Sachverhalt
Am 17. Mai 1918liess die heutige Rekurrentin die
Konsumgenossenschaft Birseek in Überwil bei Josef
108
Entscheidungen der Schuldbetreibungs-Grelliger-Faller in Binningen eine Retentionsurkunde
aufnehmen und leitete in der Folge, am 28. Mai gegen ihn
Mietzinsbetreibung ein. Schon am 22. Mai hatte Gerichtsamtmann Pfenninger in Basel dem Betreibungsamt Binningen mitgeteilt, dass die Retentionsgegenstände der
von ihm vertretenen Frau A. Eberle-Ullmann in Zürich
der heutigen Rekursbeklagten und nicht dem Mietzin~
schuldner gehörten. Gleichzeitig stellte er das Begehren,
es sei nicht nur dem Schuldner, sondern auch ihm zu
Handen der Dritteigentfunerin ein Zahlungsbefehl zuzustellen, damit er Rechtsvorschlag erheben könne. Das
Amt verfuhr auf diese Weise; während der Mietzinsschuldner sich gegen die Betreibung nicht zur Wehre
setzte, schlug die Rekursbeklagte Recht vor, gestützt
worauf das Amt der Rekurrentin eine Frist von 10 Tagen
an~tzte, innert deren sie gegen die Rekursbeklagte Klage
einzuleiten habe, « ansonst der Rechtsvorschlag als
anerkannt -gelten würde.»
Gegen diese Verfügung des Amtes führte die Rekurrenti~ rechtzeitig Beschwerde mit dem Antrage, sie sei
aufzu.heben, die Zustellung einer Ausfertigung des Zahlungsbefehls an Frau Eberle-Ullmann ~i als unzulässig
zu. bezeichnen und der von ihr erhobene Rechtsvorschlag
seI zurückzuweisen. Die Begründung der Beschwerde
geht dahin, dass das Gesetz für das vom Amte eingeschlagene Prozedere keine. Handhabe biete; vielmehr
müssten die Einwendungen der Rekursbeklagten im
Widerspruchsverfahren erledigt werden.
Die Rekursbeklagte und das Betreibungsamt Binningen trugen auf Abweisung der Beschwerde an, indem sie
auf die neuere Praxis des Bundesgerichtes betreffend die
Auslegung von Art. 153 Abs. 2 SchKG hinwiesen (AS
Sep.-AUsg. 15 Nr. 53*; AS 41 111 Nr. 53; 42 III Nr. 1
und 16), wonach in der Pfandbetreibung. als welche die
Mietzinsbetreibung sich darstelle, dem Dritteigentümer
des Pfandes ein. Zahlungsbefehl zuzustellen sei, damit er
• Ges.-Ausg. 31 I Nr. 97.
und Konkurskammer. N° 31.
109
Recht vorschlagen und die Betreibung bis zur Beseitigung des Rechtsvorschlages hemmen könne.
Durch Entscheid vom 12. Juli hat die Aufsichtsbehörde des Kantons Basel-Landschaft die Beschwerde
abgewiesen, indem sie sich der von der Rekursbeklagten
vertretenen Rechtsautlassung anschloss und ausführte,
es sei nicht abzusehen, weshalb die Pfandverwertungsvorschrift des Art. 153 SchKG nicht analogerweise auf
das Mietzinsbetreibungsverfahren ausgedehnt werden
sollte.
B. -
Gegen diesen, ihr am 13. Juli zugestellten Entscheid rekurriert die Konsumgenossenschaft Birseck am
23. Juli an das Bundesgericht. Sie hält den im kantonalen Verfahren gestellten Antrag aufrecht und macht
geltend, dass für eine analoge Anwendung des Art. 153
Abs. 2 SchKG auf die Mietzinsbetreibung jeder Grund
fehle; denn sonst müsste auch in der Pfändungsbetreibung der Dritte, welcher den Pfändungsgegenstand zu
Eigentum anspreche, als Betriebener behandelt werden,
wovon aber offenbar nicht die Rede sein könne.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer zieht
Erwägungen (1 Absätze)
E. 42 111 Nr. 1, 7, 16, 53), wonach in der Betreibung auf
Pfandverwertung der Dritteigentfuner des Pfandes als
Betriebener zu behandeln und demnach auch die Rechte
des Betriebenen auszuüben berechtigt ist, analogerweise
auch auf die Retentionsbetreibung Anwendung fInde,
sofern an den Retentionsobjekten Drittmannsrechte
bestehen, ist rechtsirrtümlich. Das Bundesgericht ist von
der früheren Praxis (AS Sep.-Ausg. 1 Nr. 8; 3 Nr. 13;
9 Nr. 24**), welche die in Art. 153 Abs. 2 SchKG vorge-
• Ges.·Ansg. 38 I Nr. 97 •
•• Ges.-Ausg. 24 I Nr. 28; 28 I Nr. 30; 32 I Nr. 56.
11 (l
Entscheidun,:{en der Schuldbetreibungsseheue Zustellung eines Zahlungsbefehlsdoppels an den
Drittdgcntümer des Pfandes als blosse Ordnungsvorschrift au1Tasste und ihn zur Wahrung seiner Rechte auf
das 'Viderspruchsverfahren verwies, abgewichen im
Hinblick auf die dem Dritteigentümer des Pfandes nach
den Grundsätzen des Zivilrechts (Art. 831 ZGB) eingeräumte Rechtsstellung, welche ihn in den Stand setzt,
aus eigenem Rechte die dem Schuldner zustehenden
Einreden sowohl gegen den Bestand der Forderung als
auch des Pfandrechtes geltend zu machen, unter welchen
Umständen die Fortsetzung der Betreibung ausgeschlossen ist, solange nicht diese Einreden gegenüber dem
Dritteigentümer, wie auch· gegenüber dem Schuldner
gerichtlich oder aussergerichtlich beseitigt sind. D~ese
materiellrechtlichen Verhältnisse, welche zur GleIchbehandlung von Schuldner und Pfandeigentümer führen,
liegen aber nicht vor, wenn es sich wie hier, um Drittmannsrechte an einem mit Retentionsrecht belegten
Gegenstande handelt. Denn der Dritteigentümer eines
Retentionsobjektes ist weder berechtigt die Mietzinsforderung zu bestreiten, noch prinzipielle Einwendungen
gegen das Retentionsrecht geltend zu. machen. Er hat
vielmehr lediglich die Möglichkeit, zu beweisen, dass der
Gläubiger um die am Retentionsgegenstande bestehenden
Drittmannsrechte wusste, und dieser muss aus der Retention freigegeben werden, .sofern der Ansprecher diesen
Nachweis zu erbringen vermag, während das Retentionsrecht bes.tehen bleibt, wenn er zv,,"ar seine Eigentumsrechte, nicht aber die Kenntnis des Gläubigers davon
beweisen kann. Zur Abklärung dieser Verhältnisse genügt
das in Art. 106 bis 109 SchKG geordnete Widerspruchsverfahren und es liegt daher kein Grund vor, den Dritteigentümer schon im Einleitungsverfahren zum Worte
kommen zu lassen, wie dies ja auch in der Pfändungsbetreibung hinsichtlich des am Pfändungsgegenstande
Berechtigten nicht der Fall ist. Die Praxis (AS Sep.-
und Konkurskammer. N0 31.
111
Ausg. ä Nr. 6 und 35*) hat denn auch gestützt auf diese
Erwägungen den Standpu.nkt eingenommen, dass Streitigkeiten über an Retentionsgegenständen bestehende
Drittmannsrechte erst im letzten Stadium des Verfahrens,
nämlich nach der Stellung des Verwertungsbegehrens
auszutragen seien, und es wurde die Geltendmachung
der Drittansprüche in einem früheren Zeitpunkte sogar
als unnötig und verfrüht bezeichnet. Dem entsprechend
ist in der vierten Rubrik auf der Rückseite des offiziellen
Formulars für die Retentionsurkunde die Bemerkung
angebracht: « Das Verfahren gemäss Art. 106 bis 109
SchKG ist erst einzuleiten, nachdem das Verwertungsbegehren gestellt wurde. »
Nach dem Gesagten kann daher die Tatsache, dass das
Retentionsrecht sich auch auf Drittmannseigentum zu
erstrecken vermag, nicht zu einer analogen Anwendung
von Art. 153 Abs. 2 SchKG auf die Mietzinsbetreibung
führen, weil die materielle Rechtslage des Dritteigentümers eines Pfandes eine durchaus verschiedene ist und
somit für eine Gleichbehandlung beider im Vollstreckungsverfahren jede ratio fehlt, ganz abgesehen davon, dass
auch das Gesetz hiefür nicht den geringsten Anhaltspunkt gibt.
Demnach erkennt die Schuldbetr.- und Konkurskammer:
Der Rekurs wird begründet erklärt und der Entscheid
der Aufsichtsbehörde für Schuldbetreibung und Konkurs
des Kantons Basel-Landschaft vom 12. Juli 1918 aufgehoben.
• Ges.-Ausg. 28 I Nr. 16 und 56~
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
31. Entscheid vom 15. August 1918
i. S. Xonsumgenossenschaft Birseck.
Art. 153 Abs. 2 SchKG in der Retentionsbetreibung nicht
anwendbar. Dritteigentümer von Retentionsgegenstilnden
ist nicht berechtigt Recht vorzuschlagen.
A. - Am 17. Mai 1918liess die heutige Rekurrentin die
Konsumgenossenschaft Birseek in Überwil bei Josef
108
Entscheidungen der Schuldbetreibungs-Grelliger-Faller in Binningen eine Retentionsurkunde
aufnehmen und leitete in der Folge, am 28. Mai gegen ihn
Mietzinsbetreibung ein. Schon am 22. Mai hatte Gerichtsamtmann Pfenninger in Basel dem Betreibungsamt Binningen mitgeteilt, dass die Retentionsgegenstände der
von ihm vertretenen Frau A. Eberle-Ullmann in Zürich
der heutigen Rekursbeklagten und nicht dem Mietzin~
schuldner gehörten. Gleichzeitig stellte er das Begehren,
es sei nicht nur dem Schuldner, sondern auch ihm zu
Handen der Dritteigentfunerin ein Zahlungsbefehl zuzustellen, damit er Rechtsvorschlag erheben könne. Das
Amt verfuhr auf diese Weise; während der Mietzinsschuldner sich gegen die Betreibung nicht zur Wehre
setzte, schlug die Rekursbeklagte Recht vor, gestützt
worauf das Amt der Rekurrentin eine Frist von 10 Tagen
an~tzte, innert deren sie gegen die Rekursbeklagte Klage
einzuleiten habe, « ansonst der Rechtsvorschlag als
anerkannt -gelten würde.»
Gegen diese Verfügung des Amtes führte die Rekurrenti~ rechtzeitig Beschwerde mit dem Antrage, sie sei
aufzu.heben, die Zustellung einer Ausfertigung des Zahlungsbefehls an Frau Eberle-Ullmann ~i als unzulässig
zu. bezeichnen und der von ihr erhobene Rechtsvorschlag
seI zurückzuweisen. Die Begründung der Beschwerde
geht dahin, dass das Gesetz für das vom Amte eingeschlagene Prozedere keine. Handhabe biete; vielmehr
müssten die Einwendungen der Rekursbeklagten im
Widerspruchsverfahren erledigt werden.
Die Rekursbeklagte und das Betreibungsamt Binningen trugen auf Abweisung der Beschwerde an, indem sie
auf die neuere Praxis des Bundesgerichtes betreffend die
Auslegung von Art. 153 Abs. 2 SchKG hinwiesen (AS
Sep.-AUsg. 15 Nr. 53*; AS 41 111 Nr. 53; 42 III Nr. 1
und 16), wonach in der Pfandbetreibung. als welche die
Mietzinsbetreibung sich darstelle, dem Dritteigentümer
des Pfandes ein. Zahlungsbefehl zuzustellen sei, damit er
• Ges.-Ausg. 31 I Nr. 97.
und Konkurskammer. N° 31.
109
Recht vorschlagen und die Betreibung bis zur Beseitigung des Rechtsvorschlages hemmen könne.
Durch Entscheid vom 12. Juli hat die Aufsichtsbehörde des Kantons Basel-Landschaft die Beschwerde
abgewiesen, indem sie sich der von der Rekursbeklagten
vertretenen Rechtsautlassung anschloss und ausführte,
es sei nicht abzusehen, weshalb die Pfandverwertungsvorschrift des Art. 153 SchKG nicht analogerweise auf
das Mietzinsbetreibungsverfahren ausgedehnt werden
sollte.
B. -
Gegen diesen, ihr am 13. Juli zugestellten Entscheid rekurriert die Konsumgenossenschaft Birseck am
23. Juli an das Bundesgericht. Sie hält den im kantonalen Verfahren gestellten Antrag aufrecht und macht
geltend, dass für eine analoge Anwendung des Art. 153
Abs. 2 SchKG auf die Mietzinsbetreibung jeder Grund
fehle; denn sonst müsste auch in der Pfändungsbetreibung der Dritte, welcher den Pfändungsgegenstand zu
Eigentum anspreche, als Betriebener behandelt werden,
wovon aber offenbar nicht die Rede sein könne.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer zieht
in Erwägung:
Die Auffassung der Vorinstanz, dass die in AS Sep.-
Ausg. 15 Nr. 53* begründete und seither vom Bundesgericht festgehaltene Rechtssprechung (AS 41 III Nr. 53;
42 111 Nr. 1, 7, 16, 53), wonach in der Betreibung auf
Pfandverwertung der Dritteigentfuner des Pfandes als
Betriebener zu behandeln und demnach auch die Rechte
des Betriebenen auszuüben berechtigt ist, analogerweise
auch auf die Retentionsbetreibung Anwendung fInde,
sofern an den Retentionsobjekten Drittmannsrechte
bestehen, ist rechtsirrtümlich. Das Bundesgericht ist von
der früheren Praxis (AS Sep.-Ausg. 1 Nr. 8; 3 Nr. 13;
9 Nr. 24**), welche die in Art. 153 Abs. 2 SchKG vorge-
• Ges.·Ansg. 38 I Nr. 97 •
•• Ges.-Ausg. 24 I Nr. 28; 28 I Nr. 30; 32 I Nr. 56.
11 (l
Entscheidun,:{en der Schuldbetreibungsseheue Zustellung eines Zahlungsbefehlsdoppels an den
Drittdgcntümer des Pfandes als blosse Ordnungsvorschrift au1Tasste und ihn zur Wahrung seiner Rechte auf
das 'Viderspruchsverfahren verwies, abgewichen im
Hinblick auf die dem Dritteigentümer des Pfandes nach
den Grundsätzen des Zivilrechts (Art. 831 ZGB) eingeräumte Rechtsstellung, welche ihn in den Stand setzt,
aus eigenem Rechte die dem Schuldner zustehenden
Einreden sowohl gegen den Bestand der Forderung als
auch des Pfandrechtes geltend zu machen, unter welchen
Umständen die Fortsetzung der Betreibung ausgeschlossen ist, solange nicht diese Einreden gegenüber dem
Dritteigentümer, wie auch· gegenüber dem Schuldner
gerichtlich oder aussergerichtlich beseitigt sind. D~ese
materiellrechtlichen Verhältnisse, welche zur GleIchbehandlung von Schuldner und Pfandeigentümer führen,
liegen aber nicht vor, wenn es sich wie hier, um Drittmannsrechte an einem mit Retentionsrecht belegten
Gegenstande handelt. Denn der Dritteigentümer eines
Retentionsobjektes ist weder berechtigt die Mietzinsforderung zu bestreiten, noch prinzipielle Einwendungen
gegen das Retentionsrecht geltend zu. machen. Er hat
vielmehr lediglich die Möglichkeit, zu beweisen, dass der
Gläubiger um die am Retentionsgegenstande bestehenden
Drittmannsrechte wusste, und dieser muss aus der Retention freigegeben werden, .sofern der Ansprecher diesen
Nachweis zu erbringen vermag, während das Retentionsrecht bes.tehen bleibt, wenn er zv,,"ar seine Eigentumsrechte, nicht aber die Kenntnis des Gläubigers davon
beweisen kann. Zur Abklärung dieser Verhältnisse genügt
das in Art. 106 bis 109 SchKG geordnete Widerspruchsverfahren und es liegt daher kein Grund vor, den Dritteigentümer schon im Einleitungsverfahren zum Worte
kommen zu lassen, wie dies ja auch in der Pfändungsbetreibung hinsichtlich des am Pfändungsgegenstande
Berechtigten nicht der Fall ist. Die Praxis (AS Sep.-
und Konkurskammer. N0 31.
111
Ausg. ä Nr. 6 und 35*) hat denn auch gestützt auf diese
Erwägungen den Standpu.nkt eingenommen, dass Streitigkeiten über an Retentionsgegenständen bestehende
Drittmannsrechte erst im letzten Stadium des Verfahrens,
nämlich nach der Stellung des Verwertungsbegehrens
auszutragen seien, und es wurde die Geltendmachung
der Drittansprüche in einem früheren Zeitpunkte sogar
als unnötig und verfrüht bezeichnet. Dem entsprechend
ist in der vierten Rubrik auf der Rückseite des offiziellen
Formulars für die Retentionsurkunde die Bemerkung
angebracht: « Das Verfahren gemäss Art. 106 bis 109
SchKG ist erst einzuleiten, nachdem das Verwertungsbegehren gestellt wurde. »
Nach dem Gesagten kann daher die Tatsache, dass das
Retentionsrecht sich auch auf Drittmannseigentum zu
erstrecken vermag, nicht zu einer analogen Anwendung
von Art. 153 Abs. 2 SchKG auf die Mietzinsbetreibung
führen, weil die materielle Rechtslage des Dritteigentümers eines Pfandes eine durchaus verschiedene ist und
somit für eine Gleichbehandlung beider im Vollstreckungsverfahren jede ratio fehlt, ganz abgesehen davon, dass
auch das Gesetz hiefür nicht den geringsten Anhaltspunkt gibt.
Demnach erkennt die Schuldbetr.- und Konkurskammer:
Der Rekurs wird begründet erklärt und der Entscheid
der Aufsichtsbehörde für Schuldbetreibung und Konkurs
des Kantons Basel-Landschaft vom 12. Juli 1918 aufgehoben.
• Ges.-Ausg. 28 I Nr. 16 und 56~