Sachverhalt
Die Parteien sind Eigentümer von Liegenschaften
in Zürich, die an einander grenzen. J: Bindschedler, dem
das Grundstück der Klägerin früher gehörte, erhielt im
Januar 1916 die polizeiliche Bewilligung zum Bau von
drei Häusern unter der Bedingung, dass die Beklagten
sich damit einverstanden erklärten, dass die Bauten einen
geringern Abstand von ihrer Grenze hätten, als d~e
städtischen Bauvorschriften vorschreiben.
Daraufhm
schloss Bindschedler mit den Beklagten am 31. Januar
1916 folgende schriftliche Vereinbarung ab : « Die Herren
Baltischwiler und Rebmann geben ihre Zustimmung zu
dem von der Bausektion I zwecks Bewilligung der Gruppe
verlangten geringeren, ausnahmsweisen Abstand. Hi~
gegen gibt Herr Bindschedler die z~stimmung, dass dlC:
Herren Baltischwiler und Rebmann eme Gruppe von zweI
Doppelwohnhäusern erstellen dürfen, wobei die Höhen
des Vorprojektes nicht. überstiegen werden und das Haus
aufs Niveau der Turnerstrasse kommt. Die Dachschräge
~d statt 2,80m nur 2,60m hoch I). Die im« Vorprojekte)}
vorgesehene Bauhöhe erreicht die in den städtischen Bauvorschriften festgesetzte Maximalhöhe nicht. Bindschedler hat in Ausführung der Vereinbarung in dem vereinbarungsgemässen geringeren Abstand gebaut und die ~eklagten haben gegen die Ausführung der Baute kerne
Einsprache erhoben.
B. -
Die Baugesellschaft für modernen Wohnungsbau
erhob in der Folge als Rechtsnachfolgerin Bindschedien
Sachenrecht. N° 67.
395
zufolge Zession Bindschedlers vom November 1915 Klage
gegen Baltischwilerund Rebmann, indem sie beantragte,
dass die erwähnte Vereinbarung als Grunddienstbarkeitsvertrag in das G;:undbuch eingetragen werde und zwar
nur soweit die Höhe allfälliger Bauten auf diesem Grundstücke in Frage komme. Die Klage verlangt also nur, dass
das Verbot des Höherbauens im Sinne der Vereinbarung
als dingliche Last auf das Grundstück der Beklagten zu
Gunsten desjenigen der Klägerin zu legen sei.
C. -
Durch Urteil vom 19. Dezember 1917 hat die
I. Appellationskammer des Obergerichtes des Kantons
Zürich erkannt:
« 1. Die Beklagten sind verpflichtet, das mit dem
Rechtsvorfahren der Klägerin, Julius Bindschedler in
Zürich 6, am 31. Januar 1916 getroffene Abkommen .....
• auf ihrem Grundstücke,' Kat.-Nr. 2358, an der Turnerstrasse in Zürich 6, als dingliche Last zu Gunsten der
klägerischen Grundstücke an der Scheuchzerstrasse in
Zürich 6 im Grundbuch eintragen. zu lassen.)}
D. -
Gegen dieses ihnen am 13. Juni 1918 zugestellte
Urteil haben die Beklagten am 29. Juni die Berufung an
das Bundesgericht erklärt mit dem Antrage auf Abweisung
der Klage.
Die Klägerin hat Bestätigung des angefochtenen Urteils beantragt.
Dispositiv
- Die Bemfung wird gutgeheissen und die Klage abgewiesen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
67. Urteil der II. Zivila.bteilung vom 16. Oktober 1918
i. S. Ba.ltischwLer und B,bma.nn
gegen Ba.ugese1lsc~ für modern!n Wohnungsba.u.
Abänderung einer gesetzlichen Eigentumsbeschränkung im
Sinne des Art. 680 ZGB. Notwendigkeit der öffentlichen
Beurkundung. -
Erfordernis der Bestimmtheit des Inhaltes
eines Grunddienstbarkeitsvertrages, der in das Grundbuch
eingetragen werden soll.
A. - Die Parteien sind Eigentümer von Liegenschaften
in Zürich, die an einander grenzen. J: Bindschedler, dem
das Grundstück der Klägerin früher gehörte, erhielt im
Januar 1916 die polizeiliche Bewilligung zum Bau von
drei Häusern unter der Bedingung, dass die Beklagten
sich damit einverstanden erklärten, dass die Bauten einen
geringern Abstand von ihrer Grenze hätten, als d~e
städtischen Bauvorschriften vorschreiben.
Daraufhm
schloss Bindschedler mit den Beklagten am 31. Januar
1916 folgende schriftliche Vereinbarung ab : « Die Herren
Baltischwiler und Rebmann geben ihre Zustimmung zu
dem von der Bausektion I zwecks Bewilligung der Gruppe
verlangten geringeren, ausnahmsweisen Abstand. Hi~
gegen gibt Herr Bindschedler die z~stimmung, dass dlC:
Herren Baltischwiler und Rebmann eme Gruppe von zweI
Doppelwohnhäusern erstellen dürfen, wobei die Höhen
des Vorprojektes nicht. überstiegen werden und das Haus
aufs Niveau der Turnerstrasse kommt. Die Dachschräge
~d statt 2,80m nur 2,60m hoch I). Die im« Vorprojekte)}
vorgesehene Bauhöhe erreicht die in den städtischen Bauvorschriften festgesetzte Maximalhöhe nicht. Bindschedler hat in Ausführung der Vereinbarung in dem vereinbarungsgemässen geringeren Abstand gebaut und die ~eklagten haben gegen die Ausführung der Baute kerne
Einsprache erhoben.
B. -
Die Baugesellschaft für modernen Wohnungsbau
erhob in der Folge als Rechtsnachfolgerin Bindschedien
Sachenrecht. N° 67.
395
zufolge Zession Bindschedlers vom November 1915 Klage
gegen Baltischwilerund Rebmann, indem sie beantragte,
dass die erwähnte Vereinbarung als Grunddienstbarkeitsvertrag in das G;:undbuch eingetragen werde und zwar
nur soweit die Höhe allfälliger Bauten auf diesem Grundstücke in Frage komme. Die Klage verlangt also nur, dass
das Verbot des Höherbauens im Sinne der Vereinbarung
als dingliche Last auf das Grundstück der Beklagten zu
Gunsten desjenigen der Klägerin zu legen sei.
C. -
Durch Urteil vom 19. Dezember 1917 hat die
I. Appellationskammer des Obergerichtes des Kantons
Zürich erkannt:
« 1. Die Beklagten sind verpflichtet, das mit dem
Rechtsvorfahren der Klägerin, Julius Bindschedler in
Zürich 6, am 31. Januar 1916 getroffene Abkommen .....
• auf ihrem Grundstücke,' Kat.-Nr. 2358, an der Turnerstrasse in Zürich 6, als dingliche Last zu Gunsten der
klägerischen Grundstücke an der Scheuchzerstrasse in
Zürich 6 im Grundbuch eintragen. zu lassen.)}
D. -
Gegen dieses ihnen am 13. Juni 1918 zugestellte
Urteil haben die Beklagten am 29. Juni die Berufung an
das Bundesgericht erklärt mit dem Antrage auf Abweisung
der Klage.
Die Klägerin hat Bestätigung des angefochtenen Urteils beantragt.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
Obschon die Parteien die Form des streitigen Vertrages
nicht diskutiert haben,ist von Amteswegen zu prüfen, ob
sie dem G~setze entspricht; denn die Klägerin kann das
ihr aus andern G,:üuden bestrittene Recht nicht im Grundbuch eintragen lassen, wenn es überhaupt nicht formgültig bestellt wurde.
Die in den städtischen Bauvorschriften aufgestellte
Maximalhöhe von Bauten bildet nun eine gesetzliche
Eigentu:qlsbeschränkung im SiJ).ne des Art. 680 ZGB. Sie
ist insofern öffentlichrechtlich und der privatrechtlichen
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Sachenrecht. N° 67.
Verfügung entzogen, als einem Eigentümer nichCwirksam
von einem andern das Recht eingeräumt werden kann,höher
zu bauen; denn das Höherbauen ist nicht nur im Interesse
eines bestimmten Nachbars verboten, sondern im allgemeinen Interesse. Dagegen schliesst das öffentliche Recht
im vorliegenden Falle nach den Feststellungen der Vorinstanzen es nicht aus, dass ein Eigentümer sich einem
andern gegenüber verpflichtet, weniger hoch zu bauen, als
ihm die städtischen Vorschriften gestatten. Insoweit ist
er in seiner Verfügungsfreiheit durch diese nicht gehemmt.
Er kann also die gesetzliche Maximalhöhe für seine Liegenschaft in dem Sinne abändern, dass er sich durch Einräumung einer G~'unddienstbarkeit zu Gunsten eines
andern Grundstückes eine weitere Beschränkung in dci'
Bauhöhe auflegt. Der Vertrag über eine solche privatrechtliche Abänderung einer gesetzlichen Eigentums-
.
beschränkung bedarf aber nach Art. 680 Abs. 2 ZGB der
öffentlichen Beurkundung. Da das Gesetz die öffentliche
Beurkundung allgemein für alle Abänderurgen der gesetzlichen Eigentumsbeschränkungen vorsieht, Ir. üssen darunter auch solche verstanden werden, die in der Eigenturrsbeschränkung noch weiter gehen als das Gesetz; wenn das
Gesetz, wie im vorliegenden Falle, eine bestimmte Bauhöhe
vorsieht, so wird damit der Eigentumsumfang nach einer
bestimmten Richtung hin un:.schrieben und dieser gesetzlichen Umschreibung gegenüber ist auch die geringere
Bauhöhe eine Abänderung dieses gesetzlichen Umfanges.
Die von der Vorinstanz (entgegen dem Klageantrage)
verfügte Eintragung auch des übrigen Inhaltes des Vertrages, der aussel'dem noch die Änderung des von der
Klägerin einzuhaltenden gesetzlichen Bauabstandes, sowie die Änderung der den Beklagten kraft der gesetzlichen Bauvorschriften gestatteten Bebauungsart (Gruppe
von zwei Doppelhäusern statt der vorgeschriebenen nach
allen Richtungen freistehenden Häuser) enthält, stellt
sich vollends als Änderung der gesetzlichen Eigentumsbeschränkungen dar, wobei der Umfang der dem Eigen-Sachenrecht. N° 87.
397
t~er ob~iegellden Eigentumsbeschränkung insofern verrIngert WIrd, als der gesetzliche Abstand von der Grenze
herabgesetzt wird. Ob die damit verbundene andere
Bebauungsart der Gruppenhäuser statt der freistehenden
Häuser eine Erhöhung oder eine Verkleinerung der Eigentumsbeschränkung enthalte, lässt sich kaum entscheiden
u.nd ~s beweist dieser Umstand, dass es für die Frage, ob
eme. Ände:ung der gesetzlichen Eigentumsbeschränkung
vorlIege, mcht darauf ankommen kann, ob die Eigenturr.s-
beschränkung durch die Vereinbarung grösser oder kleiner
werde, was zu entscheiden dem Grundbuchführer . im
vorli~genden Falle unmöglich wäre. Es bedürfen danach
alle Änderungen der gesetzlichen Eigentumsbeschränkun~en d~r öffentlichen Beurkundung. Solange diese nicht
v?rlIegt, Ist kein gültiger Vertrag zustande gekommen;
dIe Beurkundung kann nicht etwa auf dem Klageweg
erzwungen werden. Nach Art. 732 ZGB genügt zwar für
den Vertrag über Errichtung einer Grunddier.stbarkeii
die schriftliche Form; gegenüber diesem allgemeinen
Grundsatz geht aber die in Art. 680 Abs. 2 aufgestellte
Sonderregel vor. Die Vereinbarung vom 31. Januar 1916
ist daher nichtig, soweit dadurch die Bauhöhe auf der
Liegenschaft der ~eklagten mit dinglicher WirkuD.g beschränkt werden s')llte, und eine Eintragung in das Grundbu<:h, wie sie die Klägerin verlangt, somit ausgeschlossen.
Übrigens könnte der Vertrag in demjenigen Teile,
dessen Eintragung die Klage allein verlangt, auch deshalb
nicht im G.·undbuch eingetragen werden, weil es ihm an
derjenigen Bestimmtheit des Inhaltes fehlt, die verlangt
werden muss, damit das eingetragene Recht für jeden
Drittinteressenten seinem Umfange nach klar erkennbar
ist. Damit ein Vertrag im G:undbuch eingetragen werden
kann, muss er alle wesentlichen Elemente des dinglichen
Rechtes, das zur Eintragung kommen soll, enthalten.
Hier fehlt es aber sowohl an einer genauen,für dasGmndbuch verwendbaren Bezeichnung der belasteten und berechtigten G:mndstücke als auch an der Angabe der Höhe
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Sachenrecht. N° 68.
der Bauten. um die es sich bei der einzutragenden Dienstbarkeit handelt; das Vorprojekt. dessen Höhe massgebend
sein soll. ist nicht durch beidseitige Unterschrift oder
• sonstwie, durch Aufnahme in den Vertrag zu einem Bestandteil der Beurkundung gemacht worden. Der Grundbuchführer müsste es daher ablehnen, einen Vertrag
solchen Inhalts einzutragen und es kann deshalb auch der
Richter einen solchen Eintrag nicht verfügen.
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Bemfung wird gutgeheissen und die Klage abgewiesen.