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AGVE 2004 9

Aargau · 2004-05-04 · Deutsch AG

9 § 321 Abs. 1 und 3 ZPO.Novenrecht bezüglich zivilrechtlicher Einwendungen. Auch im Falle einerzivilrechtlichen Einwendung wie Erfüllung, welche als eine Frage derRechtsanwendung in jeder Instanz von Amtes wegen zu beachten ist,müssen die dafür erforderlichen Tatsachen, d.h. tatsächlichen Behauptungen...

Erwägungen (1 Absätze)

E. 1 Gemäss § 321 Abs. 1 ZPO können in der schriftlichen Be-

gründung von Appellation und Anschlussappellation sowie in der

Antwort auf diese neue Angriffs- und Verteidigungsmittel vorge-

bracht werden, wenn eine Partei dartut, dass sie diese im erstinstanz-

liche Verfahren nicht mehr hat vorbringen können. Einer Partei, die

vor erster Instanz säumig war, steht dieses Recht nicht zu (§ 321

Abs. 3 Satz 1 ZPO).

Der Beklagte reichte trotz zweimaliger Aufforderung durch den

Gerichtspräsidenten keine Klageantwort ein, d.h. er blieb vor erster

Instanz säumig. Ihm steht deshalb das Recht, neue Angriffs- und

Verteidigungsmittel, d.h. tatsächliche Behauptungen und Bestreitun-

gen, Beweismittel, Beweisanträge und Beweiseinreden sowie zivil-

rechtliche Einreden und Gestaltungsrechte (Bühler, Das Novenrecht

im neuen Aargauischen Zivilprozessrecht, Zürich 1986, S. 80) im

Rechtsmittelverfahren vorzubringen, nicht zu. Sinngemäss macht er

mit Appellation (zumindest teilweise) Erfüllung geltend. Dabei han-

delt es sich um eine zivilrechtliche Einwendung, welche zivilrecht-

2004

Obergericht/Handelsgericht

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lich die (teilweise) Aufhebung des Anspruchs zur Folge hat, und

nicht um ein Angriffs- oder Verteidigungsmittel im Sinne des Noven-

rechts. Eine solche zivilrechtliche Einwendung ist als eine Frage der

Rechtsanwendung in jeder Instanz von Amtes wegen zu beachten,

sofern die dafür erforderlichen Tatsachen vorliegen (Bühler, a.a.O.,

S. 81 ff.). Dies ist indessen nicht der Fall, da der Beklagte die der

(teilweisen) Erfüllung zu Grunde liegenden tatsächlichen Behaup-

tungen erstmals mit Appellation vorträgt und die dazu notwendigen

Beweismittel, Zahlungsbelege und Quittungen, erstmals mit Appel-

lation einreicht. Damit aber ist er infolge Säumnis vor Vorinstanz

ausgeschlossen, weshalb der Einwendungstatbestand der (teilweisen)

Erfüllung nicht geprüft werden kann, da die dafür erforderlichen

Tatsachen nicht vorliegen und eine erneute Prüfung des Sachverhalts

gestützt auf die neuen Belege vor Obergericht nicht zulässig ist, zu-

mal es sich dabei um unechte Noven, d.h. um solche handelt, die sich

bereits vor Eröffnung des erstinstanzlichen Entscheids verwirklicht

haben und dem Beklagten auch bereits bekannt waren (Bühler,

a.a.O., S. 93).

Die damalige 2. und heutige 4. Zivilkammer des Obergerichts

hat in publizierter Rechtsprechung (AGVE 1996 Nr. 20 S. 69 ff.)

bisher anders entschieden und den Einwendungstatbestand der Til-

gung im Rechtsöffnungsverfahren beachtet, auch wenn er sich auf

Tatsachenbehauptungen und Beweismittel stützte, die bereits vor

erster Instanz hätten vorgebracht werden können, aber erst in zweiter

Instanz vorgebracht wurden. Daran kann jedoch nicht festgehalten

werden, da zwar der Einwendungstatbestand der Erfüllung als eine

Frage der Rechtsanwendung jederzeit geltend gemacht werden kann

und von Amtes wegen zu beachten ist, die dazu notwendigen Tatsa-

chenbehauptungen und Beweismittel aber rechtzeitig vorliegen müs-

sen. Mit anderen Worten gilt bezüglich der Tatsachenbehauptungen

und Beweismittel nichts anderes als bei den zivilrechtlichen Einre-

den, sie müssen rechtzeitig vorliegen, andernfalls sie vom Novenver-

bot erfasst werden (vgl. dazu auch Bühler/Edelmann/Killer, Kom-

mentar zur aargauischen Zivilprozessordnung, Aarau/Frankfurt am

Main/Salzburg 1998, N 5 zu § 183 mit Hinweisen).

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

Aargau Obergericht/Handelsgericht 04.05.2004 AGVE 2004 9 Argovie Obergericht/Handelsgericht 04.05.2004 AGVE 2004 9 Argovia Obergericht/Handelsgericht 04.05.2004 AGVE 2004 9

9 § 321 Abs. 1 und 3 ZPO.Novenrecht bezüglich zivilrechtlicher Einwendungen. Auch im Falle einerzivilrechtlichen Einwendung wie Erfüllung, welche als eine Frage derRechtsanwendung in jeder Instanz von Amtes wegen zu beachten ist,müssen die dafür erforderlichen Tatsachen, d.h. tatsächlichen Behauptungen...

AGVE 2004 9 S.53 2004 Zivilprozessrecht 53 [...] 9 § 321 Abs. 1 und 3 ZPO. Novenrecht bezüglich zivilrechtlicher Einwendungen. Auch im Falle einer zivilrechtlichen Einwendung wie Erfüllung, welche als eine Frage der Rechtsanwendung in jeder Instanz von Amtes wegen zu beachten ist, müssen die dafür erforderlichen Tatsachen, d.h. tatsächlichen Behaup- tungen und Beweismittel, wie bei den zivilrechtlichen Einreden rechtzei- tig vorliegen, andernfalls sie vom Novenverbot erfasst werden und die zi- vilrechtliche Einwendung deshalb nicht geprüft werden kann (Präzisie- rung der Rechtsprechung zu AGVE 1996 Nr. 20 S. 69 ff.). Aus dem Entscheid des Obergerichts, 4. Zivilkammer, vom 19. Mai 2004 in Sachen Z. F. GmbH gegen C. B. Aus den Erwägungen

1. Gemäss § 321 Abs. 1 ZPO können in der schriftlichen Be- gründung von Appellation und Anschlussappellation sowie in der Antwort auf diese neue Angriffs- und Verteidigungsmittel vorge- bracht werden, wenn eine Partei dartut, dass sie diese im erstinstanz- liche Verfahren nicht mehr hat vorbringen können. Einer Partei, die vor erster Instanz säumig war, steht dieses Recht nicht zu (§ 321 Abs. 3 Satz 1 ZPO). Der Beklagte reichte trotz zweimaliger Aufforderung durch den Gerichtspräsidenten keine Klageantwort ein, d.h. er blieb vor erster Instanz säumig. Ihm steht deshalb das Recht, neue Angriffs- und Verteidigungsmittel, d.h. tatsächliche Behauptungen und Bestreitun- gen, Beweismittel, Beweisanträge und Beweiseinreden sowie zivil- rechtliche Einreden und Gestaltungsrechte (Bühler, Das Novenrecht im neuen Aargauischen Zivilprozessrecht, Zürich 1986, S. 80) im Rechtsmittelverfahren vorzubringen, nicht zu. Sinngemäss macht er mit Appellation (zumindest teilweise) Erfüllung geltend. Dabei han- delt es sich um eine zivilrechtliche Einwendung, welche zivilrecht- 2004 Obergericht/Handelsgericht 54 lich die (teilweise) Aufhebung des Anspruchs zur Folge hat, und nicht um ein Angriffs- oder Verteidigungsmittel im Sinne des Noven- rechts. Eine solche zivilrechtliche Einwendung ist als eine Frage der Rechtsanwendung in jeder Instanz von Amtes wegen zu beachten, sofern die dafür erforderlichen Tatsachen vorliegen (Bühler, a.a.O., S. 81 ff.). Dies ist indessen nicht der Fall, da der Beklagte die der (teilweisen) Erfüllung zu Grunde liegenden tatsächlichen Behaup- tungen erstmals mit Appellation vorträgt und die dazu notwendigen Beweismittel, Zahlungsbelege und Quittungen, erstmals mit Appel- lation einreicht. Damit aber ist er infolge Säumnis vor Vorinstanz ausgeschlossen, weshalb der Einwendungstatbestand der (teilweisen) Erfüllung nicht geprüft werden kann, da die dafür erforderlichen Tatsachen nicht vorliegen und eine erneute Prüfung des Sachverhalts gestützt auf die neuen Belege vor Obergericht nicht zulässig ist, zu- mal es sich dabei um unechte Noven, d.h. um solche handelt, die sich bereits vor Eröffnung des erstinstanzlichen Entscheids verwirklicht haben und dem Beklagten auch bereits bekannt waren (Bühler, a.a.O., S. 93). Die damalige 2. und heutige 4. Zivilkammer des Obergerichts hat in publizierter Rechtsprechung (AGVE 1996 Nr. 20 S. 69 ff.) bisher anders entschieden und den Einwendungstatbestand der Til- gung im Rechtsöffnungsverfahren beachtet, auch wenn er sich auf Tatsachenbehauptungen und Beweismittel stützte, die bereits vor erster Instanz hätten vorgebracht werden können, aber erst in zweiter Instanz vorgebracht wurden. Daran kann jedoch nicht festgehalten werden, da zwar der Einwendungstatbestand der Erfüllung als eine Frage der Rechtsanwendung jederzeit geltend gemacht werden kann und von Amtes wegen zu beachten ist, die dazu notwendigen Tatsa- chenbehauptungen und Beweismittel aber rechtzeitig vorliegen müs- sen. Mit anderen Worten gilt bezüglich der Tatsachenbehauptungen und Beweismittel nichts anderes als bei den zivilrechtlichen Einre- den, sie müssen rechtzeitig vorliegen, andernfalls sie vom Novenver- bot erfasst werden (vgl. dazu auch Bühler/Edelmann/Killer, Kom- mentar zur aargauischen Zivilprozessordnung, Aarau/Frankfurt am Main/Salzburg 1998, N 5 zu § 183 mit Hinweisen).