Sachverhalt
Am 9. Dezember 1909 wurde zwischen der
« Friedrich -Wilhelm Lebensversicherungs- Aktiengesell-
schaft zu Berlin» und Rob. Vogel in Solothurn ein Lebens-
versicherungsvertrag abgeschlossen, des~en Wirksamkeit
am 1. September 1903 beginnen sollte (weil der Vertrag
einen aus jener Zeit datierenden ersetzte), und worin be-
stimmt war, dass die Versicherungssumme von 15,000 Fr.
« liach dem Tode des Versicherten an seine gesetzlichen
Erben» gezahlt werden solle. Der Versicherungsnehmer
war im Dezember 1909 Witwer und Vater der Beklagten.
Am 1. September 1903 (dem Datum des Abschlusses des
ersten Versicherungsvertrags) hatte seine Ehefrau noch
gelebt; der damalige Versicherungsvertrag hatte dieselbe
Begünstigungsklausel enthalten, wie derjenige vom
9. Dezember 1909. Am 27. November 1911 verheiratete
sich Vogel in zweiter Ehe mit der heutigen Klägerin.
Anfangs 1912 schloss er ausschliesslich zu Gunsten dieser
zweiten Ehefrau eine weitere Lebensversicherung im Be-
trage von 10,000 Fr. ab. Im April 1913 wurde er wegen
554
ObligationenreCht. N° 69.
Geisteskrankheit entmündigt. Am 4. August 1913 schrieb
sein Vormund im Einverständnis mit der Vormund-
schaftsbehörde an die Versicherungsgesellschaft, er ver-
1ange, dass sie in der zu Gunsten der « gesetzlichen
Erben» lautenden ersten Police {(zur Verdeutlichung),
als Begünstigte « die Kinder Robert, Ida, Martha.
Mathilde und Fritz Vogel » vermerke. Diesem Begehren
entsprach die Versicherungsgesellschaft. Am 30. August
1913 starb Rob. Vogel. Die Versicherungssumme von
15,000 Fr. wurde von der Versicherungsges.!llschaft zu
Handen wes Rechtens bei der Solothurner Kantonalbank
deponiert.
B. -
Durch Urteil vom 1. Mai 1915 hat das Ober-
gericht des Kantons Solothurn über die ({ Rechtsfragen l) :
«1. Ob gerichtlich festzustellen sei, dass die im August
)} 1913 durch den Vormund des verstorbenen Robert Vogel,
l) Dr. H. Spillmann, vorgenommene Abänderung der Be-
l) günstigungsklausel zur Versicherungspolice N° 229,191
& der « Friedrich-Wilhelm)}, Lebensversicherungs-Aktien-
» gesellschaft per 15,000 Fr. rechtsunwil'ksam sei und
)} zerfalle?
«2. Ob gerichtlich festzustellen sei und die Beklagten
» anzuerkennen haben, dass die Lebensversicherungspolice
» des R. Vogel N° 229,191 der « Friedrich-Wilhelm» vom
» 9. Dezember 1909 {(zu Gunsten der gesetzlichen Erben »
» abgeschlossen sei ?
«3. Ob die Solothurner Kmitol1albank anzuweisen sei,
l) die Hälfte der bei ihr am 16. Dezember 1913 deponier-
» ten Versicherungssumme, nämlich 7500 Fr. nebst Depot-
» zins,. an die Klägeril1 auszubezahlen?,)
erkannt:
D~e Rechts~egehren der Klage sind gänzlich abgewiesen.
Dieses UrteIl beruht auf der Erwägung, dass der Ver-
storbene im Dezember 1909 unter (I seinen gesetzlichen
Erben» offenbar nur seine Kinder verstanden habe nicht
auch die Klägerin, mit der er damals gar noch' nicht
verheiratet gewesen sei; eventuell wäre der Vormund
Obügationenrecht. N° 69.
555
befugt gewesen, eine von Vogel ursprünglich anders ver-
standem~ Begünstigungsklausel in diesem Sinne abzu-
. ändern.
C. -
Gegen dieses Urteil. richtet sich die vorliegende,
rechtzeitig und in richtiger Form ergriffene Berufung an
das Bundesgericht, mit dem Antrag auf Gutheissung
der Klage.
Erwägungen (4 Absätze)
E. 1 Vor allem fragt es sich, ob bei der Bestimmung
der zum Bezug der Versicherungssumme berechtigten
Personen die Weisung zu berücksichtigen sei, die am
4. August 1913 der Vormund des Robert Vogel an die
Versicherungsgesellschaft richtete, indem er sie als eine
(, Verdeutlichung» der Begünstigungsklausel bezeichnete.
Für die Entscheidung dieser Frage ist unerheblich, ob
es sich bei jener Weisung wirklich nur um eine Verdeut-
Hehung, oder aber um eine Ab ä nd er u n g der ur-
sprünglichen Dispositionen des Versicherungsnehmers
handelte. Entweder ist nämlich der Vormund in Ver-
bindung mit der Vormundschaftsbehörde befugt, an Stelle
des Versicherungsnehmers das diesem zustehende Recht
zur Bezeichnung allfälliger Begünstigter auszuüben: dann
kann er auch eine bestehende Begünstigung geradezu
ab ä nd ern; oder aber er ist zur Ausübung jenes Rechtes
des Versicherungsnehmers nicht befugt: dann kommt
auch einer von ihm ausgehenden biossen « Verdeut-
lichung» der s. Zt. vom Versicherungsnehmer abge-
gebenen Willenserklärung keinerlei Rechtswirkung zu.
Nach Art. 407 ZGB -
dessen Anwendbarkeit auf den
vorliegenden Fall sich aus Art. 14 SchlT ergibt -
{(vertritt» der Vormund den Bevormundeten, unter Vor-
behalt der Mitwirkung der vormundschaftlichen Behör-
den, «in allen rechtlichen Angelegenheiten I}. Von diesem
Grundsatze besteht indessen nach Art. 19 Abs. 2 insofern
eine Ausnahme, als ur t eil s f ä h i g e unmündige oder
556
Obligationenrecht. N0 69.
entmündigte Personen ohne die Zustimmnng ihrer gesetz-
lichen Vertreter sol c he Rechte auszuüben vermögen,
die «(ihnen um ihrer Persönlichkeit willen zustehen ».
Zu diesen Persönlichkeitsrechten gehören vor allem eine
Anzahl f ami I i e n r e c h t 1 ich e r Befugnisse, wie das
Recht auf Ehescheidung (Art. 137 H.), auf Anfechtung
einer Ehe (Art. 123 ff.), auf Genugtuung wegen schwerer
Verletzung persönlicher Verhältnisse durch ungerecht-
fertigten Verlöbnisbruch (Art. 93, vergl. dazu BGE 41 II
'So 339 ff.), usw.; so dann überhaupt der Anspruch auf
Genugtuung wegen Verletzung persönlicher Verhältnisse
(Art. 49 OR); endlich im Gebiete des Erbrechts: die
Testierfähigkeit, weshalb denn auch nach einer positiven
Gesetzesvorschrift (Art. 467 ZGB) die Voraussetzungen
der Testierfähigkeit weniger streng sind als diejenigen
der allgemeinen Handlungsfähigkeit. Alle diese Persön-
lichkeitsrechte, die der urteilsfähige Unmündige oder
Entmündigte entweder selbständig oder (wie z. B. das
Recht zur Ehe, nach Art. 98 und 99) mit Einwilligung
seines gesetzlichen Vertreters auszuüben in der Lage ist,.
kann umgekehrt der gesetzliche Vertreter -
auch mit
Zustimmung der Vormundschaftsbehörde -
nicht an
S tell e des Mündels ausüben. .
Als ein solches Persönlichkeits- oder höchstpersönliches
Recht erscheint nun auch das dem Versicherungsnehmer
gemäss Art. 76 VVG zustehende Recht zur Bezeichnung
eines Begünstigten. Einerseits nämlich handelt es sich
dabei normalerweise um einen auf Gefühlsmomenten be-
ruhenden Entschluss, bei welchem schon der Natur der
Sache nach eine Vertretung desjenigen, der den Entschluss
zu fassen hat, durch einen Beamten oder eine Behörde,
die als solche nur nach objektiven Gesichtspunkten
handeln 30llen, ausgeschlossen ist; anderseits aber wird
durch die Bezeichnung eines Begünstigten, die übrigens
in der Regel widerrufbar ist, das verfügbare Vermögen
des Versicherungsnehmers nicht geschmälert, sondern es
wird bloss ein sonst zu seiner Erbmasse gehörender An-
Obligationen recht. N· 69.
, 557
spruch zu Gunsten eines einzelnen Erben oder eines
Dritten aus der Erbmasse ausgeschiedeI~; mit andern
Worten: es liegt darin eine vermächtnisähnliche
Zuwendung von Todeswegen, die übrigens ent-
sprechend dieser ihrer Natur auch in der Form eines
Vermächtnisses erfolgen' kann (Art. 563 Ahs. 2 ZGB und
dazu OSTERTAG, Kommentar des VVG, S. 56 f.), und bei
welcher daher eine Vertretung des VerSicherungsnehmers
durch vormundschaftliche Organe nicht möglich ist.
Ebenso wie mit der erstmaligen Bezeichnung eines Be-
günstigten muss es sich aber auch mit einer spätem
Abändernng oder mit einer einfachen Aufhebung der
Begünstigungsklausel verhalten. Auch die Motive für eine
solche Abänderung oder Aufhebnng sind von Gefühls-
momenten abhängig. Fehlt es also in dieser Beziehung
an einer gültigen Willenserklärung des Versichernngs-
nehmers, weil er vollkommen urteilsunfähig ist, so bleibt
einfach die alte Begünstigungsklausel in Kraft.
Dieser Lösung steht nicht etwa der Umstand entgegen,
dass der Vormund zum Abschluss und zur Aufhebung
von Lebensversicherungs ver t r ä gen befähigt ist und
dazu nach Art. 421 Ziff. 11 nur der Zustimmung der
Vormundschaftsbehörde bedarf. Die Fähigkeit zum Ab-
schluss oder zur Aufhebung eines Versicherungsvertrages
als solchen ist gegenüber der Fähigkeit zur Bezeichnung
eines Begünstigten oder zur Aufhebung einer Begünsti-
gnngsklausel nicht das M ehr e r e, in welchem logischer-
weise die Kompetenz zur Vornahme der letztem Akte
als das M i n der e mitenthalten sein müsste. Einerseits
nämlich kann ein Versichernngsvertrag auch ohne Be-
gÜDstigungsklausel abgeschlossen werden; in der Kom-
petenz zum Abschluss eines Versichernngsvertrages
braucht also diejenige zur Beifügung einer Begünsti-
gungsklausel nicht inbegriffen zu sein. Anderseits aber
hat der Umstand, dass die vormnndschaftlichen Organe
durch Aufhebung einer Versicherung zugleich auch die,
ihm beigefügte Begünstigungsklausel unwirksam machen .
558
Obligationenreeht. N° 69.
können; nicht notwendig zUr Folge, dass ihnen deshalb
auch die Kompetenz zur Aufhebung oder Abänderung
. einer Begünstigungsklausel als sol c her zuerkannt
werden müsste. Auch ein Vermächtnis, ja sogar eine
Erbeneinsetzung kann dadurch illusorisch gemacht wer-
den, dass die vermachte bestimmte Sache durch den
Vormund verkauft oder mit seiner Einwilligung ver-
braucht (Art. 484 Abs. 3 ZGB), oder dass das Vermögen
des Erblassers, z. B. infolge Abschlusses eines VerpfrÜB-
dungsvertrages, vollkommen entäussert wird; und doch
ist von keiner Seite je die Auffassung vertreten worden,
dass deshalb die vormundschaftlichen Organe auch zur
direkten Aufhebung eines Vermächtnisses oder einer
Erbeneinsetzung oder zur Abänderung solcher letztwilliger
Verfügungen kompetent seien.
E. 2 Hat demnach bei der Frage, wer im vorliegenden
Falle als Begünstigter erscheine, die am 4. August 1913
vom Vormund des Rob. Vogel im Einverständnis mit
der Vormundschaftsbehörde vorgenommene {(Verdeut-
lichung » der Begünstigungsklausel unberücksichtigt zu
bleiben, so fragt es sich im weitern, wie die Begünsti-
gungsklauseI, so wie sie von Vogel selber formu-
liert worden war, auszulegen" sei. Bei dieser Frage
der Willensauslegung ist,wie bei der Auslegung eines
jeden rechtlich relevanten Willens (vergl. namentlich
Art. 1 OR), nicht sowohl auLden internen Willen des
Erklärenden, als vielmehr auf den für den Adressaten
erkennbaren Willen abzustellen, mit andernWorten :
es kommt nicht darauf an, wen sich der Versicherungs-
nehmer in diesem oder jenem Zeitpunkte unter seinen
« gesetzlichen Erben)} vorstellte oder vorstellen konnte,
sondern entscheidend ist, was die Ver s ich e I' u n g s-
gesellschaft. an welche die Erklärung gerichtet war,
. und welche nicht zensiert ist, die persönlichen Verhält-
nisse des Versicherungsnehmers gekannt zu haben, dar-
unter verstehen musste. Schon hieraus ergibt sich, dass
auf eine Untersuchung der Stimmungen und Gefühle des
ObHgationenrecht. N0 69.
559
Rob. Vogel gtlgenüber diesen oder jenen Mitgliedern seiner
Familie zur Zeit des ~schlusses der Versicherung, oder
zu Lebzeiten seiner ersten Frau, oder nach deren Tode,
oder zur Zeit seiner Wiederverheiratung, oder gar noch
später (als er eine weitere Versicherung ausschliesslieh
zu Gunsten der Klägerin abschloss), hier nicht eingetreten
werden kann, sondern dass die Entscheidung auf Grund
ob j e k t i ver Kriterien zu erfolgen bat -
Kriterien,
die entweder aus" der Police und dem Versicherungs-
antrage, sowie allfälligen andern anlässlich des Vertrags~
abschlusses abgegebenen Erklärungen gegenüber der
Versicherungsgesellschaft zu gewinnen, oder aber direkt
im Gesetze zu. finden sein müssen.
Aus den Akten geht nun nicht hervor und die Beklag-
ten haben auch nicht etwa zum Beweise verstellt. dass
Rob. Vogel der Versicherungsgesellschaft anlässlich des
Vertragsabschlusses irgendwelche Erklärungen darüber
abgegeben habe, welches seine damaligen {(gesetzlichen
Erben I) seien, sodass angenommen werden könnte, die
Gesellschaft habe hievon im Sinne einer Begünstigung
gerade dieser damaligen Erben Notiz nehmen müssen.
Fehlten aber der Versicherungsgesellschaft die nötigen
Anhaltspunkte zur Bestimmung der damaligen Erben,
so konnte sie unter ~ den gesetzlichen Erben I) des Rob.
Vogel offenbar nur diejenigen Personen verstehen, die
seinerzeit tatsächlich seine Erben sein würden, zumal
da es auch dem gewöhnlichen Sprachgebrauch eher ent~
sprieht, unter den {(Erben» eines Lebenden seine der-
einstigen tat s ä c h li c h e n Erben zu verstehen, als
diejenigen Personen, die im Falle eines sofortigen Todes
seine Erben sein würden.
Wären aber auch Zweifel darüber möglich, wen die
Versicherungsgesellschaft {(Friedrich-Wilhelm)) im De-
zember 1909 unter {(den gesetzlichen Erben» des Rob .
Vogel verstehen konnte oder musste. oder wäre diese
Frage sogar im Sinne der Beklagten zu entscheiden, so
müssten dennoch auf Grund des Art. 83 VVG, der nach
..\8 41 11 -
t91S
37
560
Obligatlonenreeht. N° 69.
Art. 102 ibid. auf die vorliegende PoliCe anwendbar ist.
unter jenemAusdruck « die erbberechtigten Nachkommen
und der nberiebende Ehegatte ~ des Rob. Vogel, d. h. die
im Momente seines Todes vorhanden gewesenen
Angehörigen der beiden genannten Arten, und zwar in
dem durch Art. 84 VVG bestimmten Verhältnis. ver-
standen werden. Der Zweck der zitierten Gesetzes-
bestimmungen besteht allerdings zunächst nicht darin,
den der Ermittlung der Begünstigten zu Grunde zu legen-
den Z ei t p unk t festzusetzen, sondern darin, gewissen
gebräulichen Ausdrücken einen von allen subjektiven
Momenten, wie auch von dem nach Zeit und Ort ver-
änderlichen Erbrecht unabhängigen, gewissermassen ver-
sicherungsrechtlichen Sinn zu geben. Allein aus dem
Wortlaute des Gesetzes, insbesondere aus dem Ausdruck
(, überlebende Ehegatte)}, ergibt sich zugleich deutlich,
dass die Auslegung jener Ausdrücke stets unter Zu-
grundelegung der tatsächlichen Verhältnisse im Z e i t -
pun kte des Todes des Versicherten stattzu-
finden hat. Dies entspricht denn auch zweifellos den
Intentionen der meisten derjenigen Versicherungsnehmer,
die als Begünstigte nicht bestimmte; mit Namen ge-
nannte Personen bezeichnen, sondern einen jener allge-
meinen Ausdrücke. wie « meine Erben» oder « meine
Hinterlassenen 11 benutzen. L~tzteres tun sie in der Regel
gerade deshalb, weil sie allfälligt. entweder überhaupt
nicht, oder doch ihrem Zeitpunkte nach nicht voraus-
sehbare Änderungen in ihren Familienverhältnissen
(Todesfälle, Geburt eines Kindes, Hinzukomme.n wei-
terer Kinder, Ehescheidung, Wiederverheiratung usw.)
berücksichtigt 'wissen wolJen. Beabsichtigt ein Versiche-
rungsnehmer dagegen, unabhängig von allen spätern
Ereignissen bestimmte Personen zu begünstigen, so
hat er allen Artlass, diese Person auch individuell zu
bezeichnen. Hievon ausgehend, hat daher das Gesetz
die Interpretationsregel aufgestellt, dass unter den
« Erben l),Wenn diese als begünstigt bezeichnet wUrden,
ObHgationenrecbt. N° 69.
561
« die erbberechtigten Nachkommen und der überlebende
Ehegatte » zu verstehen sind, also die im Momente des
Tod e s erbberechtigten Nachkommen und der tat-
säe h I ich überlebende Ehegatte, nicht etwa diejenigen
Personen. auf welche im Falle eines frühem Todes des
Versicherten jene Bezeichnungen anwendbar gewesen
wären.
E. 3 Die Vorinst.anz und die Parteien, wie auch ein
bei den Akten liegendes Rechtsgutachten, haben in diesem
Zusammenhang noch die Frage erörtert, ob Art. 83 und
der ihn präzisierende Art. 84 « zwingenden », oder aber
({ dispositiven Rechts » seien, und die Vorinstanz sowohl
als die Beklagten und das ReChtsgutachten haben diese
Frage im letztern Sinne beantwortet, weil Art. 83 und 84
nicht unter den in Art. 97 und 98 aufgezählten «zwingen-
den Rechtsnormen » figurieren. Diese Fragestellung und
damit auch die aus der Beantwortung der Frage gezo-
gene Schlussfolgerung beruhen auf einer Verwechslung
zwischen der Unterscheidung von zwingendem und dis-
positivem Recht einerseits und der Unterscheidung ab-
soluter und relativer Interpretationsregeln anderseits.
Die Bestimmungen der Art. 83 und 84 VVG sind keine
solchen. welche die aus dem Vertrag erwachsenden Rechte
und Pflichten der .Kontrahenten hinsichtlich der von den
Parteien nicht geregelten Punkte bestimmen «< disposi-
tives Recht »), oder welche in gewissen Beziehungen eine
der Abänderung durch Parteiwillen nicht unterliegende
Regelung treffen würden (}); sondern
es handelt sich dabei lediglich um die Interpretation von
tatsächlich vorhandenen Vertragsbestimmungen, deren
Aufstellung vollkommen im Belieben der Parteien, bezw.
des einen Kon trahanten stand, und für welche das Gesetz
eine Interpretationsregel nur deshalb aufgestellt, weil die
Ermittlung des wirklichen Parteiwillens auf Grund der
von den Parteien gebrauchten Ausdrücke auf Schwierig-
keiten stossen würde. Hier kaunvon einer, an Stelle des
offenbaren JParteiwillens tretenden, direkt vom Gesetz
562
ObJigallonenrecht. N0 69.
gewollten Rechtswirkung(<< zwingendes Recht») von
vorneherein keine Rede sein, sondern es fragt sich nur,
o.b d?r Beweis zuläSsig sei, dass die Parteien, obgleich
SIe die vom Gesetz interpretierten Ausdrücke brau.chten,
de?noch etwas anderes wollten. Wird diese Frage ver..:
nemt c:- und nach dem Gesagten ist sie (entgegen BRüHL-
MANN m Ztschr. f. schw. R. 51 S. 51) in der Tat zu
verneinen-, so wird dadurch den Kontrahenten die
Möglichkeit nicht benommen, mittels an der er, keiner
Interpretation bedürftiger Ausdrücke (z. B.. « mein Sohn
Adolf) oder «meine gegenwärtigen Erben nach solo-
thurner Recht») eine andere Rechtswirkung, als die vom
Gesetz beim Gebrauch des bIossen Ausdrucks « Erben»
präsumierte, zu erreichen. Handelt es sich aber demnach
hier überhaupt nicht· um den Unterschifd zwischen
« zwingendem» und « dispositivem Recht» so kann aus
der Nichtanführung der Art. 83 und 84 in Art. 97 und 98
kein. Schluss auf die Natur der in den erstgenannten
BestImmungen enthaltenen Interpretationsregeln ge-
zogen werden. Diese haben nach den vorstehenden Aus-
führungen den Sinn, dass beim Gebrauch der daselbst
~~terpr~tierten Aus~rücke von e~ner weitem Erörterung
uber dIe ~ut.masshchen Intentionen des Versicherungs-
nehmers m dIesem oder jenem Zeitpunkte vollkommen
U~gang zu nehme~ is~. D~s Gesetz wollte alle derartigen
Erorterungen, SOWIe die Sich -daran anschliessenden Pro-
zesse zum voraus abschneiden und sowohl dem Ver-
sicheret als dem Versicherungsnehmer die Gewähr dafür
bieten, dass der von ihnen gebrauchte Ausdruck sofern
.
'
er. emer. von de~ in Art. 83 und 84 interpretierten ist,
semerZelt auch WIrklich in dem vom Gesetze bestimmten
Sinne ausgelegt werden wird. Mit dem Inkrafttreten
d~s VVG wurden einerseits alle Versicherer verpflichtet,
dIe besteh.enden Begünstigungsklauseln in der angege-
benen Welse auszulegen; anderseits trat an alle Ver-
sicherungsnehmer die Pflicht heran, ihre allfällige gegen-
Obl1gationenreeht. N0 69.
5(;3
teilige Willensmeinung durch Gebrauch P eines andem,
unzweideutigen Ausdrucks zu dokumentierm.
E. 4 Diese, schon aus dem Wortlaut des Gesetzes und
der Berücksichtigung. der praktischen Bedürfnisse des
Versicherungsgewerbes sich ergebenden Konsequenzen
werden übrigens durch die folgende Stelle im Protokoll
der juristischen Subkommission zur Beratung des Ent-
wurfs von Prof. Rölli (S. 57, ad Art. 71) bestätigt: « Es
» wird sodann der Antrag gestellt und allseitig begrüsst,
) zu Art. 71 einzelne Interpretationsnormen für die häu-
l) figsten Fälle von Begünstigungsklauseln aufzustellen.
I) Es ist ja zugegeben, dass solche Interpretationsnormen
') vielleicht hin und wieder dem Willen der Kontrahenten
» nicht gerecht werden. Es wäre vielleicht richtiger, im
» einzelnen Falle zu eruieren, was dem Parteiwillen ent-
» sprechen möchte. Dagegen hat die Rechtsprechung, die
)} sich mit der Auslegung solcher Begünstigungsklauseln
,) oft ZU befassen hatte, ihre Aufgabe weniger darin ge-
,) sehen, den Parteiwillen zu erforschen, als vielmehr zu
"konstruieren und nach der konstruktiven Richtigkeit
)} die Begünstigungsklausel zu beurteilen. Für das Publi-
» kum besteht ein erhebliches Bedürfnis, in dit:sen Fragen
» Klarheit zu erhalten; eine Interpretationsnorm emp-
) fiehlt. sich aus. Zweckmässigkeitsrücksichten.)}
Auf Grund dieser Erwägung war sodann (ebendaselbst
gegen Schluss) für die im heutigen Art. 83 enthaltenen
Interpretationsregeln eine Fassung gewählt worden, die
noch deutlicher, als der definitive Gesetzestext es tut,
zum Ausdruck brachte, dass unter den « Erben », « Hinter-
lassenen» usw. in der Tat die Erben, Hinterlassenen usw.
im Momente des Todes zu verstehen sind, also
nicht diejenigen Personen, denen im Falle des Todes des
Versicherten unmittelbar nach dem Abschluss der Ver-
sicherung jene Eigenschaft zugekommen w ä r e. Die be-
treffende Fassung lautete:
« Als Begünstigte sind unter den Kindern des Ver-
564
ObJigationenrecht. N0 70.
» sicherungsnehmers die beim Tode erbberechtigten Kin-
» der, unter seinem Ehegatten der beim Tode überlebende
»und unter den Hinterlassenen oder Hinterbliebenen
» seine Nachkommen und sein Ehegatte zu verstahen. »
Dass mit dem Fallenlassen der Worte «beim Tode I)
im definitiven Gesetzestext eine materielle Abänderung
der vom Gesetze zu gebenden Interpretationsregel beab-
sichtigt worden sei, erscheint als ausgeschlossen.
Demnach hat das Bundesgericht
erkannt:
Die Berufung wird gu1geheissen, das Urteil des Ober-
gerichts des Kantons Solothuru vom 1. Mai 1915 auf-
gehoben und die Solothurner Kantonalbank angewiesen,
die Hälfte der bei ihr am 16. Dezember 1913 deponier-
ten Versicherungssumme von 15,000 Fr., sowie die Hälfte
des Depotzinses an die Klägerin auszuzahlen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
69. Orteil der IL Zivilabtei1ung vom a9. September 1915
i. S. Witwe Vogel, Klägerin, gegen Kinder Vogel, Beklagte.
Personenversicherung. Recht des Versicherungsnehmers
zur Bezeichnung eines Begünstigten; kann dieses Recht an
Stelle des unmündigen oder entmündigten Versicherungs-
nehmers von dessen gesetzlichem Vertreter ausgeübt wer-
den? Auslegung des vom Versicherungsnehmer verwendeten
Ausdrucks f meine gesetzlichen Erben~. Rechtliche Natur
der in Art. 63 und 84 VVG gegebenen Interpretationsregeln.
A. -
Am 9. Dezember 1909 wurde zwischen der
« Friedrich -Wilhelm Lebensversicherungs- Aktiengesell-
schaft zu Berlin» und Rob. Vogel in Solothurn ein Lebens-
versicherungsvertrag abgeschlossen, des~en Wirksamkeit
am 1. September 1903 beginnen sollte (weil der Vertrag
einen aus jener Zeit datierenden ersetzte), und worin be-
stimmt war, dass die Versicherungssumme von 15,000 Fr.
« liach dem Tode des Versicherten an seine gesetzlichen
Erben» gezahlt werden solle. Der Versicherungsnehmer
war im Dezember 1909 Witwer und Vater der Beklagten.
Am 1. September 1903 (dem Datum des Abschlusses des
ersten Versicherungsvertrags) hatte seine Ehefrau noch
gelebt; der damalige Versicherungsvertrag hatte dieselbe
Begünstigungsklausel enthalten, wie derjenige vom
9. Dezember 1909. Am 27. November 1911 verheiratete
sich Vogel in zweiter Ehe mit der heutigen Klägerin.
Anfangs 1912 schloss er ausschliesslich zu Gunsten dieser
zweiten Ehefrau eine weitere Lebensversicherung im Be-
trage von 10,000 Fr. ab. Im April 1913 wurde er wegen
554
ObligationenreCht. N° 69.
Geisteskrankheit entmündigt. Am 4. August 1913 schrieb
sein Vormund im Einverständnis mit der Vormund-
schaftsbehörde an die Versicherungsgesellschaft, er ver-
1ange, dass sie in der zu Gunsten der « gesetzlichen
Erben» lautenden ersten Police {(zur Verdeutlichung),
als Begünstigte « die Kinder Robert, Ida, Martha.
Mathilde und Fritz Vogel » vermerke. Diesem Begehren
entsprach die Versicherungsgesellschaft. Am 30. August
1913 starb Rob. Vogel. Die Versicherungssumme von
15,000 Fr. wurde von der Versicherungsges.!llschaft zu
Handen wes Rechtens bei der Solothurner Kantonalbank
deponiert.
B. -
Durch Urteil vom 1. Mai 1915 hat das Ober-
gericht des Kantons Solothurn über die ({ Rechtsfragen l) :
«1. Ob gerichtlich festzustellen sei, dass die im August
)} 1913 durch den Vormund des verstorbenen Robert Vogel,
l) Dr. H. Spillmann, vorgenommene Abänderung der Be-
l) günstigungsklausel zur Versicherungspolice N° 229,191
& der « Friedrich-Wilhelm)}, Lebensversicherungs-Aktien-
» gesellschaft per 15,000 Fr. rechtsunwil'ksam sei und
)} zerfalle?
«2. Ob gerichtlich festzustellen sei und die Beklagten
» anzuerkennen haben, dass die Lebensversicherungspolice
» des R. Vogel N° 229,191 der « Friedrich-Wilhelm» vom
» 9. Dezember 1909 {(zu Gunsten der gesetzlichen Erben »
» abgeschlossen sei ?
«3. Ob die Solothurner Kmitol1albank anzuweisen sei,
l) die Hälfte der bei ihr am 16. Dezember 1913 deponier-
» ten Versicherungssumme, nämlich 7500 Fr. nebst Depot-
» zins,. an die Klägeril1 auszubezahlen?,)
erkannt:
D~e Rechts~egehren der Klage sind gänzlich abgewiesen.
Dieses UrteIl beruht auf der Erwägung, dass der Ver-
storbene im Dezember 1909 unter (I seinen gesetzlichen
Erben» offenbar nur seine Kinder verstanden habe nicht
auch die Klägerin, mit der er damals gar noch' nicht
verheiratet gewesen sei; eventuell wäre der Vormund
Obügationenrecht. N° 69.
555
befugt gewesen, eine von Vogel ursprünglich anders ver-
standem~ Begünstigungsklausel in diesem Sinne abzu-
. ändern.
C. -
Gegen dieses Urteil. richtet sich die vorliegende,
rechtzeitig und in richtiger Form ergriffene Berufung an
das Bundesgericht, mit dem Antrag auf Gutheissung
der Klage.
Das Bundesgericht zieht
in Erwägung:
1. -
Vor allem fragt es sich, ob bei der Bestimmung
der zum Bezug der Versicherungssumme berechtigten
Personen die Weisung zu berücksichtigen sei, die am
4. August 1913 der Vormund des Robert Vogel an die
Versicherungsgesellschaft richtete, indem er sie als eine
(, Verdeutlichung» der Begünstigungsklausel bezeichnete.
Für die Entscheidung dieser Frage ist unerheblich, ob
es sich bei jener Weisung wirklich nur um eine Verdeut-
Hehung, oder aber um eine Ab ä nd er u n g der ur-
sprünglichen Dispositionen des Versicherungsnehmers
handelte. Entweder ist nämlich der Vormund in Ver-
bindung mit der Vormundschaftsbehörde befugt, an Stelle
des Versicherungsnehmers das diesem zustehende Recht
zur Bezeichnung allfälliger Begünstigter auszuüben: dann
kann er auch eine bestehende Begünstigung geradezu
ab ä nd ern; oder aber er ist zur Ausübung jenes Rechtes
des Versicherungsnehmers nicht befugt: dann kommt
auch einer von ihm ausgehenden biossen « Verdeut-
lichung» der s. Zt. vom Versicherungsnehmer abge-
gebenen Willenserklärung keinerlei Rechtswirkung zu.
Nach Art. 407 ZGB -
dessen Anwendbarkeit auf den
vorliegenden Fall sich aus Art. 14 SchlT ergibt -
{(vertritt» der Vormund den Bevormundeten, unter Vor-
behalt der Mitwirkung der vormundschaftlichen Behör-
den, «in allen rechtlichen Angelegenheiten I}. Von diesem
Grundsatze besteht indessen nach Art. 19 Abs. 2 insofern
eine Ausnahme, als ur t eil s f ä h i g e unmündige oder
556
Obligationenrecht. N0 69.
entmündigte Personen ohne die Zustimmnng ihrer gesetz-
lichen Vertreter sol c he Rechte auszuüben vermögen,
die «(ihnen um ihrer Persönlichkeit willen zustehen ».
Zu diesen Persönlichkeitsrechten gehören vor allem eine
Anzahl f ami I i e n r e c h t 1 ich e r Befugnisse, wie das
Recht auf Ehescheidung (Art. 137 H.), auf Anfechtung
einer Ehe (Art. 123 ff.), auf Genugtuung wegen schwerer
Verletzung persönlicher Verhältnisse durch ungerecht-
fertigten Verlöbnisbruch (Art. 93, vergl. dazu BGE 41 II
'So 339 ff.), usw.; so dann überhaupt der Anspruch auf
Genugtuung wegen Verletzung persönlicher Verhältnisse
(Art. 49 OR); endlich im Gebiete des Erbrechts: die
Testierfähigkeit, weshalb denn auch nach einer positiven
Gesetzesvorschrift (Art. 467 ZGB) die Voraussetzungen
der Testierfähigkeit weniger streng sind als diejenigen
der allgemeinen Handlungsfähigkeit. Alle diese Persön-
lichkeitsrechte, die der urteilsfähige Unmündige oder
Entmündigte entweder selbständig oder (wie z. B. das
Recht zur Ehe, nach Art. 98 und 99) mit Einwilligung
seines gesetzlichen Vertreters auszuüben in der Lage ist,.
kann umgekehrt der gesetzliche Vertreter -
auch mit
Zustimmung der Vormundschaftsbehörde -
nicht an
S tell e des Mündels ausüben. .
Als ein solches Persönlichkeits- oder höchstpersönliches
Recht erscheint nun auch das dem Versicherungsnehmer
gemäss Art. 76 VVG zustehende Recht zur Bezeichnung
eines Begünstigten. Einerseits nämlich handelt es sich
dabei normalerweise um einen auf Gefühlsmomenten be-
ruhenden Entschluss, bei welchem schon der Natur der
Sache nach eine Vertretung desjenigen, der den Entschluss
zu fassen hat, durch einen Beamten oder eine Behörde,
die als solche nur nach objektiven Gesichtspunkten
handeln 30llen, ausgeschlossen ist; anderseits aber wird
durch die Bezeichnung eines Begünstigten, die übrigens
in der Regel widerrufbar ist, das verfügbare Vermögen
des Versicherungsnehmers nicht geschmälert, sondern es
wird bloss ein sonst zu seiner Erbmasse gehörender An-
Obligationen recht. N· 69.
, 557
spruch zu Gunsten eines einzelnen Erben oder eines
Dritten aus der Erbmasse ausgeschiedeI~; mit andern
Worten: es liegt darin eine vermächtnisähnliche
Zuwendung von Todeswegen, die übrigens ent-
sprechend dieser ihrer Natur auch in der Form eines
Vermächtnisses erfolgen' kann (Art. 563 Ahs. 2 ZGB und
dazu OSTERTAG, Kommentar des VVG, S. 56 f.), und bei
welcher daher eine Vertretung des VerSicherungsnehmers
durch vormundschaftliche Organe nicht möglich ist.
Ebenso wie mit der erstmaligen Bezeichnung eines Be-
günstigten muss es sich aber auch mit einer spätem
Abändernng oder mit einer einfachen Aufhebung der
Begünstigungsklausel verhalten. Auch die Motive für eine
solche Abänderung oder Aufhebnng sind von Gefühls-
momenten abhängig. Fehlt es also in dieser Beziehung
an einer gültigen Willenserklärung des Versichernngs-
nehmers, weil er vollkommen urteilsunfähig ist, so bleibt
einfach die alte Begünstigungsklausel in Kraft.
Dieser Lösung steht nicht etwa der Umstand entgegen,
dass der Vormund zum Abschluss und zur Aufhebung
von Lebensversicherungs ver t r ä gen befähigt ist und
dazu nach Art. 421 Ziff. 11 nur der Zustimmung der
Vormundschaftsbehörde bedarf. Die Fähigkeit zum Ab-
schluss oder zur Aufhebung eines Versicherungsvertrages
als solchen ist gegenüber der Fähigkeit zur Bezeichnung
eines Begünstigten oder zur Aufhebung einer Begünsti-
gnngsklausel nicht das M ehr e r e, in welchem logischer-
weise die Kompetenz zur Vornahme der letztem Akte
als das M i n der e mitenthalten sein müsste. Einerseits
nämlich kann ein Versichernngsvertrag auch ohne Be-
gÜDstigungsklausel abgeschlossen werden; in der Kom-
petenz zum Abschluss eines Versichernngsvertrages
braucht also diejenige zur Beifügung einer Begünsti-
gungsklausel nicht inbegriffen zu sein. Anderseits aber
hat der Umstand, dass die vormnndschaftlichen Organe
durch Aufhebung einer Versicherung zugleich auch die,
ihm beigefügte Begünstigungsklausel unwirksam machen .
558
Obligationenreeht. N° 69.
können; nicht notwendig zUr Folge, dass ihnen deshalb
auch die Kompetenz zur Aufhebung oder Abänderung
. einer Begünstigungsklausel als sol c her zuerkannt
werden müsste. Auch ein Vermächtnis, ja sogar eine
Erbeneinsetzung kann dadurch illusorisch gemacht wer-
den, dass die vermachte bestimmte Sache durch den
Vormund verkauft oder mit seiner Einwilligung ver-
braucht (Art. 484 Abs. 3 ZGB), oder dass das Vermögen
des Erblassers, z. B. infolge Abschlusses eines VerpfrÜB-
dungsvertrages, vollkommen entäussert wird; und doch
ist von keiner Seite je die Auffassung vertreten worden,
dass deshalb die vormundschaftlichen Organe auch zur
direkten Aufhebung eines Vermächtnisses oder einer
Erbeneinsetzung oder zur Abänderung solcher letztwilliger
Verfügungen kompetent seien.
2. -
Hat demnach bei der Frage, wer im vorliegenden
Falle als Begünstigter erscheine, die am 4. August 1913
vom Vormund des Rob. Vogel im Einverständnis mit
der Vormundschaftsbehörde vorgenommene {(Verdeut-
lichung » der Begünstigungsklausel unberücksichtigt zu
bleiben, so fragt es sich im weitern, wie die Begünsti-
gungsklauseI, so wie sie von Vogel selber formu-
liert worden war, auszulegen" sei. Bei dieser Frage
der Willensauslegung ist,wie bei der Auslegung eines
jeden rechtlich relevanten Willens (vergl. namentlich
Art. 1 OR), nicht sowohl auLden internen Willen des
Erklärenden, als vielmehr auf den für den Adressaten
erkennbaren Willen abzustellen, mit andernWorten :
es kommt nicht darauf an, wen sich der Versicherungs-
nehmer in diesem oder jenem Zeitpunkte unter seinen
« gesetzlichen Erben)} vorstellte oder vorstellen konnte,
sondern entscheidend ist, was die Ver s ich e I' u n g s-
gesellschaft. an welche die Erklärung gerichtet war,
. und welche nicht zensiert ist, die persönlichen Verhält-
nisse des Versicherungsnehmers gekannt zu haben, dar-
unter verstehen musste. Schon hieraus ergibt sich, dass
auf eine Untersuchung der Stimmungen und Gefühle des
ObHgationenrecht. N0 69.
559
Rob. Vogel gtlgenüber diesen oder jenen Mitgliedern seiner
Familie zur Zeit des ~schlusses der Versicherung, oder
zu Lebzeiten seiner ersten Frau, oder nach deren Tode,
oder zur Zeit seiner Wiederverheiratung, oder gar noch
später (als er eine weitere Versicherung ausschliesslieh
zu Gunsten der Klägerin abschloss), hier nicht eingetreten
werden kann, sondern dass die Entscheidung auf Grund
ob j e k t i ver Kriterien zu erfolgen bat -
Kriterien,
die entweder aus" der Police und dem Versicherungs-
antrage, sowie allfälligen andern anlässlich des Vertrags~
abschlusses abgegebenen Erklärungen gegenüber der
Versicherungsgesellschaft zu gewinnen, oder aber direkt
im Gesetze zu. finden sein müssen.
Aus den Akten geht nun nicht hervor und die Beklag-
ten haben auch nicht etwa zum Beweise verstellt. dass
Rob. Vogel der Versicherungsgesellschaft anlässlich des
Vertragsabschlusses irgendwelche Erklärungen darüber
abgegeben habe, welches seine damaligen {(gesetzlichen
Erben I) seien, sodass angenommen werden könnte, die
Gesellschaft habe hievon im Sinne einer Begünstigung
gerade dieser damaligen Erben Notiz nehmen müssen.
Fehlten aber der Versicherungsgesellschaft die nötigen
Anhaltspunkte zur Bestimmung der damaligen Erben,
so konnte sie unter ~ den gesetzlichen Erben I) des Rob.
Vogel offenbar nur diejenigen Personen verstehen, die
seinerzeit tatsächlich seine Erben sein würden, zumal
da es auch dem gewöhnlichen Sprachgebrauch eher ent~
sprieht, unter den {(Erben» eines Lebenden seine der-
einstigen tat s ä c h li c h e n Erben zu verstehen, als
diejenigen Personen, die im Falle eines sofortigen Todes
seine Erben sein würden.
Wären aber auch Zweifel darüber möglich, wen die
Versicherungsgesellschaft {(Friedrich-Wilhelm)) im De-
zember 1909 unter {(den gesetzlichen Erben» des Rob .
Vogel verstehen konnte oder musste. oder wäre diese
Frage sogar im Sinne der Beklagten zu entscheiden, so
müssten dennoch auf Grund des Art. 83 VVG, der nach
..\8 41 11 -
t91S
37
560
Obligatlonenreeht. N° 69.
Art. 102 ibid. auf die vorliegende PoliCe anwendbar ist.
unter jenemAusdruck « die erbberechtigten Nachkommen
und der nberiebende Ehegatte ~ des Rob. Vogel, d. h. die
im Momente seines Todes vorhanden gewesenen
Angehörigen der beiden genannten Arten, und zwar in
dem durch Art. 84 VVG bestimmten Verhältnis. ver-
standen werden. Der Zweck der zitierten Gesetzes-
bestimmungen besteht allerdings zunächst nicht darin,
den der Ermittlung der Begünstigten zu Grunde zu legen-
den Z ei t p unk t festzusetzen, sondern darin, gewissen
gebräulichen Ausdrücken einen von allen subjektiven
Momenten, wie auch von dem nach Zeit und Ort ver-
änderlichen Erbrecht unabhängigen, gewissermassen ver-
sicherungsrechtlichen Sinn zu geben. Allein aus dem
Wortlaute des Gesetzes, insbesondere aus dem Ausdruck
(, überlebende Ehegatte)}, ergibt sich zugleich deutlich,
dass die Auslegung jener Ausdrücke stets unter Zu-
grundelegung der tatsächlichen Verhältnisse im Z e i t -
pun kte des Todes des Versicherten stattzu-
finden hat. Dies entspricht denn auch zweifellos den
Intentionen der meisten derjenigen Versicherungsnehmer,
die als Begünstigte nicht bestimmte; mit Namen ge-
nannte Personen bezeichnen, sondern einen jener allge-
meinen Ausdrücke. wie « meine Erben» oder « meine
Hinterlassenen 11 benutzen. L~tzteres tun sie in der Regel
gerade deshalb, weil sie allfälligt. entweder überhaupt
nicht, oder doch ihrem Zeitpunkte nach nicht voraus-
sehbare Änderungen in ihren Familienverhältnissen
(Todesfälle, Geburt eines Kindes, Hinzukomme.n wei-
terer Kinder, Ehescheidung, Wiederverheiratung usw.)
berücksichtigt 'wissen wolJen. Beabsichtigt ein Versiche-
rungsnehmer dagegen, unabhängig von allen spätern
Ereignissen bestimmte Personen zu begünstigen, so
hat er allen Artlass, diese Person auch individuell zu
bezeichnen. Hievon ausgehend, hat daher das Gesetz
die Interpretationsregel aufgestellt, dass unter den
« Erben l),Wenn diese als begünstigt bezeichnet wUrden,
ObHgationenrecbt. N° 69.
561
« die erbberechtigten Nachkommen und der überlebende
Ehegatte » zu verstehen sind, also die im Momente des
Tod e s erbberechtigten Nachkommen und der tat-
säe h I ich überlebende Ehegatte, nicht etwa diejenigen
Personen. auf welche im Falle eines frühem Todes des
Versicherten jene Bezeichnungen anwendbar gewesen
wären.
3. -
Die Vorinst.anz und die Parteien, wie auch ein
bei den Akten liegendes Rechtsgutachten, haben in diesem
Zusammenhang noch die Frage erörtert, ob Art. 83 und
der ihn präzisierende Art. 84 « zwingenden », oder aber
({ dispositiven Rechts » seien, und die Vorinstanz sowohl
als die Beklagten und das ReChtsgutachten haben diese
Frage im letztern Sinne beantwortet, weil Art. 83 und 84
nicht unter den in Art. 97 und 98 aufgezählten «zwingen-
den Rechtsnormen » figurieren. Diese Fragestellung und
damit auch die aus der Beantwortung der Frage gezo-
gene Schlussfolgerung beruhen auf einer Verwechslung
zwischen der Unterscheidung von zwingendem und dis-
positivem Recht einerseits und der Unterscheidung ab-
soluter und relativer Interpretationsregeln anderseits.
Die Bestimmungen der Art. 83 und 84 VVG sind keine
solchen. welche die aus dem Vertrag erwachsenden Rechte
und Pflichten der .Kontrahenten hinsichtlich der von den
Parteien nicht geregelten Punkte bestimmen «< disposi-
tives Recht »), oder welche in gewissen Beziehungen eine
der Abänderung durch Parteiwillen nicht unterliegende
Regelung treffen würden (}); sondern
es handelt sich dabei lediglich um die Interpretation von
tatsächlich vorhandenen Vertragsbestimmungen, deren
Aufstellung vollkommen im Belieben der Parteien, bezw.
des einen Kon trahanten stand, und für welche das Gesetz
eine Interpretationsregel nur deshalb aufgestellt, weil die
Ermittlung des wirklichen Parteiwillens auf Grund der
von den Parteien gebrauchten Ausdrücke auf Schwierig-
keiten stossen würde. Hier kaunvon einer, an Stelle des
offenbaren JParteiwillens tretenden, direkt vom Gesetz
562
ObJigallonenrecht. N0 69.
gewollten Rechtswirkung(<< zwingendes Recht») von
vorneherein keine Rede sein, sondern es fragt sich nur,
o.b d?r Beweis zuläSsig sei, dass die Parteien, obgleich
SIe die vom Gesetz interpretierten Ausdrücke brau.chten,
de?noch etwas anderes wollten. Wird diese Frage ver..:
nemt c:- und nach dem Gesagten ist sie (entgegen BRüHL-
MANN m Ztschr. f. schw. R. 51 S. 51) in der Tat zu
verneinen-, so wird dadurch den Kontrahenten die
Möglichkeit nicht benommen, mittels an der er, keiner
Interpretation bedürftiger Ausdrücke (z. B.. « mein Sohn
Adolf) oder «meine gegenwärtigen Erben nach solo-
thurner Recht») eine andere Rechtswirkung, als die vom
Gesetz beim Gebrauch des bIossen Ausdrucks « Erben»
präsumierte, zu erreichen. Handelt es sich aber demnach
hier überhaupt nicht· um den Unterschifd zwischen
« zwingendem» und « dispositivem Recht» so kann aus
der Nichtanführung der Art. 83 und 84 in Art. 97 und 98
kein. Schluss auf die Natur der in den erstgenannten
BestImmungen enthaltenen Interpretationsregeln ge-
zogen werden. Diese haben nach den vorstehenden Aus-
führungen den Sinn, dass beim Gebrauch der daselbst
~~terpr~tierten Aus~rücke von e~ner weitem Erörterung
uber dIe ~ut.masshchen Intentionen des Versicherungs-
nehmers m dIesem oder jenem Zeitpunkte vollkommen
U~gang zu nehme~ is~. D~s Gesetz wollte alle derartigen
Erorterungen, SOWIe die Sich -daran anschliessenden Pro-
zesse zum voraus abschneiden und sowohl dem Ver-
sicheret als dem Versicherungsnehmer die Gewähr dafür
bieten, dass der von ihnen gebrauchte Ausdruck sofern
.
'
er. emer. von de~ in Art. 83 und 84 interpretierten ist,
semerZelt auch WIrklich in dem vom Gesetze bestimmten
Sinne ausgelegt werden wird. Mit dem Inkrafttreten
d~s VVG wurden einerseits alle Versicherer verpflichtet,
dIe besteh.enden Begünstigungsklauseln in der angege-
benen Welse auszulegen; anderseits trat an alle Ver-
sicherungsnehmer die Pflicht heran, ihre allfällige gegen-
Obl1gationenreeht. N0 69.
5(;3
teilige Willensmeinung durch Gebrauch P eines andem,
unzweideutigen Ausdrucks zu dokumentierm.
4. -
Diese, schon aus dem Wortlaut des Gesetzes und
der Berücksichtigung. der praktischen Bedürfnisse des
Versicherungsgewerbes sich ergebenden Konsequenzen
werden übrigens durch die folgende Stelle im Protokoll
der juristischen Subkommission zur Beratung des Ent-
wurfs von Prof. Rölli (S. 57, ad Art. 71) bestätigt: « Es
» wird sodann der Antrag gestellt und allseitig begrüsst,
) zu Art. 71 einzelne Interpretationsnormen für die häu-
l) figsten Fälle von Begünstigungsklauseln aufzustellen.
I) Es ist ja zugegeben, dass solche Interpretationsnormen
') vielleicht hin und wieder dem Willen der Kontrahenten
» nicht gerecht werden. Es wäre vielleicht richtiger, im
» einzelnen Falle zu eruieren, was dem Parteiwillen ent-
» sprechen möchte. Dagegen hat die Rechtsprechung, die
)} sich mit der Auslegung solcher Begünstigungsklauseln
,) oft ZU befassen hatte, ihre Aufgabe weniger darin ge-
,) sehen, den Parteiwillen zu erforschen, als vielmehr zu
"konstruieren und nach der konstruktiven Richtigkeit
)} die Begünstigungsklausel zu beurteilen. Für das Publi-
» kum besteht ein erhebliches Bedürfnis, in dit:sen Fragen
» Klarheit zu erhalten; eine Interpretationsnorm emp-
) fiehlt. sich aus. Zweckmässigkeitsrücksichten.)}
Auf Grund dieser Erwägung war sodann (ebendaselbst
gegen Schluss) für die im heutigen Art. 83 enthaltenen
Interpretationsregeln eine Fassung gewählt worden, die
noch deutlicher, als der definitive Gesetzestext es tut,
zum Ausdruck brachte, dass unter den « Erben », « Hinter-
lassenen» usw. in der Tat die Erben, Hinterlassenen usw.
im Momente des Todes zu verstehen sind, also
nicht diejenigen Personen, denen im Falle des Todes des
Versicherten unmittelbar nach dem Abschluss der Ver-
sicherung jene Eigenschaft zugekommen w ä r e. Die be-
treffende Fassung lautete:
« Als Begünstigte sind unter den Kindern des Ver-
564
ObJigationenrecht. N0 70.
» sicherungsnehmers die beim Tode erbberechtigten Kin-
» der, unter seinem Ehegatten der beim Tode überlebende
»und unter den Hinterlassenen oder Hinterbliebenen
» seine Nachkommen und sein Ehegatte zu verstahen. »
Dass mit dem Fallenlassen der Worte «beim Tode I)
im definitiven Gesetzestext eine materielle Abänderung
der vom Gesetze zu gebenden Interpretationsregel beab-
sichtigt worden sei, erscheint als ausgeschlossen.
Demnach hat das Bundesgericht
erkannt:
Die Berufung wird gu1geheissen, das Urteil des Ober-
gerichts des Kantons Solothuru vom 1. Mai 1915 auf-
gehoben und die Solothurner Kantonalbank angewiesen,
die Hälfte der bei ihr am 16. Dezember 1913 deponier-
ten Versicherungssumme von 15,000 Fr., sowie die Hälfte
des Depotzinses an die Klägerin auszuzahlen.