Sachverhalt
Im Konkurse über Hieronymus Glaser-Imhof
in Binningen trat das Konkursamt Binningen am 25.
August 1915 Anfechtungsansprüche der Masse gegen
Hans Glaser, den Sohn des ~meinschuldners, im Sinne
des Art. 260 SchKG an den Rekurrenten Albert Levi-Heim in Basel, die Rekursgegnerin Frau Glaser, die
Ehefrau des Gemeinschuldners, und sieben weitere
Gläubiger ab, ohne jedoch hiefür das vorgeschriebene
Formular zu verwenden. Sämtliche Abtretungsgläubiger
ausser einem leiteten innert der angesetzten Frist beim
Friedensrichteramt Binningen die Anfechtungsklage ein.
Dabei handelten aber nur der Rekurrent und sechs
weitere Gläubiger gemeinsam durch einen gemeinschaftlichen Vertreter; die Rekursgegnerin trat getrennt von
ihnen für sich allein auf. Sie begnügte sich denn auch
damit, den Friedensrichter-Akzessschein dem Bezirksgericht Arlesheim kurz vor Ablauf der dafür bestehenden
gesetzlichen Frist einzureichen und sodann das Ergebnis
und Konkurskammer. N° 32.
161
des Vorgehens der übrigen Gläubiger abzuwarten, indem
sie die vorläufige Einstellung ihres Prozesses veranlasste.
Die übrigen klagenden Gläubiger verlangten mit der Anfechtungsklage vom Sohne des Gemeinschuldners die
Zahlung eines Betrages von 16,000 Fr. Nachdem aber die
erste Instanz die Klage abgewiesen hatte, zog bloss der
Rekurrent dieses Urteil an das Obergericht des Kantons
Basel-Landschaft weiter und verlangte in der Appellationsverhandlung nur noch die Zahlung von 5680 Fr.
nebst Zins. Er tat das mit Rücksicht darauf, dass sein
Verlust im Konkurse bloss soviel betrug.
Das Obergericht hiess durch Urteil vom 20. Oktober
1916 die Klage im erwähnten Betrage gut, bemerkte aber,
dass sie für einen Betrag von 15,000 Fr. oder 11,000 Fr.
gutgeheissen worden wäre, wenn der Rekurrent das ursprüngliche Klagbegehren aufrechterhalten hätte.
Die Rekursgegnerin schloss nun am 9. Januar 1917 mit
ihrem Sohne einen Vergleich ab, wodurch der von ihr
eingeleitete Prozess erledigt wurde. Dieser Vergleich
enthält folgende Bestimmung : «Die Klägerin verlangt,
-dass infolge der grundsätzlichen Anfechtbarkeit des fraglichen Geschäftes der Beklagte an die Konkursmasse
Hieronimus Gla~er zu Handen der sämtlichen proze-
-dierenden Gläubiger nur einen Betrag von 5680 Fr. nebst
Zins zu 5% seit 26. August 1915 zu bezahlen habe. Sie
verzichtet ihrerseits auf einen Mehrbetrag, indem in
Anbetracht aller Verhältnisse die Zahlung dieser 5680 Fr.
plus Zins nach ihrer Auffassung mehr als genug ist. Die
ergangenen Kosten übernimmt der Beklagte. })
Infolge einer Betreibung des Rekurrenten für den Betr3g
von 5680 Fr. nebst Zins und die Prozesskosten bezahlte
Hans Glaser dem Betreibungs- und Konkursamt Binningen 6535 Fr. 50 Cts.
Das Konkursamt stellte darauf am 9. März 1917 einen
Nachtrag zur Verteilungsliste auf. Es wies darin, nachdem
es zunächst sich selbst für die Kosten gedeckt hatte, dem
Rekurrenten für seine Prozesskosten 422 Fr. 10 Cts. zu.
162
Entscheidungen der Sehuldbetreibungs-Der übrig bleibende Betrag wurde in der Weise verteilt.
dass die Rekursgegnerin für die privilegierte Hälfte ihrer
Frauengutsforderung von 8000 Fr. gedeckt und der
Restbetrag in der 5. Klasse unter sie und den Rekurrenten
verteilt wurde. Dieser erhielt somit für seine kollozierte
Forderung 1287 Fr. 30 Cts., die Rekursgegnerin dagege;n
etwa 4800 Fr.
B. -
Gegen diese Verteilung erhob der Rekurrent
Beschwerde mit dem Antrag, das Konkursamt sei anzuweisen, den « gesamten Erlös der Pfändung)} ihm zu
überlassen.
Er machte geltend : Das Prozessergebnis komme nur
solchen Gläubigern zu, die den Prozess durchgeführt
haben. Die Abmachung zwischen der Rekursgegnerin und
ihrem Sohne könne den Prozessgewinn des Rekurrenten
nicht beeinträchtigen:
Die Rekursgegnerin beantragte die Abweisung der
Beschwerde, indem sie ausführte: Ebenso wie der Rekurrent habe darauf verzichten können, den ganzen
A'1fechtungsanspruch geltend zu machen, und damit
seine ehemaligen Mitkläger schwer geschädigt habe, so
könne auch sie (die Rekursgegnerin) einen Prozessvergleich abschliessen, wodurch sie auf die Geltendmachung
eines Teiles des Anfechtungsanspruches verzichte. Höchstens das Konkursamt hätte hiegegen Einspruch erheben
können; dies sei aber jetzt nicht mehr möglich.
Die Aufsichtsbehörde de"s Kantons Basel-Landschaft
wies die Beschwerde durch Entscheid vom 17. April 1917
mit folgender Begründung ab : Für die Abtretung hätte
das Konkursamt das in Art. 80 KV vorgeschriebene Formular verwenden sollen. Da dies nicht geschehen sei, so
bestünden Zweifel, inwieweit die auf das Formular aufgedruckten Bedingungen für die Auslegung der vorliegenden Abtretung massgebend seien. Nun hätten beide
Parteien auf die prozessualis.che Durchsetzung des ganzen
Anfechtungsanspruches verzichtet. Dies hätte aber nur
die Konkursverwaltung beanstanden können; die Auf- und Konkurskammer. N° 32.
163
sichtsbehörde habe nicht die Befugnis zur Ueberprüfung
der Prozessführung. Die Verteilung sei an und für sich
nicht anfechtbar; der Vergleich zwischen der Rekursgegnerin und ihrem Sohne sei für das Konkursamt verbindlich.
C. -
Diesen ihm am 25. April 1917 zugestellten Entscheid hat der Rekurrent am 3. Mai 1917 unter Erneuerung seiner Begehren an das Bundesgericht weitergezogen.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer zieht
Erwägungen (3 Absätze)
E. 1 Dass das Konkursamt für dieAbtretungserklärung
nicht das in Art. 80 KV vorgesehene Formular N° 7 verwendet hat, ist im vorliegenden Falle ohne Bedeutung.
Die im Formular unter N° 1-5 und 7 aufgeführten Abtretungsbedingungen enthalten Grundsätze über die Rechte
und Pflichten der Abtretungsgläubiger und über das Verfahren bei der Verteilung des Ergebnisses aus der Abtretung, die sich aus der rechtlichen Natur der Abtretung
notwendig ergeben und denn auch schon vor dem Erlass
der Konkursverordnung in der Praxis im Laufe der Zeit
. aufgestellt worden sind (vergI. insbes. AS Sep.-Ausg. 4
N0 12 S,49 ff., N0 15 Erw.2, 6 N°41 S.178 f., N° 49 S.206*).
So galt auch der in Ziff. 5 der Abtretungsbedingungen
aufgeführte Grundsatz, dass mehrere Abtretu?gsgIäubiger in einem allfälligen Prozessverfahren als ~treItgenossen
auftreten müssen, für den Rekurrenten, die Hekursgegnerin und die übrigen in der Abtretungsurkunde vom
25. August 1915 genannten Gläubiger. Da, wie das Bundesgericht wiederholt festgestellt hat, die Abtretung nach
Art. 260 SchKG keine zivilrechtliche Zession von Rechten
der Konkursmasse oder des Gemeinschuldners bildet,
sondern nur die Uebertragung der Befugnis zur Geltendmachung solcher Rechte bedeutet, so bleibt trotz der
Abtretung die Konkursmasse oder der Gemeinschuldner
• Ges.-Ausg. 27 II S. 129 fi., I S. 234 1'., 29 II S. 397 Erw. 2, I S.370.
164
Entscheidungen der Schuldbetreibungs-Träger dieser Rechte, und die Abtretung erfolgt auch bei
teilbaren Rechten und einer Mehrheit von Abtretungsgläubigern stets in dem Sinne, dass jeder von diesen die
Befugnis und die Verpflichtung zur Geltendmachung des
g a n zen «abgetretenen» Rechtes erhält. Jeder wird
.also Vertreter der Konkursmasse für dieses ganze Recht.
Hieraus ergibt sich ohne weiteres, dass mehrere Abtretungsgläubiger nicht getrennt und unabhängig von einander
vorgehen können; es kann nicht der eine sein Ziel durch
.einen Vergleich zu erreichen suchen und gleichzeitig der
andere einen Prozess durchführen. Einer mehrfachen
Prozessführung durch verschiedene Abtretungsgläubiger
stände, weil sie alle dasselbe Recht namens desselben
Rechtssubjektes verfolgen, übrigens auch die Einrede der
Streithängigkeit oder· der abgeurteilten Sache entgegen.
Das Bundesgericht hat allerdings wiederholt erklärt, dass
jeder von mehreren Abtretungsgläubigern ein selbständiges Prozessführungsrecht habe, also auch ohne Mitwirkung der andern vorgehen könne, wenn diese von der
Abtretung keinen Gebrauch machen wollen (AS. Sep.-
Ausg. 10 N° 40 Erw. 2, 11 N° 32 Erw. 2*, Ges.-Ausg. 41 III
N° 69). Damit wollte aber nicht gesagt werden, dass meh-
Iere Abtretungsgläubiger neben einander, jeder auf eigene
Faust und nach eigenem Gutdünken und nur für einen
Teilbetrag, gegen den Dritten vorgehen könnten; sondern es sollte damit nur dem Gedanken Ausdruck gegeben
werden, dass einer von mehreren Abtretungsgläubigern
.die Rechtsverfolgung selbständig anheben und durchführen kann, wenn die andern in der Sache nichts tun
·oder auf die 'Veiterführung eines Prozesses verzichten,
und dass er auch nicht etwa verpflichtet ist, die andern
zum Anschluss aufzufordern. Nach der Natur der Abtretung war somit ein getrenntes Vorgehen des Rekurrenten
und der Rekursgegnerin ausgeschlossen.
E. 2 Hinsichtlich der Bedeutung einer getrennten Pro-
* Ges.-Ausg. 33 II N° 48, 34 11 N° 42.
und Konkurskammer. Nu 32
165
:zessführung mehrerer Abtretungsgläubiger für die Vertejlung des Proze;.,sgewinns ist zu sagen, dass ein Gläubiger,
der zwar formell den Prozess einleitet, ihn aber liegen lässt.
bis die andern ihren Prozess durchgeführt haben, um sich
dann auf der Grundlage des Ergebnisses dieses Prozesses
mit der Gegenpartei vergleichsweise zu einigen, keinen
Anspruch auf privilegierte Deckung aus dem Prozessergebnis hat. Nach der feststehenden Praxis des Bundesgerichtes steht dieser Anspruch nicht ohne weiteres jedem
Abtretungsgläubiger zu, ohne Rücksicht darauf, ob er
klagend vorgegangen ist oder nicht; sondern er bildet
die Prämie für die zur Erreichung des Prozessergebnisses
aufgewendete Mühe und insbesondere für die Übernahme des Risikos, die Prozesskosten tragen zu müssen
(AS Sep.-Ausg. 14 N° 82 S. 342, 18 N° 44*, Ges.-Ausg.
41 III N° 69). Daher können nur diejenigen Abtretungsgläubiger das Recht auf privilegierte Deckung aus dem
Prozessergebnis beanspruchen, die durch ihre Tätigkeit
dieses Ergebnis herbeigeführt haben. Das Bundesgericht
hat denn auch bereits im Entscheide i. S. Hinden-Blumer
vom 17. Dezember 1914 (AS 40 III N° 80 S. 436) hervorgehoben, dass nicht ein Abtretungsgläubiger an dem von
andern erstrittenen Prozessergebnis gleich diesem teilnehmen kann, ohne beim Streite, der zu diesem Ergebnis
beführt hat, mitgewirkt zu haben. Somit kann keine Rede
davon sein, dass die Rekursgegnerin ein Recht darauf hätte,
gleich dem Rekurrenten aus dem von ihm erstrittenen
Prozessgewinn vorzugsweise gedeckt zu werden. Die Zuweisungen an die Rekursgegnerin in der Verteilungsliste
vom 9. März 1917 sind daher aufzuheben und das Konkursamt ist anzuweisen, den nach Deckung seiner Kosten und
der Prozesskosten des' Rek\lrrenten von der Zahlung des
Hans Glaser noch bleibenden Betrag dem Rekurrenten zuzuteilen, soweit er zu dessen Deckung erforderlich ist. und
einen allfälligen Überschus~ unter die übrigen Konkurs-
* Ges.-Ausg. 37 II S. 322, 39 I S. 464 Erw. 1-
AS 43 111 -
1\117
166
Entscheidungen der Schuldbetrelbungsgläubiger nach dem ihnen im Kollokationsplan gegebenen
Rang zu verteilen. Die Rekursgegnerin könnte lediglich
auf Grund dieser Rangordnung, aber nicht auf Grund
ihrer Prozessführung an einem allfälligen Überschuss ein
Vorrecht beanspruchen.
E. 3 Der Rekurrent hat allerdings seine aus der Abtretung sich gegenüber der Konkursmasse ergebende Verpflichtung, den Prozess auch im Interesse der Masse sorgfältig durchzuführen (vgl. AS Sep.-Ausg. " N° 12 S. 50 fi., No 15 Erw. ~, 6 N0 41 S. 178 f. uud N0 49 S. 206*), nicht erfüllt, indem er lediglich mit Rücksicht auf die Höhe seiner ungedeckten Konkursforderung die Klage zum Teil fallen liess. Es könnte sich daher fragen, ob er der Konkursmasse gegenüber schadenersatzpflichtig sei, weil er sie damit augenscheinlich um den Überschuss des Prozessgewinns über den zu seiner Deckung. erforderlichen Betrag gebracht hat. Indessen hat -die Konkursverwaltung einen solchen Schadenersatzanspruch bisher nicht geltend gemacht und die Rekursgegnerin wäre zu dessen Geltendmachung nicht legitimiert. Demnach hat die Schuldbetreibungs- u. Konkurskammer er ka np. t : Der Rekurs wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
32. Entscheid vom 19. Kai 1917 i. S. LeVi.
Abtretung nach Art. 260 SchKG. -
Rechtliche Natur.
Wirksamkeit der im offiziellen Formular aufgestellten
Grundsätze auch ohne Verwendung des Formulars. -
Notwendigkeit für mehrere Abtretungsgläubiger, als Streitgenossen aufzutreten, -
Folgen für die Verteilung des
Prozessgewinnes, wenn einer von mehreren Gläubigern
einen besondern Prozess eingeleitet und mit der Gegenpartei nach der Erledigung des Prozesses der andern Gläubiger einen Vergleich abgeschlossen hat.
A. -
Im Konkurse über Hieronymus Glaser-Imhof
in Binningen trat das Konkursamt Binningen am 25.
August 1915 Anfechtungsansprüche der Masse gegen
Hans Glaser, den Sohn des ~meinschuldners, im Sinne
des Art. 260 SchKG an den Rekurrenten Albert Levi-Heim in Basel, die Rekursgegnerin Frau Glaser, die
Ehefrau des Gemeinschuldners, und sieben weitere
Gläubiger ab, ohne jedoch hiefür das vorgeschriebene
Formular zu verwenden. Sämtliche Abtretungsgläubiger
ausser einem leiteten innert der angesetzten Frist beim
Friedensrichteramt Binningen die Anfechtungsklage ein.
Dabei handelten aber nur der Rekurrent und sechs
weitere Gläubiger gemeinsam durch einen gemeinschaftlichen Vertreter; die Rekursgegnerin trat getrennt von
ihnen für sich allein auf. Sie begnügte sich denn auch
damit, den Friedensrichter-Akzessschein dem Bezirksgericht Arlesheim kurz vor Ablauf der dafür bestehenden
gesetzlichen Frist einzureichen und sodann das Ergebnis
und Konkurskammer. N° 32.
161
des Vorgehens der übrigen Gläubiger abzuwarten, indem
sie die vorläufige Einstellung ihres Prozesses veranlasste.
Die übrigen klagenden Gläubiger verlangten mit der Anfechtungsklage vom Sohne des Gemeinschuldners die
Zahlung eines Betrages von 16,000 Fr. Nachdem aber die
erste Instanz die Klage abgewiesen hatte, zog bloss der
Rekurrent dieses Urteil an das Obergericht des Kantons
Basel-Landschaft weiter und verlangte in der Appellationsverhandlung nur noch die Zahlung von 5680 Fr.
nebst Zins. Er tat das mit Rücksicht darauf, dass sein
Verlust im Konkurse bloss soviel betrug.
Das Obergericht hiess durch Urteil vom 20. Oktober
1916 die Klage im erwähnten Betrage gut, bemerkte aber,
dass sie für einen Betrag von 15,000 Fr. oder 11,000 Fr.
gutgeheissen worden wäre, wenn der Rekurrent das ursprüngliche Klagbegehren aufrechterhalten hätte.
Die Rekursgegnerin schloss nun am 9. Januar 1917 mit
ihrem Sohne einen Vergleich ab, wodurch der von ihr
eingeleitete Prozess erledigt wurde. Dieser Vergleich
enthält folgende Bestimmung : «Die Klägerin verlangt,
-dass infolge der grundsätzlichen Anfechtbarkeit des fraglichen Geschäftes der Beklagte an die Konkursmasse
Hieronimus Gla~er zu Handen der sämtlichen proze-
-dierenden Gläubiger nur einen Betrag von 5680 Fr. nebst
Zins zu 5% seit 26. August 1915 zu bezahlen habe. Sie
verzichtet ihrerseits auf einen Mehrbetrag, indem in
Anbetracht aller Verhältnisse die Zahlung dieser 5680 Fr.
plus Zins nach ihrer Auffassung mehr als genug ist. Die
ergangenen Kosten übernimmt der Beklagte. })
Infolge einer Betreibung des Rekurrenten für den Betr3g
von 5680 Fr. nebst Zins und die Prozesskosten bezahlte
Hans Glaser dem Betreibungs- und Konkursamt Binningen 6535 Fr. 50 Cts.
Das Konkursamt stellte darauf am 9. März 1917 einen
Nachtrag zur Verteilungsliste auf. Es wies darin, nachdem
es zunächst sich selbst für die Kosten gedeckt hatte, dem
Rekurrenten für seine Prozesskosten 422 Fr. 10 Cts. zu.
162
Entscheidungen der Sehuldbetreibungs-Der übrig bleibende Betrag wurde in der Weise verteilt.
dass die Rekursgegnerin für die privilegierte Hälfte ihrer
Frauengutsforderung von 8000 Fr. gedeckt und der
Restbetrag in der 5. Klasse unter sie und den Rekurrenten
verteilt wurde. Dieser erhielt somit für seine kollozierte
Forderung 1287 Fr. 30 Cts., die Rekursgegnerin dagege;n
etwa 4800 Fr.
B. -
Gegen diese Verteilung erhob der Rekurrent
Beschwerde mit dem Antrag, das Konkursamt sei anzuweisen, den « gesamten Erlös der Pfändung)} ihm zu
überlassen.
Er machte geltend : Das Prozessergebnis komme nur
solchen Gläubigern zu, die den Prozess durchgeführt
haben. Die Abmachung zwischen der Rekursgegnerin und
ihrem Sohne könne den Prozessgewinn des Rekurrenten
nicht beeinträchtigen:
Die Rekursgegnerin beantragte die Abweisung der
Beschwerde, indem sie ausführte: Ebenso wie der Rekurrent habe darauf verzichten können, den ganzen
A'1fechtungsanspruch geltend zu machen, und damit
seine ehemaligen Mitkläger schwer geschädigt habe, so
könne auch sie (die Rekursgegnerin) einen Prozessvergleich abschliessen, wodurch sie auf die Geltendmachung
eines Teiles des Anfechtungsanspruches verzichte. Höchstens das Konkursamt hätte hiegegen Einspruch erheben
können; dies sei aber jetzt nicht mehr möglich.
Die Aufsichtsbehörde de"s Kantons Basel-Landschaft
wies die Beschwerde durch Entscheid vom 17. April 1917
mit folgender Begründung ab : Für die Abtretung hätte
das Konkursamt das in Art. 80 KV vorgeschriebene Formular verwenden sollen. Da dies nicht geschehen sei, so
bestünden Zweifel, inwieweit die auf das Formular aufgedruckten Bedingungen für die Auslegung der vorliegenden Abtretung massgebend seien. Nun hätten beide
Parteien auf die prozessualis.che Durchsetzung des ganzen
Anfechtungsanspruches verzichtet. Dies hätte aber nur
die Konkursverwaltung beanstanden können; die Auf- und Konkurskammer. N° 32.
163
sichtsbehörde habe nicht die Befugnis zur Ueberprüfung
der Prozessführung. Die Verteilung sei an und für sich
nicht anfechtbar; der Vergleich zwischen der Rekursgegnerin und ihrem Sohne sei für das Konkursamt verbindlich.
C. -
Diesen ihm am 25. April 1917 zugestellten Entscheid hat der Rekurrent am 3. Mai 1917 unter Erneuerung seiner Begehren an das Bundesgericht weitergezogen.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer zieht
in Erwägung:
1. - Dass das Konkursamt für dieAbtretungserklärung
nicht das in Art. 80 KV vorgesehene Formular N° 7 verwendet hat, ist im vorliegenden Falle ohne Bedeutung.
Die im Formular unter N° 1-5 und 7 aufgeführten Abtretungsbedingungen enthalten Grundsätze über die Rechte
und Pflichten der Abtretungsgläubiger und über das Verfahren bei der Verteilung des Ergebnisses aus der Abtretung, die sich aus der rechtlichen Natur der Abtretung
notwendig ergeben und denn auch schon vor dem Erlass
der Konkursverordnung in der Praxis im Laufe der Zeit
. aufgestellt worden sind (vergI. insbes. AS Sep.-Ausg. 4
N0 12 S,49 ff., N0 15 Erw.2, 6 N°41 S.178 f., N° 49 S.206*).
So galt auch der in Ziff. 5 der Abtretungsbedingungen
aufgeführte Grundsatz, dass mehrere Abtretu?gsgIäubiger in einem allfälligen Prozessverfahren als ~treItgenossen
auftreten müssen, für den Rekurrenten, die Hekursgegnerin und die übrigen in der Abtretungsurkunde vom
25. August 1915 genannten Gläubiger. Da, wie das Bundesgericht wiederholt festgestellt hat, die Abtretung nach
Art. 260 SchKG keine zivilrechtliche Zession von Rechten
der Konkursmasse oder des Gemeinschuldners bildet,
sondern nur die Uebertragung der Befugnis zur Geltendmachung solcher Rechte bedeutet, so bleibt trotz der
Abtretung die Konkursmasse oder der Gemeinschuldner
• Ges.-Ausg. 27 II S. 129 fi., I S. 234 1'., 29 II S. 397 Erw. 2, I S.370.
164
Entscheidungen der Schuldbetreibungs-Träger dieser Rechte, und die Abtretung erfolgt auch bei
teilbaren Rechten und einer Mehrheit von Abtretungsgläubigern stets in dem Sinne, dass jeder von diesen die
Befugnis und die Verpflichtung zur Geltendmachung des
g a n zen «abgetretenen» Rechtes erhält. Jeder wird
.also Vertreter der Konkursmasse für dieses ganze Recht.
Hieraus ergibt sich ohne weiteres, dass mehrere Abtretungsgläubiger nicht getrennt und unabhängig von einander
vorgehen können; es kann nicht der eine sein Ziel durch
.einen Vergleich zu erreichen suchen und gleichzeitig der
andere einen Prozess durchführen. Einer mehrfachen
Prozessführung durch verschiedene Abtretungsgläubiger
stände, weil sie alle dasselbe Recht namens desselben
Rechtssubjektes verfolgen, übrigens auch die Einrede der
Streithängigkeit oder· der abgeurteilten Sache entgegen.
Das Bundesgericht hat allerdings wiederholt erklärt, dass
jeder von mehreren Abtretungsgläubigern ein selbständiges Prozessführungsrecht habe, also auch ohne Mitwirkung der andern vorgehen könne, wenn diese von der
Abtretung keinen Gebrauch machen wollen (AS. Sep.-
Ausg. 10 N° 40 Erw. 2, 11 N° 32 Erw. 2*, Ges.-Ausg. 41 III
N° 69). Damit wollte aber nicht gesagt werden, dass meh-
Iere Abtretungsgläubiger neben einander, jeder auf eigene
Faust und nach eigenem Gutdünken und nur für einen
Teilbetrag, gegen den Dritten vorgehen könnten; sondern es sollte damit nur dem Gedanken Ausdruck gegeben
werden, dass einer von mehreren Abtretungsgläubigern
.die Rechtsverfolgung selbständig anheben und durchführen kann, wenn die andern in der Sache nichts tun
·oder auf die 'Veiterführung eines Prozesses verzichten,
und dass er auch nicht etwa verpflichtet ist, die andern
zum Anschluss aufzufordern. Nach der Natur der Abtretung war somit ein getrenntes Vorgehen des Rekurrenten
und der Rekursgegnerin ausgeschlossen.
2. -
Hinsichtlich der Bedeutung einer getrennten Pro-
* Ges.-Ausg. 33 II N° 48, 34 11 N° 42.
und Konkurskammer. Nu 32
165
:zessführung mehrerer Abtretungsgläubiger für die Vertejlung des Proze;.,sgewinns ist zu sagen, dass ein Gläubiger,
der zwar formell den Prozess einleitet, ihn aber liegen lässt.
bis die andern ihren Prozess durchgeführt haben, um sich
dann auf der Grundlage des Ergebnisses dieses Prozesses
mit der Gegenpartei vergleichsweise zu einigen, keinen
Anspruch auf privilegierte Deckung aus dem Prozessergebnis hat. Nach der feststehenden Praxis des Bundesgerichtes steht dieser Anspruch nicht ohne weiteres jedem
Abtretungsgläubiger zu, ohne Rücksicht darauf, ob er
klagend vorgegangen ist oder nicht; sondern er bildet
die Prämie für die zur Erreichung des Prozessergebnisses
aufgewendete Mühe und insbesondere für die Übernahme des Risikos, die Prozesskosten tragen zu müssen
(AS Sep.-Ausg. 14 N° 82 S. 342, 18 N° 44*, Ges.-Ausg.
41 III N° 69). Daher können nur diejenigen Abtretungsgläubiger das Recht auf privilegierte Deckung aus dem
Prozessergebnis beanspruchen, die durch ihre Tätigkeit
dieses Ergebnis herbeigeführt haben. Das Bundesgericht
hat denn auch bereits im Entscheide i. S. Hinden-Blumer
vom 17. Dezember 1914 (AS 40 III N° 80 S. 436) hervorgehoben, dass nicht ein Abtretungsgläubiger an dem von
andern erstrittenen Prozessergebnis gleich diesem teilnehmen kann, ohne beim Streite, der zu diesem Ergebnis
beführt hat, mitgewirkt zu haben. Somit kann keine Rede
davon sein, dass die Rekursgegnerin ein Recht darauf hätte,
gleich dem Rekurrenten aus dem von ihm erstrittenen
Prozessgewinn vorzugsweise gedeckt zu werden. Die Zuweisungen an die Rekursgegnerin in der Verteilungsliste
vom 9. März 1917 sind daher aufzuheben und das Konkursamt ist anzuweisen, den nach Deckung seiner Kosten und
der Prozesskosten des' Rek\lrrenten von der Zahlung des
Hans Glaser noch bleibenden Betrag dem Rekurrenten zuzuteilen, soweit er zu dessen Deckung erforderlich ist. und
einen allfälligen Überschus~ unter die übrigen Konkurs-
* Ges.-Ausg. 37 II S. 322, 39 I S. 464 Erw. 1-
AS 43 111 -
1\117
166
Entscheidungen der Schuldbetrelbungsgläubiger nach dem ihnen im Kollokationsplan gegebenen
Rang zu verteilen. Die Rekursgegnerin könnte lediglich
auf Grund dieser Rangordnung, aber nicht auf Grund
ihrer Prozessführung an einem allfälligen Überschuss ein
Vorrecht beanspruchen.
3. -
Der Rekurrent hat allerdings seine aus der Abtretung sich gegenüber der Konkursmasse ergebende Verpflichtung, den Prozess auch im Interesse der Masse
sorgfältig durchzuführen (vgl. AS Sep.-Ausg. " N° 12
S. 50 fi., No 15 Erw. ~, 6 N0 41 S. 178 f. uud N0 49 S. 206*),
nicht erfüllt, indem er lediglich mit Rücksicht auf die
Höhe seiner ungedeckten Konkursforderung die Klage
zum Teil fallen liess. Es könnte sich daher fragen, ob
er der Konkursmasse gegenüber schadenersatzpflichtig
sei, weil er sie damit augenscheinlich um den Überschuss des Prozessgewinns über den zu seiner Deckung.
erforderlichen Betrag gebracht hat. Indessen hat -die
Konkursverwaltung einen solchen Schadenersatzanspruch
bisher nicht geltend gemacht und die Rekursgegnerin
wäre zu dessen Geltendmachung nicht legitimiert.
Demnach hat die Schuldbetreibungs- u. Konkurskammer
er ka np. t :
Der Rekurs wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen.