rücktrittsrechtes beraubt sein soll, wenn er
nach der ersten Mahnung keine entsprechende Erklärung
-abgibt. Vielmehr ist seine Situation dann die, dass er ent-
weder den Schuldner auf Erfüllung und Schadenersatz.
wegen Verspätung einklagen, oder von vorne beginnend
ihn wiederum zur Erfüllung mahnen und im Anschluss
an diese Mahnung VOll seinem Wahlrecht Gebrauch ma-
dlen kann. Diese Lösung entspricht der ratio legis. Denn
durch die erneute Mahnung wird dem Käufer die Mög-
lichkeit gegeben, einer allfälligen Spekulation des Ver-
käufers dadurch zu begegnen, dass er seinerseits leistet.
Sie allein entspricht aber auch der Billigkeit. Würde man
doch sonst an einen biossen Formfelller, ohne dass das
Gesetz dazu zwingt, weitestgehende Verwirkungsfolgen
knüpfen, und zwar zu Gunsten desjenigen Teils, der durch
seinen Vertragsbrucll die für ihn ungünstige Situation
seIher heraufbeschworen hat. Endlich würde man dadurch
auch den Verkäufer, der seinem säumigen Käufer noch
etwas zuwarten will, zwingen, sofort nach der ersten
Mahnung die äusserstell Konsequenzen tu ziehen.
tm vorliegenden Falle nUll hat der Verkäufer, nachdem
er zunächst die erste Rücktrittsgelegenheit versäumte, in
der Tat VOll vorne angefangen. Seine Betreibung ist zwei-
fellos als eine Ileue Mahnung anzusehen. Gleichzeitig mit
dieser Mahnung, also· rechtzeitig, hat er aber diesmal auch
seinen Rücktritt erklärt, denn. wie bereits oben festge-..
412
Obligationenrecht. N° 7().
steUt \VUrde. mJ1l1~ aus der Betreibung auf Zahlung einer
Schadenersat~mme wegen Nichterfüllung eines Vertra-
ges auf einen solchen Rücktritt geschlossen werden.
E. 2 -' Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die formellen Grundlagen einer Schadenersatzklage gegeben sind. Nun hat aber der Beklagte die materielle BegrÜlldetheit, das Bestehen eines Schadens, bestritten und eventuell Gegen- ansprüche aus der ersten Orangenlieferung gehend ge- macht. Diese Einwendungen hat die Vorinstanz nich1 geprüft. Die Akten sind daher zur Beurteilung dieser Fragen an sie zurückzuweisen.
Dispositiv
- Die Berufung wird unter Aufhebung des Urteils des Obergerichts SchafIhausen vom 12. April 1918 gutge- heissen und die Streitsache im Sinne der Motive zu neuer Beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
69. Orteil der L Zivila.bteilung vom 27. September 1918
i. S. Strobha.ndelsgesellscha.ft, Klägerin
gegen lIollstein, Beklagte.
Schuldnerverzug zufolge Nichtleistung eines Akkreditivs. -
Art. 214, Abs. 2 OR. Sofortige Rücktrittserklärung : wenn
sie nach der ersten Mahnung zur Erfüllung versäumt wurde,
kann der Verkäufer neuerdings mahnen und d1Uln die Erklä-
rung a.bgeben. Betreibung «auf S(:hadenersatz wegen Nicht-
erfüllung» ist Rücktrittserklärung.
. A. -
Die Klägerin, die Strohhandelsgesellschaft in
Bern, hatte an die Beklagtschaft, das Delikatessenhaus
Hollstein in WeissenfeIs an der Saale, 5 'Vagen Orangen
in Körben und 3 Wagen in Kisten verpackt verkauft.
Bezüglich dieser Kistenorangen kam das Geschäft nich!
i08
Obligationenrecht. N° 69.
zur Ausführung, weil die Beklagtschaft. trotzdem die
Klägerin die Orangen in Basel als dem Erfüllung~,
versandbereit hielt, das ausbedungene Akkreditiv nich1
leistete. Nachdem nämlich die Klägerin den Beklagten
verschiedentlich zur Leistung des Akkreditivs gemahnt,
und nachdem sie ihm im Anschluss an eine derartige
Mahnung per Postkarte vom 13. Januar 1917 geschrieben
hatte, sie mache ihn für allen Schaden, «(der uns durch
Ihre verspätete Erfüllung entstehen sollte .., verantwort-
lich, telegraphierte der Beklagte am 18. Januar 1917 von
Frankfurt aus, es sei eine neue Verordnung erlassen
worden, die die Einfuhr von Orangen verbiete, die bereits
gelieferten 5 Wagen seien schon beschlagnahmt worden.
Am gleichen Tage hatte die Klägerin auf ein Guthaben
des Beklagten in Schaffhausen für eine Forderung von
2000 Fr. aus Schadenersatz wegen Nichterfüllung eines
Vertrages einen Arrest auswirken lassen. Gegen den
Zahlungsbefehl vom 22. Januar erhob die Beklagte
Rechtsvorschlag, worauf die Klägerin delI vorliegenden
Prozess auf Anerkennung ihrer Arrestforderung einleitete.
Sie bezifferte die Summe des ihr zugefügten Schadens auf
6600 Fr., indem sie erklärte, sie hätte an den insgesamt
1200 Kisten je 5 Fr. 50 Cts. verdient. Sie mache im Prozess
aber nur den eingeklagten Betiag geltend, den sie ihrer-
seits ihrem Lieferanten ersetzen müsse.
Der Beklagte verlangte Abweisung der Klage indem er
ausführte, ein deutsches Einfuhrverbot habe die Abnahme
der Ware unmöglich gemacht. Zudem sei die vorher ge-
lieferte \Vare verdorben gewesen, weshalb er die streitige
nicht mehr .habe abnehmen müssen. Uebrigens werde
der Schaden der Klägerin bestritten, eventuell sei er
selbst verschuldet. Endlich habe die Klägerin eine Nach-
frist zur Erfüllung nicht angesetzt.
B. -
Das Bezirksgericht Schaffhausen hat die Klage
abgewiesen, weil die Klägerin die Ansetzung einer Nach-
frist und die Anzeige des Rücktrittes gemäss OR 107 und
214 unterlassen habe.
_ Ollligatianenrecht. Na 69.
409
Mit Urt~il VOIIl 12. April HH8 hat das 'Obergericht des -
Kantons Schaffhausen,.· an das die Klägerin das Urteil
weitergezogenhatte, denerstinstanzlichen· Entscheid
bestätigt. Es ging,davonaQs, dass die Klägcrin di~: Oran-
gen dem Beklagten am 11. Janaur 1917 gehörig angeboten, '
und dass der letztere die Anna.hme ungerechtfertigter-
weise verweigert habe. Das deutsche Einfuhrverbot
bedinge keine Unmöglichkeit der Vertragserfülhmg;':da
die Ware in Basel abzuliet,.ern gewesen sei. Auch sei eint·
Fristansetzung- zur nachträglichen Erfüllung angesichts
des Art. 214 nicht nötig gewesen. Dagegen. müsse das
Begehren der Klägerin abgewiesen wemen, weil sie die in
Art. 214 Abs. 2 vorgesehene Rücktrittsanzeige liicht ah-
gegeben habe.
' .
C. -'- Gegen diesen Entscheid der Vorinstanz ergriff
die Klägerin unterAufrechterhaltung ihrer Begehren um
Zuspruch von 2000 Fr. die Berufung an das Bundesgericht.
In der Berufungsbegründ,ung führte sie aus, die Unter-
lassungder Rücktrittserklärung mache den Unterlassen-
den nur schadenersatzpflichtig (FICK Note 14 zu Art. 214)~
beraube ihn aber nicht des Rücktrittsrechtes. Zudem sei
die Erklärung angesichts der Annahmeverweigerung des
Beklagten vom 18. Januar 1917 unnötig gewesen. Even-
tuell sei die Rücktrittserklärung früh genug in Gestalt
des Arrestbefehles erfolgt.
Der Beklagte hat auf Bestätigung des YOrillstanzlichen
Urteils angetragen. Das Arrestbegehren sei keine Rück..:
trittserklärung, weil es sich an den Richter, nicht an den
Käufer gerichtet habe, eventuell sei es zu spät erfolgt.
Eventuell werde der Schaden bestritten, und es müssh-
daher auch bei Annahme des klägcrischen Standpunktes
eine Rückweisung der Akten an die Vorinstanz erfolgen.
Das Bundesgericllt zieht in Erwägung:
1. -
Der Beklagte ist nicht in der Lage die Nichtan-
nahme der streitigen Orangen zu rechtfertigen. Insbe-
sondere kann er sich nicht auf das deu.tsche Einfuhrverbot
410
Öbligatione~echt. N"69.
berufen. Nach deni Vertrag war er zur Abnahme in Basel
verpflichtet~. was ihm trotz des. fraglichen Einfubrv(}rooteß.
möglich gewesen ware.
.
War demnach seine Annahmeverweigeru~ ~p.~recht
fertigt.· so wurde er durch die ~hnung der Klägerin. die
Ware zU beziehen, in Annahmsverzug gesetzt.
Er wurde' aber von der Klägerln durch die Mahnung
zur Leistung des Akkreditivs überdies auch in Schuldner-c
verzug gesetzt. Zwar ist· e~ richtig~ dass Akkreditiv und
Kaufpreis nicht genau· übereinstimmen, und dass dieser
letztere überhaupt noch nicht genau festgestellt worden
war, allein auf alle Fälle sollte doch die Deckung an den
Kaufpreis angerechnet werden, so dass ihr alSQ materien
die Bedeutung einer AnzahlWlg zukam. Ihre Nichtleistung
seitens des Beklagten bezw. die Mahnung der Klägerin
haben dieser also zweifelsohne die Rechte aus Art. 107
und Art. 214 OR gesichert, und zwar stand ihr das Wahl-
recht aus Art. 214 ohne eine Nachfristansetzung offen ..
Dagegen war die Klägerin allerdings verpflichtet, wenn sie.
wie sich das aus ihrer Stellungnahme im Prozess ergibt.
vom Vertrage zurücktreten wollte, dies dem :Beklagtcn
sofort mitzuteilen. Ob eine solche Rücktrittserklärnng
erfolgt, und eventuell wann, ist daher im nachfolgenden
zu untersuchen.
.
Zunächst ist der Vorinstanz beizustimmen, dass eine
solche Erklärung nicht in der Karte vom 13. Januar
gesehen werden kanp., wird' doch in· derselliCn gegenteils
zur Vertragserfüllung gemahnt und eventuell die Geltend-
machung von Schadenersatzanspruchen wegen verspä-
teter Erfüllung angedroht. Zweifelhaft mag dagegen
erscl1einen, ob im Arrestbefehl eine solche Erklärung zu
erblicken ist. Die Frage kann jedoch dahingestellt bleiben,.
denn ganz unzweifelhaft liegt die· M;itteilung des Rück-
trittes in der Anhebung der Betreibung für eine Schaden-
ersatzforderung (I aus Nichterfüllung eines Vertrages ».
Diese Rücktrittserklärung war nun aber nur gültig,
wenn sie sofort, d. h. unmitteIha~ nach der InveItUg;"
Ql>ligatiorienrecht. N° 69.
411
-setZWlg. bezw. der Mahnung zur Erfüllll11ß abgegeben
wurde. Dies ist nicht der Fall, wenn man ausgeht von den
ersten Mahntelegrammen auf Leistung des Akkreditivs:
-oder der Karte vom 13. Januar: Allein die Unterlassung
-der Rücktritt~erklärung im Anschluss an diese Mahnungen
beraubte die Klägerilinicht des Rechts, später dennoch
noch vom Vertrag zurüc~treten. Zwar hat die Vorinstanz
mit Recht darauf abgestellt, dass die Bestimmung des
Art. 214 Ahs. 2 aufgestellt wiIrde, um den Verkäufer an
Spekulationen auf Kosten des Käufers zu verhilldem ..
Allein hieraus folgt noch nicht, dass der Verkäufer für
immer seines Rücktrittsrechtes beraubt sein soll, wenn er
nach der ersten Mahnung keine entsprechende Erklärung
-abgibt. Vielmehr ist seine Situation dann die, dass er ent-
weder den Schuldner auf Erfüllung und Schadenersatz.
wegen Verspätung einklagen, oder von vorne beginnend
ihn wiederum zur Erfüllung mahnen und im Anschluss
an diese Mahnung VOll seinem Wahlrecht Gebrauch ma-
dlen kann. Diese Lösung entspricht der ratio legis. Denn
durch die erneute Mahnung wird dem Käufer die Mög-
lichkeit gegeben, einer allfälligen Spekulation des Ver-
käufers dadurch zu begegnen, dass er seinerseits leistet.
Sie allein entspricht aber auch der Billigkeit. Würde man
doch sonst an einen biossen Formfelller, ohne dass das
Gesetz dazu zwingt, weitestgehende Verwirkungsfolgen
knüpfen, und zwar zu Gunsten desjenigen Teils, der durch
seinen Vertragsbrucll die für ihn ungünstige Situation
seIher heraufbeschworen hat. Endlich würde man dadurch
auch den Verkäufer, der seinem säumigen Käufer noch
etwas zuwarten will, zwingen, sofort nach der ersten
Mahnung die äusserstell Konsequenzen tu ziehen.
tm vorliegenden Falle nUll hat der Verkäufer, nachdem
er zunächst die erste Rücktrittsgelegenheit versäumte, in
der Tat VOll vorne angefangen. Seine Betreibung ist zwei-
fellos als eine Ileue Mahnung anzusehen. Gleichzeitig mit
dieser Mahnung, also· rechtzeitig, hat er aber diesmal auch
seinen Rücktritt erklärt, denn. wie bereits oben festge-..
412
Obligationenrecht. N° 7().
steUt \VUrde. mJ1l1~ aus der Betreibung auf Zahlung einer
Schadenersat~mme wegen Nichterfüllung eines Vertra-
ges auf einen solchen Rücktritt geschlossen werden.
2. -' Aus dem Gesagten ergibt sich, dass die formellen
Grundlagen einer Schadenersatzklage gegeben sind. Nun
hat aber der Beklagte die materielle BegrÜlldetheit, das
Bestehen eines Schadens, bestritten und eventuell Gegen-
ansprüche aus der ersten Orangenlieferung gehend ge-
macht. Diese Einwendungen hat die Vorinstanz nich1
geprüft. Die Akten sind daher zur Beurteilung dieser
Fragen an sie zurückzuweisen.
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Berufung wird unter Aufhebung des Urteils des
Obergerichts SchafIhausen vom 12. April 1918 gutge-
heissen und die Streitsache im Sinne der Motive zu neuer
Beurteilung an die Vorinstanz zurückgewiesen.