Sachverhalt
Der im Jahre 1892 geborene Kläger Egli war
beim Beklagten Bär Knecht. Er edittam 30. März 1916
beim HolzfräsE'n einen Unfall, indem ihm an der linken
Hand der Daumen, der Zeigfinger und der Mitb'lfinger bis
zum Handgelenk weggerissen wurden. Nach der Darstel-
lung de5 Klägers hat der Schwiegersohn des Beklagten,
Rutishauser, an jenem T~ge einen Wagen Holz für dessen
Rechnung gefrä:,t; er habe den Kläger aufgefordut, die
zersägten Stücke hinten von der Fräse wegzunehmen und
auf dt'n daneben bereitstehenden Wagen zu werfen,
wobei der Kläger mit der linken Hand in die Fräse hin-
eingeraten sei.
Nach dem Unfall wurde der Kläger in das Kantons-
spital MÜllsterlingen verbracht, woselbst er 28 Tage in
Behandlung stand. Während des Spitalaufenthaltes un-
terschrieb er am 5. April 1916 anlässlich eines Besuches
der Frau des Beklagten und des Rutishauser eine Erklä-
rung, wonach er sich mit Krankengeld und Pflege bis zur
gründlichen Besserung begnüge, dagegen keine Entschä-
digung fordere. Diese Erklärung hat er am 15. Mai 1916
neuE'rdings schriftlich bestätigt. Als dann die Heimat-
gemeinde Wald von dem Unfall Kenntnis erhielt, liess
sie dem Kläger einen Beistand ernennen, dem sie Voll-
macht zur Einleitung und Durchführung des vorliegenden
Prozesses gegen den Beklagten erteilte. Das Klagebe-
gehren geht auf Bezahlung einer Entschädigung von
6000 Fr. nebst 5% Zinf> seit dem Unfalltage. Der Beklagte
hat Abweisung der Klage beantragt.
184
Obligationenrecht. N° 32.
B.
Durch Urteil vom 24. Dezember 1917 hat das
Obergericht des Kantons Thurgau die Klage gänzlich
abgewiesen.
C. -
Gegen dieses Urteil hat der Kläger die Berufung
an das Bundesgericht erklärt, mit dem Antrag auf Auf-
hebung und auf Gutheissung der Klage in vollem Um-
fange.
Erwägungen (2 Absätze)
E. 1 Da die Vorinstanz nur die Frage der Gültigkeit
der Verzichtserklärungen des Klägers untersucht hat~
bescluänkt sich auch die Kognition des Bundesgerichts
im gegenwärtigen Stadium auf die Prüfung dieser Frage.
Dabei steht im Vordergrund der Haupteinwand der
mangelnden Urteilsfähigkeit. Denn wenn der Kläger
bei Abgabe jener Erklärungen nicht urteilsfähig war,
so vermochte er durch seine Handlungen keine recht-
liche Wirkung herbeizuführen, m. a. W. der Verzicht
ist nichtig. Der Beklagte hat heute zu Unrecht einge-
wendet, es handle sich dabei um rein tatsächliche Fest-
stellungen der Vorinstanz, die der Nachprüfung durch
das Bundesgericht entzogen seien. Die Urteilsfähigkeit
im Sinne von Art. 16 ZGB, d. h. die Fähigkeit, ver-
nunftgemäss zu handeln, ist -ein Rechtsbegriff; sie
muss in jedem einzelnen Falle vom Richter aus dem Zu-
stand der betreffenden Person abgeleitet werden, wie
denn auch das Gesetz die lfaupttatbestände aufführt,
welche die Urteilsfähigkeit ausschliessen (Kindesalter,
Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Trunkenheit
und
dergleichen). Ob nun ein solcher Tatbestand vorliegt,
ist natürlich in erster Linie eine Tatfrage; allein die
Frage, ob und inwieweit die vom kantonalen Richter
festgestellten Tatsachen für die Annahme der Urteils-
fähigkeit schlüssig seien, ist eine solche der rechtlichen
Würdigung ihrer Tragweite. Sie unterliegt daher der
Ueberprüfung durch das Bundesgericht. Dieses kann
folglich auch die Durchführung einer beantragten, von
der kantonalen Instanz aber nicht angeordneten ärzt-
Obligationenrecht. N° 32.
185
lichen Expertise verfügen und zu diesem Zwecke die
Sache an jene Instanz zurückweisen, wenn es dafür
hält, dass die festgestellten Indizien zur Annahme der
Urteilsfähigkeit nicht genügen, vielmehr nach Laien-
urteil die Möglichkeit offen lassen, dass die Urteils··
fähigkeit nicht gegeben sei; solche Unsicherheiten
können naturgemäss nur durch eine Expertise gehoben
werden; welche es dem Richter erst ermöglicht, die
rechtlichen SchlussfolgclUngen auf das Vorliegen der Ur-
teilsfähigkeit mit Zuverlässigkeit· zu ziehen (vgl. EGGER,
Komm. z. ZGB Art. 16, Ann. 4 b, welcher ausführt, dass
wenn in einem Rechtsstreit die Urteilsfähigkeit einer
Person zweifelhaft erscheine, regelmässig eine Sach-
verständigenexpertise erforderlich werde).
So liegt aber der vorliegende Fall. Die Indizien, ge-
stützt auf welche die Vorinstanz die Urteilsfähigkeit
bejahen zu können glaubt (Entlassung des Klägers aus
der Vormundschaft nach erreichter Mündigkeit, bestan-
dene Rekrutenprüfung, geleisteter Militärdienst, keine
Entmündigung) sind nicht derart schlüssig, dass von
der vom Kläger mit Nachdruck verlangten Anordnung
einer Expertise über den behaupteten konstitutionellen
Schwachsinn Umgang genommen werden konnte. Das
gilt namentlich für die Erwägung, dass seit der Ent-
lassung des Klägers aus der Altersvormundschaft keine
Behörde Veranlassung genommen habe, eine Entmün-
digung wegen mangelnder Urteilsfähigkeit zu bean-
tragen und in die Wege zu leiten, denn bei .der sozialen
Stellung des Klägers als vermögenslosen Knechtes er-
schien wohl eine eigentliche Vormundschaft als zwecklos.
Und daran kann auch das weitere Argument nichts
ändern, dass keine bestimmten Momente hätten nam-
haft gemacht werden können, aus denen hervorgehe,
dass dem Kläger die Fähigkeit, vernunftgemäss zu
handeln, mangle, sondern dass die Klagebegründung
sich im Rahmen der allgemeinen Behauptungen bewege,
der Kläger sei ein geistig unentwickelter, schwachsin-
186
Obligationenrecht. NI> 32.
niger Tropf. Gerade diese Behauptung, in Verbindung
mit dem schon an sich auffallenden Umstand, dass der
Kläger während der Spitalbehandlung die fragliche
Erklärung ausgestellt hat, wonach er auf die Geltend-
machung einer Entschädigung gegenüber dem Be-
klagten von vornherein verzichte, rechtfertigen die
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Durch-
führung der verlangten Expertise über den Geistes-
zustand de!> Klägers bei Abgabe jener Erklärungen vom
5. April und 15. Mai 1916. Gestützt auf das Ergebnis
der Expertise wird die Vorinstanz alsdann neu zu ent-
scheiden haben, ob der Kläger wirklich fähig gewesen
sei oder nicht, mit Rücksicht auf dieses Geschäft ver-
nunftgemäss zu handeln und die Tragweite der abge-
gebenen Erklärungen zu erkennen.
E. 2 Sollte die Vorinstanz die Urteilsfähigkeit wie-
derum bejahen, so wird sie auch die weitere Frage der
Anfechtbarkeit der Verzichtserklärungen wegen Ueber-
vorteilung im Sinne von Art. 21 OR einer erneuten
Prüfung auf Grund des Expertenbefundes unterwerfen
müssen. Der Auffassung, dass dieser Artikel nicht aus-
dehnend ausgelegt werden dürfe, vielmehr bei der Inter-
pretation ein strenger Masstab anzulegen sei, kann
wenigstens für den vorliegenden Fall nicht beigepflichtet
werden. Wenn das Ausdehnungsgesetz zum FHG in
Art. 9 Abs. 2 bestimmt, dass Verträge, denen zufolge
einem Geschädigten eine offenbar unzulängHche Ent-
schädigung zukomme oder zugekommen sei, anfechtbar
seien, so mu,ss der allgemeine gesetzgeberische Gedanke,
welcher dieser Bestimmung zu Grunde liegt, bei Ver-
hältnissen, wie sie hier bestehen, zu einer weitherzigen
Auslegung des Art. 21 OR führen. Die Ausführungen
des Sachverständigen über den Geisteszustand des
Klägers könnten dazu führen, das Erfordernis des
« Leichtsinnes » oder der « Unerfahrenheit » als gegeben
zu erachten, selbst wenn jener nicht geradezu urteils-
unfähig war. Das weitere Requisit des « offenban'n
Obligationenrecht. N° SS.
187
Missverhältnisses zwischen Leistung und Gegenleis-
tung» wäre erfüllt, da letztere. die Leistung des Be-
klagten, in keiner Weise präzisiert ist. Auch könnte
nicht etwa eingewendet werden, es liege gar kein Ver-
t~ag, sonderll: nur eine einseitige Erklärung vor, was
dle Anwendung von Art. 21 OR ausschliesse, denn dei'
Verzicht wird e.cst durch die Annahme perfekt, er ist
also ein zweiseitiges Rechtsgeschäft, und zudem hat
man es hier nicht mit einem nackten Verzichte zu tun.
Dispositiv
- Die Berufung wird in dem Sinne begründet erklärt, dass das Urteil des Obergerichts des Kantons Thurgau vom 24. Dezember 1917 aufgehoben und die Sache zur Durchführung einer Expertise über den Geistes- zustand des Klägers und nachherigen neuen Entschei- dung an die Vorinstanz zurückgewiesen wird.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
32. Urteil der I. Zivilabteilung vom 17. Kai 1918
i. S. Egli gegen Bär.
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Die n s t ver t rag. Gültigkeit einer Verzichtserklärung
auf Entschädigung für Unfallsfolgen ? Feststellung man--
gelnder Urteilsfähigkeit. Begriff der Urteilsfähigkeit i. S.
von Art. 16 ZGB. Tat- und Rechtsfrage. Rückweisung zur
Durchführung einer beantragten Expertise. Uebervorteilung
i. S. von Art. 21 OR.
A. -
Der im Jahre 1892 geborene Kläger Egli war
beim Beklagten Bär Knecht. Er edittam 30. März 1916
beim HolzfräsE'n einen Unfall, indem ihm an der linken
Hand der Daumen, der Zeigfinger und der Mitb'lfinger bis
zum Handgelenk weggerissen wurden. Nach der Darstel-
lung de5 Klägers hat der Schwiegersohn des Beklagten,
Rutishauser, an jenem T~ge einen Wagen Holz für dessen
Rechnung gefrä:,t; er habe den Kläger aufgefordut, die
zersägten Stücke hinten von der Fräse wegzunehmen und
auf dt'n daneben bereitstehenden Wagen zu werfen,
wobei der Kläger mit der linken Hand in die Fräse hin-
eingeraten sei.
Nach dem Unfall wurde der Kläger in das Kantons-
spital MÜllsterlingen verbracht, woselbst er 28 Tage in
Behandlung stand. Während des Spitalaufenthaltes un-
terschrieb er am 5. April 1916 anlässlich eines Besuches
der Frau des Beklagten und des Rutishauser eine Erklä-
rung, wonach er sich mit Krankengeld und Pflege bis zur
gründlichen Besserung begnüge, dagegen keine Entschä-
digung fordere. Diese Erklärung hat er am 15. Mai 1916
neuE'rdings schriftlich bestätigt. Als dann die Heimat-
gemeinde Wald von dem Unfall Kenntnis erhielt, liess
sie dem Kläger einen Beistand ernennen, dem sie Voll-
macht zur Einleitung und Durchführung des vorliegenden
Prozesses gegen den Beklagten erteilte. Das Klagebe-
gehren geht auf Bezahlung einer Entschädigung von
6000 Fr. nebst 5% Zinf> seit dem Unfalltage. Der Beklagte
hat Abweisung der Klage beantragt.
184
Obligationenrecht. N° 32.
B.
Durch Urteil vom 24. Dezember 1917 hat das
Obergericht des Kantons Thurgau die Klage gänzlich
abgewiesen.
C. -
Gegen dieses Urteil hat der Kläger die Berufung
an das Bundesgericht erklärt, mit dem Antrag auf Auf-
hebung und auf Gutheissung der Klage in vollem Um-
fange.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
1. -
Da die Vorinstanz nur die Frage der Gültigkeit
der Verzichtserklärungen des Klägers untersucht hat~
bescluänkt sich auch die Kognition des Bundesgerichts
im gegenwärtigen Stadium auf die Prüfung dieser Frage.
Dabei steht im Vordergrund der Haupteinwand der
mangelnden Urteilsfähigkeit. Denn wenn der Kläger
bei Abgabe jener Erklärungen nicht urteilsfähig war,
so vermochte er durch seine Handlungen keine recht-
liche Wirkung herbeizuführen, m. a. W. der Verzicht
ist nichtig. Der Beklagte hat heute zu Unrecht einge-
wendet, es handle sich dabei um rein tatsächliche Fest-
stellungen der Vorinstanz, die der Nachprüfung durch
das Bundesgericht entzogen seien. Die Urteilsfähigkeit
im Sinne von Art. 16 ZGB, d. h. die Fähigkeit, ver-
nunftgemäss zu handeln, ist -ein Rechtsbegriff; sie
muss in jedem einzelnen Falle vom Richter aus dem Zu-
stand der betreffenden Person abgeleitet werden, wie
denn auch das Gesetz die lfaupttatbestände aufführt,
welche die Urteilsfähigkeit ausschliessen (Kindesalter,
Geisteskrankheit, Geistesschwäche, Trunkenheit
und
dergleichen). Ob nun ein solcher Tatbestand vorliegt,
ist natürlich in erster Linie eine Tatfrage; allein die
Frage, ob und inwieweit die vom kantonalen Richter
festgestellten Tatsachen für die Annahme der Urteils-
fähigkeit schlüssig seien, ist eine solche der rechtlichen
Würdigung ihrer Tragweite. Sie unterliegt daher der
Ueberprüfung durch das Bundesgericht. Dieses kann
folglich auch die Durchführung einer beantragten, von
der kantonalen Instanz aber nicht angeordneten ärzt-
Obligationenrecht. N° 32.
185
lichen Expertise verfügen und zu diesem Zwecke die
Sache an jene Instanz zurückweisen, wenn es dafür
hält, dass die festgestellten Indizien zur Annahme der
Urteilsfähigkeit nicht genügen, vielmehr nach Laien-
urteil die Möglichkeit offen lassen, dass die Urteils··
fähigkeit nicht gegeben sei; solche Unsicherheiten
können naturgemäss nur durch eine Expertise gehoben
werden; welche es dem Richter erst ermöglicht, die
rechtlichen SchlussfolgclUngen auf das Vorliegen der Ur-
teilsfähigkeit mit Zuverlässigkeit· zu ziehen (vgl. EGGER,
Komm. z. ZGB Art. 16, Ann. 4 b, welcher ausführt, dass
wenn in einem Rechtsstreit die Urteilsfähigkeit einer
Person zweifelhaft erscheine, regelmässig eine Sach-
verständigenexpertise erforderlich werde).
So liegt aber der vorliegende Fall. Die Indizien, ge-
stützt auf welche die Vorinstanz die Urteilsfähigkeit
bejahen zu können glaubt (Entlassung des Klägers aus
der Vormundschaft nach erreichter Mündigkeit, bestan-
dene Rekrutenprüfung, geleisteter Militärdienst, keine
Entmündigung) sind nicht derart schlüssig, dass von
der vom Kläger mit Nachdruck verlangten Anordnung
einer Expertise über den behaupteten konstitutionellen
Schwachsinn Umgang genommen werden konnte. Das
gilt namentlich für die Erwägung, dass seit der Ent-
lassung des Klägers aus der Altersvormundschaft keine
Behörde Veranlassung genommen habe, eine Entmün-
digung wegen mangelnder Urteilsfähigkeit zu bean-
tragen und in die Wege zu leiten, denn bei .der sozialen
Stellung des Klägers als vermögenslosen Knechtes er-
schien wohl eine eigentliche Vormundschaft als zwecklos.
Und daran kann auch das weitere Argument nichts
ändern, dass keine bestimmten Momente hätten nam-
haft gemacht werden können, aus denen hervorgehe,
dass dem Kläger die Fähigkeit, vernunftgemäss zu
handeln, mangle, sondern dass die Klagebegründung
sich im Rahmen der allgemeinen Behauptungen bewege,
der Kläger sei ein geistig unentwickelter, schwachsin-
186
Obligationenrecht. NI> 32.
niger Tropf. Gerade diese Behauptung, in Verbindung
mit dem schon an sich auffallenden Umstand, dass der
Kläger während der Spitalbehandlung die fragliche
Erklärung ausgestellt hat, wonach er auf die Geltend-
machung einer Entschädigung gegenüber dem Be-
klagten von vornherein verzichte, rechtfertigen die
Rückweisung der Sache an die Vorinstanz zur Durch-
führung der verlangten Expertise über den Geistes-
zustand de!> Klägers bei Abgabe jener Erklärungen vom
5. April und 15. Mai 1916. Gestützt auf das Ergebnis
der Expertise wird die Vorinstanz alsdann neu zu ent-
scheiden haben, ob der Kläger wirklich fähig gewesen
sei oder nicht, mit Rücksicht auf dieses Geschäft ver-
nunftgemäss zu handeln und die Tragweite der abge-
gebenen Erklärungen zu erkennen.
2. -
Sollte die Vorinstanz die Urteilsfähigkeit wie-
derum bejahen, so wird sie auch die weitere Frage der
Anfechtbarkeit der Verzichtserklärungen wegen Ueber-
vorteilung im Sinne von Art. 21 OR einer erneuten
Prüfung auf Grund des Expertenbefundes unterwerfen
müssen. Der Auffassung, dass dieser Artikel nicht aus-
dehnend ausgelegt werden dürfe, vielmehr bei der Inter-
pretation ein strenger Masstab anzulegen sei, kann
wenigstens für den vorliegenden Fall nicht beigepflichtet
werden. Wenn das Ausdehnungsgesetz zum FHG in
Art. 9 Abs. 2 bestimmt, dass Verträge, denen zufolge
einem Geschädigten eine offenbar unzulängHche Ent-
schädigung zukomme oder zugekommen sei, anfechtbar
seien, so mu,ss der allgemeine gesetzgeberische Gedanke,
welcher dieser Bestimmung zu Grunde liegt, bei Ver-
hältnissen, wie sie hier bestehen, zu einer weitherzigen
Auslegung des Art. 21 OR führen. Die Ausführungen
des Sachverständigen über den Geisteszustand des
Klägers könnten dazu führen, das Erfordernis des
« Leichtsinnes » oder der « Unerfahrenheit » als gegeben
zu erachten, selbst wenn jener nicht geradezu urteils-
unfähig war. Das weitere Requisit des « offenban'n
Obligationenrecht. N° SS.
187
Missverhältnisses zwischen Leistung und Gegenleis-
tung» wäre erfüllt, da letztere. die Leistung des Be-
klagten, in keiner Weise präzisiert ist. Auch könnte
nicht etwa eingewendet werden, es liege gar kein Ver-
t~ag, sonderll: nur eine einseitige Erklärung vor, was
dle Anwendung von Art. 21 OR ausschliesse, denn dei'
Verzicht wird e.cst durch die Annahme perfekt, er ist
also ein zweiseitiges Rechtsgeschäft, und zudem hat
man es hier nicht mit einem nackten Verzichte zu tun.
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Berufung wird in dem Sinne begründet erklärt,
dass das Urteil des Obergerichts des Kantons Thurgau
vom 24. Dezember 1917 aufgehoben und die Sache
zur Durchführung einer Expertise über den Geistes-
zustand des Klägers und nachherigen neuen Entschei-
dung an die Vorinstanz zurückgewiesen wird.