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44_II_176

BGE 44 II 176

Bundesgericht (BGE) · 1918-01-01 · Deutsch CH
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176

Obligationenrecht. N° 30.

30. Urtell der I, Zivilabtellung vom a7. April191S

i. S. Brandversicherungsanstalt des Jta.ntODS Bern

gegen Binggeli,

Auslegung des Art. 60 Abs. 2 OR. Begriff der strafbaren Hand-

lung. Die strafrechtliche Verjährungsfrist für Schadenersatz-

ldagen aus unerlaubter Handlung findet keine Anwendung,

wenn die Strafbehörden rechtskräftig festgestellt ha.ben,

dass dem Staate aus der Handlung kein Strafanspruch er-

wachsen sei.

A. -

In der Nacht vom 16./17. Dezember 1898 wurde

das der Witwe Binggeli in Wahlern gehörende Haus mit

der Scheune, dem Holzhaus und dem Schuppen durch

einen Brand zerstört. Da die Gebäulichkeiten bei der

Klägerin, der Brandversicherungsanstalt des Kantons

Beru, gegen Brandschaden versichert waren, so erhielt

die Eigentümerin von dieser einen Betrag von 13,000 Fr.

Die Ursache des Brandes konnte damals nicht ermittelt

werden. Am 13. April 1914 gestand dann der Beklagte

Binggeli, dass er der Urheber gewesen sei. Infolgedessen

wurde gegen ihn eine Strafuntersuchung eingeleitet. Da

aber die gerichtlichen Experten, die seinen Geisteszustand

zu untersuchen hatten, zum Schlusse kamen, er sei zur

Zeit der Brandstiftung infolge von Geisteskrankheit

seiner W"illensfreiheit beruabt gewesen und habe nach

krankhaften Motiven gehandelt, so wurde die Strafunter-

suchung durch Entscheid der ersten Strafkammer dC'!->

bernischen Obergerichts vom 20. Oktober 1915 wegen

Unzurechnungsfähigkeit des Beklagten aufgehoben.

B. -

Trotzdem erhob die Brandversicherungsanstalt

3m 19. März 1916 gegen ihn Klage auf Zahlung VOll

Schadenersatz im Betrage von 13,000 Fr. nebst Zins seit

17. Dezember 1898.

Der Appellationshof des Kantons Bern hat die Klage

durch Urteil vom 7. Dezember 1917 wegen Verjährung

abgewiesen.

Obligatioucnrecht. N° 30.

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C. -

Gegen dieses Urteil hat die Klägerin am 20. De-

zember die Berufung an das Bundesgericht erklärt mit

dem Antrage, die Einrede der Verjährung sei abzuweisen

und die Sache zu einlässlicher-Behandlung und Beurteilung

an die Vorinstanz zurückzuweisen.

Der Vertreter des Beklagten hat Abweisung der Beru-

fung und Bestätigung des angefochtenen Urteils bean-

tragt.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

Die Klägerin leitet ihren Schadenersatzanspruch aus

der Brandstiftung her, die der Beklagte nach seinem

Geständnis im Jahre 1898 begangen haben soll. Da die

zehnjährige Verjährungsfrist des Art. 69 aOR(60 n.OR)

schon längst vor der Klageeinleitung abgelaufen ist, so

kann der Schadenersatzanspruch nur dann noch geltend

gemacht werden, wenn die behauptete Brandstiftung eine

strafbare Handlung nach Art. 60 Abs. 2 OR bildet und

die für die Strafklage bestehende. Verjährungsfrist zur

Zeit der Klagerhebung noch nicht verstrichen war. Nun

ist die Tat, deren der Beklagte beschuldigt wird, nach

bernischem Strafrecht objektiv ein Verbrechen, und ein

daraus entspringendes Strafklagerecht würde erst nach

20 Jahren verjähren. Sofern daher Art. 60 Abs. 2 OR

unter einer strafbaren Handlung einfach eine solche

verstünde, die objektiv, der Tatseite nach, die Merkmale

eines Verbrechens aufweist, so wäre die vorliegende

Zivilklage noch nicht verjährt. Allein bei Auslegung des

Art. 69 Abs. 2 a (60 2 rev.) OR ist nicht hievon auszu-

gehen, sondern von folgender Erwägung: Diese Gesetzes-

bestimmung beruht auf dem Gedanken, dass es keinen

Sinn habe, eine Schadenersatzklage auszuschliessen,

solange der Täter wegen der den Klagegrund bildenden

Handlung vom Staate wirksam mit der ihn regelmässig

weit schwerer treffenden Straf klage verfolgt werden

kann, und dass es insbesondere unverständlich wäre,

wenn er bestraft würde, ohne dass er gleichzeitig auch

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Obligationenrecht. No 3Q.

zum Schadenersatze an die verletzte Zivilpartei verurteilt

werden könnte. Infolgedessen kann die strafrechtliche

• Verjährungsfrist für den Zivilanspruch nur dann Anwen-

dung finden, wenn die belangte Partei zu einer Strafe ver-

urteilt worden ist oder wenigstens dem Staate ein Straf-

klageanspruch gegen sie zusteht. Vorbehalten bleibt

dabei die freie Nachprüfung des Vorhandenseins einer

«strafbaren Handlung » durch die Zivilgerichte für den

Fall, dass eine Strafklage nicht stattgefunden hat (vergl.

W EISS, Connexe Zivil-u.Strafsachen S. 298 und 301). Dage-

gen kann eine Schadenersatzklage aus strafbarer Hand-

lung dann nicht mehr erhoben werden, wenn die Straf-

behörden rechtskräftig festgestellt haben, dass dem Staate

aus der erwähnten Handlung kein Strafanspruch erwach-

sen sei. Es handelt sich hiebei um einen Fall wahrer

Präjudizialität des im Strafprozesse ergangenen Urteils,

so ~ass Art. 53 OR keine Anwendung findet, wie die

Vormstanz auf Grund der bundesgerichtlichen Praxis

(AS 37 II S. 571 und 38 II S. 485 f.) zutreffend hervorge-

hoben hat (vergL auch WEISS a.a.O. S. 259 ff.; BECKER,

Komm. z. OR Art. 60 S. 257). Nach der für das Bundes-

gericht massgebenden Annahme der Vorinstanz ist nun

durch das Urteil der ersten Strafkammer des bernischen

ObergeriChts vom 20. Oktober -1915 rechtskräftig fest-

gestellt worden, dass dem Staate ein Strafanspruch gegen

den Beklagten aus der von ejiesem angeblich objektiv

begangenen Brandstiftung nicht zusteht. Die vorliegende

Klage ist daher von der Vorinstanz :.:nit Recht wegen

Verjährung abgewiesen worden.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des

Appellationshofes des Kantons Bern vom 7. Dezember

1917 bestätigt.

_Obligationenrecht. N'4S1.

17~

\

31. Arrit de 1a Ire Section civile du 10 mai 1918

dans la cause Ba.rrilliet contre Dame Paget.

Reconnaissance de dette et

convent~on verbale d'apres

laquelle la dette s'eteindra en cas de prMeces du creancier.

Clause valable, bien que non ecrite.

Le 3 mars 1914 Maria Arnaud a souscrit en faveur de

son ancien tuteur Jules Louis Barrilliet une reconnaissance

de dette dont la teneur est la: suivante :

(. Je sousignee, Mademoiselle Maria Arnaud, proprie ..

» taire. route des Acacias 35 a Geneve '- reconnais devoir

a Monsieur Jules Louis Barrilliet domicilie chemin de

Moillebeau n° 3 au Petit Saconriex -

la somme de deux

» mille neuf cent trois francs 70/00 pour solde de compte.

l) Je rembourserai cette somme a M. Barrilliet a pre-

}) miere requisition moyennant avertissement donnee

» trois mois a l'avance.

l) Les interet& seront payes au taux de quatre pour cent

l) au bureau de M. E. Poncet, regisseur, 8, Boulevard du

» Theatre. Ce dernier est autorise a verser a M. Barrilliet

» les soldes &eme~triel& de mes comptes de regie a valoir

I) !->ur le capital. .

I) Geneve, le trois mars 1914.

l) Lu et approuve.

» (signe) Maria Arnaud. »

Demoiselle Arnaud (qui en cours de pro ces a epouse

Emile Paget) explique que la reconnaissanCE' de dettt' a He

signee a la veille d'un voyage en Hongrie qu'elle allait

entreprendre et que son ancien tuteur estimai1 dangereux;

il a juge necessaire de regulariser la situation avant ce

depart, mais il etait bien eritendu que le montant de la

reconnaissance de dette ne devait etre acquitte qu'en oas

de predeces de BarIilliet.

Jules Louis Banilliet est decede le 8 novembre 1914

laissant comme seul heritier son frere Julien Franc;ois.